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Full text of "Mein erster Aufenthalt in Marokko und Reise südlich vom Atlas durch die Oasen Draa und Tafilet"

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Mein erster 
Aufenthalt in 
l\/larol<l<o und 
Reise südlich 
vom Atlas ... 





Gerhard Rohlfs 






itt tltc mUj of IJcxu ^ovli 






This Book is due two weeks from the last date stamped 
below. and if not rcturned at or before that ümc a fine of 
five Cents a Hav will be incurred. 





Mein erster Aufenthalt 

in 




und 



Aeise südlich vom Atlas 



durch 



fliß Oasen Draa iinä Tafilet. 



Von 

Gerhard Rohlfs. 



DRITTE AUSGABE. 



Norden 1885. 

Hinricus Fischer Nachfolger 
yeriaplwcMNUulliii. 



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Vorwort 



Indem ich dem geneigten Leser die Beschrei- 
bong meines ersten Aufenthaltes in Marokko über- 
gebe, verweise ich dabei anf die aasgezeichneten 
Karten ) die seiner Zeit in den Petermaun'schen 
Mittheilungen über meine Routen erschienen sind. ' 
Ich habe mir die grösste Mtthe gegeben, durch 
Vergleichung mit anderen Angaben ein annähernd 
genaues Besnltat über die Einwohnerzahl des Lan- 
des und der Städte zu erlangen, und hoffe das 
Richtige getroffen zn haben, so weit das überhaupt 
durch Schätzung zu ermögliche ist Sehr be- 
dauerlich ist für mich, dass duidi einen Schreib- 
fehler in meinem Mauuscripte die Zahl 25,000 
statt 250,000 für die Draabcvölkerung auch in 
Dr. Behm's geogr. Jahrbücher übergegangen ist 
Im vorliegenden Buche bitte ich ausserdem bei 
Dar bäda statt 800 Einwohner 8000, und bei 
Asamor statt 30,000 Einwohner 8000 lesen zu 
wollen. 

Weimar, September 1872. 

Gerbard BolUfEi. 



265241 



Inhalt. 



Seite 

1. Ankunft in Marokko 1 

2. Bodengestalt und Klima 32 

3. Bevölkerung 53 

4. Religion 89 

5. Krankheiten und deren Behandlung 133 

6. Uesan el Dar Demana 163 

7. Eintritt in marokkanische Dienste 189 

8. Die Hauptstadt Fes 205 

9. Mikenes und Heimreise nach üesan 278 

10. Politische Zustände 297 

11. Consulatswesen 315 

12. Aufenthalt beim Grossscherif von üesan 335 

13. Reise längs des atlantischen Oceans 364 

14. Reise südlich vom Atlas nach der Oase Draa 416 

15. Die Oase Draa. Mordveranch auf dan Reisenden. Aü= 

kunft in Algerien 438 



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1. ilnlunft in ünatol&o. 



Am 7. April 1861 verUess ich Orau und schiffte aa 
Bord eines französischeii Messagerie-Dampfers in Mers 
el kebir ein. Es war Nachmittag, als wir beim herr- 
lichsten Wetter aus der grossen Bucht hinausdaanpfiten. 
Die meisten an Bord befindlichen Passagiere wollten, 
wie ich, nach Marokko, doch waren auch eiiuge, die 
Nemours, Gibraltar und Cadix als Beiseziel hatten. 
Der grösseren Ersparniss wegen liatte ich einen Deck- 
platz genommen, da mein Geldvorrath äusserst gering 
war; das Wetter war eben so sommerlich, die das 
Dampiboot fühlenden Leute so üreundhch und zuvor- 
kommend, dass man kaum an die grösseren Unbequem- 
lichkeiten des Decklebens dachte. 

Zudem hatte ich genug mit mir selbst zu thun, 
ich hatte mir fest Torgenommen, ins Innere Ton Ma« 
rokko zu gehen, um dort im Dienste der Regierung 
meine mediciuischen Kenntnisse zu verwerthen. Zu 
der Zeit sprach man in Spanien und Algerien viel von 
einer Eeorganisatiun der mar okkamschen Armee ; es hiess, 
d^ Sultan habe nach dem Friedensschlüsse mit Spanien 



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die Absicht ausgesprochen^ Beformen einzuführen; man 

las in den Zeitungen Aufforderungen, nacli Marokko zu 
gehen, jeder Europäer könne dort sein Wissen und 
sein Können verwerthen. Dies Alles beschafligte mich, 
ich machte die schönsten Pläne, ich dachte um so eher 
in Marokko fortkommen zu können, als ich durch jahre- 
langen Aufenthalt in Algerien acclimatisirt war; ich 
glaubte um so eher mich den \'erhältuissen des Landes 
anschmiegen zu können, als ich in Algerien gesucht 
hatte, mich der arabischen Bevölkerung zu nähern und 
mit der Sitte und Anschauungsweise dieses Volkes mich 
bekamiit zu machen. 

Um Mittemacht wurde ein kui-zer Halt vor !Neiiiours 
(Djemma Bassaua) gemacht, um Passagiere abzusetzen 
und einzunehmen, und wieder ging es weiter nach dem 
Westen, und als es am folgenden Morgen tagte, be- 
fanden wir uns gerade in gleicher Höhe von Melilla. 
Ich unterlasse es, eine Beschreibung der Eüstenfohrt 
zu geben, von der sich überdies äusserst wenig sagen 
lässt. Nackt, steil und abschreckend fallen die Fels- 
wände ins Meer hinein. Freilich ist die Küste gar 
nicht so einiömdg, wie sie sich in einer Entfernung 
von circa dreissig Seemeilen ausnimmt, welche Ent- 
fernung wir gewöhnlich hielten, auch konnte man deut- 
lich manchmal Wald und Buschwerk unterscheiden; 
aber das belebende Element fehlt, kein Dorf, kein 
Städtchen ist zu erblicken, höchstens die einsame Kuppel 
des Grabmals irgend eines Heiligen sagt dem Vorbei* 



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3 



Ehrenden, dasfi auch dort an der Küste Menschen 
hausen. 

Hätte nicht Spanien einige befestigte Punkte, Straf- 

aiistalten, an dieser Küste, sie^würde vollkommen un- 
bewohnt erscheinen. Alhucemas, Pegnon de Velez 
bekamen wir nach einander von ferne zu sehen , als 
einzige Zeichen yon Menschenbauten. Denn wenn auch 
die Bifbewohner einige Dörfer an der Xtiste haben, 
so sind diese doch so versteckt angelegt, dass sie sich 
dem Auge des Vorbeifahrenden entziehen. Der Seeräu- 
ber scheut das Licht, er muss Schlupfwinkel haben, und 
die in unmittelbarer Nähe des Mittelnieers wohnenden 
Jüüi sind nichts Anderes als Seeräuber, und zwar der 
schümmsten Art. Freilich wagen sie sich heute nicht 
mehi' aufs offene Meer, haben dazu auch weder pas- 
sende Fahrzeuge noch genügende Waffen, aber wehe 
dem Schiffe, das an ihrer Küste scheitert, wehe dem 
Boote, welches der Sturm in eine ihrer Buchten treiben 
sollte. 

Wie ganz anders ist die gegenüberhegende spanisciiti 
Küste, grüne, wein- und oüvenumrankte Berge, überall 
Städte, freundliche Tillen und Dörfer, kleine Schiffe, 
die den Xüstenverkehr vermittelm; man kMnx i^einen 
grösseren Gegensatz denken. 

Gegen Abend desselben Tages verliessen wir die 
Küste, ohne sie jedoch ganz aus den Augen zu ver- 
lieren, und hielten auf Gibraltar, welches noch Nachts 
erreicht wurde. Bis zum foigeudeu Mittag ruiite der 



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4 



Dampfer, sodann wurde die Meerenge durchschnitten 
und wir waren um 3 Uhr vor Tanger. Zahlreiche 
Jollen waren gleich vorhanden, uns Passagiere aufzu- 
nehmen , die jetzt ausyer mir fast nur noch aus Be- 
wohnern des Landes Marokko bestanden. Eine JoUe 
war bald gefunden, aber man kann auch mit diesen 
kleinen Fahrzeugen nicht unmittelbar ans Land kommen, 
sondern bedarf dazu eines Menschen, der einen heraus- 
tragen muss. Bei sehr flachem Strande ist iiämhch 
die Brandung so stark, dass die Böte dort nicht an- 
legen können. Ich miethete einen kräftigen Neger, 
der mich rittlings auf seinen Schultern vom Boote aus 
ans Land trug. 

Für einzelne Reisende sind die Douane-Schwierig- 
keiten nicht lästig, zumal für mich, da mein Pass be- 
kundete, dass ich unter englischem Schutze slÄnde. 
Die Dragomaneu der verschiedenen Consulate fragen die 
gelandeten Fremden nach ihrer Nationahtät, und als 
ich meinen Bremer Pass in die Hände eines vornehm 
aussehenden Juden legte, des Dohnetsch des englischen 
Gkneralconsulates, waren im Augenblick alle Schwierig- 
keiten beseitigt. Die Hansestädte standen dazumal 
unter grossbritanischem Schutze, während Preussen sich 
durch Schweden vertreten Hess. 

Ein Absteige(iuai'tier war auch bald gefunden, das 
Hdtel de France, welches von emem Levantiner Fran- 
zosen gehalten wurde, ein reizendes Haus, in ficht 
maurischem Style. Von einem früheren Gouverneur 



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iler Stadt erbaut; gehörte dasselbe jetzt der marokkani- 
schen Begierung, der Eigenthümer der Gastwirthscliaft 
hatte es nur miethweiBe. 

Ausser mir war noch ein Bhunenhändler dort, der 

mit dem Bruder des Sultans, Mulei el Abbes, Geschälte 
machen wollte , und auch hoffte bei den europäischen 
Consuln seine Waare abs^zen zu können, dann ein 
Spaiuei , vormals OflSzier der spanischen Armee: Jo- 
achim Gatell. Letzterer wollte i wie ich^ in Marokko 
Dienste nehmen und lebte nim schon seit mehreren 
Monaten in Tanger. Ich weiss nicht, aus welchen 
Gründen er die spanische Armee verlassen hatte; als 
Verwandter von Prim, der sich soeben bei Tetuan noch 

4- 

so ausgezeichnet hatte, hätte er in Spanien sicher eiu%* 
Zukunft gehabt. Beschäftigt mit der üebersetzung des 
spanischen Artillerie - Reglements ins Arabi«chc, wollte 
er dies dem Sultan präsenttren imd dann in die ma- 
rokkanische Armee eintreten. Nebenbei hatte ihm Mulei 
el Abbes noch glänjsende Versprechungen gemacht 

Mem nächster Weg war sodann zum englischen 
Gesandten, Sir Drummond Hay. Obwohl ich nicht 
reidi war, vielmehr beinahe von allen Mitteln entblösst, 
obwohl 'ich kein einziges Empfehlungsschreiben vorzu- 
zeigen hatte und obschon ich ihm ein vollkommen 
Fremder und nicht einmal ein Engländer war, empfing 
mich Sir Drummond mit liebenswürdigster Zuvorkom- 
menheit. Aber wie zerstieben meine Träume. Ich 
exAihr, das» an eine Beorganisation der Zuatönde des 



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6 



Landes siebt gedacht würde, dasa der religiöse Fana- 
tismus elier zu- als abnähme ^ dass, wenn der Sultan 
für seine Person auch vielleicht Beformen in einigen 
Dingen wUnscbe, der BeligionsbasB der Eingeborenen 

gegen alles Christliche so gross sei; dass aii Ausführung 
nicht gedacht werden könnte. Allerdings habe der 
Sidtan eine regelmässige Armee gebildet, aber diese 
sei nur dem Namen nach regelmässig, und falls ich 
anf dem Beschluss bestände, ins Innere des Landes 
geben zu wollen^ sei vor Allem erforderlich, ausser- 
lich den Islam anzunehmen. 

Entmuthigt kehrte ich ins Hdtel zurück. Aber 
eine Berathung mit Gatell, der Eeiz des Neuen, das 
Lockende, völlig unbekannte Gegenden durchziehen zu 
können^ fremde Völker und Sitten, ihre Sprache nnd Ge- 
bräuche kennen zu lernen, ein Trieb zu Abenteuern, ein 
Hang, Gefahren zu trotzen ; alles dies beweg mich, das 
Wagniss auszAiführen , und nach einer zweiten Unter- 
redung mit Öir Drummoud wurde beschlossen, ich soMe — 
(es war dies das einzige Mittel, um ins Innere des 
Landes Zugang zu bekommen) — äusserlich den Islam 
annehmen und eine Anstellung als Arzt in der Armee 
des Sultans nachsuchen. Unter dieser Verkleidung und 
mit solchen Intentionen, meinte Sir Drummond, sei ich 
in Fes eines guten Empfanges sicher und könne mich 
so lange im Lande aufhalten wie ich wollte. Mulei el 
Abbes, den ich versuchte zu besuchen, war indess nicht 
Isicbtbar itlr mich, jedesmalicam ich zu ungelegener Zeit 



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UnterdesBen machte ich ndch rasch und mit Energie 

d^an, meinen Vorsatz auszuführen, obschon alle an- 
deren Europäer ahriethen. Ich yermied aber so viel 
wie möglich mit ihnen in weitere Bertthrmigen zu 
kommen, namentlich mied ich das spanische Consulat 
(obschon mir dasselbe später in Marokko viel Freund- 
schaft erwiesen hat) , um nicht als Spion verdächtigt 
zu werden. Denn hätten die Mohammedaner mich nach 
wie vor mit Christen verkehren sehen, so würden sie 
es gleich gemerkt haben, dass ich nur zum Schein 
übergetreten. So war ich nur fünf Tage in Tanc^a, 
wie der Marokkaner die Stadt nennt, und am sechsten 
Tage hatte ich dem Orte schon den Bücken gekehrt, 
in Begleitung eines Landbewohners, der es übernommen 
hatte, mich nach Fes bringen zu wollen. 

Ich hatte meine Sachen auf das Nothdürftigste 
reducirt. ein Bündelchen mit Wäsche war Alles« was 
ich bei mir hatte, nach Landessitte trug ich es an 
einem Stocke hängend auf der Schulter; eine weisse 
PjeLaba (ein weisses langes wollenes, mit Capuze ver- 
sehenes Hemd) war meine Kleidung. Gelbe Pantoffebi, 
dann eine spanische Mütze, worein ich mein letztes 
Geld — eine englische Fünf-Pfundnote — genäht hatte, 
endlich ein schwarzer weiter europäischer Ueberzug, 
der als Burnus dienen konnte: das war mein An- 
zug. Ich hatte keine Waffen, ein kleines Buch mit 
Bleistift, um Notizen machen zu kennen, war in der 
Tasche verbeißen. Dies war meine ganze Ausrüstung. 



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Gewiss ein Wagestticky unter solchen Umsl&ndeny 

mit bolclieu mehr als hescheidenen Mittehi in ein voll- 
kommen fremdes Land eindringen sn woUenl Um so 
mehr, als ich von der arabischen Sprache nnr die ge- 
wöhnlichsten Eedensarten auswendig wusste und weit 
davon entfernt war, auch nnr mangelhaft sprechen za 
können. Allerdings hatte ich Eine Phrase gut aus- 
wendig gelernt, die ülaubenslurmel der Mohammedaner, 
welche, man kann es sagen, alleiniger Schlttssel zum 
Oeffnen dieser von so faiiaUscher Bevölkerung be- 
wohnten Gegenden ist. Diese Glaubensformel — wer 
hätte sie nicht schon gehört oder gelesen — lautet: 
y^Lah ilah il aüah^ Mohammed ressid ul Lah^''*) 
ausser Gott kein Gott, Mohammed ist der Gesandte 
Gottes. 

Mein Gefahrte scliien vollkommen überzeugt, ich 
sei zum Islam übergetreten, nnr glaube ich, vermuthete 
er, ich sei heimlich entflohen aus irgend einem ver- 
borgenen unlauteren Grund, vielleicht dachte er auch, 
dass bei den Christen der üebertritt yon einer Beligion, 
wie bei den Mohammedanern mit dem Tode bestraft 
würde; aber das schien ihm gewiss, dass mein Päckchen 
mit Wäsche gestohlen sei, vielleicht noch andere Sachen 
enthielte und ich mich damit aus dem Staube machen 
wolle« Natürlicherweise mussten ihm solche Gedanken 



*) Ganz genau so sprechen die Marokkaner den Satx «ns, 
obscban es nach der Schreibweise eine etwas aadere Ausqiradie 
«ein Msste, 



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koBunen: ein Marokkaner, wenn er auf Belsen geliti 

♦ 

besehwert sich nie mit Wäsche zum Wechsehi und 

wenn es selbst der 8ultan wäre. 

Wir schlugen einen Weg ein, der in der Eichtung 
nach Tetuan f&hite, weil mein Begleiter im ,,DjefoeV^ 
(Gebirge) vorher einen Freund aufBUciieu wollte, und 
bald genug hatten wir die nächste Umgegend Tangers 
verlassen. Der Weg war nicht belebt; denn es war 
nicht der nach Tetuan führende Karavauenweg. Aber 
wie enteückend war die Umgebung, und wenn auch 
die Pflanzenwelt nicht neu für mich war, wenn auch 
das Thierreich nördlich vom Atlas überhaupt wenig 
bietet, was nicht in den übrigen Ländern am Mittel- 
meerbecken zu finden ist, das schon Gesehene unter 
anderen Verhältnissen übt immer einen mächtigen 
Zauber aus. 

Da sieht man die Wege bordirt von der StacheÜeige , 
oder, wie der MarohJEaner sagt: „Christenfeige, karmus 
nssara'S ^on der langblättrigen Aloes, Lentisken- und 
Myrtengebüsch, iSchiingptlanzen wuchern dazwischen. 
Der April ist für Marokko die Zeit, welche in Deutsch-* 
land etwa dem Ende Mai und dem An fang Juni ent- 
sprechen würde. Die Pracht und Fülle der Natur hat 
nun keine Grenzen. Der heisse und anstrocknende 
Südostwind hat seine tödtenden Wirkungen auf die 
ganze Natur noch nicht ausgeübt. Wie alle Gärten 
der Städte Marokko's zeigen sich dann auch die Tanger's 
durch Ueppigkeit aus. Und da in den unteren Theüeu 

■ 

1 

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die Bewässerung gut ist, wird Alles gezogen, was man 
nur in Europa an Gemüse kennt 

Aber wir waren bald im Gebirge, nicht ohne Torher 
einer von Tctuan kommenden Karavane begegnet zu 
Beby bei welcher mdbrere Europäer waren^ die mich 
alle baten und beschworen, nicht in alleiniger Begleitung 
eines Mohammedaners und sogar ohne Waäen ius 
Innere des Gebirges zu gehen. Aber ich liess mich 
nicht mehr bereden, es waren die letzten Christen, die 
ich für lange Zeit 2u sehen bekam. Man hatte mir 
in Tanger gesagt, ich solle nie aussagen, ich wolle 
nach Fes oder zum Sultan, sondern ich ginge nach 
üesan zum Grossschenf Sidi el Hafifj-Abd-es Ssalam. 
Da hernach noch ausführlicher von dieser merkwürdigen 
Persönlichkeit die üede sein soll, beschränke ich mich 
darauf, hier anzuführen, dass er der grösste Heilige 
von Marokko ist und im ganzen Nordwesten von Afrika 
unter den Mohammedanern ungefähr dieselbe Rolle 
spielt, wie der Papst bei den ultramontanen Katholiken. 

Durch viele kleine Duar (Zeltdörfer) und Tschar 
(Häuserdörfer) kommend, die alle von hübschen Gärten 
umgeben waren, zog ich trotz meiner halbmarokkanischen 
Kleidung überall die Blicke der Eingeborenen auf mich, 
und Si-Embark (so nannte sich mein Gefahrte) hatte 
genug zu thun, die Neugier der Leute zu befriedigen. 
Aber kaum hatte er gesagt: „er geht zu Sidi, ist ein 
zum Islam übergetretener Inglese^' (Engländer), als 
aUc beruhigt waren. Der Name „Sidi'' (so wird schlecht 



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II 

weg der Grossscherif von üesan gonaimt j er bedeuUit 
Meinherr) wirkte überall wie Zauber. Ich liess es 
mhig geschehen^ dass sie glaubten, ich sei JOngländer, 
die Müliei ihnen aiueinanderzusetzen, welcher Nationa* 
lität ich angehöre^ würde fiberdies bei ihren kindlichen 
geograpiusclien Kenntnissen vergebliche Arbeit gewesen 
sein. 

Bald nach Sonnenuntergang erreichten wir ein 

ziemlich hoch am Berge gelegenes Dörfchen. Alle 
Hänaer und GehöHe waren Ton hohen Cactushecken 
umgeben, ebenso die einzelnen Gärten. Yor einem 
Hause wurde Halt gemacht, und Si-Embark wurde 
yom Besitzer mit grosser Freude empfangen. „Wie 
ist Dein ich? Wie bist Du? Wie ist Dein Zubtaud? 
Nicht wahr, gut?^^ Das waren die Fragen, die Beide 
sich unzälilige Male, nachdem der erste y^nakmu aUkum^ 
ausgetauscht worden war, wiederholten. Dabei küssten 
sie sich recht herzlich, und allmählich, als etwas mehr 
Ruhe in die rasch erfolgenden und, wie es schien, 
stereotypen Fragen kam, wurden diese häufig unter* 
mischt mit anderen Fragen, nach den Eompreisen, 
ob die Pferde auf dem letzten Markte theuer gewesen 
seien, ob der Sultan wirklich die und die Tribe ge- 
brandschatzt habe, und dergleichen mehr. Natürlich 
wurde die Neugier in Betreff meiner auch gestillt. 

Das Haus, in welches wir sodann geführt wurden, 
bestand wie alle übrigen nur aus Einem Zimmer. Die 
Wände wareu auswendig und innen überkalkt, der 



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Fussboden war aus gestainpftein Lehm, der Plafond 
aus Bohr, welches auf Stämmen aus Aloes ruhte. 
Fenster waren nicht Vorhanden, und die einzige Thtbr 
so niedrig, dass ein fünQähriges- Kind allenfalls auf- 
recht hindurch gehen konnte. Das äussere Dach^ 
& cheTal darttber gelegt, war aus Stroh. Eine Matte, 
ein Teppich, auf einer Erderhöhung eine Art Matratze 
war das ganze Ameublement 

Gegenüber dem Hause befanden sich zwei Zelte, 
für je eine Frau, denn das Haus war von zwei Brüdern 
bewohnt. Man findet es in Marokko überhaupt sehr 
oft, dass zwei verheirathete Brüder Eine Wirthschaft 
haben. Der alte Vater der beiden Brüder lebte noch 
und bewohnte das Haus. — Der ganze folgende Tag 
wurde auch noch in diesem Dorfe, dessen Namen ich 
leider nicht erfuhr, zugebracht Hier wurde ich in 
den Augen der Eingeborenen nun zum wirklichen Mo- 
hammedaner gestempelt; sie rieihen mir nänilich, oder 
yiefanehr befahlen, mein Kopfhaar glatt abzurasiren. 
Sie wollten sich allerdings herbeilassen, mir eine Gotaya, 
d. h. einen Zopf stehen zu lassen; aber diese chinesiche 
Art, das Haar zu tragen, wollte ich nicht, und Morgens 
nach Sonnenaufgang bekam mein Kopf auf einmal das 
Ansehen, welches Mirza-Schaf^ für den schönsten 
Schmuck des Mannes hält. Der alte hatte selbst 
das üasiren besorgt, freihch unter grossen Qualen 
meinerseits: er bediente sich dazu seines ganz gewöhn- 
lichen Messers, Ein Fötha (d. h. Segen) wurde ge- 



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aprochen^ em ^»Gottlob'^ entquoll jader BruBt, und nun 
war ich ihrer Meinung nach Yollkommener Muselmann. 

Die Beschneidung wird bei vielen Berberthbeni 
wie ich das später näher erörtern werde ^ nicht als 

zum Islam unumgänglich nothwendig gehalten*). 

Natürlich musste ich Yon nun an alle Gebräuche^ 

die der Islam erfordert, mitmachen. Zum ersten Male 
ass ich mit der Hand aus einer irdenen Schüssel mit 
dem männlichen Hauspersonal. Die Leute unterrichteten 
mich; wie der Bissen zu lassen und zum Munde zu 
fuhren sei, und Nachts musste ich mich bequemen, 
auf hartem Erdboden zu schlafen , froh für diesmal 
eme Matte zu haben* Die Beleuchtung Abends be- 
stajid aus einer klemen thönemen Lampe, ganz ähnlich 
m Form und Gestalt den antiken grieclüschen und 
römischen. £in Klumpen Butter wurde liineingeworfen, 
irgend ein baumwollener Fetzen zu einem Dochte zu- 
sammen gedreht, und fertig war die alte (irossmama 
der brillanten Gaslampe. 

Am dritten Tage Morgens wui'de die Reise iort- 
gesetzt, ich natürlich immer zu Fusse. Vor Sonnen- 
aufgang aufgebrochen, erreichten wir um „Dhaha'' beim 
Ued Aisascha die grosse von Tanger nach L^xor 
(Alcassar) fährende EaraTanenstrasse. Eine Uhr be- 
sass ich damals nicht, und bald lernte ich wie die 
Marokkaner meine Zeit nach der Sonne, dem Schatten, 

*) 8ielie darttber auch Hdst, 8. 208. 



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Ii 



den Ida^enbedürimssen und aoderen Kleinigkeiten er« 
keimen. Der Marokkaner hat als Zeitemtheilnng vor 

allem Sonnenauigaiig, Sonnenhöhe oder Mittag , und 
Sonnj^nntergang. Sodann die halbe Zeit aswischen 
Sonnenaufgang und Mittag ^ endlich zwischen Mittag 

und Sounenuntergaug ebenfalls die halbe Zeit Für 
alle diese Zeitpunkte hat man auch bestimmte Namen'")« 
Wenn ich sagte, dass wir die grosse Karavanenstrasse 
erreichten, so denke man dabei ja nicht an eine ge* 
pflasterte oder makadamisirte Chaussee, dergleichen 
giebt es im ganzen marokkanischen Reiche nicht, wie 
denn auch der Gebrauch des Wagens noch ganz unbe- 
kannt ist Eine solche Strasse besteht aus yerschie* 
denen mehr oder weniger parallel neben einander her- 
laufenden P£E^en. Je betretener eine solche Strasse 
ist, um so mehr Pfade gehen neben einander, oft 
zwanzig, ja bis zu fünfzig, die sich in einander schlän- 
geln, 80 dass das Ganze von der Yogel-PerspectiTe 
aus gesehen, wie ein langgezogenes Netz erscheinen 
würde. 

Die Gegend war immer gleich strotzend von Ueppig- 
keit, und die weissen Gipfel der Eifberge im Osten 
trugen nur dazu bei, den Beiz derselben zu erhöhen. 

Wir waren jetzt im Monat April. Man fing schon an 

*) Sonnenaufgang Seroct el schems, gegen 9 Uhr Morgens 

Bhaha, Mittag ntis el nliar, Nachmittags 3 Uhr L'asscr, Unter- 
gang der Sonne Tlebut el Schema. Biesen Zeiten entsprechen aoch 
die Gebete, doch ist das Dhaha-Gebet nicht obligatoriscli 



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1& 

hie und da die Gente ant enkten. Die Verhültium 

smd in dieser Beziehung in Marokko ganz anders als 
bei uns. Der Acker wird gemeiniglich im December, 
auch wohl Anfimg Januar bestellt, mittelst eines 
primitiven Pfluges, ^vohl ganz derselben Art, wie sich 
die Araber vor 2000 Jahren desselben bedienten. Ob 
die Berber den Pflug vor der arabischen Invasion ge- 
kauut haben, ist nicht mit Bestiniiiitheit zu sagen, von 
allen übrigen Yölkam Afrika's kennt nur der Abessinier 
den Pflug, und nach Abbessinien ist er auch wahrschein- 
lich aus Arabien iieriibergekoninien. Südlich vom Atlas, 
in den Oasen der Sahara, in Centraiafrika wurd der 
Boden nur mit der Hacke bearbeitet. Das Schneiden 
der Frucht geschieht mittelst krummer Messer, Bicheln 
kann man kaum sagen, und so nahe unter der Aehre, 

da^b last das ganze Stroh stehen bleibt, dies soll dann 
zugleich für die nächste Bestellung des Ackers als 
INingungsniittel dienen« In Haufen lässt man alsdann 
das Getreide einige Zeit auf dem Felde trocknen und 
hernach wird das Korn durch Binder, denen das 
Maul verbunden ist*) und die im Slreise herum- 
getrieben werden, ausgetreten. Eine aus Lehm ge- 
Btampüte Tenne dient in der Kegel einem ganzen Dorfe. 
Das Getreide, was man für den nScbsten Gebrauch 
nicht im Hause behält, wird in grosse Löcher ge- 
fickiittet Diese Gruben von birnfönniger Gestalt 

*) H4it (S. 1S9) behauptfll swar das Q«ge&tli«il, ich habe es 
aber nur so ausdretehen sehen. 



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mit engem Halse als Oeffnung nach oben, sind mehr 
als mflniistief und unten 4 bis 5 Fuss breit; man legt 
sie immer auf Erhöbungen und im trockenen Erdreich 
an, das Getreide soll sich jahrelang darin halten. 

Es war an dem Tage ungemein wann; obschon an 
Gehen gewöhnt^ war mir der Marsch mit blossen Füssen 
in den dünnen gelben Pantof^n äusserst beschwerlich; 
nach der Sitte der Marokkaner hatte ich meine Hosen 

eingerichti't. d.h. bis zu den Kiiieeii abgeschnitten und die 
Folge davon war^ dass hier die emphndhche Haut von 
einem Sonnenstich bald blauroih wurde und schmera* 
halt brannte. GlückUcherweise Latte Si-£mbark eine 
kleine £ku4*) bei sich, woraus wir unseren Durst 
stillen konnten. Abends erreichten wir einen Duar, 
d. i. ein Zeltdorf^ in dem genächtigt wurde. Es war 
ein Kreis von 17 Zelten; eins, das sich durch grössere 
Feinheit des Stoffes auszeichnete, auch geräumiger als 
die übrigen war, gehörte dem Mul el Uuar (Doriherr), 
der zu gleicher Zeit Aeltester der Familie und ihr 
Xiud war. 8eiu Zelt btiuid mit den übrigen im selben 
Kreise, manchmal lagern die Kaids in der Mitte oder 
auch abseits Tom Duar. Nicht bei allen Triben herrscht 
überdies die Sitte, die Zelte kreisförmig auizusclüagen; 
Tiele lieben es, in Einer Front die Zelte zu errichten 
oder auch die Behausungen den örtlichen Verhältnissen 
der Gegend anzupassen. Si-Embark hatte mir den 

♦) Rkuä, kleiner Schlauch, den man selbst trugt j Girba, 
SckUucli, deu das Vieh zu tragen bekommt. 



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1? 

ganzen Tag über gute Lehren gegeben , wie ich mich 
za Terhalten hätte, und ich ersah darausy dass es vor 
ABem darauf ankam, fortni^hrend Gk>tt im Mnnde zu 
habeo. Doch waren manche andere Kleinigkeiten dar- 
unter, die uns l&eherlich erscfaemen werden* Als er 
üiich das Wort „rsass", Blei, fiir Kugel anwenden 
hörte, unterbrach er mich rasch und meinte, es sei 
uaanstündig, dies Wort, womit man Menschen tödte, 
zu nennen ; er sagte mir darauf, wie ich zu sagen habe. 
Das Wort entfiel mir damals, aber ^äter fand ich, 
dass Bum in Marokko allgemein für Bleikugel das 
Wort „chfif", d. h. „leicht'^ sagt. Gerade die dem 
Bki entgegenstehende Eigenschaft. Er sagte mir, ich 
soHe nie die Frauen und jungen Mädchen ansehen und 
als J^^emder nicht mit ihnen spreclion^ kurz, er gab 
nir goldene Lehren, machte sich fireüich anch am fol- 
genden Tag dafür bezahlt. 

Im Duar logirt^ wir nicht im (xitun ei diaf oder 
Fremdenzelty sendem Si-Embark hatte auch hier seinen 
speciellen Freund, bei dem er Unterkommen fand und 
ich mit ihm. Hatte ich am Abend vorher zum ersten 
Male eine einheimische feste Behausung kennen gelernt, 
80 war jetzt das Leben und Weben einer Zeltfamilie 
mir erschlossen. Ich sah jetzt ein, welch ungemei- 
nen Vortlieil ich aus der Maske des Islam ziehen würde. 
Hfttte man einen Christen oder auch einen unter (ie- 
ptinge reisenden Mohammedaner so ohne Weiteres 

ins geheiligte Innere eines Familienzeltes zugelassen? 
Rohlfä. ' 3 



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18 

!Nie. Auf diese Art, unscheinbar, ohne alle Mittel, 
aber ganz wie die dortige BevölkeruDg selbst lebt ^ 
auf diese Art reisend, durfte ich hoftn, genau die 
Sitten und Gebräuche der Eingeborenen kennen zu 
lernen. Vor mir war keine Scheu, keine Zurückhaltung, 
Jeder gab sich, wie er war^ ja, ich kann sagen, auf 
dem Lande beeiferte man sich^ mich mit Allem, was 
mir neu und uubdcannt war, bekannt zu machen. 
Freilich war ich auch geplagt dafür rom Morgen bis 
zum Abend. Ich hatte, um mich besser der zudring- 
lichen Fragen, warum ich gekommen, weshalb ich über* 
getreten y warum ich nicht lieirathe und mich sesshaft 
mache etc. etc., erwehren, zu können, ausgesagt, ich 
sei Arzt; aber Ton dem Augenblick war keine Buhe 
mehr. Die mit wirklichen Krankheiten Behafteten 
sowohl, wie die vollkommen Gesunden, Alles wollte 
Mittel imd Bathschläge vom ehemaligen christlichen 
Arzt haben. Freilich schöpfte ich auch hieraus manchen 
Nutzen, denn ebenso gut wie m Europa der Arzt 
manchmal mehr erföhrt als der Beichi?ater, haben in 
jeder Beziehung die Marokkaner Vertrauen zu dem 
Arzte, wenn sie nur emmal den geringsten Beweis 
seiner licillkraft erprobt haben. 

Das Zelt, welches wir für die Nacht bewohnten, 
war dasselbe, worin die ganze Familie unseres Gast- 
gebers zubrachte. Im Allgemeinen sind die Zelte der 
Marokkaner etwas kleiner als die der Algeriner, aber 
grösser als die der Bewohner yon TripoUtanien und 



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19 



Cyrenaika. Dies gilt indess nur für die Theile in Mar 
rokko, die unter der Hand des Sultans oder setner Blut- 
sauger stehen, in den Gebieleü, welche eine unab- 
hängige Herrschaft haben, besitzen die Stämme ebenso 
grosse, wenn nicht noch grössere Zelte als die der 
Triben in Algerien. Man kann mit liecht von dem 
grossen Hause oder grossen Zelte auf den Wohlstand 
Einzelner, sowie auch ganzer Triben schliessen, und 
wie bei uns ursprünglich die Kedensart: „er ist aus 
emem grossen Hause^S „er macht ein grosses Haus'S 
nicht nur bildlich sondern in Wirklichkeit zu nehmen 
ist, so auch in Marokko; „min dar kebira'\ oder ^^cheima 
hdnra^ beisst Yom grossen Hause, yom grossen Zelte 
und bedeutet, dass der, auf den es Bezug hat, wirk- 
lich ein grosses Haus oder grosses Zelt, mithin Eeich- 
thum und Macht besitzt. 

Man kann wohl denken, dass das Zelt, welches 
wir bewohnten, nicht zu den grossen gehörte; in der 
einen Hälfte schliefen Mann und Frau, in der anderen 
wir und noch zwei männliche halberwachsene Kinder. 
Die Scheidewand war durch die im Zelte üblichen 
Möbel gebildet: hohe Säcke mit Korn, darauf ein 
Sattel, Ackergeräth, zwei Flinten, ein grosser Schlauch 
mit Wasser, ein anderer, worin gebuttert wird und 
der nur halb voll zu sein schien'*'), Töpfe und leere 

♦) Man giesst mehrere Morgen nach einander die frisch ge- 
molkene Milch in einen Ziegensclilaucli, und später wird durck 
Schatteln die Butter erzeugt. 

2» 



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so 



hölzerne Schüsseln vervollständigten die trennende 
Barrikade. Bei Yonkehmen {Kflegi aber am Zeug eine 
Sfsbeidewand gezogen zu eem. Ein Ideines FfÜleiiy welohea 
an unserer Seite angebunden war^ hekam mehrere Male 
Nachts Gesellschaft y Ziegen , Schafe, wahrscheinlich 
Besitz des Eigenthümers , kaiiiun aus der Mitte des 
Duars ins Zelt, am einen kurzen Besuch zu machen, 
wobei sie nngenirt Über uns wegldetterten. Glüddkber- 
weise bind die Huiide des Zeltes, in das man einmal 
angenommen ist, nicht mehr zu fiirchten, es ist, als 
ob sie den Gastfreimd ihres Ikasm respeeüren woMten. 
Aber wehe Dem, der ohne Knittel Nachts einen Duar 
yerlassen oder in denselben einzudringen versucben 
wollte, er würde Ton der ganzen Meute der stets halb- 
verhungerten Bestien angefallen werden. Und dennoch 
kommt mitunter Diebstahl vor, man lookt durch fiuiles 
oder frisches Fleisch die hungerigen Thiere fort, und 
mit Leichtigkeit kann dann gestohlen werden, da die 
Eingeborenen sich Nachts nur auf die Wachsamkeit 
ihrer Hunde verlassen. 

Die Heerden, d. h. Binder, Schafe und Ziegen 
werden stets für die Nacht in den inneren Kreis ge- 
trieben und Morgens und Abends gemolken. Besitzt 
ein Einzelner viele Schafe, so werden sie in zwei Beihen 
mit den Köpfen nach yom gerichtet, durcheinand^ 
gebunden, um so gemolken zu werden. Sobald ein 
Schaf gemolken ist, wird es freigelassen. Unter der 
Zeit fähren die Widder der verschiedenen Heerden 



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21 



fiirchtbare Kämpfe auf und meistens lassen die Besitzer 

sie gewähren. Ein jeder der Kampier geht ungefähr 
zehn Schritt zorftcky und sodann stürzen beide mit 
gesenktem Kopfe auf einander, dass die Köpfe zu zer- 
springen drohen. Sie boiiren nach jedem Stesse mit 
dem Kopfe nach TorwSrts, sie feilen auf die Knie, end- 
lich räumt der eine das Feld, während der andere 
laut schnuppernd zu seiner Heerde eilt. Das marok- 
kanische Schaf ist nicht das fettschwänzige. Die Homer 
des Schafes sind HpUcUlünnig gebogen, der Kopf ist 
▼om gewölbt, die Wolle lang und fein, durch Ver> 
edhmg dieses Schafes ist das spanische Merino ent- 
standen. Für Veredlung der Race der Schafe wird 
natürlich in Marokko gar nichts gethan, im Gegentheü 
wundert man sich, dass sie bei so ungünstiger Behand- 
lungsweise noch so ausgezeichnet gedeihen. Hemsö 
schätzt die Zahl der Schafe auf vierzig bis fönfimdvierzig 
Millionen. Wo Schafe sind, ist gleichzeitig auch Ziegen- 
zucht und verhäituissmässig gedeihen diese besser, 
weü sie weniger Wartung bedürfen. Vorzugsweise in den 
gebirgigen Theileu Miu ukko's zieht man dieselben, und von 
den Einwohnern werden sie wegen ihrer Felle geschätzt* 
Die Schläuche zum Wasserbedarf, Eimer, sind nur dann 
gut, wenn sie aus Ziegen- oder Bockfellen bereitet sind. 
Aber auch das gegerbte Leder, Safian, Maroquin, oder 
das, was heute am bewährtesten ist, Fessian und das yon 
Tafilet wird aus Ziegenleder bereitet \ als Fleisch zieht 
der Marokkaner jedochSchaffleischdemZiegenfleischYor* 



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22 



Am Morgen elie vir den Dnar verlieesen, gab man 

um statt der üblichen Morgensuppe, ein Gericht grosser 
jBoimeu, welche iu Wasser gekocht und mit Butter 
gegessen worden. Wir hatten die Absicht, Abends 
noch die Stadt L'xor zu erreichen. Wie am Tage 
vorher war die Hitase ausserordentlich! und ich fing 
bald an, mich meiner überflüssigen Kleidungsstücke zu 
entledigen^ auch mein spanisches Mützchen wurde dem 
Bündel beigefügt und dafür aus memem Tuch zum 
besseren Schutz gegen die Sonne ein Turban gedreht, 
bi-iiimbark war freundlich genug ^ das Packet, mein 
ganzes Hab und Gut auf sein Maulthier zu nehmen, 
welches in zwei an beiden Seiten angebundenen Kurben, 
!,Schuari^^ genannt, verschiedene Waaren seines Herrn 
trug. So wurde Tleta-Risane erreicht, Oertlichkeit, 
wo Dienstags ein Markt abgehalten wird; ungefähr 
halbwegs zwischen Tanger und L'xor gelegen, zeichnet 
sich dieser Platz sonst durch nichts aus. Manchmal 
soll auch in der Nähe ein Duar zu finden sein, zu der 
Zeit sahen wir nur eine leere Stätte, die aber auf den 
ersten Blick andeutete, dass zu Zeiten dort grosses 
Leben und Treiben sein müsste. Hier standen leere 
Hütten aus Zweigen, dort waren Metzgerplätze, und 
viele Aasgeier und Raben durchwühlten noch den blut- 
durchtränkten Boden, hier sah man Asche der Sdluniede- 
werkstötte, dort todte Eohlenreste einer Garküche, 
aber nirgends war ein Mensch zu sehen. 

Da Wasser in der Nähe war und die Sonne ihren 



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2a 

höchsten 8tand erreicht hatte, wnrde gelagert , und 
Baclidem wir etwas trockenes Brud gegessen hatten, 
sagte Si-Embark, er wolle einen Freund ans emem in 
der Nähe lagernden Duar abholen, ich solle ihn er- 
warten; gemeinschaftlich wollten wir dann nach L^xor 
gehen. Ich wagte nicht, um nicht misstrauisch zu 
scheinen^ ihn um mein Btindelchen zu bitten, er entfernte 
sich und nie habe ich ihn wiedergesehen. 

Ich wartete und wartete, Si-£mhaik kam nicht 
wieder j die dem Untergange zueilende Sonne maimte 
aber zum Auibruch. Indess ein ängstliches Gefiihl 
heschfich mich, so allein auf jetzt Töllig einsamer Strasse 
weiter zu zielieu, säuuntlicher Sachen beraubt. Ich 
hatte Tor, nach Tanger zurückanikehren, aber ich 
schämte mich, nach einer dreitägigen Reise dort und 
noch dazu unter solchen Verhältmssen wieder zu er- 
ficheiMn. Ich nahm noch einen tüchtigen Trmik Wasser 
und vorwärts zog ich nach Süden. Da Si-Embark mir 
gesagt hatte, im Funduk el Sultan in L'xor absteigen 
zu wollen, hoffte ich noch, ihn dort zu finden; aber 
auch diese Hoäimng erwies sich als falsch. 

Es war Abend, als ich L'xor erreichte, mein eigen- 
tümlicher Auf^g; halb europäisch halb marokkanisch 
gekleidet, enegte natürhch das grösste Aufsehen. 
Hunderte von Menschen umdrängten mich bald, Kinder 
läi'mten, schimpften und schrien, auch marokkanische 
Juden kamen hinzu, und das war ein Glück für mich. 
Der Pöbelhaufe wollte nämlich nicht glauben, ich 



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24 



sei Moslim, und wenn ich tttch nieht Alles Teratand, 

was sie mir Böses sagten, merkte ich doch so vielf 
dass sie keineswegs vom Eindringen eines Christen in 
ihre Stadt erbaut geweeen wären; ab aher die Jaden, 
welche spanisch verstanden, oder wie die Marokkaner 
sagen, „el a4jiiua^' reden (a^jmia vrendet der Marokkaner 
auf jede fremde Sprache an), erUärten, ich sd aller- 
dings Ohrist gewesen, habe aber die Heligion der 
Gläubigen angenommen, werwondelte sich das Schimpfen 
in ein „Gottlob", und als die Juden imn noch hinzu- 
fugten, ich beabsichtige nach dem „dar demana"'*') zu 
pilgern, um später in die Dienste des Sultans 2U treten, 
war Jedermann zufrieden. 

Mittlerweile waren auch ein paar Maghaaeni (Beiter 
der Regierung, die zum Theü in den Städten Polizei« 
dienst versehen) hinzugekonmien; ohne Weiteres er- 
griiff der eme meine Hand und bedeutet^ mit ihm zu 
kommen. Ich wollte nicht, der Maghaseni rief immer- 
während: „tkellem el Kaid" (der Kaid lässt Dich 
rufen), und schien gar nicht zu fiusen, dass man 
einer solchen Aufforderung überhaupt Widcibtaiid ent- 
gegensetzen könne. Die Juden redeten zu, mitzugehen, 
sie seihst wurden für mich dolmetschen, ich solle nur 
keine Furcht haben, der Kaid sei ein guter Mann. — 
Angekommen im Dar el Maghasen, wie jedes Be- 
gierungsgebäude in Marokko genannt wird, emerleii ob 

^ Dar demaoa, Hai» der Zuflacht, wird Uema Ton den 
firmmDen Giftubigw goianiit. 



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25 



nun das PaU» des BottaiM oder die Wohnniig emes 

gewöhnlichen Kaid damit meinte wurde ich sogleich 
Torgelafisen. Ben ganzen Weg über hatte mich immer 
der eine Magfaa«eni bei der Hand gehalten, während 
der andere hinten drein ging; erst als wir vor dem 
Kaid waren^ wurde ich loagelaasen. Auch später habe 
idi diese Sitte in Marokko beobachtet, dass, wenn 
Jemand gerufen wurde^ er immer an der Hand vom 
Büfenden herbeigebracht wurde* 

Der Kaid Kaseem empfing mich sehr freundlich, 
eine Tasse Theo erquickte mich ungemein, ich musste 
ndch setaen imd sodann begann er zu fragen, woher 
ich komme, nach Vaterland, wes Standes, wohin ich 
wolle, ob ich verheirathet, etc. etc. Der mich beglei* 
tende Jude explicirte Alles. Darauf hielt der Kaid, 
ich muss ihm diese Gerechtigkeit widerfahien lassen, 
fihie eindringliche Hede, nicht ins Innere zu gehen; 
als ehemaliger Christ wäre ich Alles besser gewohnt, 
denn Alles sei schlecht in Marokko ; er erbot sich sogar, 
nüf ein Pferd zur Httdcreise nach Tanger zu stellen 
und mich durch einen Maghaseni begleiten zu lassen. 

Als er sah, dass ich darauf bestand, nach Fes 
gehen zu wdlen, glaubte ich zu yerstehen, wie er zu 
dem Juden sagte: „er hat gewiss gemordet oder sonst 
etwas Terbrochen, und darf zu den Christen nicht 
zoräckkebren." Nach Beendigung des Verhörs war 
ich un vertraut genug mit den Sitten des Landes, nach 
dem „Funduk el Sultan'' zu verlangen; denn der Kaid 



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26 



hatte es natürlich als selbstverständlich betnMihteti 
daM ioh bei ihm wohne. Aber auch so noch entreekte 
sich seine Freundlichkeit weiter, er befahl einem 
Maghaseai und dem Juden, mich nach dem genannten 
Fimduk zu bereiten: ich solle dort auf seine Kosten 
wohnen, Nahrungsmittel wolle er schicken. Natürlich 
mrä er dem Miethsmann des Fondoks als fintschär 
digung nichts gegeben haben, was er überdies auch 
kaum uöthig hatte, da der Name ^^Funduk el Sultan^', 
d. h. y^Gasthof zum Kaiser'' nicht etwa in imeerem 
Sinne zu verstehen ist, sondern so viel bedeutet, als 
Eigenthum des Sultans oder der Eegierung. In der 
Begsl gehören die Funduks in MmMlo entweder der 
Eegieruiig oder irgend einer Djemma (Moschee) au 
und werden verpachtet. 

Die Stadt L'xor (so pjesprochen ist es der marok- 
kanischen Aussprache am nächsten, geschrieben wird 
aber Alkassar) liegt ungefähr 10 Ifinnten vom rechten 
Ufer des Ued-Kus entfernt, nach Ali Bey auf 35" 1 ' 10" 
N. £. und 8« 9' 45" W. L. v. P. in einer freund- 
lichen AUnvialebene. Die Stadt soll nach Leo von 
Almansor*) gegründet sein; da aber Edris derselben 
miter dem Namen Kasr-Abd-d-Kenm erwähnt^ so hat 
wohl Svltaa Almansor, wie Benon richtig bemerkt, nur 
zur Vergrösserung der Stadt beigetragen. Die BevÖl- 

*) Maltztui meint, dass hier die Stadt Bsinasa der Alten gelegen 
sei, welche Stadt freilich, als am öebu gelegea angegeben wird, 
sonst stimmen die £nt^ttungen. 



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27 



keinmg ist sehr Bchwankend, HemsÖ niBimt nur 5000 

Einwohner an, Washington 8000, bei meiner «weiten 
Eeise in Marokko taxirte ick die ötadt auf 30,000 Beelen, 
mieh stützend anf die AnzaM der bewohnten Häuser, 
die niir zu 2600 angegeben wurden. Früher muss die 
Stadt noch bedeutender gewesen sein, wie man aus 
den vielen Ruinen und leeren Djemmen schliessen kaxm. 
Eigenthümiich für Marokko ist, dass die meistöi Hänser 
nicht flach sind, sondern spitse, mit Ziegeln gedeckte 
Dächer haben. Wie wenig Abänderungen in den Ge- 
bräuchen beim Volke in Marokko vor sich gehen, er- 
sieht man daraus, dass der von Leo als am Montage 
ausserhalb der Stadt abgehaltene Markt auch noch 
jetzt am Montage abgehalten wird. Sehr aufEallend für 
alle Besucher der Stadt ist die ungeheure Anzahl von 
Storchnestern mit ihreu Besitzern, wenn die Jahreszeit 
sie herbeizieht, nicht nur die Häuser sind voll davon, 
sogar anf den Bänmen erblickt man sie. Aeusserst 
günstig als Zwischeustapelplatz der Häfen L'Araisch, 
Arseila und Tanger eineirseits, der Binnenstädte Fes 
und Uesan andererseits, hat bei besserer Entwickelung 
des Handels L'xor eine Zukunft vor sich. 

AuBserdm ist die Gregend eine der reichsten von 
Marokko , was man an Gemüsen nur bauen will, gedeiht 
um L'xor. Freilich liegt der Gemftsebau^ in Msrokko 
noch arg danieder. Obschon der Marokkaner Gelegen- 
heit hat, in den von Cliristen cultivirten Gärten der 
Hafenstädte alle Gemüse kennen sa lernen, kann doch 



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28 



▼on einer eigentlichen Gartencnltar der Marokkaner 
selbet kaum die Rede sein. Wie gut würde aber AUes 

hier gedeihen; versorgt doch das nahe Algerien unter 
nicht ganz so günstigen kUmatiBchen Verhältnissen, 
wegen geringerer Feuchtigkeit des Bodens und der 
Luit, im Winter fast ganz Europa mit tischen Üemüsen 
der feinsten Art Die uns nnentbehrliche KartofM hat 
den Weg in das liinere des Landes noch nicht finden 
können. Mit Ausnahme der Gärten des Sultans in Fes, 
Mikenes; Maraksch etc. kennt man nirgends Spargel, 
Artischocken, Blumenkohl und andere feine Gemüse. 
Und selbst dort werden sie keineswegs des Nutzens 
halber gezogen ; irgend ein Oonsul brachte sie vielleicht 
zum Geschenk, man zieht sie nun als Blumen und 
wvndert sich, dass die Christen solches Zeug essen« 

1 >as Gemüse, Wiis in Marokko gebaut wird, ist bald 
auigezählt. Kothe und gelbe Üüben, Steckrüben, grosse 
Bohnen, Rankbohnen, Ehrbsen, Linsen, Zwiebehi, Knob- 
lauch, Kohl findet man fast überall, Sellerie und Peter- 
silie ebenfalls« Was aber gerade bei L'xor besonders 
gnt gedeiht, sind die Mek>nen, sowohl die gewöhnüchen 
wie die Wassermelonen. Man sagt, dass die um L xor 
wachsenden Trauben schlecht seien wegen des zu feuch- 
ten Bodens. 

Gegenstand der grössten Neugier, blieb ich durch 
starken Regen gezwungen vier Tage in der Stadt und 
lernte immer mehr mich an die eigenthümlichen Sitten 
gewöhnen« ,,Christ| laufe doch nicht immer auf und 



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&by^^ rief mir ein alter Kaffeetrinker eines Abends zu, 
ab er sah, wie ich im Hofe in Gedanken auf nnd ab 

ging. Ich setzte mich und fragte, ob das denn ein 
Verbrechen sei* i,Das nichti^* antwortete mir ein Ande- 
rer, y,aber ohne Zweck anf- md abgehen tium nnr 
die Thiere und ist hier nicht anständig*)," ,,Grott 
Terflttche Deinen Vater,^' sagte ein Anderer m mir^ 
„wenn er Dir anch gute Lehren giebt, hat er doch 
kein Kecht, Dich Christ zu nennen; Gott sei Dank, 
Da glanbsi jetet an einen einigen Gott und an denen 
Liebling , Gk)tt vertilge alle Christen und lasse sie 
ewig brennenl^'^ — „Aber, o Wunder 1^^ üxig ein Dritter 
tok, ,,8ehi den nnglänlMgen Hund, wie er die Hände 
gefaltet iiat (icli hatte mich auf türkisch niedergesetzt 
und in Gedanken die Hände gefaltet), gewiss betet er 
seine sttndhaflett Gebete!'' Ich ent&ltete raeeh meme 
Hände, und ein Anderer ermahnte mich nun, nie wie- 
der in der GeeeUschalb von Gläubigen aolche gottver- 
gessenen Handlungen vorannehmen. 

So unangenehm es auch war, auf diese Ait auf 
Tritt und Schritt wie ein kleinee Kind gesohnkaeiakert 
zu werden, so lernte ich doch dadurch rasch die Sitten 
in ihren kleinsten Einzelheiten kennen. Am pein- 
lichsten war mir immer die EMwtnnde; abgesehen 
davon, dass am Boden hockend aus einer Schüssel 
gegessen wud, and Jeder mit halb oder gar nicht ge- 

^} Ich übersotzf» das Wort „drii", dessen er sich bediente so, 
cigeatüch bedeutet es sart, elegant, £eiD gebüdet 



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30 



waschener Hand ins Essen fährt, haben alle Marokka- 
ner die aehr tmaugeuehnke Angewohnheit, zwischen und 
gleich nach dem Eisen laut aufsustosBen. ^yVei« 
zeih's Gott/^ ist das Einzige, was so ein alter Schlem- 
mer mit seiner imaanberen Erkichtenmg zugleich 
ausruft^ und ein ..Gk>tt sei gelobt'^ der Anwesenden 
giebt die Billigung derselben zu erkennen. 

Als endlich das Wetter sich autheiterte^ .setzte ich 
in Begleitung eines Bauern aus der Umgegend y<m 
Tetuan meine Üeise nach Uesan fort. Durch die 
strotzenden GSrton hatten wir bald den Ued Kus er- 
reicht, setzten über und gingen auf die Berge los; 
obschon man den Weg recht gut in Einem Tage 
machen kann, n&chtigten wir doch abermals, da 
der anhaltende Eegen die Wege in dem Lehmboden 
fast grundlos gemacht hatte. Die Gegend wurde uns 
als geflUirlich geschildert, doch schützte uns der Um- 
stand, dass wir Uesan als Keiseziel hatten. Der £uf 
des dortigen Grossscherif ist in der That so gross, 
dass Alle, die zu ihm pilgern, unter einem allgemein 
anerkannten Schutz stehen. 

Die reizende Gegend, durch die wir sogen, jeder 
Hügel, jeder Berggipfel, wie in der Eomagna mit einem 
Dorf oder Städtchen ^ machte einen grossen Eindruck 
auf mich. Mit grosser Freigebigkeit wurden wir Mittags 
in emem Orte, Kaschuka genannt, bewirthet, ange- 
staunt von der ganzen Beyölkerung, welche wohl noch 
nie einen Deutschen gesehen hatte. In einem dem 



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Grossscherif gehörenden Dorfe aus Zelten wurde über- 
nifcohtety und am anderen Morgen gegen 9 Uhr erreich- 
ten wir die heilige Pügeistadt, das Mekka der Marok- 
kaner. 

Doch bevor ich den Leser mit Uesan bekannt 

mache ^ werfen wir auf Bodengestalt, Klima und Be- 
völkerung des ganzen Üeiches einen Blick. 



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2. ^odtngeMt ^ ^ina. 



am nordwestlichen Ende Ton Afrika gelegene 

Kaiserreich Marokko, Eharb el djoani*) im Lande selbst 
genannt; ist von allen an das Mittehneer grenzenden 
L.indern Nordafrika's eins der am günstigsten gelegenen. 
Es würde zu nichts führen^ wollten wir versuchen; die 
Grösse des Landes in Zahlen anzugeben; selbst eine 
allgemeine Bezeichnung, dass Marokko zwischen den so 
und so vielten Längen- und Breitengraden liege, giebt 
nur annähernd einen Begriff und wechselt je nachdem 
wir die bedeutenden Oasen von Guraia, Tuat und Tidi- 
kelt, die fast bis zum 26^ N* B. nach dem Süden und 
bis zum 22^ O. L. Yon Ferro reichen, hinzurechnen 
oder nicht. Halten wir diese letzte Ausdehnung fest 
und rechnen die grossen Strecken wüsten Terrams, 
welche zwischen den Oasen und dem atlantischen Ocean 
liegen, hinzu, so können wir uns den besten BegriiO[ 

♦) Der Name Maghreb el aksa ist im Lande selbst nicht be- 
kannt und gebräuchlich, wohl aber sagt mau Rharb schlechtweg, 
oder Bled-€8-Sidi-Mohammed, oder bled Fea nach der Haaptstadt. 
Das Wort djoani bedeutet nach Wetzstein das „innere" und 
„eigentliche'', ai^o der innere und eigentliche Westen. 



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83 

von der Grösse Marokko's machen , wenn wir dann aus 
der Karte ersehen, dass es um ein Drittel grösser ist, 
als Franlcreicli;*) ohne diese Gebiete aber ungefähr mit 
Deutschland eine gleiche Grösse hat. 

Wenige Länder von Afrika haben im Verhältniss 
zum Binnenlande eine so grosse K ästen entwickelung. 
Die Gestadehmge Marokko's am atlanüsch^u Ocean be- 
trägt 1265, die an der Meerenge von Gibraltar 60, die 
ain Mittelmeere 425 Kilometer, wälu'end die Landgrenze 
nur eine Länge von 250 Kilometer hat.'"'*') 

Was die Kttsten ihrer Beschafenheit nach anbe* 
trifft, so fallen dieselben im Norden nach dem Mittel- 
meere steil ab mit unzähligen Buchten, die aber zu 
klein sind, um einen guten Hafen zu bilden. Dennoch 
sind sie gross genug, um den Kif-Piraten mit ihren 
kleinen Fahrzeugen Versteck und Sicherheit gegen Sturm 
und stürmische Witterung zu gewähren. Indess fehlen die 
guten Ankerplätze auch nicht. Zwischen denDja&nn- 
Inseln und an der Küste bei Melilla, bei Ceuta, haben 
grosse Schiffe Yollkommeueu Schutz, und noch andere 
Häfen würden sich mit geringen Mittehi herstellen 

*) K lüden und Behm 12,210 Quadrat -Meilen. Renou 5775 
Myriam.-M. M. Bcainnier fKXX) M.-M. H. Daniel ca. 13,000 Q.-M. 
ARey und Xaviei Durrieu 24,379 Lieues car. Graberg de Ilemsö 
219,400 M. □ italiane. Jardine 50,000 (englische) Q.-M. Donndorf 
7425 Q.-M. J. Duval 57,000,000 Hectars und in Berlings ütaats- 
zeitnng von 1773 giebt Tempelmann 6287 Q.-M. fOr Fes, Taület 
und Marokko an. 

**) Nacli Henou, der Taat etc. nicht mit in seine Berech- 
nungen gezogen hat 

Boblfs. 3 



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34 

lasseui so namentlich die grosse Buclit von Alhucemas, 
fast gegenüber yon Malaga^ Hesse sich mit leichter 

Mühe zu einem prächtigen Ankerplatz ininv;indehi. 

An der Strasse Ton Gibraltar liegt Tanger mit 
einer zn weiten Buchte um nur als sichere Bhede be- 
trachtet werden zu können; der einstige kleine Haien 
der Stadt Tanger wurde von den fin^andem, als sie 
1G84 Tctiigti freiwilüg den Marokkanern überliesseu, 
zerstört 

Die ganze nun folgende längs des atlantischen 

Oceans in südwestlicher Richtung streichende Küste 
ist vollkommen flach und sanft das Meer hinabsteigend 
bis südlich von Mogador. Aeusserst gefährlich für die 
Schifffahrt, besonders bei nebeliger Witterung, hat man 
durchschnittlich in einer Entfernung von dreissig See- 
meilen erst hundert Faden Wasser. Holie Sanddünen 
hat das Meer an dieser langen Küste ausgeworfen^ die 
einen eigenthümlichen Anblick gewähren, weil sie nach 
der Landseite, oft auch nach der Seeseite zu nicht 
kahl, sondern mit Lentisken bewachsen sind. Und 
wahrscheinlich durch den Wind beeinflusst, bilden diese 
fünf bis acht Fuss hohen Lentiskenbüsche ein voU- 
konunen den Dünen glatt angepasstes Ganze, als ob 
sie gleichmässig oberlialb derselben beschnitten wären. 
Gute Häfen würden allerdings mit leichter Mühe her- 
zustellen, der Unterhalt indessen wegen des immer 
stark vom Meere ausgeworfenen Sandes kostspielig sein. 
Andererseits haben fast alle Mündungen der grösseren 



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85 

flüBse^ die wohl gat zu Häfen eingerichtet werden 

könnten, sehr starke Barren. 

Gleich südlich von Mogador, wo die Küste von 
Kord nach Süd his Agadir läuft, ist sie schroff ins 

Meer abfallend. Bei Agadir ist offenbai* der beste 
natürliche Ankerplatz, aber Yollkommene Sicherheit 
haben auch hier die Seeschiffe nicht. Von hier au 
weiter nach dem hiüden bewahrt die Küste wieder ihren 
Dttnencharakter, die Berge treten nicht mehr bis un- 
mittelbar an den Ocean hinan. 

An bedeutenden, bis ans Meer hineinragenden 

spitzen Yoi'gebirgen hat iiiau im Mittelmeer das Cap 
Tres Forcas oder £as el Deir; westUch von Melilla 
gelegen, hat diese Landzunge eme Länge von ungefllhr 
zwanzig Kilometer auf circa sieben Kilometer Breite, 
und die nordwestHche hat noch auf den Seekarten den 
speciellen Namen Cap Viego. Das weltbekannte Cap 
Espai'tei oder üas el kebir*) streckt sich nach Europa 
hin, während die nordöstliche Landspitze bei Ceuta, 
Cap Aliniua, unserm Erdtbeile noch näher liegt. An 
der langen atlantischen Küste des Landes haben wir 
nur das Cap Gher,. nordwestlich von Agadir, zu yer- 
zeichnen. Es ist hier der Punkt, wo die Haupt- Atlas- 
kette sich ins Meer stürzt. Alle übrigen auf den Karten 
verzeichneten Vorgebirge, wie Cap Blanco und Cap 
Cantin nördlich vom über- Vorgebirge, oder Cap Nun 

Auf den Karten audi Bas I^Jberdil geiuuuit 

Z* 



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südlich (laYon, spielen in der i^'urmation der Küste 
keine EoUe. 

Ein ge^vaitiges CTebirge, der Atlas, durchzieht 
Marokko von Südwest nach Nordost. Wir würden zu 
irren glauben , wenn wir die Gebirge Algeriens zum 
grossen Atlas rechnen wollten ; mögen die französischen 
(jeographen dort immerhin ihre der Küste parallel 
laufenden Gebirge als grossen und kleinen Atlas 
hezeichnen, mögen die Franzosen für die (iebnge Al- 
geriens den Namen AUas beanspruchen — wer beide 
Länder bereist hat, wird finden, dass Algerien nur 
ausgedehnte Hochebenen mit davorliegenden Gebirgs- 
ketten besitzt, der grosse Atlas ist nur in Marokko, 
und in dieser Beziehung gilt iiuch dius Zeugniss der 
Alten^ welche den grossen Atlas beim Cap Ghar ent- 
springen und beim beutigen Cap Bas el Deir enden 
hessen, oder umgekehrt. 

Im Grossen, kann man sagen, hat der Atlas eine 
hufeisenförmige Gestalt. GeÖ&et nach Nordwesten, 
ist die Spitze seines einen Schenkels das Vorgebirge 
Bas el Deir, die Spitze des andern das Vorgebirge 
Gher. Der Atlas bildet eine Hauptkette, welche durch- 
schnittlich nach dem Nordwesten, d. h. also nach der 
dem eigentlichen Marokko zugekehrten Seite durch 
breite Terrassen allniälig ins Tiefland sich hinein^iieht. 
Nach dem Südosten zu senkrecht und steil ab^Edlend, 
zweigt sich indess auf ungefähr 3P N. B., 0. L« 
von Ferro eme bedeutende Kette nach Süd -Südwest 



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87 

ab und läuft demnach fast mit der Haupticette des 
Atlas parallel. Der Abzweigungspunkt giebt dem Sus 

Ursprung. Etwas weiter von diesem Punkte haben wir 
überhaupt den eigentlichen Knotenpunkt des grossen 
AtiaS; den „St. Gotthard" dieses Gebirges. Wie bei 
den Schweizeralpeu ist aber auch hier nicht der höchste 
Gebirgspunkt, dieser scheint im Südwesten zu liegen, 
etwa südhch von der Stadt Marokko. 

Südlich von dieser Stadt haben wir den von War 

shington gemessenen Djebel Miltsin luit 1 1 ,700 Fuss.*) 
Höst berichtet von diesem Berge, dass nur Einmal 
innerhalb eines Zeitraumes von zwanzig Jahren sein 
Schnee geschmolzen sei, obschon Humboldt für diese 
Breite, die Grenze des ewigen Schnees höher aagiebt. 
Es ist dies um so auffallenfler, als man gerade hier 
erwarten sollte, die Schneegrenze höher zu finden. Es 
ist also wohl anzunehmen, dass Washington*s Bechnung 
nicht ganz richtig gewesen ist. Der Etna z. B. bei 
einer Röhe von 10,849 Fuss und fast 7^ nördlicher 
gelegen, hat nie Schnee im Sommer (das, was in einigen 
Felsspalten liegen bleibt, ist kaum zu rechnen und zum 
Tbeilkünsthch von den Bewohnern Catania's zusammen- 
getragen, um im Sommer benutzt zu werden). Nach 
den Aussagen der Bewohner dortiger Gegend verlieren 
die höchsten Atlaspunkte den Schnee nie. Bei der 
Uebersteigung des grossen Atlas, die ich selbst später 

*) 3475 Meter. 

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36 



zwiscIieTf Fes und Tafilet^ und etwas westlich vom 

Knotenpunkt des Gebirges ausführte, erlaubte mir mein 
mangelhaftes Aneroid nichti auch nnr annähernd richtige 
Messungen zu machen. Zu der Zeit verstand man bloss 
Aneroide zu constmiren, mit denen man höchstens 
bis 1000 Meter messen konnte; das meine zeigte nicht 
einmal so hoch. Wenn ich aber bedenke , dass dasselbe 
schon auf dem ersten Absatz, auf der Terrasse südhch 
yon Fes und Mikenes, zum Gebiete der Beni-Mtir 
gehörend; den Dienst versagte, dass ich dann aber, 
mehrere Tage nach einander immer steigend, ver- 
schiedene Terrassen und Phitcaux zu überwinden hatte, 
so glaube ich, dass die höchste Passhöhe auf dieser 
Strecke, „Tamarakuit^' genannt, kaum unter 9000 Fuss 
sein dürfte. Aber wie hoch lliürmten sich daneben 
und nach allen Seiten hin die schneeigen Spitzen des 
Atlas selbst auf! Späteren Zeiten und späteren For- 
schern niiisö (hes zu erforschen vorbehalten bleiben. 

Von diesem Knotenpunkt aus werden noch einzelne 
Ketten nach dem Osten und Süden gesandt, im Ganzen 
hört aber der Charakter als Kette nach diesen Eich- 
tungen auf: das Gebirge erweist sich mehr als em 
Gewirr von einzelnen schroffen Felsen und zerklüfteten 
Beiden. Aber die Hauptkette des Atlas ist erhalten, 
sie geht mittelst der Djebelaya (Gebirgsland) und dem 
Djebel Garet direct nach Norden, um mit dem Cap 
Bas el Deir am Mittelmeer zu enden. Vorher jedoch, 
etwa auf dem 14P 0. L. von Ferro und 34° 40' N. ß. 



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89 

entsendet diese Hauptkette einen Zweig gegen Nord- 
westen; es ist das Bi^ebirge» welches an der Strasse 
Tim Gibraltar sein Ende erreicht. Ausserdem schickt 
der grosse Atlas zahh-eiche kleinere Zweige in das von 
ihm umschlossene Dreieck zwischen Bas el Deir imd 
Kas Gher. So sind die Gebirge bei TJesan, die Berge 
nördlich von Mikenes nur Ausläufer des nördlichen 
Biesengebirges, welches selbst weiter nichts als ein 
Zweig des Atlas ist, während das sogenannte Djebel 
el Hadid em directer Zweig des grossen Atlas ist, 
obschon Leo sagt:*) „Der Berg Gebel el Hadid ge- 
nannt, gehört nicht zum Atlas; denn er fängt gegen 
Norden am Gestade des Oceans an und dehnt sich 
nach Süden am Flusse Tensift aus.'* Von den Höhen 
des Kif-Gebii*ges sind nur die vom Meere aus gemes- 
senen Punkte bekannt, deren es bis zur Höhe von 
circa 7000 Fuss**) giebt; weiter nach dem biiden 
dürften in dieser Kette Berge von noch bedeutenderer 
Höhe sein und diese mindestens dem Djurdjura-Gebirge 
in Algerien gleichkommen. 

Haben wir somit durch Zeichnung der Hauptlinien 
der Gebirge von Marokko ein Bild gewonnen, so bleibt 
uns nur übrig zu sagen, dass alles Land von der 
iiördHchen Kante des Atlas bis zum atlantischen Ocean 
und Mittelmeer YoUkommen culturföhig ist Der Aus- 

*) Leo, treherB«tKiing 7011 Iiomnann. 

♦*) Stiel er ö Atlas uud Petennanns Mittbeilungeü, 1865, Taf. 6, 



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40 



druck „Tel^^ für cultur^lhiges Land ist in Marokko 

nicht bekannt. Solche Gegenden und Unterschiede 
davon; existireu nur in Algerien, durch die Bodenbe- 
schaffenheit bedingt. Der einzige Strich nordlich in 
Marokko, d. h. auf der Abdacbuug nach dem Mittel- 
meere zu, der nicht die Fruchtbarkeit des Yollkommen 
culturfllhigen Landes besitzt^ ist das sogenannte Angad, 
südiicli vom Gebii'ge der Beiii-Snassen und vom mitt- 
leren Laufe der Muluya durchzogen. Aber keineswegs 
ist dieser Boden hier wüstenhaft, steril und vegetations- 
los, ebensowenig, wie es die Hochebenen Algeriens 
südlich Yon Sebda, Saida oder Tiaret sind. Wenn nur 
der feuchte Niederschlag reichlich ist und zur rechten 
Zeit erfolgt, sehen wir überall den Boden in Acker 
umgewandelt. So im Angad auch, eine Landschaft, die 
seit dem unglückhchen Versuch Ah Bey's el Abassi, 
durchzureisen, als yoUkommene Wüste yemifen, sibest 
nichts weniger als vegetations- und wasserlos ist. Sie 
wird dui'chflossen von einem der mächtigsten Ströme 
Marokko's, ist das nicht schon bezeichnend genug? 

Marokko, auf diese Ai-t ausgezeichnet, ist das Land 
von Nordalxika, welches den breitesten Gürtel von cul- 
turföhigem Lande hat, und dies nicht nur nördlich yom 
grossen Atlas, sondern auch das lang gezogene Dreieck 
südhch von demselben, durch diesen und seine nach 
Südsüdwest gesandten Zweige eingeschlossen: das ganze 
Sus-Thal ist zum Anbau geeignet. 

Wie Algerien und Tunis, so hat auch Marokko 



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I 



41 



seine Vorwüste. Wir verstehen für Marokko unter diesem 
Kamen den Baum, der sich hinerstreckt vom atlantischea 

Ocean bis zur Grenze von Algerien einerseits^ vom 
Südabhange des Atlas bis zu den Breiten, welche durch 
die Südpunkte der grossen Oasen gehen, andererseits. 
Wir schliessen jedoch Tuat von dieser Vorwüste aus, 
beanspruchen diese Oase im Gegentheil für die grosse 
Wüste. Auch diese Vorwüste, oder, wie die Franzosen 
in Algerien das entsprechende Terrain benennen^ y,petit 
desert'S keineswegs ohne Cultur und nach recht- 
zeitigem ßegen sieht man auch hier manchmal Getreide 
aus dem Boden sprossen, wo vordem der Wanderer 
jede Cultur für vollkommen ttnmöglic& gehalten haben 
würde. 

Wie der ganze Norden von Afrika, d. h. besonders 

die Berberstaateu ni Bodenformation dasselbe Gepräge 
zeigt, wie wir es in den übrigen um das Mittehneer 
gruppirten Ländern finden, so zeig^ auch die Flüsse 
Marokko's einen Laut, der nicht abweichend ist von 
dem der anderen Länder, d. h. sie sind nicht unver- 
hältnissmässig lang, haben zahlreiche Krümmungen und 
eine starke Verästelung nach der Quelle zu. Jene lang- 
gezogenen Wasserläufe, ohne Nebenflüsse, wie sie der 
übrige weite Norden von Afrika so häufig aufzuweisen 
hat, und deren Bilder wir am besten im Draa, Irharliar 
und Nil wiedergegeben sehen, giebt es im eigentlichen 
Marokko nicht. 

Einer der bedeutendsten Ströme von Nordaäika 



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42 



(Nil natürlich ausgenommen) unter denen, die dem 
Mitielmeer tributar sind, ist die Muhiya. Ungefölir 

beim östlichen siebenten Längengrad von Ferro auf 
der Ostseite des grossen Atlas entspringend, bekommt 
die Mnlnya ausser vielen Nebenflüssen ibren Hanpt- 
zustrom vom Süden, dem Ued-Scharef, ein Gewässer, 
fast so mächtig, wie die Muluya selbst Dicht bei der 
algerischen Grenze, etwa 10 Kilometer westlich davon, 
und etwa 10 Kilometer östlich von Cap del Agua, welches 
gerade südlich von den spanischen Inseln I^afarin liegt, 
ergiesst sich die Muluya ins Mittelmeer. Die Länge 
dieses Stromes auch nur annähernd in Zahlen ausdrücken 
zu wollen, wie Hems5 das getban bat, ist jetzt, wo 
noch von Niemandem die Quelle des Flusses erforscht 
wurde, em vollkommen überflüssiger Versuch. Wir 
wollen nur erwähnen, dass die Länge der Muluya etwas 
geringer als die des Ohelif zu sein scheint, und dass 
die Muluya ungefähr ein gleiches Gebiet beherrscht 
wie der spanische Fluss Guadal(iiiivii\ 

Auf der oceänischen Seite haben wir, von Norden 

aniViiigend, den Ued Kus*) oder el Kus. Dieser Fluss, 
der die Achtbarsten £benen in zahllosen Krümmungen 
durchzieht, woher sein Name, geht bei L'Araisch ins 
Meer, empfängt aber dicht vor seiner Mündung den 
Ued el Maghasen, bekannt durch die Drei-Eönigs- 



♦) "Rpi "Rfnon Ijonkong, bei TTöst Lnccos, SUeler Anloos, 
J»piL90A ei koft9 tto4 liuccos, Malt«an Aulcos, 



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43 



Schlacht; beide Flüsse kommen vom Rif-Gebirge und 
dessen Anslänfern. 

Weiter der Küste folgend, kommen wir sodann 

auf den bedeutenden Ued Ssebü. Mit zwei Armen 
gleichen Namens ^ von denen der eine vom grossen 
Atlas anderthalb Grad südUch von Fes, der andere 
aber vom grossen Atlas östlich von Tesa entspringt, 
haben diese Arme, welche sich imgefahr eine Stimde 
nordlich von Fes yereinigen, yerschiedene Nebenflüsse, 
beide ändern auch häufig den Nanien, um den alten 
vielleicht später wieder aufzunehmen. Von Osten her 
erhält sodann nach seiner Conjnnction der Ssebö auf 
seinem rechten Ufer den bedeutenden Uargha vom Kif- 
G«birge und vom Südosten her auf seinem linken Ufer 
den Bet. Der Ssebü, welcher sich bei Mamora*) ins 
Meer ergiesst, würde leicht bis zu dem Punkte, wo sich 
der Uargha mit ihm vereint, schifibar gemacht werden 
können. Die Länge seines Laufes ist ebenso bedeutend, 
als die der Muluya. 

Der von den vorderen Terrassen des grossen Atlas 
kommende, aber unbedeutende Fluss Bu Bhaba**), in 
nordwestiicher Eichtung fliessend, ist nur erwähnens- 

♦) Auf den mri'^tcn Karten so vcrzeichuet, Ort, der Ton den 
Marokkaoern Mehdia genannt wird. 

**) Der auf den Karten verzeichnete Name Buragrag dürfte 
falsch sein; die Marokkaner nennen ihn Bn Ehaha, Vater des 
Waldes ) d. h, waldreich. Bii-Rgag oder Rgig würde h^issen der 
„Vater der £d^, 3u-|Uiia>» „Vater des Oeliöbes'S 



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44 

Werth, weil an seiner Mündung die bedeutenden Städte 
Rbat und Sla liegen. 

Der Fluss Um-el-Rbea (Mutter der Kxäuter, oder 
der £räuterreiche) entspringt mit einem mächtigen 
G^eS«te aus dem grossen Atlas, fliesst seiner Haupt- 
richtung nach nach Nordwest, um bei Asamor, einer 
bedeutenden Stadt, den Ocean zu erreichen. Benou 
nennt ihn den bedoutcndsten Fhiss vom Norden AlVika^s 
(natürlich der Nil immer ausgenommen) und stellt ihn 
auf gleiche Stufe mit der Garonne und Seine. Auch 
dieser Strom ist leicht schiftbar zu machen. 

Merkwürdigerweise hat der grosse Tensift, der 
ebenfalls mit vielen Nebenflüssen aus dem Atlas ent- 
springt, an seiner Mündung, die zwischen Asti und Mo- 
gador liegt, keine Besiedelung. Gerade weil er vorher 
der von jeher bedeutenden Stadt Marokko Wasser zu- 
führt, sollte man denken, an seiner Mündung auch eine 
Stadt zu finden. Obgleich von bedeutender Breite, 
kann der Fhiss bei Ebbezeit an der Mündung durch- 
watet werden. 

Mit Ausnahme der Muluya entspringen alle diese 
Ströme am Nordwestabhange des Atlas ; übersteigt man 
sodann die Ausläufer dieses Gebirges und das Gerippe, 
welches im Cap Gher endet, so erreicht man die 
Mündung des 8us, ungefähr SQP 20' N. B. Der Sus 
hat fast vollkommen östliche Herkunft und entspringt 
in dem Winkel, den der grosse Atlas und der von ihm 
nach Westsüdwest entsandte Zweig bilden. 



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45 



Weiter nach dem Süden zu kommt sodatm^ auf den 
meisten Earten vemichnet^ der Ued Nun. Der Name 

Ued Nun bedeutet aber weiter nichts als eine Land- 
schalt oder Provinz y wie wir aus den neuesten For« 
schungen von Gatel ersehen können. Der dort existirende 
Strom heisst Ued Asaka, und es ist dies der i^ luss, 
dessen Nun-Mündung auf den Petermann'schen Karten 
als Aksabi verzeichnet steht, was dasselbe ist. 

Wir haben sodann eines echten Wüstenstromes 
Mündung^ die des Draa**") zu verzeichnen. Mit kleinem 
Geäste aus dem giussen Atlas entspringend, ungefähr 
unter dem 1^^ O. L. von Ferro geht dieser Strom 
direct und ohne nennenswerthe Nebenflüsse zu erhalten 
bis zum 29^ N. L. nach Süden, sclilägt dann aber 
westliche Bichtung ein, um unter 10' in den Ocean 
zu fallen. Dieser lange Lauf, ein Sechstel mindestens 
länger, als der des Eheins von der Quelle bis zur 
Mündung, hat beständig Wasser, auch im Hochsommer 
bis zu dem Punkte, wo der Strom von der Südrichtung 
eine westliche Sichtung einschlägt. Die Wassermenge, 
" die der Draa fortschwemmt, ist in den oberen Theüen 
des nordsüdlichen Stückes dennoch nicht bedeutender, 
als etwa diejenige der Spree bei Berlin; sie wird dann 



*) Wir erwähnen der Ssegiat el Hamra, weil sie auf den 

meisten Karten als Fluss verzeichnet ist, als in die Mündung 
des Draa einfiips?cnd. Der Name Ssegiat hat aber immer etwas 
KfinstlicheA in sich und Gatel auf seiner Karte veizeidmet sie 
nicht. 



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am südliclieu Ende des \on Nord nach Süd iliessenden 
TheileSy nachdem der Strom, sogar mehrere Male ver-. 
schwindet und yiel Wasser durch Irrighren yerbraucht 
ist, so genug, dass man diesen grossen Strom, wie er 
sich zur Herhstzeit, kurz vor dem Eintritt der Begen- 
periode auf dem Atlas präsentirt, hinsichtlich der 
Wasserarmuth kaum erneu Bach nennen kann. 

Dass überhaupt noch so viel Wasser bis zum Um- 
bug Jahr aus Jahr ein herabkömmt, nachdem der 
heisse Wind der Sahara im Jj'rülijahr und im Sommer 
mit Macht daran gezehrt hat, nachdem Tansende Ton 
Feldern und Gärten, die sich längs der Ufer hinziehen, 
Tag und Nacht vom Wasser des Draa berieselt werden, 
das eben spricht für die Möglichkeit der Schneelage 
des Atlas, aus welchem der Flms gespeist wird. 

Ob aber ein stets Süsswasser haltender See, der 
Debaya, auf seinem weiteren Laufe nach dem Westen 
zu vom Draa durchflössen wird, möchte sehr zu be- 
zweifeln sein. Allerdings sendet gleich nach der Begen- 
zeit auf dem Atlas der Draa seine ^\ asser fort bis 
zum Ocean, aber in der trockenen Jahreszeit trocknet 
der ganze untere Theil des Flusses aus. Nicht weit 
von dem Orte, wo der See sein sollte, sagten mii* die 
Bewohner, ein solcher existire nicht. £in Sebcha, d. h. 
ein salziger Sumpf, wie ihn Petermann auf seinen 
neuesten Karten verzeichnet hat, könnte indess wohl 
vorhanden sein. Benou spricht sogar dem Debaya eine 
dreimalige Grösse des Genfer Sees zu. 



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% 

47 



Als ebenfalls vom Südostabliauge des Atlas kom- 
mend und nach der Sahara abfliessend, haben wir dann 
den Sis zu nennen; ein echter Wiisteiiiiu.ss uline alle 
Nebenflüsse; und nur in seinen ersten zwei Dritteln 
oberirdisch yerlaufdnd^ tränkt er unterirdisch noch die 
ganze grosse Oase Tafilet, um südlich davon den Salz- 
snmpf Daya ei Dama zu bilden^ der nach starken Regen- 
ergUssen zu einem See sich gestaltet. Von Nordwesten 
her liat der iJaya el Daura noch Zuflüsse durch den 
Üed-Ghnas. 

Einen ebenso langen , -wenn nicht noch längeren 
Lauf hat der Fluss, der die Oase von Tuat speist^ aus 
Tsrschiedenen Zweigen, von denen einige unter dem 
33® N. B. entspringen, zusammengesetzt. Ich verfolgte 
den Muss fiast bis zum 26® N. B.f ohne dass ich bei 
Taurhirt schon sein südlichstes Ende erreicht hätte. 
Dieser Fluss, den man Vned Tuat nennen könnte, setzt 
sich aus dem Ued Gher, Ued Knetsa und einigen 
minder bedeutenden zusammen, erhält nacli der Ver- 
einigung den Namen Ued Ssaura, und sobald er das 
eigentliche Tuat betritt; den Namen Ued Mssaud. Von 
Osten soll er südlich von Tuat durch den Fluss Aca- 
raba verstärkt werden. Da er schon bei seinem £nt- 
i^ringen aus dem Ober und Knetsa gar nicht oberirdisch 
Wasser hält, so ist es nicht wahrscheinlich, dass er 
dem Draa oder dem Ocean zugeht, wie Duveyrier meint, 
ebensowenig aber glaube ich , dass die von mir firüher 
mitgetheilte Nachricht der Eingeborenen, der Mssaud 



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48 



ergösse sich nacli sehr starken AnschweUungen bis zum 

Niger, auf Wahrheit beruht. 

Da wir den oben angeführten Debaya vorläufig 
trotz Renon nicht als See anzuerkennen brauchen , ja 
nicht einmal mit Bestimmtheit behaupten küniien, ob 
ein Salzsumpf dort ist, so haben vir eigentlich gar 
keine nennenswerthen Seen in Marokko zu verzeichnen^ 
denn der von Leo erwähnte See unterhalb der „grünen 
Berge", den er mit dem See von Bolsena in der Nähe 
von Rom vergleicht, ist nirgends zu finden^ es möchte 
denn der Meine auf der Beaumier'schen Karte ver- 
zeichnete Salzsee sein, Zyma genannt, der ungefähr so 
gross wie der See von Bolsena zu sein scheint. Der 
einzige von mir entdeckte kleine Süsswassersee, Daya 
Sidi Ali Mohammed genannt, ungeßUir 3 Stunden lang 
und Stunde breit, liegt auf der Höhe des grossen 
Atlas zwischen Fes und Tafilet. 

Erwähnenswerth ausser dem Daya el Daura, süd- 
lich von Tafilet ist nur noch der grosse Salzsumpf von 
Gurara im Norden von Tuat, ungefähr zehn deutsche 
Meilen lang und an seiner dicksten Stelle fünf deutsche 
Meilen breit, endlich der Sign Sebcha (Salzsumpf), 
ungefähr zehn Meilen südwestlich von Schott el Bharbi 
gelegen, dessen siidwesthche Hälfte nach dem Frieden 
von 1844 zu Marokko, die östliche dagegen zu Algerien 
gerechnet wird. 

Ohne Widerrede befürchten zu müssen, kann man 
behaupten, dass Marokko von allen Staaten Nordafnka^s 



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49 



das gesundeste Klima besitzt. Der Grund davon ist 
zum Theil in der bedeutenden Erhebting des Landes 
m suchen y in den erfrischenden Winden vom Mittel- 
meere und vom Ocean, in der Abwesenheit sumpüger 
Niederungen*), wie man sie in Algerien so häufig beim 
Anfange der Besiedelung durch die Franzosen antraf; 
dann in den reichen Waldungen der Stufen des Atlas, 
welche die Hitze müdem und zugleich den Flüssen in 
Verbindung mit dem Schnee der Gipfel im Sommer 
das Wasser constant erhalten; endlich in der Abwesen- 
heit jener Schotts oder flachen Seen und Sümpfe, wie 
sie Algerien und Tunis von Westen nach Osten durch- 
ziehen. 

Im Allgemeinen kann man sagen ^ dass in ganz 
Marokko ein mildes warmes Klima herrscht ; denn wenn 
auch die Telam- und Nun-Gegenden mitithadames und 
den südlichsten Oasen Algeriens^ was Breite anbetrifit, 
correspondiren, so wirken die consUmten Seewinde doch 
so lindernd, dass die Temperatur bedeutend kühler ist 
als in diesen Strichen. Und wenn auch die Spitzen 
der Atlasberge, die wie der Milstin mit einer Höhe 
Ton 3475 Meier, der Alpenhöhe yon 2300 Meter ent- 
sprechen, oder auch dem ALeeresniveau von Norderney, 
wenn diese Berge des Atias eine mittlere Jahres-Tem- 
peratur yon nur 0^ haben, so würden wir nicht fehl 
zu greifen glauben, wenn wir sagen, die Summe der 

*) Die wenigen Sümpfe bei L'Araisch kommen zum grossen 
Ganzen nicht in Betracht 

Rohlfs. 4 



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50 



mittleren Temperaturen Maroidco's wfirde 18» B. l>e- 
tragen. 

Der Atlas bildet die natürliche Scheide in den 

Temperaturverhältnissen. Während nördUch am Atlas 
die Begenmonate im Octoher heginnen und bis Ende 
Februar anhalten, ist der EegenfiEdl südlich vom Atlas 
nur im Januar und der ersten Hälfte des Februar und 
erstreckt sich landeinwärts etwa bis zum 10. Längen- 
grad östlich Ton Ferro, so dass die Braa-ProTinzen in 
ihrem südlichen Theile nicht davon berührt werden. 
In der Oase Tafilet ist BegenCall schon äusserst selten, 
und in Tuat regnet es höchstens alle 20 Jahre ein 
MaL Eine Regenlinie wäre also südlich vom Atlas 
etwa so zu ziehen: Tom ]0<* 0. L. von Ferro und 29^ 
N. B. in schräger nordöstlicher Linie mit dem Atlas 
parallel zu den i? igig-Oasen. Der feuchte Niederschlag 
ist in den nördlich vom Atlas gelegenen Theilen sebr 
bedeutend, ebenso auf dem Atlas selbst, südlich davon 
nur massig. 

In der Zeit Ton October bis Februar herrschen 

fast nur Nordwestwinde imd am wechselvollsten ist der 
Februar, wo an einem Tage sechs bis sieben Mal 
Winde mit einander kämpfen. Im März sind Nord- 
winde vorherrschend und dann von diesem Monat an 
bis Ende September Ost, Südostwinde und Süd. An 
den Küsten des Oceans in den Sommermonaten von 
9 Uhr Morgens an ein stark kühlender Seewind bis 
Nachmittags, wo der Südost wieder die Oberhand ge- 



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51 



wnmt; indefls ist dieser Wind so kühlend, dass Lempiere 
Eecht hat zu sagen: „Mogador^ obschou sehr südlich 
gelegen^ hat eine ebenso küble Temperatur als die ge? 
mässigten Klimate von Europa." Die Südost- und 
Südwinde führen oft Heuschreckenschwärme mit sich, 
so in den Jahren 1778 imd 1780. Lidess scheint der 
Atlas ein wirksamer Damm gegen diese Eindringlinge 
zu sain^ da sie im Norden des Gebirges nur vereinzelt 
beobachtet werden. 

Bestmimte Beobachtungen für die mittlere Tem- 
peratur einzelner Orte liegen nur wenige Tor. Tanger 
hat nach Benou eine mitÜere Temperatur Ton IB^ 
(Celsius), was aber vielleicht 2'^ zu viel sein dürfte. 
Für Fes kann man bei einer Erhebung von 4 — bO(^) 
Meter + 16 — 17° (Celsius) rechnen. Üesan, welches 
circa 250 Meter hoch liegt, dürfte eine mittlere Tem- 
peratur von IS^ (Celsius) haben. In der Stadt Ma- 
rokko kann die mittlere Temperatur höchstens -\- 20® 
(Celsius) sein, da die Datteln nicht reifen^ diese brauchen 
mindestens + ^ Durchschnittswärme. In Tarudant^ 
wo die Datteln schlecht reifen, dürften vielleicht -f- 21<* 
Durchschnittswärme sein. Hemsö führt noch an, dass 
im Winter weder in einem Hafen noch in irgend einer 
Stadt je das Thermometer unter + sinkt. In 

üesan beobachtete ich eines Tages im December leichten 
Schneefidly und die Leute sagten mir, es käme dies 

*) Nach Benoa; da aber Fes wobl niedriger li^ iriid auch 
die Temperatur woU nm einige Grade hoher sein. 

4« 



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53 



alljährlich Yor, aber der Schnee bleibt nie liegen. 
Ans Gatel'fl Beobachtongen ist in Tekna das Ther- 
mometer in dem Wintermonaten December 1 864, Januar 
nnd Februar 1865 durchschnittlich um 7 Uhr Morgens 
+ 13^ (Celsius) gewesen, „es kam nie nnter + 6*> nnd 
stieg nicht höher als + 18^ (Celsius)*'. In den Monaten 
September nnd October beobachtete ich in Tnat eine 
mittlere Temperatur von -\- 19^ vor Sonnenaufgang. 
Diese Oase des Kaiserreichs Marokko würde also un* 
gefähr dieselbe Durchschnitts -Temperatur wie Fesan 
haben. 

Kleiden wir noch einmal als £rgebniss das marok* 
kanische Khma in Worte, so möchten wir das anführen, 
was HemsÖ sagt: „11 clima di tutta questa regione ö 
di piil saLubri e di piü belU di tutta la superficie del 
globo terrestre.'^ 



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9 



3. JJeoijflerung. 



Für eui Uaiidy in dem nie statistische Untersuchungeii 

angestellt worden siud, auch nur annähernd richtig die 
Zahl der Einwohner angeben zu wollen, ist äusserst 
schwer, und wenn för ganz Afrika in dieser Beziehung 
die abweichendsten Angaben herrschen, so noch speciell 
fiir Marokko. Während z. B. Jackson die übertrieben 
grosse Zahl von 14,886,600 Einwohnern angiebt, hat 
Kiöden in seiner neuesten Geographie nur 2,750,000, 
während Daniel 3 — 5,000,000 annimmt. 

Durch Vergleich kann man am ersten auf an- 
nähernde Wahrheit konuuen, und den besten Vergleich 
können wir machen mit Algerien, wo bei ähnlicher 
Bodenbeschafienheit und bei fast gleichen klimatischen 
Verhältnissen eine ungefähr gleiche Dichtigkeit der 
Bevölkerung besteht, die sich (im Jahre 1867) auf 
2,921,246 Seelen belauft. Da nun Marokko mindestens 
noch ein Mal so gross ab Algerien ist, ausserdem 
grosse Oasen (Draa, Tafilet und Tuat) besitzt, endlich 
südhch vom Atlas grosse und Achtbare Provinzen 
(Sus und Nun) längs des atlantischen Oceans hat; so 



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54 



glauben wir nicht zn übertreiben , wenn wir die Be- 
völkerung von Marokko auf 6,500,000 Einwohner 
schätzen. 

Wir können jetsst mit ziemlicher Bestimmtheit an- 
nehmen, (iass, noch ehe die Phönizier nach Nordafrika 
kamen, noch bevor die Libyer oder Nomider Norda£rika 
bevölkerten, ein anderes Volk dort hauste. Berbrügger^ 
Desor u. A. haben die Kxistenz von Dolmen in Algerien 
nachgewiesen, man findet dolmenartige Grabmaler in 
Fesan, nnd dohiienartige Hügel konnte ich wenigstens 
in Eüner Gegend Marokko's constatireni an einem Berg- 
abhange Öst^ch von üesan. üngeföhr zwei Standen 
von der Stadt entfernt, führte uns in Begleitung des 
Grossscherifs eines Tages eine Jagd dorthin. Leider 
war es bei der dortigen Furcht, Gräber zu verletzen, 
und sollten sie selbst von Ungläubigen herrühren, voll- 
kommen unmöglich, eine nähere Untersuchung anza* 
stellen, oder gar die Grabhügel zu öffiien. Ob nun 
diese Dolmen auf Kelten, Tamhu oder andere Urein- 
wohner zurückzuführen sind, müssen spätere 2ieiten 
entscheiden; auch Marokko wird den Zeitpunkt erleben, 
wo es dem europäischen Forscher gestattet sein wird, 
frei und ungehindert seine Studien dort anzustellen. 

TMe Punier legten zahlreiche Colonialstädte dort 
an; Hanno selbst gründete bei seiner Umschiffimg 
Hafenpliitze. von denen uns die Namen erhalten sind. 
Aus den Schriften von Ptolemäus und Plinius ersehen 
wir ziemlich genau, wo die einheimischen Stämme — 




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f 



55 

Maiui, Maurenses, Numidae — alles dies ist nur eine 
Terscbiedene Benennung für dasselbe Volk — ihr Gebiet 

haben. Vou diesen sind als die hauptsächlichsten die 
Autolalen^ die Sirangen^ die Mausoler und Mandorer 
hervorzuheben; alle diese, wie die weiter im Innern 
wohnenden Gaetuler sind das im Norden von Afrika 
einheinfiische Berberrolk'"). Sömische, Tandalische und 
gothische Berührung mit diesem Volke fand statt, hat 
aber auf den eigentlichen Bewohner Nordafrika's wenig 
Einfluss gehabt, da die YenDiscbung jener mit den 
Kumidcrn nur ausnahmsweise vor sich ging. 

Wichtiger iiir Nordafrika's Bevölkernng^ ndtbin 
auch für Marokko wurde der Einbruch der Araber. 
Wir haben eine zweifache Invasion, die eme direct 
von Osten kommend, die andere weit später yor sich 
gehend : die Zurückvertreibung der Araber aus Spanien, 
denn wenn auch nach Spanien gemeinsam Araber und 
Berber unter Mussa und Tank gezogen waren, so 
kamen nur Araber von dort zurück. Es versteht sich 
wohl von selbst, dass damit nicht gemeint ist, die 
Berber seien in Spanien zuräckgeblieben. Die Tfaat- 
sache erklärt sich so, dass beide Völker dort im fremden 
Laude in einander aufgingen, in Spanien waren sie 
Angedchts der Christen nur Mohammedaner, und die 
Gemeinsamkeit der Sitten, und namentUch der Eeligion 
fiihrte dort rasch die Berber zur Annahme der arabischen 
Sprache. Der Spanier kannte denn auch nur los Moros 
*) Siehe Maonert und das interessaate Scbriftcheu von Enöteh 



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56 



oder loB Hahometanos. Die Sesslialitigkeit beider, so- 
wohl der Araber als auch der Berber trag noch mehr 
za einer Yerschmebning bei, bo dass, als sämmtliehe 

Mohammedaner ans Spanien vertrieben wurden, Berber 
und Araber sich selbst nicht mehr unterscheiden 
konnten; aber die Araber hatten yermöge ihrer geistigen 
Ueberlegenheit, veriiiüge der Religion, deren Träger sie 
besonders waren, äusserlich in jeder Beziehung die 
Berber absorbirt. 

Nicht so in Marokko selbst. Bis auf den heutigen 
Tag hat sich dort das Urvolk, die alten Numider, Ton 
den Arabern fem nnd nnvermiscbt erhalten. Allerdings 
kommen wohl in den Städten und grösseren Ortschaften 
Heirathen zwischen beiden Völkern vor, auch giebt 
wobl der Schieb einer grossen Berbertribe dem Sultan 
oder einem Grossen des Reiches seine Tochter zur 
Frau, oder sucht sich selbst eine solche unter den 
Töchtern der Araber, im Ganzen stehen sich aher 
heute Araber und Berber so ^emd gegenüber, wie zur 
Zeit der ersten Invasion. 

Der Unterschied der meisten Reisenden zwischen 
reinen Arabern und Halbarabem^ zwischen Mauren, 
Mooren etc., ist ein voUkonunen wülkürlicber, anf 
Nichts basirter; ebenso ist der Name Beduine in Ma- 

L 

rokko Tollkommen unbekannt, selbst die in den Halen- 
städten sesshaften Europäer wenden den Ausdruck nicht 
an. Die Araber nemien sich in Marokko Arbi, d. h. 
Araber; wollen sie ihr specielles jetziges Heimathsland 



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57 



damit in Verhmdimg bringen ^ so nennen sie Bich (in 

diesem Falle aber ist es einerlei ^ ob der Redende 
Araber oder Berber, Jude oder auch Neger ißt)'„Eliarbi" 
oder y^Bharbaiii^' (der vom Westlande), oder aucli 
jjiiiiii el bled es Sidi Mohammed" (vom Laude des 
Herrn Mohammed). Was die Berber anbetriltt, so 
nennen de sich ^^Masigh" oder ^yScbellah"; das Wort 
„Berber" ist ihnen aber keineswegs unbekannt, nament- 
lich südlich vom Atlas. Aber als ob sie sich des 
Ursprunges des Wortes bewnsst seien, h5ren sie sich 
nicht gerne so bezeichnen und nennen sich selbst 
nie so. Was die Juden anbetrifft, so nennen sie sich 
imd werden „Jhndi" genannt. Die Europäer werden 
y^uuü" oder ^^Nssara" und die Schwarzen im Allge* 
meinen „Qnani^' nnd ihre Sprache ^^Gnanya'^ genannt. 
Das Spanische der Juden,, die verschiedenen Sprachen 
der Europäer ^Eusst man im Laude unter dem gemein- 
samen Namen ^^el adjmia^' zusammen. 

Wir haben es also heute nur mit zwei Haupt- 
TÖlkem in Marokko an thnn, mit dem ursprünglich in 
Nordafirika einheimischen , dem Berbervolke, und mit 
dem von Asien her eingewanderten, dem Arabervolke. 
Benon nnd Jackson, die Tersucht haben, die verschie- 
denen StSmme aus Triben aufzuzählen, zum Theil so- 
gar versucht haben, ihnen bestimmte Wohnsitze oder 
Provinzen zuzutheüen, sind indess weit von der Wahr- 
heit entfernt geblieben. Der eine fuhrt einen Stamm 
als irgendwo sesshaft an, wo er vielleicht seiner Zeit 



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58 

war, aber jetzt nicht mehr iet; der andere führt Ber^ 

her-Triben als Araber auf. So sagt Renou in seinem 
y,L'Empire de Maroc'^ p. 393: „Die Berber bestanden 
ursprünglich aus fünf Zweigen: S'enhS4jay Ma'smonda, 

Haouara « Ziuita und irmara oder iruiura ; aber alle 
diese Abtheüungen, welche den Bömem unbekannt ge« 
blieben sind, hatten viele Unterabtheünngen'' etc. Benou 
schöpft aber nur aus Leo's Berichten. Wenn dann 
£«nou noch auf derselben Seite seines angeführten 
Werkes sagt: „Gegenwärtig sind die Berber in ver- 
schiedene grosse Fractionen getheüt, die keineswegs 
den ursprünglichen fünf Abtheilongen entsprechen« 
Jn Marokko sind es die Oheylleuh' nnd die Amasar' 
etc.'', so kann ich versichern, dass man in Marokko 
von dieser Abtheilnng nichts weiss. Für Algerien 
nimmt Renou sodann „die Kbail und im Aures die 
Chaouia^ wovon ein Zweig in der marokkanischen 
Provinz Temsena ezistirt", in Anspruch. Aber was 
bedeutet denn in Algerien der Name Kbail, Kabyl? 
Weiter nichts als Bergbewohner, und dieselbe Bedeu* 
tung hat er in Marokko auch; der Einwohner von 
Uesan, von Fes nennt die umwohnenden Leute der 
Gebirge, einerlei, ob sie Berber oder Arab^ sind: 
Kbail. 'Selbst wenn man im Stande wäre, heute mit 
Genauigkeit angeben zu können, ein gewisser Stamm 
habe irgend ein Gebiet inne, würde das wohl morgen 
immer noch der Fall sein? Ich selbst konnte in Ma- 
rokko constatiren, wie ein Stamm den andern verdrängt 



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59 



Unter diesen Völkern findet heute noch immer eine 

Völkerwanderung im Kleinen statt. Ausgebrochene 
Feindseligkeiten, eingetretene Dürre eines Weideplatzes, 
Henschreckennothy oft auch ganz onhedeutende Gründe 
veranlassen ganze Stämme zum Wandern, um sich be- 
gfinstigtere Gegenden ao&usnchen. 

Was Zahl und Ausbreitung beider Völker anbe- 
trifft, so finden vir in Marokko, dass die Berber nicht 
nur bedeutend zahlreicher, sondern auch über einen 
viel grösseren Kaum des Landes verbreitet sind. Ganz 
rein arabisch sind nur die Landschaften Eharb und 
Beni Hassan südlich davon, endüdi Andjera und der 
Küstensaum vom Cap Espartel bis Mogador. Denn 
selbst die Landschaften Schauya, Dukala und Abda 
haben theils arabische, fheils berberische Triben. Mit 
Ausnahme der grossen Städte und Ortschaften, in 
denen die Araber überall das überwiegende Element 
bilden, kommen sie sodann nur noch sporadisch vor. 
So findet man einzelne Arabertriben im grossen Atlas, 
im Nun- und Sus-Gebiete, in der DraarOase finden wir 
aahlreiche nur von Arabern bewohnte Ortschaften 
(später gaben mir die Draa- Bewohner an, dass die 
nördliche Hälfte des Draa-Thales, also tou Tanzetta 
bis zum Atlas, ausschliesslicli von Arabern bewohnt 
sei, was ich aber bezweifein möchte), ebenso in Tafilet, 
ausserdem in beiden Oasen den grossen in Palmen- 
hütten lebenden Araber-Stamm der Beni-Mhammed. 
In Tuat sind die Araber nur ganz Yereinzelt> die grosse 



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60 



Mehrheit der dortigen Bevölkerung ist berberiach* Man 
kaim also fast behaapten, dass an Laad die Berber 
vier Fünftel besitzen, gegen ein Fünftel, welches auf 
Araber kommt. Der Zahl der Bewohner nach dürfte 
das Verhältniss so sein, dass zwei Drittel Berber, ein 

Drittel Ariiber sind. 

Dass die Völker, welche eone Zeitlang im hentigen 

Marokko sesshaft gewesen sind, Spuren zurückgelassen 
haben, ist unleugbar. Nur so können wir zwischen 
vorwiegend schwarzhaariger und schwansäugiger Be- 
völkerung uns die helläugigen und blondhaarigen Intü- 
viduen erklären. Indess kommen dergleichen Typen 
bedeutend seltener bei den Arabern vor, was sich hin- 
wiederum daraus erklären lässt, dass nach der einmal 
erfolgten Invasion der Araber, ein Eindringen blonder 
Völker in Westafrika nicht mehr stattfand. Es beruht das 
aul demPrincip der Erblichkeit So sieht man denn auch 
häufig in Familien, wo Vater und Mutter beide schwarz- 
haaiig und schwarzäugig sind, helläugige und blond- 
haarige Xinder« Vielleicht war irgend einer der Vor* 
fehren dieser Familie ein Nichtberber oder Nichtaraber 
derart ausgestattet gewesen, welche Eigenthümhclikeit 
dann später oder Mher, oft vereinzelt, oft bei allen 
Nachkommen wieder hervortritt. Bemerkt muss hier 
werden,, dass die sogenannten Kuluglis, Nachkommen 
der Araber imd Türken, nirgends in Marokko zu finden 
sind , weil eben die Türken westhch von Tlemcen oder 
von der Muluya nie ihre Grenzen ausgedehnt haben. 



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61 

Was die Sprache der Araber in Marokko anbe- 
trifEty so ist bekaimti dass von den vier hauptsäch- 
Hchsten Duddcten dieser Sprache , hier der magbre- 
biiiische gesprochen und geschrieben wird. Vurdem 
ist aber auch, wie aus Münzen und Inschriften hervor- 
geht; Eufisch geschrieben worden. Was daa heutige 
Schreiben aubetrilft, so unterscheidet es sich Ton dem 
Uebrigen nur darin , dads das Qaf oben statt zweier 
Punkte einen, dass das Fa statt eines Punktes oben, 
einen solchen unten hat. Was die Aussprache anhe- 
trifft, so zeichneu sich die Araber in Marokko dadurch 
aus, dass sie fast gar nicht die Vocale aussprechen, 
oder doch so wenig wie möglidi henrorheben* In der 
gewöhnlichen Schreibweise der Araber werden die aus 
Strichen und Punktest besteheudeu Vocale weggelassen, 
und £sLst könnte man sagen, dass der marokkanische 
Araber diese Eegel auch in der Aussprache anwendet, 
d. h. das Wort so kurz wie möglich ausspricht; z. B. in 
der Bedeusart: ,,wie beisst Du, asch ismak'S sagt der 
Marokkaner „sch-smk^'. Natürlich wird für den Fremden 
das Erlemen des Sprechens dadurch ausserordentlich 
erschwert. Ausserdem hat in Marokko der Araber sich 
zahlreiche berberisclie und aus romanischen Sprachen her- 
kommende Ausdrücke zu eigen gemacht, sogar zum Theil 
auch Oonstructionen aus diesen Sprachen herttbergenom« 
men, z. B. die romanische Form des öenitivs, welche man 
in Marokko so häufig angewendet findet, um das GenitiT« 
Terhältoiss zwischen zwei Substantiven auszudrucken. 



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9 



62 



Die von den Berbern gesprochene Sprache, ,,tami^ 
sirht'^ oder ,,8chellah^^ genannt, ist im Grrunde, wie 
ans SprachTergleichnngen hervorgeht, eme nad die- 
selbe. Es ist eben die, welche die Tnareg temahak im 

Norden und temaschek im Süden nennen, und der wir 
in An^jila nnd noch femer im änssersten Osten in der 
Oase des Jupiter Amnion begegnen. Jackson freiücli 
behauptet, dass die Sprache der Siuaner eine vollkommen 
yerschiedene sei; heutzutage aber wissen wir, dass 
Marmel vollkommen Eecht hat, wenn er sagt, dass das 
Siuahnisch nur Dialekt der weit yerbreiteten Berber^ 
Sprache ist. Allerdings sind die Unterschiede der ver- 
schiedenen Dialekte dieser Sprüche äusserst gross, wie 
das ja auch nicht anders sein kann bei einer Sprache, 
welche über einen Raum verbreitet ist, welcher unge- 
fähr den vierten Theil von Afrüsa ausmacht. Dennoch 
aber sind sie nicht so gross, um nicht leicht eine Ver- 
ständigung zwischen den verschiedenen, berberisch 
redenden Völkern zu ermöghchen. Kommt der Berber, 
der im fernen Westen am Nun ansässig ist, auf seiner 
Pilgerreise nach Mekka zu demjenigen , der in der 
Oase Siuah wohnt, so ist nach einer kurzen Hebung 
zwischen diesen Leuten gleichen Stammes eine Unter- 
haltung leicht hergestellt, und als vor einigen Jahren 
mehrere Schiehs der Tuareg nach Algier zum Besuche 
kamen, ward es ihnen keineswegs schwer, sicii mit den 
Berbern des Djurdjura-GebirgeSi also mit Leuten, die 
am Mittelmeere wohnen« za verstHndigen« Die B^ber 



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68 

in Marokko haben und kennen keine Schriftzeichen 
wie ihre Brüder, die Tuareg. Die eiimgen berberischen 
Sefaiiflfleicheiiy die ich in Marokko TorfiEind, befinden 
sich in Tuat, und rühren jedenfalls von Tuareg her, 
die £üher vielleicht weiter nach dem Norden hinauf 
kamen, als dies heute der Fall ist. Ob aber überhaupt 
mit berberischen Lettern geschriebene üüclier oder 
auch nur längere Gedichte und Geschichten unter den 
Toareg bestehen, ist trotz der Versicherung der Tuareg 
sehr zweiieüiait. Einer der intelligentesten Tuareg, 
Si Otman ben Bikri, hat wiederholentlich sowohl gegen 
Duye^Tier als auch ^egen mich dies geäussert, er hatte 
sogar DuvoTrier Fersprochen, ein solches Buch später 
nach Algier zu bringen oder doch einzuschicken, aber 
bis jetzt hat Si Otman sein Versprechen nicht erfüllti 
obschon er nach seinem Begegnen mit Kenry Duveyrier 
wiederholentlich in Algier gewesen ist. Das Eigen- 
thümliche bei den berberischen Buchstaben, sie so 
schreiben zu können , dass sie bald nach rechts, bald ' 
nach links offen sind, bald diese, bald jene Seite offen 
haben, dass man von oben nach unten, Ton rechts nach 
hrira, oder von links nach rechts schreiben kann, mnss 
eine so grosse Verwirrung herbeiführen, dass die 
Existenz ganzer Bücher in berberischer Schrift kaum 
glaablich ersdieint. 

Was die Berber am entschiedensten von den 
Arabem trennt, ist eben die Sprache, denn obschon 
die Berber natürlich viele Worte aus der arabischen 



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64 



Sprache aufgenommen haben, wie die niai okkanischen 
Araber solche dem Berberisohen entlehnten ^ nnter- 
sclieidet sich im Ghruide das Berberische derart Tom 
Arabischen, dass die Sprachforscher, weiche sich mit 
dem Berberischen beschäftigt haben, und unter diesen 
vorzugsweise H. A. Hannoteau, nicht wagen, es den 
semitischen Sprachen beizuzählen. Ja, in der jüngsten 
Zeit war der französisohe General Faidherbe, welcher 
ebeuialis sich viel mit dem Berberischen beschäftigt 
hat, geneigt, Berber und ihre Sprache für die Arier 
za vindiciren. Spätere genauere Untersuclrangen, na- 
mentlich wenn alle verschiedenen Dialekte der Berber 
bekannt sind, werden hoffentlich m einem Besultate 
führen, ebenso wird man sodann wohl erfeduren, ob im 
Berberischen Wörter vorbanden sind, welche auf andere 
ältere Sprachen surücklähren* 

Unterscheiden sich nun Araber und Berber so sehr 
durch die Sprache, so sind die übrigen Unterschiede 
äusserst gering. Derselbe Körperbau auf dem Flaeh- 
lande wie im Gebirge (wegen der vielen Wanderungen) ^ 
d. h. schlanker, sehnigter Wuchs mit stark ausge- 
prägtem Muskelbau, gebräuntem Teint, kaukasischer 6e^ 
sichtsbilduiig, stark gebogener Nase, schwarzen feurigen 
Augen, schwarzem schlichtemBaare, spitsemKinne, etwas 
stark hervortretenden Bakenknochen, spärlichem Bart* 
Vioichse — alles dies haben Berber und Araber gemein. 
Allerdings sind im Allgemeinen die Gebirgsbewohner 
heller, aber das gilt sowohl fär die b^berischen Be- 



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65 

wohn er des Eif-Gebirges , wie für die arabische ße- 
▼ölkenmg der Gebirge der An^jera* Landschaft Bei 
den Frauen beider Völker muss allerdings auffallen, 
dass das Weib des Arabers durcbschuittlicb kleiner 
sein dürfte 9 als das des Berbers. Im Uehrigen sind 
auch sie nicht äusserlich zu unterscheiden. Man kann 
von beiden sagen, dass sehr früh entwickelt, sie in der 
Jagend hübsche Tolle Formen haben, meist r^el- 
mässige Gesichtszüge besitzen, aber schnell alternd 
nnd durch unzulängliche Nidurung äusserst mager 
werdend, sie im Alter wegen ihrer Überflüssigen Haut* 
falten die hässlichsten Hexen werden. 

Herrorsoheben ist, dass bei den Berbern die 
Stellung der Frauen eine bedeutend hervorragendere 
ist als bei den Arabern. Indess ist das Lied der 
meisten Eeisenden, als sei die Frau bei den Arabern 
weiter nichts als eine Magd, ein blosses Werkzeug, 
ein &n£ oberÜächlicher Anschauung beruhendes. Bei 
' dem AxaJber ebensogut wie bei uns schwingt die Frau 
den Pantoffel. Liegt der Mann die grösste Zeit des 
Jahres auf der Bärenhaut, so hat das seinen Grund 
darin, weil eben für ihn keine häusliche Beschäftigung 
vorhanden ist. Oder soll etwa der Mann das Wasser 
für den täglichen Bedarf holen, soll der Mann den 
Mühlstein drehen, oder das Korn zu Mehl zerreiben, 
oder ist es Sache des Mannes das Kind auf dem 
BuckeD XU tragen, oder Beisig mm Feuer zu holen 
oder Kuskussu- zuzubereiten, und die heimkehrenden 

Boklfs. 6 

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66 



Heerden zu melken? Sind nicht dergleichen Geschäfte 
in der ganzen Welt Sache der Frau. Für einen euro- 
päischen Beisenden muss es allerdings hart erscheinen, 
wenn er den ganzen Tag den Mann ausgestreckt He- 
gen oder am Boden hocken sieht, während die Frau 
sich abmfthty oft stundenweit das Wasser herbei* 
schleppt und dann mühsam stundenlang den Stein 
drehte um Mehl zu gewinnen. Kommt aber düe Zeit 
der Arbeit für den Mann heran, dann ist der Berber 
sowohl wie der Araber bei der Hand: das ij'eld wird 
von den Männern bestellt, das Einheimsen des Ge- 
treides besorgen die Miiiuier, ebenso die Abwartimg 
der Gärten, wo solche vorhanden sind, das Hüten der 
Heerde, das Abschlachten des Viehes, kurz alle schwe- 
rere Arbeit, wie sie eben auch bei anderen Völkern 
Yon der stärkeren Hälfte Yerrichtet wird. 

Die hervorragende Stellung der Frauen bei den 
Berbern datirt jedenfalls noch aus den vormohamme- 
danischen Zeiten* Denn Mohammed, obschon ein so 
grosser Verehrer von- Frauen, dass er sich nicht 
scheute manchmal ins Gehege seines Nächsten einzu- 
dringeni"), hat im Ghmzen den gläubigen Frauen eine 
etwas stiefmütterliche Stellung angewiesen. Indess 

*) Sifibe duüber die 88. Sare d«8 Koran, worin Hohamnied 
die Yorwttrfe, die man ihm daraber machte, seinen Sklaven Said 
gezwungen zu haben, ihm seine Fran absutreten, damit zorflck* 
wies, dass er für sich allein, den andersn OUnbifen voraus, gOit- 
liche Nator, d. h* Unfehlbarkeit beanspmebte. 



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67 



haben die BerberiBnen, obschon auch sie Mislemata 

wurdeij, ihren lümg beizubehalten gewu.sht. Bei mau- 
cheu berberisoheu Triben o£t'eubart sich dies in der 
Erbfolge, wo nicht der älteste Sohn nachfolgt, sondern 
der Sohn der ältesten Tochter oder der Schwester. 
J% in einigen Stämmen kann sogar eine Frau herr- 
sehen. Sttdüeh yom eigentlichen Marokko fand ich 
mitten unter Berbern, dass die Sauya Karsas, eine 
religiöse Corporation, und eine geistliche Oberbehörde 
für den ganzen Gehr-Fluss nicht vom allerdings vor- 
handenen männlichen Chef Namens Sidi Mohammed ben 
Aly befehligt wurde, sondern dass factbch seine Frau, 
eine gewisse Lella-Diehleda, die geistlichen Angelegen- 
heiten besorgte. In allen wichtigen Sachen hat die Ber- 
berfrau mitzareden, und mehr wie bei anderen Völkern 
fügen sich die Männer dem Ansspruche der Frauen. 

XMie mohanuaedamsche Beligion hat aber in jeder 
Beziehung dazu heigetragen, die Verschiedenartigkeiten 
der Sitten imd Gebräuche nicht nur zwischen Arabern 
und Berbern auszugleichen, sondern auch die Eigen« 
thümlichkeiten der einzehien Stämme unter sich zu ver- 
wischen. Es soll hier nur die Bede sein von den 
Bewohnern des Landes, welche allein treu und wahr 
ihre alten UeberHeferungen beibehalten haben. Die 
Landbevölkerung*) gegen die Städtebevölkerung ge- 

♦) Jackson in seinem Account of Marokko kommt freilicb zu dem 
Resultate von 895,600 Einw. für die Städte und von diesen liat er 
Fes mit 300,000, Marokko mit 27,000 aud Mickenes mit U,000 Einw. 

5* 



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B8 

halten^ ist in Marokko so überwiegend, dass wentt 
man Yon jener spricht, damit der Xem des Volkes 
bezeichnet wird. 

Vor allem niuss daher bemerkt werden, dass nur 
Einweiberei in Marokko herrscht , sowohl bei den 
Arabern als auch bei den Berbern; die wenigen Aus- 
nahmefalle, wo ein reicher oder hochgestellter Araber 
sich einen Harem hält, kommen kaum in Betracht, 
und ein Berber, mag er eine noch so hohe SteUmif 
einnehmen, noch so reich sein, heirathet nie mehr 
als Eine Fran. Freilich durch die Beligion begünstigt 
kommen hänfig genug Scheidungen vor, was dann oft 
zu unerquickHchen Verhältnissen fuhrt: ein Mann trennt 
sich nachdem er schon ein Kind mit der Fran gehabt 
von dieser, heirathet wieder, die Frau auch; sie zeugt 
mit dem neuen Mann nochmals ein Kind, wird aber- 
mals yerstossen, heirathet vielleicht zum dritten Male 
und hat dann manchmal drei Familien i^mder gegeben. 
£s ist äusserst selten, dass sich ein unverheirathetes 
Mädchen einem Manne hingiebt, auch Ehebruch kommt 
fast nie vor. Desto ungebundener leben die Frauen, 
welche Wittwen sind, diese glauben ihrer Sittlichkeit, 
namentlich wenn sie merken, dass die Hofihung auf 
Wiederverheirathung vorbei ist, „keine Schranken^' 
auferlegen zu müssen. Ueberhaupt zeichnen och 
Mädchen und Frauen in Marokko durcli unanständige 
Gangart aus. Es scheint sich dies von den Araber- 
frauen den Berberweibem mitgetheilt zu haben (viel- 



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69 



leicht ist es aber auch diesen eigenthüiulich), denn 
aUe semitischen Frauen sdieinen an einer nnanstän* 
digen Allure Gefallen zu haben. Schon Jesaias Cap. 
3, 16. wirft den israelitischen Frauen ihren buhlerischen 
und herausfordernden Ghing vor, ebenso Mohanuned 
im Koran Sure 24. den arabischen Frauen, 

Es ist hier nicht der Ort die Ceremonien emer 
Verheirathung zu schildern, mehr oder weniger gleichen 
sich alle bei den Mohammedanern^ und oft genug 
sind sie beschrieben worden. Hervorgehoben soll aber 
werden, dass in der Regel die Heirath eine zwischen 
Eltern oder Verwandten für die betretenden Personen 
abgemachte Sache ist, doch auch häuBg genug Liebes- 
heirathen vorkommen. Es hat dies seinen Grund 
darin, weil alle Frauen und jungen Mädchen (ich 
spreche immer von der Landbevölkerung) unverschleiert 
gehen, mith"^ hat der Freier Gelegenheit seine Zu- 
kilnftige kennen zu lernen. Solche Liebesheirathen 
gelten meist für Lebzeiten, während die Khebündnisse, 
welche aus Convention geschlossen sind, gemeinigUch 
kerne Dauer haben. Ein eigentlicher Kauf der Frauen, 
obschon die meisten Beisenden sich so ausdrücken, 
findet nicht statt; der betreffende Bräutigam erlegt 
nur dem ssnkünftigen Schwiegervater die Geldsumme, 
welcher dieser für die Anschaffung der Kleidimgsstücke 
und Schmucksachen seiner Tochter nöthig hat, der 
gewöhnHche Preis hierfür ist auf 60 französische Thaler 
normirt« Giebt die ij'rau Grund zur iScheidung, oder 



70 



aber beantragt sie die Scheidung, so muss das Geld 

ziirückbezcililt werden, verstösst aber der Mann seine 
Frau, 80 bleibt sie fiigenthümerin ihrer Sachen imd 
ihr Vater behält obendrein das GM. 

Beschnei düng ist durchweg eingeführt, doch giebt 
es einige Berberstämme; welche sie nicht üben. 
In Marokko hält man die Beschneidung als nicht un- 
bedingt erforderlich für den Islam. Die Berberstämme, 
welche nicht Beschneidung üben» leben sowohl imBif- 
Gebirge, als auf den Gehängen der nördlichen Seite 
des Atlas. Ueberhaupt haben die Berber Eigenthümr 
lichkeiten bewahrt, die bei den Arabern nicht zu fin- 
den sind, so essen sämmtlichc Eif-Bewohner das 
wilde Schwein trotz des Koran-Verbotes. Alle Berber 
rechnen nach Sonnenmonaten und haben dafür die 
alten von den Christen herrührenden Benennungen; 
ja südlich vom Atlas haben* auch die dort hausenden 
Araber diese Zeitrechnung angenommen. 

Das Leben in der Jj'amiiie ist ein patriarchalisches 
und man hält ausserordentliche Stücke auf Verwandt^ 
Schaft und Sippe; eigenthümliche Familien -Namen 
nach unserem modernen Sinne haben weder Araber 
noch Berber^ Familien -Namen werden nur Ton der 
ganzen Sippschaft oder dem Stamme geführt, z. B. die 
grosse Familie der Beni Hassan in Marokko^ die Ton 
einem gewissen Hassan abstammen. Oder bei den 
Berbern die zu einem grossen stamme herangewachsene 



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71 



Familie der Bern Mtir*), welche von emem gewissen 
Mtir abstammen. In dieeen Stämmen setzt dann Jeder 
den Namen seines Vaters, manchmal auch den ßeineB 
GrossYaters und Urgrossvaters hinzu (äusserst selten 
den der Mutter), z. B. Mohammed ben AbdaUah ben 
YnsBuf, d. h. Mohammed Sohn Abdallah's, Sohn 
Tuflsuf 8. Will er aber noch näher sich bezeichnen, 
so sagt er z. B. ,,von den nled Hassan". Letaieres 
ist gewissermassen der i'amilien- oder Zuinimen. Bei 
den Arabern haben wir fast nur biblische und kora- 
nische Namen, sowohl bei den Männern als Frauen. 
Die beliebtesten in Marokko sind Mohammed (mit den 
verschiedenen Variationen), Abdallah, Mussa, Isssa 
oder Aissa, Edris, Said, Bii-ßekr und Ssalem. Die 
Frauen findet msm fast unabänderlich Fatiima, Aischa 
oder Mariam benannt. Die Berber haben sich auch 
hierin apart gehalten und fahren fort heidnische oder 
berberische Namen zu führen, z. B. üumo, Buke, 
Boche, Atta etc.**), obschon natürlich arabische 
Namen vorwalten. 

£ine eigentliche Erziehung wird den Kindern 
nicht gegeben, die ganz jungen Kinder bleiben circa 
zwei Jahre auf dem Kücken ihrer Mütter, welche 
dieselben wenigstens zwd Jahre stfflen. Allerdings 

♦) Was „med und Beni«, d. h. Söhne, Abkömmliiige bei den 
Anbm bedeatet, drücken sonst in der Begel die Berber durch 
das Wort „ait<* ans. 

Berbetifldie Frauennamen liegen mir gerade »icbt wr. 



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TS 



hat jeder Tscliar (Dorf aus Häusern), jeder Duar 
(Dorf aus Zelten), jeder Ksor (Dorf einer Oaie) seinen 
Thaleb oder gar Faid, der die Schule leitet, aber die 
ileiäteu lirmgeu es kaum dazu die zum B^en noih- 
wendigen Eorancapitel auswendig zu lernen, geschweige 
dass sie sich ans Leseu und Schreiben wagten. Aber 
jeder Marokkaner weiss doch das erste Ca{>itel des 
Koran auswendig, wenn auch die meisten besonders 
unter den Berbern den ISiiiii der Verse nicht kennen. 

Beim Heranwachsen stehen die Töchter denMütt^ 
in der häuslichen Beschäftigung bei, während die 
männliche Jugend zuerst zum Hüten des Viehes ver- 
wandt wird, in der Pflanzzeit den Acker mit bestellea 
helfen muss, und schliesslich nach einer kurzen Ar> 
beitszeit im Jahre, die liebe lange Zeit mit Nichtsthun 
hinbringt. Obschon überall Taback und Haschisch in 
Gebraiich und uamentlicii letzterer ganz allgeniein ist, 
kann man kaum sagen, dass der Marokkaner dnen 
unmässigen Gebrauch davon macht. Der Taback wird 
aui alle drei Arten genommen, man findet Stämme, wo 
geraucht wird, andere welche kauen, und das Schnupfen 
ist ganz allgemein, namentlich machen die Gelehrten 
Gebrauch davon, Haschisch wird in Marokko ent- 
weder geraucht oder pulyerisirt mit Wasser hinunter- 
geschluckt. Der Gebrauch des Opium ist mit Aus- 
nahme der Städte, und der Oase Tuat, nicht emge- 
bürgert Desto allgemeiner ist in der Weinlesezeit 
und kurz nachher der Genuss des Weines. Marokko 



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78 

wt ein an Weinreben ungemein reiches Land, nament- 
lich producirt der kleine Atlas^ die Provinz Andjer% 
die Gegenden Ton Uesan^ Fes und Mikenes derart 
viele und gute Weintrauben^ dass die Leute von selbst 
darauf fallen nunaten Wein zu bereiten. In allen 
diesen Gegenden sind denn auch viele Leute Wein- 
trinker, ohne Unterschied ob sie Araber oder Berber 
sind. Aber unmässig ^rie Araber und Berber immer 
beim Essen und Trinken sind, sobald dies iu Hülle 
und Fülle vorhanden iat^ haben sie ihre Weintrinke- 
zeit nur für einige Wochen. Der schlecht zubereitete 
Wein, man gewinnt üin mittelst Kochen, würde sich 
auch vrohl nicht lange halten. Die Marokkaner thun 
ihn in grössere oder kleinere irdene Gefasse, manchmal 
antik wie eine Amphore geformt, die enge Oef^ung 
wird nüt Thon zugeklebt. Reiche Leute und Schürfa'*'), 
irelche ihn längere Zeit bewahren wollen, giessen oben 
auf den Wein eine Schicht Od und sodann wird die 
Krugöfihung mit Thon Terkittet Von Oeachmack iat 
der Wein nicht übel, das Aussehen desselben aber 
meist trübe. Es ist geflihrlich zur Zeit der Lese 
durch jene Gegenden zu reisen, weil ein grosser Theü 
d^ Bevölkerung dann stets betrunken ist, und da, je 
roher ein Mensch ist, die Intoxications&usserungen 
des Kausches auch um so unmanierlicher sind und 
oft viehisch ausarten, so vermeidet deijenige, der 

*} Die S( hürfa, d. h. die Nachkommen Mohammeds sind di« 
luulpttftclüicilsiea Weintrinker, 



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74 



die Gegenden nicht imnmglbiigUch besachen musB) 

dieselben. 

Ueberliaupt zeiclmet sich das ganze marokkaniscbe 
Volk durch eine gewisse Bohheit und durch wenig edle 
Gefühle und weuig sanfte Neigung aus. Bei den 
Berbern namentlich am Nord-Abhange des Atlas 
streift die Rohheit sogar an's Thierische. Ich wnsste 
nicht, wofür ich es halten sollte, ob für kindliche 
Unschuld, mit der junge und erwachsene Mädchen 
den Spielen Tollkommen nackter Jünglinge zusahen, 
oder ob es ein rohes Interesse war. Per entsetzlich 
Terdummende Einfluss der mohammedamschen Beli- 
gioRj der Fanatismus, die eitle Anmassung nur 
den eigenen Glauben für den richtigen 2U 
halten, schliessen aber auch jede Besserung aus. 

Wie umnauierlich ist die Art und Weise zu esseo! 
So wie man zur Zeit Abrahams ass, so wie die Juden 
in Palästina^ ans Ebier Schüssel am Boden hockend, 
assen, so isst noch heute der MarokJ^aner. Morgens 
nach Sonnenaolisang wird nur saure Müch mit hinein- 
gebrocktem Brede, oder eine massige Suppe genommen. 
Die zweite Mahlzeit ist gegen Mittag: Bröde d. h. eine' 
Art Ton Mehlkuchen, welche auf eisenien Platten oder 
eriutzten Steinen gebacken sind, lieisse Butter (in 
diese tippt man die Brodatücken and verfahrt recht 
haushSlterisch; nur die Beichen geben harte Butter) 
bilden dies zweite Mahl, zu dem auch wohl noch 
Datteln, oder im Sommer andere Früchte, wie die 



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75 



Jahreszeit und die Gegend sie bietet, gegeben werden. 

Abendä nach Sonnenuntergang ist die Hauptmahlzeit, 
welche ans Kuskossn besteht. Aber Tag für Tag, 
Jahr aus Jahr ein, kommt dies Gericht auf die Erde 
(auf den Tisch kann ich nicht sagen, da der Marok- 
kaner ein solches Möbel nicht kennt) und mittelst 
der Hand, die Marokkaner kennen noch nicht den 
Gebrauch der Messer und Gabehi, wird das Gericht 
rasch in den Magen befördert Auch der Gebranoh 
der Löffel ist nicht überall eingebürgert. Am atlan- 
tischen Ocean Yom Cap äpartel südlich bis nach der 
Mündung des Sns, vielleicht noch weiter südlich, 
bedienen sich sämmtliche Leute statt eines Löffels 
einer austerarügen Muscheli wie sie der Ocean dort 
an den Strand wirft Die Männer essen getrennt Yon 
den Frauen, diese essen mit den Kindern des Hauses. 
Selbst bei den Berbern hat der Islam dies durchraT 
setzen gewusst. Oder sollten auch die Berber schon 
Tor der Einführung des Islam ohne ihre i^rauen ihre 
Mahlzeiten eingenommen haben? Fleisch wird yon 
den Bewohnern auf dem Lande nur bei Gelegenheit 
eines Festes gegessen und auch dann nmr in geringer 
Quantität. Wenn nicht manchmal ein Stück Wild 
erlegt wiid, bekommt manche arme Familie oft jahre- 
lang kein Fleisch zu sehen , imd wenn nicht der 
Genuss von Wem, von Butter und Milch die aaima* 
* lische Kost ersetzte, könnte man mit Kecht sagen, die 
Marokkaner sind der Mehrsabi nach Vegetariaaer. 



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76 



Der in den merokkanisohen Städten so sehr beliebte 

Thee wird auf dem Lande nur noch bei vereinzelten 
Vornelimcn und üeichen gefunden; das allgemeine 
Getränk ist Wasser. Nirgends kennt man in Marokko 
die Bereitung von Busa oder Lakbj, d. h. ersteres ein 
gegobrenes Getränk aus Getreide, l^scteres der den 
Palmen abgezapfte Saft. JSs würde den Marokkanern 
ein grosses Verbrechen sein, eine Dattelpalme derart 
für das Tragen der Fritobte «pbraachbar zu machen 
oder gar zu tddten. Ebenso ist in den marokkaniscben 
Oasen, sowohl in den grossen wie in den kleinen, der 
Lackby Tollkommen unbekannt, und dennoch giebt es 
in der ganzen Sahara keine Oaseiij die sich au Pal- 
menreicbthum, und auch was die Gute der Palio^ 
anbetrifity mit den marokkanischen Oasen messen 
können. Der Gebrauch die Palmen anzuzapfen beginnt 
erst in den südlich von Tunesien gelegenen Oasen. 

Indessen müssen wir doch auch einer guten Ei- 
genschaft der Marokkaner gedenken, der Gastfreund- 
schafty welche ohne Ptimk, ohne Oeremonie als etwas 
Selbstverständliches in Marokko überall geübt wird. 
In den meisten Duar, in fast allen Tschai^'s giebt es 
eigene Hänser oder Zelte , Dar und Gitun el Diaf 
genannt, welche für die Reisenden bestimmt sind. Der 
Fremde bat dagegen keinerlei Verpflichtung. £ommt 
er m einem Duar nnd hat sieh glücklich durch die 
kläffenden und bissigen Hunde hindurchgearbeitet, so 
weisen ihm die Leute nach dem Gastaselte. Maa brii^^ 



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TT 



Frttehte, wenn 8ie die Jahreszeit und Oegend bietet^ 
aonet Brod oder Datteln^ und wenn Abends die Zeit 

des Hauptmahls ist, werden die Fremden zuerst 
bedient» in einigen Gegenden besteht die Sitte i dass 
die einzelnen Jr'amiHen tageweise der Reihe nach die 
Fremden zu verpflegen haben, ins anderen kommen 
Abends .die FamilienTäter mit ToHen Sebüssehi in das 
Fremdenzelt und das Mahl wird gemeinschaftlich ver- 
zehrt. In anderen Gegenden existirt ein Gemeinde- 
tonä zur Speisung der Fremden^ oder eine Sanja, d. h. 
eine religiöse Genossenschaft besorgt dies Geschäft. 
Nie wird dalfir irgend eine Vergütung ¥0m Fremdling 
beanspraoht. Ln Gegentheil, wird man nicht ordent- 
lich Terpflegt, so hat man das Kecht Beschwerde zu 
führen. Natürlicb wird man bei dieser Gelegenheit 
von Allen über Alles ausgefragt, denn Zurückhaltong 
und Schweigsamkeit kennt iu dieser Beziehung der 
Marokkaner nicht Die grosse Gastfreimdschaft er- 
klärt sich nun zum Theil dadurch, dass sie auf Gegen- 
satigkeit bemht: der, welcher heute Gastgeber ist, 
beansprucht vielleiobt am nächsten Tage von einem 
Anderen freie Bewirthung. Es verdient hervorgehoben 
m werden, dass die arabischen Slänime bedeutend 
liberaler sind, als die berberischen. 

Barth und von Maitzan haben ausgesprochen, dass 
in Nordafrika je weiter nach dem Westen, desto 
kriegerischer und muthiger die Bewohner seien und 
dass man in Marokko den grössten Sinn der Un- 



78 

aUiängigkeit tr8fe. Es scheint mir diea nur in noim 

richtig zu sein, als man die Eigenschaft der Freiheits- 
liebe> den kriegerischen Sinn stärker hei den G^birgs^ 
T^em ausgeprägt findet Die Bewohner der Cyre- 
naica sind heute noch ebenso freiheitsdurstig und un- 
abhängig wie die Bif-Bewohner in Marokko, bis jetzt 
sind sie von den Türken noch nicht vollkommen unter- 
worfen. Die Bewohner des Gorian-Gebirges in Tri* 
politsaien sind bedeutend kriegerischer» als die west» 
lieh davon wohnenden Stämme. Das Djurdjura-Gebirge 
oder die grosse Xabylie wurde zu allerletzt von 
den Franzosen unterworfen, nachdem schon jahrelang 
der ganze Westen von Algerien, d. h. die Provinz 
Oran unterworfen war. Endlich sind die im äussersten 
Westen von Marokko wohnenden Stämme, die der 
Schauja, Abda und Dukala die geknechtetsten von 
allen, und seit Jahren wissen sie nicht mehr was 
Freiheit und Unabhängigkeit ist. 

Die Bevölkerung von Marokko hat keinen eigent- 
lichen Adel in unserem Süm. Die Tomehmste Glasse 
sind 'die Schürla, d. Ii. Abkömmlinge Moliaiiimeds, 
selbstverständlich sind diese arabischen Stammes. Da 
sie sich unglaublich Termehrt haben, giebt es ganze 
Ortschaften, die fast nur aus Schürfa bestehen; man 
erkennt sie daran, dass sie vor dem Namen das Prä- 
dicat „Sidi" oder „Mulei", d. h. „mein Herr" führen. 
Die gegenwärtige Dynastie von Marokko besteht aus 
Schür£ft. Das Sheriftihum ist nicht erblich durch die 



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79 



Frau, heiratliet & B. ein gawöhnUclier MaroUamer «e 

Öherifa, so siuddieKiiider keine Schürfa. Aber einSherif 
kann eine Frau aus jedem Stande nehmen und die am 
der Ehe ents]j ringenden Kinder werden alle Schürfit. 
Sogar eines Sherifs Heirath mit einer Chrirtiii oder 
Jüdin (die in ihrer Religion verbleiben können) oder 
mit einer Negerin (eine solche mass aber den Islam 
angenommen haben) hat auf das Sherifthum der 
Kinder keinen yennchtenden Einfluss, ebenso sind die 
im Ooncubinate erzeugten Kinder vollkommen gleich- 
berechtigt mit den in gültiger Ehe erzeugten. 

Die Schüifa werden überall in Marokko als eine 
besonders bevorzugte Menschenclasse angesehen. Sie 
haben das Eecht» andere Leute zu insnltiren, ohne 
dass man mit gleichen Waffen antworten darf. Der 
Mohammedaner schimpft dann am stärksten, wenn er 
Beleidigungen auf die Vorfahren oder Eltern des zu 
Beschimpfenden häuft. Der Sherif darf zu einem 
Nicht-Sherif sagen „Allah rhinal buk^' odes „Allah 
riunal 4joddek'S „Oott Terfluche deinen Vater'S „Gott 
verfluche deinen Grrossvater". Der Nicht-Sherif darf 
dies nicht erwidern, denn den Vorfahr oder Vater 
eines Nachkommen des Propheten beleidigen, wäre 
ein Verbrechen gegen die Religion. Er hat aber das 
Becht, die Person des Sherif selbst zu schimpfen, und 
gegen ein „Allah rhinalek^' „Gott verfluche Dich" 
kann in einem solchen Falle als ICntgegnung, der 
Sherif nicht klagen. Ich habe selbst oft Gelegen- 



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80 



heit gehabt, so zu antworten; wenn in Ucsan die 
jungen ^idiüria sich darin ge&elen, meinen GrrossTater 
und Yaier zu verfluchen und zu yerbrennen, verbrannte 
und verfluchte ich sie seihst in meiner Antwort: 
,iAUah iharkikum'* — i^AUah rhinallnim***)^ dagegen 
konnten sie nichts machen. Entschieden aber glaubten 
sie stets einen Sieg über mich davongetragen zu 
haben, da ich ihren Mtem und Vorfahren nichtft 
nachsagen durfte. 

Die sogenannten Marabutin, heilige Personen oder 
Nachkommen solcher Heiligen, stehen in Marokko in 
bedeutend geringerem Ansehen, sie werden zu sehr 
von den Schürüa verdunkelt. Selbst Chefs grosser 
Stämme, in deren Familien seit langer Zeit Eaid oder 
Schichthum nebst Beii^htlxiiiuem und Macht erbhch 
sind, verschinnden an der Seite der Schtirfa. 

Ueber die geistige Begabung der Marokkaner 
lässt sich wenig sagen. Hervorragende Männer hat 
die Neuzeit nicht hervorgebracht, und bei der Ver- 
dummung, welche die Religion herbeigeführt bat und 
worin das Volk zu erhalten, der Sultan und die Grossen 
ihr Interesse sahen, wkd hierin auch aus ihnen selbst 
heraus keine Abhülfe kommen. Kunst und Handwerke 
£ndet man nur noch in den Städten und auch da 
« kümmerlich genug. Edlerer Regungen ist der Marok* 

kauer kaum fähig; das Gute zu lieben und zu thun 



*) Gott soll euch Terlbr«imeii, Gott verfluche euch! 



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81 



blos um des Guten wülen, das kennt man fast bei 
diesen Leuten nicht. Höchstens schwingt sich der 
Marokkaner auf den Standpunkt, deshalb gut za han- 
deln, weil es die Religion vorschreibt, weil er sonst 
der zukünftigeil Freuden des Paradieses verlustig ginge, 
oder sich wohl gar die Strafen der HöUe zuziehen könne. 

^dess ist die UnmoraJität beim Volke lange nicht 
so schlimm wie in den Städten. Auaschweifungen, 
eheliche Ueberschreitnngen oder andere Laster hört 
man im Volke fast nie vorkommen. Diebstahl, Lug 
und Betrug kommen zwar oft genug vor, namentlich 
einer Tribe gegen die andere, indes« wird dies kaum 
als sündhaft betrachtet Lügen ist überhaupt den 
Arabern und Berbern so eigen, dass es wohl kaum 
ein Individuum giebt, das die Wahrheit spricht. Und 
professionsmässige Lüge hat wohl immer Betrug und 
Diebstahl im Gefolge. Das Fanstrecht, der Raub und 
Mord sind in all den Theilen des Landes, die nicht 
von der Armee des Sultans erreicht werden können, 
an der Tagesordnung, und Niemand findet auch etwas 
Ausserordentliches darin. Dass der Gastfreund den 
Marokkanern eine geheiligte Person sei, ist eine Farce, 
in vielen Gegenden respectiren die Bewohner nicht 
einmal die Schürfa. 

Soll ich einen Vergleich wagen zwischen Berbern 

und Arabern, so möchte ich sagen, die Zukunft gehört 

den ersteron. Bis jetzt haben die Araber der Neuzeit 

sich der Civilisation am wenigsten geneigt gezeigt, sie 
Bohlft. 6 



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82 



sind die editen ESmlinge des Islanui und mit Sielx 

bekennen sie sich als die Träger und Stützen dieser 
fanatischen Religion. Der Berber ist in dieser Bezie- 
hung bescheideDery er hängt weniger an fieligion, nnd 
die Leute laasen sich weniger von der Beligion beherr- 
schen. In Algerien haben denn axicli die Franzosen 
schon die Erfahrung gemacht, dass die Berber weit 
empfänglicher für Civiüsation sind, als die nur fttr 
und dnrch ihre Religion lebenden Araber. 

Was die Juden in Marokko anbetrifft, so habe 
ich an anderen ürten Gelegenheit, von ihrer miserar 
belen Stellung gegenüber den Mohammedanern zu 
sprechen. Zum Theil sind sie direct aus Palästina 
hergewanderty zum Theil aus Europa zurück yertrieben. 
Ich glaube nicht, wie euuge Schriftstdler annehmen, 
dass von den jetzt noch im grossen Atlas und in den 
Oasen der grossen Wüste ezistirenden Jodengemeinden, 
diese Abkömmlinge der Ureinwohner NordaMcas 
also Berber ihrer Herkunft nach sind. Wenn man 
auch annimmt^ dass Berber vor der arabischen InTft* 
sion zum Theil das Christenthum, zum Theil das Juden- 
thum angenommen hatten, so mussten höchst wahx- 
scheinlich Christa nnd Juden den Islam annehmen. 

*) Die Aogaben von Bichardson und Davidsoii über die frei 
im AtlAs Ibbenden Jaden, die berechtigt seien Waffen zu tragen, 
bemhenanf trfigeriedier Infenaatioa. Ans eigener AnioliaAong 
weiss ich, dass die Juden im Atlas qnd in den grossen Oasen 
der Sahara ebenso miserabel leben, wie nur in Fes oder irgend 
met anderen Stadt des Landes. 



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88 



Man behauptet y diese eben erwähnten Jaden haben 

gleiches Aeussere, gleiche Sitten und Gebräuche mit 
den Berbern. Es ist das ein Irrthum. Ich habe 
jlbüsche Gemeinden des grossen Atlas und fast sänunt- 
liche jüdische Ortschaften der Draa- und Tafilet- Oasen 
besacht, aber immer gefunden, dass sie sich auszeich- 
Beten Yon der sie xnngebenden mohammedanisch -ber- 
berischen Bevölkerung, sowohl in der Sprache, als 
auch durch anderen Körperbau, andere Gesichtsbildung 
und Sitten. Im Allgemeinen sind die Juden schöner 
und laäftiger als die Araber, aber der entsetzliche 
Schmutz, den sie zur Schau tragen, die nachlässige 
und ärmliche Kleidung, der sie sich bedienen mtlssen, 
entstellt sie mehr als es unter anderen Umständen der 
Fall 8^ würde. Die Jüdinnen namenüich zeichnen 
sich durch Schönheit der Körperformen und reizende 
Gesichtszüge aus, niüssen dafär aber auch oft genug, 
sind sie in der Nähe eines Grossen und Vomebmen, 
in dessen Harem wandern. 

Die direct Ton Palästina hergekommenen Juden 
finden sich auf dem Atlas und in der Sahara, auch 
in den Städten Üesan, i es, Tesa, U^da giebt es 
deren* Sie reden kein Spanisch, sondern nur Arabisch 
und in rem berberischen Gegenden Schellah oder 
Tamasirht. 

Aber eigenthümlich ! Der Jude scheint nirgends 

die Landessprache erlernen zu können. Wir wissen 

alle, dass der echte Jude in Deutschland gleich an 

6* 



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84 



seiner lispelnden Sprache zu erkennen ist, ebenso die 
Juden aller übrigen eiiropfiischen Länder, die stets 
die Sprache des Landes anders sprechen als die christ- 
lichen Bewohner. 80 auch in Nordafrika. Selbst 
wenn nicht durch Tracht und Physiognomie yerschie- 
den von dem Araber, würde man unter Hunderten 
den Juden gleich an der Sprache herauskennen. Nichts 
lächerlicher als einen Juden arabisch schmunzeln zu 
hören, und die unter den Berbern ansässigen Israeliten, 
die berberisch sprechen, schmunzeln das Tamasirht, wie 
der Jude überhaupt in allen Sprachen schmunzelt. 

Man wird woiil kauni übertreiben, wenn man die 
Zahl der in Marokko lebenden Juden auf circa 200,000 
Seelen angiebt. Der grösste Zuschub von Aussen trat 
H92 bei der Vertreibung aus Spanien ein, dazu kamen 
1496 die aus Portugal Tertriebenen Juden. Aber 
früher schon hatten andere euro])äische Länder ihr 
Contingent gestellt, 1342 fand in Italien eine Juden- 
yertreibung, 1350 in den Niederlanden und 1403 in 
England und Frankreich statt*). Alle diese unglück- 
lichen Israeliten landen in Nordafrika und Torzugs- 
weise in Marokko eine Zuflucht, ünd wie unglücklich 
und gedrückt ihre Stellung auch dort ist, bis auf den 
heutigen Tag haben sie ausgehalten und sich Termehrt 
Auch die schwarze Race ist in Marokko vertreten 
und zwar sind es vorzugsweise Haussa-i Sonrhai- und 

*) Bon Serftfin Calderon, Cuadro geografico de Mamieccos, 
Madrid 1544. 



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85 



Btfnibara-Negery die man antrifit Sie haben dassa bei- 
getragen, das arabische Element kräftig zu durcb- 
setzen^ obschon auf dem Lande die Mischung mit den 
Schwanen seltener ist als in den Städten. Es ist 
weniger im urabisclien Volke Sitte eine Negerin zu 
nehmen, als bei den Grossen. Die ganze Familie 
des Sultails, alle ersten Familien der Schürfe haben 
heute eben so viel Negerbiut in ihi-en Adern als rein 
arabisches. Die Berber mischen sich nie mit den 
Schwarzen y sie würden glauben sich dadurch zu de* 
gradiren. Als Sklaven werden die Schwarzen m Ma- 
rokko gat behandelt und faat immer nach kürzerer 
oder längerer Zeit in Freiheit gesetzt. Die Zahl der 
Schwarzen in Marokko, welche stets durch neue Zu- 
fuhren aus Centraiafrika erneuert wird, dürfte sich auf 
circa 50,000 beziffern. 

Die in Marokko sich aufhaltenden Benegaten rer- 
dienen kaum einer Erwähnung. Es ist meist der Ab- 
schaum der menschlichen Gesellschaft, Galeerensträf- 
lingBy die aus den spanischen Praesidos von Genta, Me* 
lilla, Alhucanas und Penon de la Gomera entflohen 
sind. Und die Aussicht auf Begnadigung ist ihnen 
dadurch, dass sie die mohammedanische Beligion an- 
geuommen haben, vollkommen abgeschnitten, sie^v iü de 
auch nutzlos für sie sein, da sie im Falle einer Be- 
gnadigung, dem Bächerarm der allliebenden 
katholischen Kirche anheimfallen würden. 
Die katholische alleinseligmachende Beligion in Spanien 



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86 



und die mohammedaiiische alleinseligmachende Beligien 
in Marokko stehen sich noch ebenso feindlich gegen 

einander, wie zur Zeit Ferdinand des Katholischen. 

Es mögen einige Hundert Renegaten in Marokko 
sein, fast alle Spanier, mit Ausnahme von drei oder 
vier Franzosen; alle sind verheirathet^ die .meisten 
sind Soldaten und alle leben in einer sehr verachteten 
Stellung. Selbst die Kinder und Nachkommen solcher 
Oeludj*) haben noch za leiden von der tiefveraeh- 
teten Stellung, die ihre Eltern einnahmen. 

Europäer, oder wie die Marokkaner sie nenuen: 
Christen, trifft man nur in den Häien. Im Ganzen 
beträgt ihre Zahl jetzt wohl 2000; sie zeigt also eine 
grosse Zunahme gegen früher. Tanger und Mogador 
haben das grösste Contingent aufsmweisen. In den 
übrigen Xustenstädten, wie Tetuan, L*Araisch, Kbat, 
Darbeida, Dar^Djedida und Sa^ findet man nur ein- 
zelne Familien. Die Häfen von Sla, Asamor und 
Agadir haben keine europäische Bevölkerung* 

lieber Zu- oder Abnahme der Bevölkerung in 
Marokko liegen natürlich keine Angaben vor. Was 
die Städte anbetrifft, so hat in der neuesten Zeit Fes 
durch Cholera bedeutend an der Einwohnerzahl ver* 
loren. Dass die Stadt Marokko ehedem viel bedeu- 
tender bevölkert war als jetzt, dass ein G^leiches in 
Mikenes, Luxor (Alcassar) und Tarudant der Fall ge- 

*) Oeln^i pl. von Oel4) heisst man in Mjuokko den ehe- 
maligen cbiistlichen SUaven und ebtaso aneh die Benegaten. 



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87 



Wesen ist, habe ich selbst beobachten können. Die 
grossen Gärten innerhalb Stadtmauern , die tiekn 

leerst^iieiideu Häuser, meistens schon Bninen, endlich 
die grosse Anzahl iinbennizter Moscheen, zu gross für 
die jetzige Population, deuten darauf hin, dass die 
Bevölkerung dieser Städte bedeutend abgenommen hat. 
Zunahme sehen wir nur in den Hafenstädten, nament- 
lich in denen, welche hauptsäcklicli den Handel mit dem 
Auslande vermitteln; aber auch hier ist die Zunahme 
mehr unter der fremden, europäischen BeTÖlkenmg 
zu bemerken, als unter den Eingeborenen. Viele 
Hafenstädte, welche ehemals bewohnt waren, sind in 
der Neuzeit sogar gänzUch entvölkert und verlassen 
worden. 

Ebensp kann auf dem Lande von einer merkhchen 
Zunahme der Einwohner nicht die Rede sein; es kann 
sein, dass einzelne Triben sich vermehren, durch 
locale Einflüsse begünstigt, während aber andere dafür 
sich vermindern oder ganz aussterben. Constante Zu- 
nahme der Bevölkerung und fast möchte ich sagen 
üebervdlkerung findet man nur in den Sahara-Oasen, 
namentlich im Draa und Tafilet. Es scheint, dass 
diese gesegneten Inseln, wie sie Treibhäuser für Pflan- 
zen and, auch ebenso günstig auf die Menschen em- 
wirken. Dazu kommt, dass m den grossen Oasen eine 
yfiy ^it^tni> 9mSflgig grosse Sicherheit des Lebens und 
Eigenthums ist, dass Kriege und Raubzüge dort sel- 



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88 



tener sind, und Beraubuiigeu und Yexationen durch 
die marokkamBche Begiemng dort nicht yorkoimiMii« 
Hauptgründtj aber der Abnahme der Bevölkerung 
Marokko's (höchstens kann, mau sagen > dass diese 
bleibt -wie sie ist) sind vor allem mangelhafte Nah- 
rung. Die Fuuliieit und Sorglosigkeit der Bewohner 
ist derart, dass trotz des reichen nnd jungfräulichen . 
Bodens oft Ifissemten erzielt werden. Nicht zur 
rechten Zeit eingetretener Regen, Hagelwetter oder 
Heuschrecken führen häufig Hungersnoth herbeL Vor- 
räthe anlegen kennt der Marokkaner nicht. Aber 
selbst bei reichlichen Ernten, in Jahren, wo Marokko 
Getreide ausftOiren kann, ist die Nahrung wegen der 
Einförmigkeit keine die Gesundheit fürderiide. Wie • 
schon angeführt worden ist, kommt beim Landbe- 
wohner das ganze Jahr kerne Fleischkost vor. Un- 
mässigkeit, wenn Nahrung reichlich vorhanden ist, 
hat dann Exankheit im Gefolge. Das weibliche Ge- 
schlecht entkräftet sich durch zu langes Säugen der 
Kinder. Fortwährende Kriege und Raubzüge fordern 
Opfer unter den kräftigsten Männern. Die willkiirlidie 
Regierung, die dem Volke den letzten Blutstropfen aus- 
saugende mohammedanische Geistlichkeit, endlich 
die grassirenden Krankheiten, alles dieees sind Ur- 
sachen, welche auf die Entwickelung des marokkanischen 
Volkes hemmend und hindernd einwirken. 




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4. 2)ic iaefigioiL 



Will man die Religion ^ines Volkes richtig beur- 

theilen und richtig erfassen, so muss man sich ausser- 
halb einer jeden Beiigion stellen; ein Christ wird über 
jede andere Beiigion immer , fasst er dieselbe von 
seinem christlichen Standpunkte auf, ein falsches 
Uriheü Yoller Yomrtheüe abgeben; eben so wenig ge- 
nügt es, die Religion, über welche ein ürtheil abge- 
geben werden soll, zur eigenen zu machen (obschou, 
um in das Wesen derselben einzudringen, dies toU« 
kommen nothwendig ist), sondern muss nachdem das 
geschehen, wieder heraustreten, um für die Xritik ohne 
Fessel dazustehen. 

In allen Liiüdem ist die Religion der Grund des 
moralischen Yolkszustandes, imd dexjenige, welcher 
Länder durchforscht und in das Leben des Volkes 
der Länder eindringen will, muss daher vor allem sich 
angelegen sein lassen, die Beiigion des Landes einer 
eingehenden Betrachtung zu imterwerfen. 

Von den drei für semitische Völker gemachten 
Religionen hat keine so gewirkt, das freie Denken, die 



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90 



bewusste Venranft einziuchräiikeii, wie der Islam. 

Und reclmeu wir die liK^iiibitiOiibzeiten , die Ver- 
brennungen der Hexenprocesse ab, bat keine der semi- 
tUcben Beligionen so viele Menscbenopfer gekostet, 
als die mohaiiuaedaiiische. Auch ihr ist ureigen, unter 
der Firma der NäcbsteDbebe, unter der Maske reli- 
giöser Heuchelei jede Freiheit des Gedankens als Sünde 
hinzustellen; ihr ist ureigen, mir die eigene An- 
Bcbauung des Propheten oder Macher der Beligicm 
als allein wahr hinzustellen und den Glauben zum 
unumstösslichen Gesetz erhoben zu haben. 

Der Grund der mohammedanischen Religion Hegt 
in dem Satze: ,,£s gieht nur Einen Gott und Mo- 
hammed ist sein Gesandter.'' Wir sehen hier auk 
drücklich, dass, wie in den anderen beiden semitischen Ke- 
ligionen, die £inheit Gottes vor allen Dingen betont wird, 
aber ohne den Glauben, dass Mohammed „Gesandter'**) 
Gottes ist; gilt die ganze Lehre uichts. 

Mohammed; von einem als Bediunen gekleideten 

Engel gefragt: „worin besteht das Wesen des Islam?" 
— antwortete: „za bezeugen, es giebt nur einen Gott 
und ich bin sein Gesandter; die Standen des Gebets 
innehalten; Almosen geben, den Monat Ramadhan beob- 
achten; und wenn man es kann, nach Mekka pilgern." 



*) Gesandter ist ▼obl an mitenehelden von Prophet, deren 
die Mohammodaner viele anerkenneii, tan Prophet aber wie Mowi 
oder imB be^OBUnt den Mumm „Gesaaditt"« 



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»1 



— „Da8 ist es," erwiederte der Engel Gabriel, indeifl 
er ach za erkennem gab. 

Mit der cluistlichen Retigion bat die mohamme- 
danische das gemein, dass sie die unbedingteste 
Heirscbafb über alle Menschen anstrebt, wenn aber 
jene Herrschaft der cbristliclieT) Kirche erst im Mittel- 
alter verloren ging durch die Kelormation oder KeTO- 
hrtion eines Luther*), so sehen wir in der mohamme* 
danischen Kirche schon 755 ein Schisiiui. Es hihlet 
sich nach der Verlegung des Kalifats von Damaskus 
nach Bagdad ein eigenes ToUkommen unabhängiges 
westliches Kalifat, welches im Anfange in Cordova 
seinen Site hatte. Ausser den fielen anderen Eeli- 
gionssecten und Parteien, welche dann den Islam 
spalteten, wir erwähnen nur der Kharegisten, der Ka- 
darienser, der Asarakiten, der SaMensen, sind in der 
rechtgläubigen mohammedanischen Welt heute diese 
beiden Kali&te noch zu erkennen. 

Z>er Sultan der Tibrkei erkennt sieh als den recht- 
massigen Nachfolger des Kalifats von Bagdad und 
Damaskus, und da dies Kalifat überhaupt nie als gleich- 
berechtigt bestehend das westiiche EaJifiEtt yon Spanien 
und den Maghreh anerkannt hat, so glaubt er der 
Alleinherrscher aller Mohammedaner «a sein. Es versteht 



*) Die krankhafte Anstrengung des Papstthnms, diese Herr- 
8chait bei den Kathüliken jetzt wiederherzustellen, darf, wenigstens 
was die germanischen Völker Anbetrifft, Ü9 verfehlt und zm sj^ät 
tUDgesehen werden. 



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Bidi Yon Bellwtf dan eben so wenig wie F^rotestanten^ 

Griechen und andere chiistliche Bekenner von Kom 
für rechtmässige Oluristeii gelialten werden, auch 
die filyrigen Bekenner des Idam, dieSduiten, AUden, 

Glioms, für rechtgläubige Mohammedauer angesehen 
werden* 

Der Sultan yon Marokko als Nachfolger des Ka- 
lifats von Cordova erkennt aber kemeswegs die Ober* 
herrschaft des Sultans der Türkei an, und eben so 
wie die Kalifen von Spanien ihre Unabhängigkeit von 
den Abassiden aui^echt %u erhalten wussten, hat nie 
irgend ein marokkaniselier Herrscher des Sultans der 
Türkei Oberlierrlichkeit anerkannt. Im Gegentheil, die 
jetzige Dynastie der Kaiser von Marokko, die sc^enaante 
zweite Dynastie der Schürfa, proclamirt laut und 
feierhch, dass sie die allein rechtmässigen Heriöcher 
aller Gläubigen seien, eben weil sie Abkömmlinge 
Mohammeds sind. Der Sultan von Marokko betrachtet 
den Sultan von Constantinopel als einen Usurpator, 
der nicht einmal arabisches Blut, geschweige das 
„unseres gnädigen Herrn Mohammed in seinen Adern 
habe. 

Der echte Marokkaner, wenn er audi das ara> 

bische Volk ids das bevorzugte, das von Gott aus- 
erwählte und besonders beschützte betrachtet,, erkennt 
keineswegs Nationen an. Fflr ihn giebt es nur 
Mohammedaner, oder wie er selbst in römischer Ueber- 
hebung sagt, „Bechtgläubige Moslemin'', Juden, Christen 



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98 



und Ungläubige. Zu den letzteren rechnet er alle solche, 
die kein ^^Buch^^, d. h. die keine göttliche Otfenbaraog 
bekommen haben. 

Da nun aber von solchen, die ein „Buch" haben, 
im Eoraa nur die Juden und Ohrisien erwähnt emd, 
so werden die Wedas der Lider ^ die Kutgs (Btteher 
des Confiieius) der Chinesen und andere als nicht vor- 
handen betrachtet^ und in Marokko gar hat maa die 
Yoistellung, dasB die durch „Tausend und eine Nadit^ 
bekannten Länder Hind (Indien) und Sind (China) 
ausschliesslich den Islam bekennen. 

Von den vier rechtmässigen und gleichberechtigten 
Bekennem des Islam, den üanbaliten, Schaieiten, 
Haaefiten und Maleldten, huldigen die Marokkaner 
wie in Afrika alle Mohammedaner mit Ausualime der 
AegypteTi dem nudekitischen Systeme. Ftür diegeuigen, 
welche weniger mit dem Mohammedamsmus bekannt 
sind, führe ich hier an, dass man schon gleich nach 
dem Tode des Propheten elnzasehen angefangen hatte, 
dass der Koran unmöglich allein allen religiSsen An- 
forderungen, allen Rechtsfragen entsprechen konnte. 
Im Anfange der mohammedanischen Beligion begnügte 
man sich damit, zweifelhafte Fälle durch Mohammed 
selbst oder seine Jünger entscheiden zu lassen. Nach 
des Propheten Tode, nach dem semer Jünger, sammelte 
man dann die mündhchen Ueberlieferungen; es ist das 
die Sunnah; welche im ersten Jahrhundert nach der 
He^jra entstand. 



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94 



Da Hirn aber nooh keineswegs Koran und SunnAli 

ein regelmässiges System boten, so liikltc man die 
Nothwendigkeity für Theologie und Jurisprudenz einen 
iSMilclian festen Anlialt zu bilden, und vier Sobriftge- 
lebrte unternahmen diese Arbeit. Jeder lieferte eine 
Abbandluag über die religiösen Ceremonieni über die 
Qmndsätze, wonseh der Moslim sein häusliches Leben 
einzurichten hat, und sie sonderten die Sclieria, d. h. 
das Ton Goti selbst gegebene unabänderliche Gesets, 
von dem, welches nach dem "Willen und Gutdünken 
der Menschen abgeändert werden kann. Die Ab- 
bandlungen dieser vier Scbrifl^elehzten, obschon sie 
in vielen äusserlichen Sachen von einander abwiclien, 
wurden alle als orthodox anerkannt und sie bekamen 
den Namen nach ihren Urhebern. 

Der Malekitische Situs nun (Malek ben Anas 
wurde 712 in Medina geboren, woselbst er 795 starb) 
yeidrängte im Westen Ton Afrika gegen das Ende 
des achten Jalu'hunderts den Hanehtischen Ritus, und 
dieser hat sich dort bis aui unsere Zeit erhalten. 
Neiben Malek und hauptsächlich als bester Erklärer 
der Malekitischen Schriften gilt das Werk von Chaiü 
ben Ischak ben Jacob, der 1422 starb, und ans einer 
Menge anderer Schriften über Malekitischen iiitus seiue 
.Werke zusammengesetzt haL Sehr hoch gehalt^ 
werden in Marokko auch die Schriften des Badbari, 
der 200 Jahre nach Mohammeds Tode schon die 
UeberUeferungen sichtete und von 7275 für wahr ge- 



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95 



halteten und 2000 zweifelhaften mehr als über 2000 

Der üaterBcfaied der MaleHten toh den Übrigen 

drei rechtgläuhigen Parteien beimlit nur auf Aeusser- 
Hchkaiteny so namentlich in der Veniehtmig bei den 
Ablntionen^ in den Bewegungen beim G^bet, endlich 
hat Malek Tor seinen gelehrten Colicgen den Yorzag, 
dass er denen, die seine Beligionsregehi beiolg€iiy ent- 
schiedene Erleichterungen gewährt. 

Das Sultanat von Marokko als solches wurde ge- 
griindet nach dem Untergänge des Königreichs Yen 
Granada am 2. Januar 1492, als Ferdinand auf der 
Alhambra die Fahne von Castilien and des heiligen 
Jacob anfid^n konnte. Das westliche Kalifat war 
nun begraben, aber als Erben desselben betrachteten 
sieh Ton dem Augenblidce an die Sultane von Marc^o. 
Wenn dann noch später bis zur eigentlichen Ver- 
treibung der Mohammedaner aus Spanien ein inniger 
Zusammenhang mit den a^ikanischen Glaubensgenossen 
bKeby so hatte doch jeder politische Zusammenhang, 
wie früher schon oft, seit 1492 gänzhch zu existiren 
an%6härt. Marokko selbst ha;tte auch freilich nicht 
die Grenzen, welche es jezt inne hat, seine Ausdebnung 
wechsele je nach d^ Macht der regierenden Sultane* 
Sinzdne dehnten ihre Oberhoheit durch die Sahara 
Im Timbuctu und Senegambien hin aus, und Mascara 
und Tiemgen haben häufig ^enug die Oberhenüchkeit 
derselben anerkannt Oftmals aber regierten drei 



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96 



Könige oäer SoHaiie neben emmder, daher die Namen 

Kömgreich Jjes, Tafilet, Marokko. Nie aber, wir be- 
tonen esy namentlich weil jetzt die Pforte auch die 
Souveränetät üLer Marokko beanspruchen zu wollen 
acheint, i&i im eigentlichen Marokko, d* h, westlich 
Ton der Mnlnya, irgend wie oder irgend wo ein tfir- 
kischer Pascha als Kegent seines Herrn, des Sultans 
der Türken, gesehen worden. 

Im AUgemeinen sind die Begrifie des Volkes Ton 
der mohammedanischen iieligion äusserst obertlächlich 
und Terworren. Der gemeine Mann giebt sich auch 
gar keine Mühe, in das Wesen des Islam einzudringen, 
und was die Faki und die Tholba, d. h. die Doctoren 
nnd Schri%elehrten, anbetrifft, so sind diese in Marokko 
auf einer bedeutend tiefer stehenden Stufe der Ge- 
lehrsamkeit, als in den meisten anderen Ländern, wo 
der Islam herrscht. 

Die Lelire von der Prädestination zieht sich 
auch in Marokko durch die ganze religiöse Anschauung 
hin: „Es stand geschrieben," dass an dem Tage der 
und der sterben muss, „es stand geschrieben," dass 
der und der das Verbrechen beging etc. Es wfirde 
indess lebensgefährlich sein, einem Thaleb zu sagen: 
Da Gott allmächtig ist und Alles erschaffen hat» 
80 hat er doch auch den Teufel geschaffen; oder, der 
Teufel als gefallener Engel hat doch nur mit Wissen 
und Willen Gottes fallen können. Man wftrde in 
Ge&hr sein, yerhraant asu werden, wenn num einem 



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97 



Faid sagte: Da Oott Alles geschaffen hat, so muss 

er doch auch das Böse, die Sünde, geschaffen liabon; 
wie erklärst Du das mit der Allgüte Gottes^ Gottes, 
welcher doch nur der Inbegriff alles Guten sein soll? 
Ein marokkanischer Geistlicher würde nicht antworten 
,,mit unerforschlichen Geheimnissen'', die wir nicht zu 
ergründen vermögen, sondern gleich mit ,,Feuer und 
Schwert". 

G^tt mit „hundert guten Eigenschafben'', als 

„grösster", „allbarmherziger", allmitleidiger", denkt 
sich der marokkanische Mohammedaner als ein per- 
sonliches Wesen. Ohschon der Name Gottes „Allah" 
immer mit besonderer Betonung und recht sonor aus- 
gesprochen wird, so hat doch das häufige Anrufen 
desselben eine völlige Missachtung nicht nur des Na- 
mens, sondern Gottes selbst lierhcigeführt. Die eigene 
Lehre Mohammed's trägt Schuld daran. Während die 
jüdischen Lehrer vor aßen Dingen darauf hielten, den 
Namen Gottes so wenig wie möglich im Munde zu 
führen, ,,Da soUst den Namen des Herrn, Deines 
Glottes, nicht unnützlich führen; denn der Herr wird 
den nicht ungestraft lassen, der seinen Namen miss- 
braucliVS und die Israeliten hierin so weit gingen, 
dass der Name Jehovah nur von den Priestern im 
Tempel ausgesprochen werden durfte, und man für 
G^ott Eloah oder Adonai, d. h. „Herr" im gewöhn- 
lichen Leben, sagte, lehrte die mohammedanische Ee- 
Rohlfii. 7 



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98 



ligion, ea iat T«rdienatTOll, den Namen Qottes so 

viel als III ü gl ich auszusprcclien. 

Bei aussergewöhnlicheii Versamsüiuigen von Be- 
ligioiisgenossenBcliaiteQ kann man daheir Beben, wie 
manchmal die Versammelten mit nichts Andern sich 
beschäftigen» als wiegend mit dem Köxper den Takt 
zu geben, und jedesmal das Wort ^^AUab'^ auszuspre- 
chen. Eine Versammlung der religiösen Genossen- 
schaft der Kulei Thaib in Bhadames, der ich dort 
beiwohnte, behauptete, am selben Abend das Wort 
,,Allah'^ 70|000 Mal ausgerufen zu haben. Wenn 
dies nun auch nicht genau dem Worte nach genom- 
men werden muss, denn die Zalüen in grösseren Zu- 
sammensetzungen sind überhaupt den Marokkanern 
ziemlich unbekannte (j^rossen, so kann ich doch Ter- 
sichern, dass ich sicherlich eine nachhaltige Heiserkeit 
würde da7on getragen haben; wenn ich mit gleicher 
Begelmässigkeit und Vehemenz eben so oft Allah mit* 
geschrien hätte. 

Allah wird deshalb eigentlich weder geliebt^ noch 
gefiirchtet und kaum verehrt, denn wenn auch das 
Chotba- Gebet Freitags wie die täglichen Gebete an 
Gott gerichtet sind, so wendet sich doch der Marok- 
kaner, um irgend eine Gunst zu erlangen, um irgend 
etwas durchzusetzen, an irgend Jemand sonst, nur 
nicht an Gott. 

Wie hat es aber auch anders sein können? Es 
liegt dem Menschen so nahe, dass er das, was er 




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99 



immer zur Hand hat, was er täglich braucht, anfängt 
nicht zu beachten, und die Nichtbeachtung ist immer 
der erste Schritt zur Verachtung. Und in jBCarokko 
wird das Geringste, das unbedeutendste Geschäft, ja 
Dinge, die nach den Gesetzen aller Menschen sünd- 
haft sind, um nicht noch mehr zu sagen, mit der An- 
ruiimg Gottes „Bi ism' Allah, im Namen Gottes" be- 
gonnen. Mit dieser Bedensart steht der Marokkaner 
' auf, ergreift seine Kleidungsstücke, falls er sich der- 
selben ausnahmsweise Nachts entledigt hätte, unter- 
nimmt seine Waschungen, betritt die Strasse, geht 
damit zur Arbeit) prügelt damit seine Lehrünge durch, 
ohrfeigt seiue Gatün, empfingt damit ein Almosen, 
ersticht damit seinen Feind, schwört damit einen fal- 
schen Eid, betritt damit die Moschee, legt sich damit 
schlafen, mn in der Kegel damit auch seinen letzten 
Hauch von sich zu geben. 

Die Vorstellung, welche man sich von Engeln 
macht, ist im Wesentlichen der der anderen semiti- 
schen Lehre nachgebildet. Die Engel haben einen 
. feinen und reinen Körper; sie essen und trinken nicht, 
sind geschlechtslos und werden als specielle Diener 
Gottes betrachtet. Die Befehle Gottes, der unum- 
schränkter Gebieter des Weltalls ist, werden durch 
die Engel Termittelt So beginnt die 35. Sure*): 
„Lob und Preis sei Gott, dem Schöpfer des Himmels 
und der Er de, der die Engel zu semen Boten macht, 

•) Der Koran von Dr. Uli mann. Bielefeld. 

7* 



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100 



80 da ausgestattet sind mit je zwei, drei und ner 
Paar Jjlügeln.*' Als voruchmster wird Gabriel be- 
tracbtety der manchmal auch als ^^Geist Gottes^' er- 
wähnt ist; Michael, der Engel der Offenbarung, 
Azariei der Todesengel^ Isratul der J:uugel der Auf* 
erstehnng. Man glaubt sodann an Geister, Djenun 
(Plural von Djiu), welche als aus gröberer Materie 
gemacht gedacht werden und am jüngsten Tage einem 
Gerichte unterliegen. 

Man kann nicht sagen, dass m Marokko ein 
Teufel cultus bestände, und als ob man sich über- 
haupt etwas aus dem Teufel mache. Er wird nicht 
so oft in den Mund geuoniinen, wie Allah, und ist 
dem zufolge den dortigen Mohammedanern ziemlich 
zur Nebensache geworden. Wie hei den meisten Völ- 
kern, wird auch hier dem Teulei Alles in die Schuhe 
geschoben und „Allah rhinal Schitan, Gott 
verfluche den Teufel!" kann man täglich hören. 
Stösst einer aus Versehen an, schneidet sich einer in 
den Finger, föUt einer zur Erde, zerbricht aus Ver- 
sehen ein .Gefäss, beschmutzt durch eigene Unvor- 
sichtigkeit sein Gewand, so wird unabänderlicherweise 
der Teufel verflucht. Als eigenthümlich beobachtete 
ich, dass, sobald ein Esel seine musikalischen Töne 
ausstössty es zum guten Ton gehört, sich mit Abscheu 
wegzuwenden und „Gott verfluche den Teufel" auszu- 
rufen. Der Teufel wird Iblis oder Schitan genannt, 
und nach der Meinung der Mohammedaner wird er 



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101 

deshalb als gefallener Engel angesehen, weil er sich 
weigerte, Adam anzubeten""). 

Als Lohn wird den Menschen nach dem irdischen 
Tode ein Aufenthalt entweder im Paradiese oder 
in der Hölle zu Theil. Indess kommen die Abge- 
schiedenen keineswegs sofort dorthin, sondern erst nach 
dem jüngsten Gericht. Höst**) sagt S. 197, und dieser 
Glaube ist auch heute noch in Maiokko : Wenn ein 
Manre gestorben ist, so glauben die Anderen, dass er 
gleich im Grabe von zwei Engeln befragt wird^ die 
sie Munkir und Nakir nennen; und wenn er dann- als 
ein echter Moslim zu ilirer Zufriedenheit antwortet, 
so ruhet der Leib ungestört bis zum Gerichtstage ; wo 
nicht, so schlagen sie ihn mit eisernen Keulen an die 
Schläfe, und er wird von giftigen Thicren gebissen 
und übel behandelt. Die Seelen der Märtyrer 
verbleiben im Halse der grünen Vögel des 
Paradieses bis an den Tag des Gerichts; aber die 
anderen rechtgläubigen Seelen, die durch den Engel 
Azariel mit Gtelindigkeit vom Körper getrennt werden, 
halten sich um die Gräber herum auf, ob sie gleich 
gehen könnten, wohin sie wollen. Für diejenigen 
Seelen hingegen, die verdaiuiut werden, wissen sie 



*} An anderen Orlen und Sorat 9 im Koran: „Barauf sagten 
wir xn. den Engeln: Fallet vor dem Adam nieder, und Bie thaten 
so, nur der hoehmUtblge Teufel weigerte sich, er war unglftubig.*' 

*^ Nadirichten von Marokko und Fes, von G. HO st. Eopen* 
bagen 1781. 



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102 



keinen Platz, denn weder Himmel noch Erde will m 
Annehmen*^ ^ 

Endlich naht der jüngste Tag, dessen Ankunft 

durch „Zeichen" angekündigt wird. So soll am Abend 
vorher die Sonne ansehen, der zwölfte Imam, der Me- 
hedi verkündet an& Nene nnd suletet den Islam, nnd 
Jesus Clinstus, die Lehre Mohammed^s hekennend, er- 
scheint aufis Neue. Nach dem Glauben der Mohamme- 
daner haben sowohl Moses als auch Christas den 
wahren Islam gepredigt, nur wir Christen und die 
Juden haben unsere, respectire ihre Bücher gefiüschi 
Die Mohammedaner verweisen auf verschiedene Stellen 
des Alten und Neuen Testaments, von denen sie glauben, 
dieselben enthielten eine Weissagung, einen Bezug auf 
Mohammed. 

Die Trompete erschallt, die Sonne wird verfinstert, 
die Sterne fallen zur Erde, es herrscht Chaos. Ein 
zweiter Trom2)etenstoss ertönt, und Alles auf Erden, 
was Leben hat, stirbt Ein 40 Jahre anhaltender 
Regen soll zum neuen Keimen und Leben rufen , und 
dann werden die Engel Gabriel, Michael und Israful 
zuerst erweckt (an anderen Eoranstellen lässtMohammed 
sie nicht sterben, wie überhaupt die grössten Wider- 
sprüche herrschen). Letzterer sammelt die See* 
len in seiner Trompete, und beim letzten Schall 
entfliegen sie derselben, um den Raum zwischen 
Erde und Hinimel auszufüllen. Die Länge des jüngsten 
Gerichtstages wird im Eoran verschiede, im 30. Ca- 



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tos 



pitel zu 1000, im 70. Capitel zu 50,000 Jahren ange- 
geben. 

Nachdem die Menschen von den Engebi Kimkir 

imd Gabriel gefragt sind, wiegt Gabriel in einer Waage, 
die so gross ist, dass sie Himmel und Erde zugleich - 
enthalten kann, die Thaten der Menschen. Ueberwiegen 
die guten Tliaten auch nur Ein Haar die bösen, so 
ist der Eingang in das Paradies gesichert. Ein Mo- 
hammedaner, der einem andern Unrecht gethan hat, 
muss übrigens einen Theil seiner guten Thaten dem- 
selben abgeben, hat er gar keine, so übernimmt er 
dafür des Anderen Sünden. Obschon die Verdammung 
an vielen Stellen als eine ewige geschildert wird, so 
glaubt man doch nach anderen Andeutimgen, wenigstens 
für die Rechtgläubigen auf eine zeitweise Strafe 
rechnen zu könaen, „nachdem die Haut 1000 Jahre 
lang zu Kohle verbrannt ist''. 

Bei der Auferstehung sind die Frommen be- 
kleidet mit Leinwand, die Gottlosen erstehen nackt, 
und jene, welche unrechtmässig Beichthümer erworben 
haben, werden als iSchweme auferstehen; die, welche 
Zinsen nehmen, werden Kopf und Füsse verkehrt 
tragen. Um einer solchen Strafe zu entgehen, leiht 
man in Marokko nie auf Zinsen, aber man umgeht 
das unentgeltliche Darleihen dadurch, dass man z. B. 
100 Metkai ausleiht, aber gleich zur Bedingung macht, 
nach so und zo lauger Zeit das verdoppelte oder 
verdreifachte Capital zurackzubekommen. Nur so 



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104 



konnte ich mir selbst spater am Tsadsee vom Moham- 
medaner Mohammed Sfazi 200 Maria-Theresia-Thaler 
Terschaffen ; es war Bedingung, 400 zurückzuerstatten ; 
Zeit war hierbei nicht angegeben, aber man verlangte 
Zahluug auf Sicht in Tripolis , nnd da die Earavane 
gleich darauf abging nach dieser Stadt und etwa neun 
Monate Zeit gebrauchte^ so konnte der Darleiher ge- 
wiss zuMeden sein. — Die ungerechten Bichter, die 
Mörder, Diebe etc., Alle werden in eigenen Gestalten 
erscheinen, um ihre Strafe anzutreten. Das Gericht 
wird lange dauern und Gott wird in Person richten, 
Mohammed wird Fiiibitter sein, Adam, Noah, Abraham 
und Jesus weisen das Amt der Fürbitte von sich. 
Auch die Engel, die Geister und die Thiere werden 
zur Rechenschaft gezogen. 

Die Auferstandenen haben, um in den für sie be- 
stimmten Aufenthalt zu kommen, die Siratb rücke 
zu passiren, die so lein wie ein Haar und so schnei- 
dig wie ein Messer ist; die frommen Seelen kommen 
mit telegrapiiischer Geschwindigkeil hinüber, die Gott- 
losen stürzen in die Tiefe. 

£he man ins Paradies gelangt, kommt man zu 
einer Mauer, welche Hölle und Paradies trennt. 
Diese Mauer wird zugleich als nomkales Gebiet be- 
trachtet und dient als Aufenthalt für Solche, die gleich- 
viel Gutes und Böses, oder überhaupt weder Böses 
noch Gutes gethan haben. 

Das moliammedanische Paradies mit den rieseln- 



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105 



den Bächen von Müoh und Honig, den schwarz&ngigen 

Hnris; deren Leib aus duftendem Bisam besteht, dem 
Weine, der nicht berauscht, und den 80,000 Sldaven, 
die jeder ßechtgläubige zur Verfügung hat, ist hin- 
länglich btkamit, und der Marokkaner schmückt sich 
nach seiner Art die Versprechungen, die ihm Mohammed 
hn Koran davon gemacht hat, noch mehr aus. So 
'^iid er dort immer seine Haschischijfeife haben, und 
der Haschisch wird ihn nicht schlaftrunken machen; 
er wird nicht schwarzäugige Huris als Dienerinnen 
haben, sondern bla'uäugige, blondlockige Eng- 
länderinnen, welche nach der Meinung derMarok- 
kauer diesen Vorzug verdienen. Das Paradies befindet 
sich über den sieben Himmeln, unmittelbar unter dem 
Throne Gottes; was aber räumHch über Gott selbst 
ist, darüber nachzudenken ist dem Marokkaner moht 
erlaubt. 

Nach der Beschreibung der die Hölle vom Paradiese 
trennenden^ Mauer sollte man denken, dass dieses 
letztere sich auf gleichem Niyeau befände mit der 
Hölle. Aber wie bei den übrigen semitischen Reli- 
gionen und wie bei fast allen Völkern ist mit der 
Hölle der Begriff des „Tiefen, Unterirdischen« ver- 
bunden. Deshalb sagt man auch, die Bösen fallen 
von der Siratbrucke. Man stellt sich sodann die Hölle 
mit sieben Stockwerken vor; im obersten wohnen 
jene Mohanmiedaner, die auf Fürbitte des Herrn Mo- 
hammed nach einigen tausend Jahren Eintritt ins Pa< 



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radies bekommen können. Es ist sodann ein Aufent- 
halt für die Cliristeu^ iur die Juden, für Sabaer, Magier, 
Ungläabige fiberhaapt Torhanden. In das unterste 
Stockwerk werden die Heuchler konamen, d. Ii. Solche, 
die äusserlich eine Beligion, vomehmüch die moham- 
medanische, bekannten, aber innerlich nicht daran 
glaubten. Die Qualen der Hölle werden ebeu so er- 
finderisch beschrieben, me bei den übrigen Völkern, 
so dass es eine wahre Lust ist, sich daneben den all* 
barmherzigen Gott zu denken, wie er im Paradiese 
in seiner ewig allgütigen und allmitleidigen Na- 
tur auf diese seine Geschöpfe hinabschaut, ohne dass 
es ihm eiuialit in seinem unerforschlichen Bathschlusse, 
die Ton ihm yerhängten und nach seiner Vorherbe* 
Stimmung (nach der Lehre Molmmnied's ist ja Alles 
vorherbestimmt) erfolgten Qnalen zu lindem oder gar 
zu beendigen. 

Feuer spielt natürlich eine Hauptrolle in der 
Hölle; die Anzüge sind Ton Feuer, in den Eingeweiden 
brennt Fener^ Feuer Terkohlt die Haut, Feuerschuhe 
bekleiden die Füsse ; ebenso heisses Wasser (22. Cap.). 
„Es soll auf ihre Köpfe gegossen werden, wodurch sich 
ihre Eingeweide und ihre Haut auflösen." Genug von 
den Freuden des mohammedanischen Paradieses und 
den Leiden der mohammedanischen Hölle. 

Unter dem Schutze des Grossscherifs von Uesan, 
der mir ein unwandelbarer Freund war, wagte ich 
einst, einem Thaleb, der mit glühenden Farben die 



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107 

Köstlichkeiten des Paradieses der Gläubigen mir aus- 
malte, zu erwiedem: ^firesm aber Ba Marokkaner Alle 
Anspruch macht, ins Paradies zu kommen, so will ich 
heber nach dem Orte kommen , der den Christen aa<- 
geviesen wird." Da mein Beschützer zn lachen anfing, 
lachten Alle pflichtschuldigst über die Abfertigung, 
die der Thaleb erhalten hatte, mit Ich konnte mir 
damals in TJesan eine solche Aensserung erlaaben, weil 
ich nach den Worten Mohammed s als übergetrete- 
ner Christ den Vortritt Tor den Übrigen Moslemin 
hatte. Wenn Mohammed von Vortritt spricht, meint 
er darunter den in das Paradies. 

Folgendes ist die nnwandelbare Lehre, wie sie 
Ton Gott durch die Propheten den Menschen vermit- 
telt worden ist; sind Juden und Christen später von 
diesem Islam abgewichen und haben die Bücher ver* 
lischt, so war es die Hauptaufgabe Mohammed's, die 
reine Lehre wieder herzustellen. Mohammed lässt ver- 
schiedene Offenbarungen zu seit der Erschaffung der 
Welt, und unter den Propheten giebt es verschiedene 
Bangstufen. Zu den ersten gehören Adam, Noah, 
Abraham, Moses und Jesus. Es kommen sodann Pa- 
triarchen und Propheten, welche vollkommen heilig 
nnd sündlos auf Erden lebten. Nach der Meinung der 
Marokkiiuer giebt es 104 heilige Schriften*), von denen 
auf Adam 10, auf Seth 50, auf Edris oder Enoch 30, 
auf Abraham 10, auf Moses 1, auf David 1, auf Jesus I 

*) Siehe Jackson, Account oi Maracco, p. 197. 



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]0S 



und auf Mohammed 1 kommen. Bis auf die vier 
letzten sind alle anderen verloren gegangen, und bis 
auf das letzte, den Koran, die drei noch übrig ge- 
blie])enen gefälscht. Damit der Korau nicht gefälscht 
werde, darf er nur geschrieben und in arabischer 
Sprache verbreitet werden. Ein gedruckter Koran ist 
daher in Marokko schlecht augesehen; gleichwohl 
machte ich dem Grossscherif einen solchen sowie ein 
Altes und Neues Testament in arabischer Sprache zum 
Geschenk, und er nahm sie gern an. Aus demselbsu 
Grunde, d. h. Um den Koran verstehen zu können, 
müssen aller nichtarabischen Völker Schriftge- 
lehrte Arabisch lernen. Ein Versuch, den die Maiok- 
kaner selbst machten, den Koran ins Berber ische 
zu übersetzen, da die überwiegende Mehrzahl der Ma- 
rokkaner Berber sind, scheiterte vollkommen an dem 
Fanatismus der arabischen Tholba; die schon über^ 
setzten Exemplare wurden verbrannt. 

Unter den Propheten erkennt Mohammed Jesu 
den ersten Platz zu; er glaubt, dass Jesus der Sohn 
Mariä sei und dass diese auf wunderbare Weise empfan- 
gen habe. Ex glaubt weiter, dass die Juden Jesum 
nicht kreuzigten, sondern eine andere Person imter^ 
schoben. Die Aulerstehung und die Hüilenlahrt wer- 
den also vollkommen von den Mohammedanern ge- 
leugnet. Iiidess glauben sie, dass Jesus lebendig gen 
Himmel empor gestiegen sei; und ebenfalls wird er, 



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109 

wie schon erwähnt, zum jüngsten Gericht zurück er- 
wartet. — 

Ein Haupterfordemiss ist das Gebet; aber kein 

Gebet ist gültig, wenn nicht vorher eine Abwaschung 
des Körpers^ d. h. eine bestimmte Ceremoniei yorge» 
nommen worden ist Man unterscheidet in Marokko 
wie überhaupt bei den Mohammedanern die grosse 
Abwaschung, el odfao el kebir*); die kleine, el 
odho el sserhir; die Abwaschung mit Sand, el 
timum, und das blosse Jb'ingiren des Waschens, 
el clio£n. Diese Abwaschung wird in verschiedener 
"Weise bei den vier rechtgläubigen Riten vorgenommen» 
aber nach einer der vorgeschriebenen Nonnen muss 
die Ablution verrichtet werden. Würde man z. B. 
zuerst das linke Auge auswaschen, wenn es erforder- 
lich ist, dass vorher das rechte gewaschen werden 
soll, dann ist die ganze Ablntion batal, d. h. umsonst, 
und es kann nicht gebetet werden. Würde man z. B. 
um den Mund auszuspülen, dies mit der linken statt 
mit der vorgeschriebenen rechten Hand thun, so taugt 
die ganze Ablution nichts. Jeder Körpertheil 
kommt nach vorgeschriebener Ordnung an die 
Eeihe, und je nachdem wird die rechte oder linke 



*) Höst S. 204 sagt: Die grosse Abwaschung heisst Ergasel. 
Es ist dies ein Irrthum; Ergasel bedeutet jede beliebige Ab- 
waschung, aber keine religiöse; wenigstm habe ich io Ma- 
rokko dies Wort sie in diesem Sinne gebrauchen hOren, obschon 
Ich selbst t&glich die Ceremonien nitinmadien hatte. 



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HO 



Hand sann Abwaschen benatsEt Die grosse Abwaschung 
vnterscheidet sich von der kleinen dadurch, dass man 

bei jener den ganzen Körper emer Reinigung unter- 
zieht, bei dieser indess nnr die Theüe des Körpers 
abwäscht, welche man, ohne sich der Kleidungsstttcke 
zu entledigen, einer Wäsche unterziehen kann. Bei der 
Waschung mit Sand reibt man sich natttriich nicht 
buchstäblich mit Sand ab, sondern legt die Hände 
auf den reinen Erdboden und fingirt die Waschung. 
Auch hier muss streng die Beihenfolge der ab- 
zuwaschenden Theüe inne gehalten werden. Bei un- 
reinem Boden und wenn kein Wasser Torhanden 
berührt man irgend einen Gegenstand, eine Wand, 
einen Stein, und tingirt dann die Ablution ; es ist dies 
was man el chofin nennt Malek, der überhaupt 
duldsamer als die übrigen drei mohammedanischen 
Gelehrten ist, erlaubt auch das timum und ei chofin 
da, wo Wasser Torhaaden ist; deshalb findet man in 
den meisten marokkanischen Moscheen, namentlich 
in aJlen Djemen der Oasen, Steine, welche um£ust 
werden, nach welcher üm&ssung sodann die Ablution 
vor sich geht. 

Das Gebet der Marokkaner ist keineswegs ein 
solches nach dem Sinne solcher Christen, welche dar- 
unter vorzugsweise einen freien Herzenserguss, einen 

eine ans eigenem Her- 
zen entspringende Bitte an Gott sehen, sondern viel- 
mehr ein bestimmt auswendig Gelerntes, und eine mit 



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III 



bestimmt Torgeschriebenen Ceremonien yerknüpfte 
Handlung. Es kann daher bei den Marokkanern nach 
cbxistUolier AuffiuBimg yon keinem eigentlicben Gebet 
die Rede sein, sondern nur von Gebets Übungen, von 
Gebetsc er emo nie n; und so muss man es wohl iür 
alle Mohammedaner au&ssen, indem die dabei vor- 
kommenden Ceremonien und Verbeugungen für Alle 
bestimmt vorgeschrieben sind. Fehlt eme dieser 
Ceremonien^ würde man z. B. sich statt nach Mekka 
nach einer andern Bichtung wenden, oder würde man 
es nnterlassen, sich nach der and der Stelle zu Boden 
zu werfen, so ist das Gebet ungültig; es steigt daim 
nicht zu Gott auf. 

Man unterscheidet das M orgenge bety essebah, 
das Mittagsgebet, eldhohor, das Nachmitta^s- 
gebety elassar, das Abendgebet, el maghreb^ 
und das Nachtgebet, elascha. Die so häufige 
Wiederholung der Gebetsübungen ist im Anlange des 
Islam auf zähen Widerstsoid gestosseui später ge- 
wöhnte man sich daran , so wie sich der Soldat an 
Bisciplin gewöhnt. Und dadurch , dass Mohammed 
überall das Beten erlaubt, und das Gbbet auf der 
Strasse oder im freien Felde für ebenso verdienstvoll 
gilt, als das in der Moschee^ und vom Gebet im „stillen 
Kämmerlein^' im Koran nirgends die Bede ist» dadurch 
hat sich nach und nach ein Pharisäismus in die mo- 
hammedanische Beligion eingeschlichen, der anderen 
Leuten ganz ungeheuerlich vorkommen muss« Nament- 



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112 



lieh in Marokko liat sieb unter dem Systeme der 

Unfehlbarkeit des Sultans eine entsetzliche 
Schemheüigkeit und Heuchelei aller Classen bemichtigfc. 
Der gewöhnlichste Marokkaner versteht es, sich 
beim Beten derart den Schein der Andacht, der Hei- 
ligkeit zu geben, er weiBB s^ner Stimme derart emen 
näselnden Ton, einen feierlichen Klang beizulegen, er 
wendet derart seine Augen gen Himmel und scheint 
überhaupt so sehr seinen ganzen Körper dem nichtigen, 
irdischen Dasein zu entrücken, dass man glauben sollte, 
er zerflösse vor Heiligkeit. Und doch ist er nichts 
weniger als fromm ; die Worte, die er an AUab richtet, 
versteht er kaum, falls er nicht sehi* gebildet ist. Das 
koramsche Arabisch unterscheidet sich yom Neuarar 
bischen und namentlich vom Magrhebinischen eben so 
sehr, wie das Lateinische von den neueren romanischen 
Sprachen. Man hält in Marokko darauf, beim Beten 
gesehen zu werden, man hält in Marokko auch darauf, 
recht laut die vorgeschriebenen Worte auszu- 
sprechen, damit man ja, falls man übersehen wird, 
geliört werde. Da es nicht nöthig ist, genau die Zeit 
des Gebetes inne zu halten, die Gebete aber nachge- 
holt werden müssen, so trifft man allerorts, auf allen 
Plätzen, auf allen Strassen, in allen Moscheen Leute, 
die ihre Gebetsübungen verrichten. Besucht man einen 
Marokkaner, so kann man sicher sein, dass unter hundert 
neunundneunzig den Gast einen Augenblick zu warten 
bitten^ „damit ein nachzuholendes Gebet erst verrichtet 



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IIB 



werde/' Man will damit documentiren, dam man 

fromm sei! Recht eifrige Leute, naineiitlich l^iiitlcr 
einer religiösen Innung , püegen ausser den Torge- 
schriebenen Gebetsceremonien nooh andere zu be- 
stimmten Tageszeiten abzuhalten, z. B. vor dem Mor- 
gengebet das Morgenroihgebet Fedjer; um die Zeit 
des Dhaba, d. b. zwischen dem Morgen- und Mittags- 
gebete, das Dbahagebet; d^ eschefah- und uter- 
Qehet nach dem el ascba etc. 

In den Städten wird Ton den Tbülnnen der Mo- 
schee die debetsstunde durch Aufziehen einer weissen, 
am Freitage zum Gbotbagebet einer dunkelblauen 
Fahne angekündigt, ausserdem ruft der Müden von 
den Thürmen zum Gebet auf. Auch dieser Aufruf ist 
bestimmt Torgescbrieben und beginnt nach Osten, um 
durch Süden, Westen und Norden wieder gen Osten 
beendigt zu werden. Die Worte lauten: ^^Gott ist 
der Grösste, Gott ist der Grösste, ich bezeuge, es giebt 
nur Einen Gott, ich bezeuge, es giebt nur Einen Gott, - 
Mohammed ist sein Gesandter, Mohammed ist sein 
Gesandter'*'); kommt zum Gebet, kommt zum Gebet, 
kommt in den Tempel, kommt in den Tempel, Gott 
ist der Grösste, Gott ist der Grösste, es giebt nur 
Einen Gottt" 

Das Gebet selbst zerfällt in Anrufung, ver- 



*) Tor dem Morgengebet werden die Worte „das Gebet iBt 
bsMer als der Sohlif*^ eiiigesdisltflt. 

fiohlfik S 



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schiedene Bikats und GrosB*) und wird folgender- 

massen bei den Malekiten abgehalten: 

Die Anrufung: Körper gerade und beide Hände 
erhoben bis zur Höhe der Ohren, ,,Gott ist derGrossie!^' 

Erstes Eikat und erste Position: Aufrecht, die 
Hände fallen herab, und man sagt das erste Capital 
des Koran her. ,,Lob und Preis dem Weltenhenm, 
dem Allerbariner, der da herrschet am Tage des Ge- 
richts. Dir wollen wir dienen , und zn Dir wollen wir 
flehen^ auf dass Du uns führest den rechten Weg, den 
Weg derer, die Deiner Gnade sich Ireuen, und nicht 
den Weg derer, über welche Du zfimest, und nicht 
den der Irrenden." — Es folgt jetzt ein Koranyers, 
z. B. ,|Gott ist der einzige und ewige Gott. Er zeugt 
nicht und ist nicht gezeugt, und kein Wesen ist ihm 
gleich." 

Zweite Position: Man verbeugt sich, die Hände 
auf die Knie stützend, und ruft: „Gott ist der Grösste 

Dritte Position, sich wieder aufrichtend: „Gott hört, 
wenn man ihn lobt." Vierte Position, niederknieend 
berührt man mit beiden Händen, mit der Stirn und 
Nasenspitze die Erde und ruft : „Gott ist der Grösste !" 
Fünfte Position: Man setzt sich auf die zurückliegenden 
Waden, legt die Hände auf die Schenkel und ruft: 
„Gott ist der Grösste!" Sechste Position: Man be- 
rührt abermals mit Händen, Stirn und Nasenspitze den 
Boden und ruft: „Gott ist der Grösste!'' Siebente 
*} Siehe AU Bey el Almssi, Yojrtge en Afciqua etc. I, p. 163. 



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115 



Position: Man richtet rieh auf und ruft stehend: ,,Gott 
ist der Grösste!^' 

Zireites Eikat: Die ersten sechs Stellongen 
werden wiederholt, nach der sechsten hleiht man sitzen 
und spricht: „Die Nachtwachen sind für (Tutt, wie 
auch die Gehete und Almosen; Gruss und Friede sei 
Dir, o Prophet Gottes; Gottes Mitleid und Segen ruhe 
auf Dir. Heil und Friede komme auf uns und alle 
Diener Gottes, die gerecht und tugendhaft sind. Ich 
bezeuge, es giebt nur Emen Gott, ich bezeuge, dass 
Mohammed sein Diener und Gesandter ist!^' Hat das 
Gebet nur zwei Bikats, so fügt man noch hinzu, indem 
man in derselben Stellung bleibt und dabei immer den 
rechten Zeigefinger kreisförmig bewegt: ,,Und ich be- 
zeuge, Er war es, der Mohammed zu Sich rief, und 
ich bezeuge die Existenz des Paradieses, die der Hölle, 
die des Sirat (Brücke), die der Wage und die des 
ewigen Glückes, welches denen gewährt werden soll, 
welche nicht zweifeln und die wahrhaftig Gott aus dem 
Grabe erwecken wird. O, mein Gott, giesse Deinen 
Segen auf Moliammed und Mohammed's Nachkommen 
ausy wie Du Deinen Segen auf Abraham ausgegossen 
hast; segne Mohammed imd die von Mohammed Stam- 
menden, wie Du Abraham und die von Abraham Stam- 
menden gesegnet hast. Die Gnade, das Lob und die 
Erhebung zum Buhme sind in Dir und bei Dir.'' 

Der Gruss und Schluss: Man bleibt sitzen, 
wendet das Gesicht erst links, dann rechts, erhebt 



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116 

etwas die Finger beider auf den Schenkeln ruhenden 

Hände und ruft: „Friede sei mit Euch!" 

Fe4jer and Esebah haben zwei, Dhohor und T Asser 
▼ier^ Magrheb drei, PAecha vier, TEschefin nnd Tüter 
drei Rikats. Kecliir fromme Leute, namentlich solche, 
die sich gern beten sehen und hören lassen, die sich 
den Rnf eines „Heiligen^' erwerben wollen ^ machen 
ausserdem iUnt, sechs und noch mehr liikats. 

Der Freitagsgottesdienst y das Chotbagebet, wird 
in der Regel eine Stunde nach Mittag verrichtet. Nach 
Torhergegangener Ablution geht Jeder in die Moschee 
nnd betet für sich ein ans zwei Bikats bestehendes 
Gebet und setzt sich. Es dauert nicht lange, so er- 
scheint ein Fakih, besteigt den Mimbr, ein Gerüst, ähn- 
lich einer Treppe, und beginnt mit näselnder Stimme 
eine Art Predigt abzulesen. In seiner Rechten hat 
er einen langen Stock, aber auch nur in diesem Augen* 
blicke des Treppenbesteigens, denn sobald er dieselbe 
verlässt, wird der der Moschee zugehörende übrigens 
werthlose Stock in eine Ecke gestellt Die Fakihs 
und Tholba (Schriftgelehrten) der Marokkaner unter- 
scheiden sich keineswegs in der Kleidung yon ihren 
übrigen Glaubensgenossen. Da Uberhaupt Jeder, der 
lesen imd schreiben kann, Thaleb, Jeder, der den 
Eoran lesen und interpretiren kann^ Fakih, d* h. 
Doctor ist, so halten die Tholba und Fakih, die sich 
speciell mit der Bedienung der Moscheen befassen, es 
nicht für nothwendig^ sich durch besondere, s. B, 



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117 , 

schwarze Tracht auszuzeichnen; sie würden es auch 
nicht wagen, da in Marokko sich Joder wemgstens 
eben so fromm und von Gk>tt geliebt glaubt, als sein 
Nächster, innerlich sogar Jeder sich wohl für am 
frömmsten hält. Es mag anderen onbe&ngenen Men- 
schen dies unglaublich Torkommen, aber die fanatische 
DimiTiiheit in Marokko ist so gross, dass man der festen 
Ueberzengung lebt» jedwede Sünde begehen zu können, 
wenn man nur mit dem Munde bereut und mit dem 
Munde duich Gebete seine E^ue kund thut* 

Wirkliche Gebete,, d* h. improyisirte, selbstge* 
machte, von Herzen kommende Anreden an Gott, 
meistens Wünsche und Bitten enthaltend, giebt es auch. 
Erfleht der Marokkaner etwas, so hält er beide Hände 
zumal offen gen Hinmiel, als ob er etwas empfangen 
wolle; auf dieselbe Art wird auch der Segen erfleht. 
Selbst ein Scherif, d. h. ein Abkömmling Mohammed's, 
erüehet den 8egen für sich oder für die Menge der- 
art, d. h. die Hand offen haltend» Der Mohammedaner 
würde es als grosse Sttnde ansehen, wenn ein Mensch 
sich vermässe, die Hand umzudrehen, um den Segen 
zu ertheilen, wie es bei den Christen Sitte ist. 

Aber „das Gebet führt nur halbwegs zu Gott, die 
JB'asten fuhren uns vor die Thore seines Palastes und 

m 

das AJmosen yerschafft uns Einlass.'^ 

Es giebt verscliiedene den Mohammedanern vor- 
geschriebene Fast tage, in Marokko werden sie indess 
nur Ton auflsergewöhnlich fromm sein wollenden Leuten 



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118 



gehalten, jeder aber ist verpflichtet, den ganzen Monat 
lUmadhaii zu fasten: Bruch wird mit dem Todo 
bestraft. Sobald der Neumond von zwei des Lesens 
und Schreibens kiuiJigen Leuten in einem Orte ge- 
sehen worden, ist für den Ort der Ramadhan ange- 
gangen. Da nun manchmal der Himmel an einigen 
Stelleu bewölkt ist, so treten dort die Fasten einen 
Tag später ein; da die Marokkaner wie überhaupt 
die Mohammedaner, was das Religiöse anbe- 
trifft, nach Mondsmonaten rechnen, so niuss, falls 
immer der Himmel bewölkt bliebe^ nach Ablauf Ton 
80 Tagen des Torhergehenden Monats der Sl, der 
erste Tag des Bhamadhan sein. 

Von- Morgens bis Abends, * d. h. sobald man in 
der Morgen- oder Abenddämmerung einen weissen TOn 
einem blauen Faden unterscheiden kann, ist sodann 
jeder materielle Genuss untersagt. Nicht nur dass man 
nicht essen, trinken, rauchen oder schnupfen darf, 
muss auch in dieser Zeit der Umgang mit Frauen, 
überhaupt jeder Sinnengenuss gemieden werden. Ja 
in Marokko geht man so weit, das Riechen a-n eine 
Blume, das Ergötzen des Auges an ein^ schönen 
Landschaft und das Anhören Ton Musik für Sünde 
zu erklären. In diesem Monat erhielt Mohammed den 
Koran Yom Himmel* und zwar am 27. des Monats. 
Diese Nacht wird daher besonders gefeiert. Es giebt 
Einzelne, die sich derart kasteien, dass sie Tag und 
Nacht in der Djemma bleiben, sich Nachts nur etwas 



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119 



Brot und Wasser bringen lassen. Solche Heilige nennt 
siaa Elatkaf« Man kann sicii denken, dass namentlich 
in der ersten Zeit des Ramadha», wo der Magen sicli 

noch nicht an eine solche Ordnung gewöhnt hat, diese 
ganze Lebensweise Einfiuss auf das Gemüth des Men- 
schen bat. Streitigkeiten, Processe, Prügeleien nnd 
Ehescheidungen sind immer am häufigsten in der 
ersten Hälfte des Eamadhan. 

Der Reiche entbehrt übrigens gar nichts, er führt 
nur eine umgekehrte Lebensweise; denn Nachts ent- 
schädigt er sich durch Essen und Trinken reichlich. 
Nachts sind überhaupt alle Genüsse erlaubt, indess 
pflegen manche Schnapstrinker während des ^.fi^ftdhftTi 
nch geistiger Getränke zu enthalten; Opiumesser^ 
Haschisch- und Tabacksraucher können, übrigens ohne 
dass man Anstoss daran nimmt, ihren Leidenschaften 
fröhnen. Nachts dürfen auch Hochzeiten im Bamadhan 
gefeiert werden, obschon auch dies selten vorkommt. 
Die Moscheen sind um die Zeit hell erleuchtet^ die 
Buden und Gewölbe in den Strassen ebenfalls, die 
Kaffeehäuser stark besucht; überall hört man ausge- 
lassenen Lärm, und besonders in der Nacht des 27. 
lutmii'ilKin. 

Bricht einer aus Versehen den Bamadhan, d. h. 
et wäre z. B. ins Wasser gefallen und hätte dabei 
einen Schluck Wasser getrunken, so muss er nach- 
faetm. Es brauchen den Bamadhan nicht zu halten 
schwangere Frauen, solche, die säugen, Kinder unter 



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120 



13 Jahren, alte Leute, Ej*anke und Beiaende. Eben- 
fiills ausgenommen sind die WahnsiuiugeB. Kranke 
und Beisende sind Teriiflichtet» die Fasten nacfandiiden, 

was aber in der Regel unterbleibt, l^rülier wiii'de der 
Anlang und das Ende der tägliclien Fasten durch 
Homsignale Ton den Thüimen der Djemma dem YoUBe 
mitgetheilt, heute geschieht dies in deu meisten ma- 
rokkanischen Städten wie im Orient dnroli einen Ka* 
nonenschnss. 

Im zweiten Capitel des Xoran heisst es an Ter- 
schiedenen Stellen, wo Tom Almosen die Bede ist: 
„0, Ihr Glftnbigeii; gebet Almosen Yon den Gütern, 
die Ihr erwerbet, und von dem, was wir aus der Erde 
Schooss wachsen lassen ; suchet aber nicht das Schleoh- 
teste zum Almosen aus, solches, was Ihr wohl selbst 
nicht auneiuaet, es sei denn, Ihr werdet getäuscht 
Und etwas weiter hin: »^Machet Ihr Bore Almosen 
bekannt, so ist's gut, doch wenn Ihr das, was Ihr den 
Annen gebet, yerheimlicht, so ist es besser; dies wird 
Euch Ton allem Bösen befreien. Gott kennt, was Ihr 
thut! Was Ihr den Armen Gutes thut, wird Euch einst 
belohnt etc/^ Diese und sehr viele andere Steilen des 
Koran (fast in jedem Capitel ist die Bede davon) aeigen, 
wie grosses Gewicht Mohammed auf die Mildthätigkeit 
legte, und wenn der unparteiische Mensch auch Vieles 
in der Lehre Mohammed's findet, was gegen die all- 
gemein von civilisirten Völkern angenommenen Sitten 
yerstösst^so muss man ihm dies hingegm hochaarechaAn. 



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121 



Norm ist in Marokko, den zehnten Theü aller der 
Güter den Armen abragebeni welche Ton^Ij&Qdereien 
lierrorgebraeht» oder ans Waaren erlöst sind, die man 
Aber ein Jahr im Besitz hat. Tiehheerden gehören 
ebenfaUfl bierher. Dieser Zehnte wird Tom Sidtan 
von Marokko eingefordert. Diu Armen bekommen 
nichts davcm, wenn nicht dahin zu rechnen ist, dass 
der Sultan den Sehüria (Scherifen) von Tafikt und 
Mekka jährlicii Geschenke macht, aber diese Schüila 
sind keineswegs hülfsbedtirftig. Man nennt diese Al- 
mosen el-aschor. Eine andere Art Almosen wird 
Sakat genannt und besteht daiiu, dass man am ersten 
Tage des Monats Schnal am Feste des aid el sserir 
Tor Sonnenaufgang den Armen je nach seinen Kräften 
Gerste, "Weizen, Datteln etc. zum Geschenk macht, 
damit auch sie das Fest würdig begehen können. Die 
gewöhnhche Art, Almosen zu geben, Ssadakat ge- 
nannt, besteht, wie bei uns, in täglichen Gaben, die 
man Hül&bedttrftigen und Bettlern giebt, welche den 
Vorübergehenden ün Namen irgend eines Heiligen an- 
rufen» oder anch selbst von Hans zu Haus gehen. 

Das fetete Erfordemiss des Islam, das Pilgern 
nach Mekka, ist nicht unumgänglich nothwendig imd 
wird in Marokko im Gänsen selten ausgeführt J>ie 
Pflger bekommen nadi volHtthrter Wallfahrt den Titel 
el Hadj, d. h. Pilger, imd sind dann sehr geachtet. 
Man kann fibrigens fiir Geld einen Andern för sich 
pilgern lassen; so lassen die Sultane von Marokko 



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m 



stets für sich einen andern Mann nach Mekka wall- 
£üirt6ii. Stirbt ein radier Mann, ehe er Mekka ge- 
sehen, so miethen die Nachkommen bisweilen einen 
Mann, der nachträglich das Geschäft für Geld besorgen 
mnss. Manchmal bemächtigt sich nnter diesem Ver- 
wände der Kaid oder Bascha eines grüsseii Tlicils der 
Hinterlassenschaft eines reichen Mannes, um von 
Amtswegen das nachträgliche Pilgern besorgen zu 
lassen. 

Die grossen Karawanen, welche ehemals von 
Fes ans nach Mekka fortzogen^ haben jetzt ganz auf- 
gehört, nur in Tafilet sammelt sich noch ein Häuflein, 
um den weiten beschwerlichen Marsch durch die Sa- 
hara, wobei fast immer die Hälfke zu Grunde geht 
(ein solcher Tod auf der Pilgerschaft ist aber sehr 
Yordienstvoll und yerschafit directen läatiitt ins Pa- 
radies), zurückzulegen. Jetzt fahren die meisten Ma- 
rokkaner mit Dampüschiffen nach Djedda, und aUmälig 
gewöhnt man sich daran, eine solche Wall£eüirt mit 
Dampf für eben so heilig und verdienstvoll zu halten, 
als eine zu Fuss zurückgelegte. Es würde hier zu 
weit fähren, die endlosen Ceremonien einer solchen 
Wallfahrt zu beschreiben, uns genüge diese kurze Aus- 
einandeisetsnmg. Wir wollen noch weiter in Marokko 
selbst die Entwickelung der mohammedanischen Re- 
ligion verfolgen. 

Was die religiösen Festtage, die Feiertage 
Marokko's, anbetrifft, so gelten im Allgemeinen die- 



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123 



selben £egein, wie in den übrigen mohammedanischen 
Landern. Ihdess ist nirgends Zwang, irgendwie an 

dnem Feiertage die Arbeit einzustellen, oder Handel 
imd Wandel zu beschränken« So sehen wir namentlich^ 
dass Freitags, welcher Tag bei dem Mohammedaner 
dem Sabath der Juden, dem Sonntage der Christen 
entspricht. Niemand daran denkt^ irgend wie seine 
Arbeit einzustellen, seinen Verkanfiiladen zn schliessen, 
oder sonst seine tagtägliche Beschäftigung zu unter- 
lassen. Nur während der Zeit des Chotbagebetes liegt 
Alles still in den Städten, weil jeder Städter aus ei- 
genem Antriebe'^), dann auch weil das Gesetz es 
erheischt, diesem Gebete in der Djemma beiwohnt. 

Die Feste religiöser Art, welche in Marokko ge- 
feiert werden, sind im Monat £ebi-el<iial das Geburts- 
fest Mohanmied'Sy Mulnd genamity am 12. des ge- 
nannten Monats. Dies Fest dauert sieben .Tage, aber 
nur der erste Tag wird durch euimi besondem Gottes- 
dienst in der Djemma gefeiert Gefastet wird nicht, 
aber viel Musik gemacht, Pulver verschwendet und 
Phantasia geritten. 

■ 

Das kleine Fest, aid el sserir, beendigt den 
Fastenmonat Eamadhan; es findet vom 1. bis zum 
7. Schnal statt. Bei diesem Feste werden, wie schon 

erwähnt, grosse Almosen gegeben, und man hält so- 

*) Aus eigenem Antriebe, d. h. wer ohne Grund Frsitags das 
Ghotbagebet zweimal hinter einander versäumt, mtuw der Djemma, 
2a der er gehört, Strafe zahlen; dies gilt astftrlidi nur fllr.Stidti«. 



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124 



dann ein grosses öffentliches Gebet im Freien. Zu 
dem £iide h$Jt jede Stadt in Marokko ausserhalb des 
Weichbildes einen gemauerten, weiss angekalkten Ge- 
betsplatzy Emssala genannt. Eine 5 bis 6 Fuss hohe 
crenelirte Mauer, 20 Schritt lang, hat in der Mitte 
einen steinernen Mimbr, d. h. eine Treppe, die für 
den Fakihy der die Predigt hält, bestinunt ist. Darf 
man Ali Bey Glauben schenken, so wohnte er einem 
solchen Gottesdienste bei, wo zu gleicher Zeit 250,000 
Menschen sich Tor Gott zur Erde beugten; es war 
dies in Fes zur Zeit der Regierung des Sultans Sliman. 
Ich wohnte in Uesan einem solchen religiösen Feste 
zweimal bei; der Grossschenf, Sidi-el-Hadj Abd-es- 

Ssalam, war die Hauptperson dabei ; im Ganzen mochten 
20,000 Menschen anwesend sein. Nach der Pre* 
digt und nach dem Gebete war ein grosses lab*el- 
barudh, d. h. ein Pferdewettrennen mit Flinten- 
schttssen. Dies Fest findet am 1. Schual statt; die 
übiigen sechs Tage zeichnen sich nur dadurch aus, 
dass man ausserge wohnlich grosse Quantitäten iSahrung 
zu sich nimmt und dem süssen Nichtsthun huldigt. 

Am 10. Bulhaja ist das grosse Fest oder aid el 
kebir zur Erinnerung des Opfers Abraham' s; zugleich 
ist es jetzt für die, welche nicht nach Mekka pilgern, 
eine Mitfeier des dort stattfindenden grossen Festes. 
Dasselbe dauert drei Tage. Man verrichtet zuerst sein 
Gebet in der Moschee und geht sodann nach Hause, 
um ein Schaf zu opfern, d. h. zu sciiiachten und zu 



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125 



▼erspeigen. In nicht reiclien Familien hält man für 

genügend, ein Schaf für Alle zu schlachten, in reichen 
Familien aber opfert jedes männliche Mitglied ein 
Thier. Der ganz arme Mann holt sich sein Viertel 
bei dem Reichen, kurz, an dem Tage ist Niemand ohne 
Fleischkost in Marokko. Höst meint, dass an jenem 
Tage in Fes 40,000, in Maraksch 20,000 Schafe ge- 
schlachtet werden, und nach der Zahl zu urtheilen, die 
in üesan geopfert wurden (Sidi-el-Hadj Abd-es-Ssalam 
Z. B. Hess von einem seiner Duar 500 Schafe zum Opfern 
bloss für seinen Haushalt nach Uesan kommen), möchte 
ich glauben^ d&aa jene Zahlen eher zu niedrig als zu 
hoch gegriffen seien. An diesem Tage werden dem 
Sultan ebenfalls grosse Geschenke gemacht, von jeder 
Stadt und jeder Ortschaft. Die beiden folgenden Tage 
zeichnen sich ebenfalls durch Schmausereien aus, und 
Unverdaulichkeity allgemeines Kranksein und Unföhig- 
keit, irgend etwas zu thun, sind immer Folge dieser 
Feier, namentlich für solche, die so wenig an animar 
lische Kost gewöhnt sind^ 'me die Marokkaner. 

Ein halb religiöses , halb weltliches Fest ist das 
aid el tholba, das Fest der Schrittgeiehrten. Es 
findet im Frftlgahr zur Zeit der Tag« und Nachtgleiche 
statt; sämmtliche Tholba und Fakih ziehen zur Stadt 
hinaus und lagern wahrend einer Woche unter Zeiten. 
Obschon Eoranlesen und Beten der ursprüngliche 
Zweck dabei sein soll, konnte ich davon xn der heili- 
gen Stadt Uesan, aber yielleicht gerade weil Uesan 



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126 



eme heilige Stadt ist, xiiclits merk^; im Gegentheüy 
Vei Tage beschäftigten sich die Doctofen und Schiift- 

gelehrteu damit, Almosen zu empfangen in Gestalt von 
Geld, Thee» Zucker^ Lebensmittehi aller Art und leckermi 
Gerichten, welche die andSchtigen Frauen aus der 
Stadt heraussandten. Inzwischen wurde enorm gegessen, 
und wenn Abends proüuae Blicke der Bauern aus der 
Umgegend nicht zu befürchten waren, gab man sich 
fteissig dem Wein und Schnaps hin. War am andern 
Morgen ein Doctor oder SchrifligeLehrter durch Trun- 
kenheit oder Katzenjammer unfähig, sich irgend wie 
yemünftig mit Almosen bringenden Leuten aus dem 
Gebirge und der fernen Umgegend zu unterhalten, so 
wuchs sein Kuf, man glaubte, er habe sich durch 
Nachtwachen derart in einen überreizten und heiligen 
Zustand versetzt, daas er dem gewöhnlichen Srden- 
leben entrückt sei. 

Wir haben oben bemerkt , dass in Marokko nur 
rechtgläubige Mohammedaner malekitischen Bekennt- 
nisses sind, denn die wenigen Choms (eine nicht den 
vier orthodoxen Secten huldigende fünfte Partei) im 
Gebirge sind kaum erwähnenswerth. Aber in dieser 
malekitischen Sekte haben sich nun wieder zahl- 
reiche religiöse Genossenschaften gebildet, re- 
ligiöse Innungen, so dass man fast sagen kann, ein 
jeder Marokkaner gehört einer solchen an. 

In gewisser Beziehung haben solche religiöse Ver- 
bindungen Aehnlichkeit mit den christlichen^ besonders 



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127 

ismoiem, ab ihnen speciell eine gewisse Yerpfficbtong 

obliegt, gewisse Privatgesetze gemein sind, Viele noch' 
besondere additioneile Gebete verrichten, gewisseFaaten 
halten^ mancher Speise insbesondere sich enthalten. 
Sie unterscheiden sich aber am deuthchsten von christ- 
lich-religiösen Genossenschaften dadurch, dass jedes 
Mitglied einer solchen Innung*) verheirathet ist, weil 
Müiiainmed das Hc irathen an und für sich als ver- 
dienstlich und gut lunstellt. Leute unter d^ Moham- 
medanern , die nicht verheirathet sind, werden daher 
unter aüen Umständen TerächtUch angesehen. 

Die verschiedenen religiösen Genossenschaften zu 
beschreiben werde ich andernorts Gelegenheit haben, 
hier genüge, dass die vornehmste religiöse Innung die 
der Muley Thaib in Üesan ist, die ausgebreitetste 
im ganzen Nordwesten von Afrika. Es kommt sodann 
die Corporation derSidi Hammed ben Nasser mit 
dem OentralsiiKe von Tamagrut in der Draa- Oase; 
die der Sidi Abd-es-Ss alam-ben-Mschisch mit 
der Hauptstadt Sauya, im Djebel Habib, südöstUch von 

*) lOr wurde In gaas Marokko nur von dner religtOsea Ge- 
nossenschaft Kunde gegeben, deren Mitglieder an verheirathet 
sein numrten, diese nannten sIchFokra el mulei Abd Allah 
el Sekerif in Uesan. Biese BrOderschaft war änsserst schwach, 
die Mitglieder waren alle gelehrt und (dem Anscheine naeh) dt- 
tenreine Leute. Leo, Bd. I, S. 351, Aufgabe ton Looribadi, 
spricht aber Ton den sogenannten Bomlti (tfavabnten), welche 
ebenflUs nicht heirathen dürfen, aber deren LebenBwandel nach 
seiner Beeohreibnng eben nicht sehr erfreulich und tugendhaft 
geiresen sein soll. 



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128 

Tanger; die Ten 8idi Mussa in Earsaa, und viele 

andere. Ohne religiöses Centrum^ Sauja"*'), sodann ist 
der Orden der Ais sauin, d. h. der Jesuitenorden, su 
erwähnen. Da wir gleich aof letztere etwas näher ein- 
gelieii wollen, erwähne ich nur, dass alle übrigen re- 
ligiösen Genossenschaften als alleinigen Zweck hahen, 
sich die Menschen zu unterwerfen und die- 
selben auszubeuten. Indem sie vorgehen, dass 
wer ihrem Orden beitrete; d« h. die und die Gere- 
monie mitmache, dies oder jenes Gebet ausserdem yer- 
richte^ an die Jb Ürbitte dieses oder jenes Heiligen be- 
sonders glaube, den oder jenen Festtag extra halte 
und, worauf es besonders ankommt, freiwillige oder 
bestimmte Gaben der Sauya oder dem Oberhaupte 
darbiete, suchen sie sich mehr oder minder der Herr- 
schaft über die Geldbeutel und damit über die Leute 
selbst zu bemächtigen. Aeusserlich unterscheiden sich 
die Gknossen einer religiösen Innung von denen einer 
andern nicht, höchstens hudet man einen Unterschied 
im Eosenkranz. Die Mohammedaner haben mit den 

*) Das Wort Ssvya bedeotel Kloster, Fflgorort, Sehlde, 
Asyl snssnunengenommeii. Da aber, wie schon gesagt, die Ifit- 
l^eder efaier religiösen GeiiosBeiischaft fiut immer ▼erfadiathet 
sind, so hat eine Sauya ein gans anderes Anssehen als dn Kloster. 
VTichti^eit haben Sauya besonders, wenn sie Centralstelle eines 
religiSsea Ordens sind, wenn sie todte oder lebendige Heilige 
haben, wenn sie darch Tradition ein unverletsliches Asylrecht 
besitzen. Letzteres wird aber dennoch manchmal durch die Un> 
fehlbarkeit irgend eines Sultanai dem ja keine Uoberlie* 
feruag heilig ist, gebrochen. 



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129 



Katholiken gemein die Hantirung eines Bo6enkr&D2es» 

der aus hundert Perlen besteht. Die Mohammedaucr 
beten ^eilick nicht bei jeder der Hand entgleitenden 
Kugel ein Ave oder Paternoster , sondern rufen bloss 
Gott an (es ist vui liin gesagt, wie verdienstvoll es ist, 
den Namen Gottes auszu9prechen) , bei jeder Perle 
z. B. y,Gott ist gross^^ oder ,fOroU vst allbarmherzig" 
etc. Als ünterschied von übrigen religiösen Orden 
haben die Brüder des Mulei ^Thaib einen grossen 
Uessingring am Bosenkrana, die des Sidi Mussa in 
Karsas eine grosse Perle vou Bernstein, und andere 
ähnliche Abzeichen. 

Die vorhin erwähnten Ais sau in oder Brüder vom 
Orden Jesu (Aissa heisst Jesus) sind eine der merk- 
würdigsten Verbindungen. Sie haben kein bestunmtes 
'lebendes Oberhau^jt, keine bestimmten Ordensregeln, 
keine Sauya, sie leben nur vom Aberglauben und da- 
durch, dass sie die Leichtgläubigkeit ihrer Mitmenschen 
täuschen. Ihren Namen haben sie vom Propheten 
Jesus angenommen, den sie auch als geistiges, unsicht- 
bares Oberhaupt anerkennen, und sie behaupten auch, 
ihre Wunderkraft von ihm ererbt zu haben. Sie fiissen 
dabei auf die Worte Mohammed's im Koran, „dass 
ihm (d. h. Mohammed) die Gabe, Wunder zu thun, 
nicht verliehen gewesen sei, dass aber Jesus sie ge- 
habt habe.<< Die Aissauin sind sehr zahhreich, nnd 
nicht nur in Marokko zu Enden, sondern in der ganzen 

mohanmiedanischen Welt. 

Boiil£i. d 



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130 



Manchmal sind die Kunststücke, welche ihre 
wunderthätige Heiligkeit darthun sollen, sehr einfacher 
Art, z. B. dass sie einen Scorpion in die Hand nehmen, 
Schlangen anf dem Körper herumkriechen lassen; 
manchmal aher erregt es Entsetzen, wenn man sieht, 
wie diese Leute Schlangen lebendig yerzehren, zer- 
hackte Nägel, gestossones Glas, scliarf kantige Steine 
und glühende Kohlen hinunterschlucken, wie sie unter 
Anrufung von „Gott und Jesus'^ ihren Körper wund 
schlagen, dass er })hitrünstig wird (ähnlich wie die 
Flagellanten der Christen etc.), und ausserdem nicht 
nur gegen ihren eigenen Körper Verbrechen begehen, 
sondern oft öffentlich und ungestraft gegen 
die Sittlichkeit mit anderen Menschen und Thierea 
sich versüiuligen; dass dergleichen in anderen LiiiiJern 
als Wahnsinn bezeichnet, oder wollte man es berichten, 
als erlogen betrachtet würde. Ich unterlasse es deshalb, 
Beispiele ihrer religiösen Tugend, die icli selbst ge- 
sehen, anzuführen, Terweise dafür auf Leo Airicanus I, 
S. 253 oder Lempriere*8 Reise durch Marokko und 
auf fast alle anderen Schriftsteller, weiche über Ma- 
rokko berichtet haben. 

Wie in der christlichen Kirche, so hat sich auch 
im Mohammedanismus ein Heiligenstand entwickelt 
und namenthch in Marokko steht derselbe in Blüthe. 
Die mohammedanische Beligion spricht aber nicht 
durch ein bestimmtes Organ, wie z. B. bei den Chri- 
sten durch den Papst, heilig; ein solches hat die ge* 



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m 

sammte mohanunedamsche Eeligion überbaupt nichi, 
sondern in enueelnen mohammedanischen Ländern, wie 

Marokko, wo der Sultan Papst, der Papst Sultan ist, 
besorgt es das ganze Volk, welches nie Heilige genug 
haben kann. Die mohammedanische Religion hat nun 
den Vortheil, daas Menschen schon bei Lebzeiteu heilig 
gehalten oder gesprochen werden, und da jeder Mo- 
hammedaner heirathet, so ist die Erblichkeit in 
das Hciligsein gekommen, d. h. die Nachkommen 
emes solchen Heiligen werden auch als heilig betrachtet. 
Ja, im Laufe der Jahrhunderte hat sich dies so eigen- 
thümlich herausgestaltet, dass die Heiligkeit nicht nur 
erbHchy sondern wachsend geworden ist, derart, dass 
der Nachkomme eines Heiligen stets für heihger ge- 
halten wird, als er selbst So sehen wir, dass z. B. 
in Uesan der directeste Sprössling Mohammed's jetzt 
für viel heihger und unfehlbarer gehalten wird, ab 
Mohammed selbst 

Wenn meistens bei Christen und anderen der 
Glaube obwaltet, es sei um Mohammedaner zu werden, 
unumgänglich die Beschneidung nothwendig, so ist dies 
irrthümlich. Im Koran ist für den Moslim die Be- 
schneidung nicht gesetzlich gemacht, und so giebt es 
denn, «namentlich unter den Berberstämmen Marokko's, 
verschiedene, welche nie die Beschneidung bei 
sich eingeführt haben. Trotzdem zweifelt Niemand 
an dem Islam dieser Stämme. Ueberdies wird die 

Circumcision erst im siebenten oder achten Lebensjahr 

9» 



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132 

vorgenommen, und falls die Beschnei dm ig w e s e ntlick 
sum Islam gehörte ^ wären sodann Kinder^ die jenes 
Alter nicht hätten, keine Mohammedaner. Es werden 
nur Ko&ben in Marokko beschnitten. 

Ziehen wir schliesslich einen Vergleich, so finden 
wir, dass gleiche Lehren und gleicher Gktube auf das 
Volk dieselbe Wirkung haben. Die Unfehlbarkeit 
eines Einzelnen, die in Marokko schon seit der 
Regierung des Sultans Yussuf Ben Tasclifin's besteht, 
hat die grenzenloseste Dummheit des Volkes ^ den 
kolossalsten Aberglauben, die grösste S<duHnheiligkeit 
und den Emn der Nation und des Landes zur i'olge 
gehabt. So hat auch in der jüdischen, der ersten 
semitisclien Religion, die Unfehlbarkeit der Bimdeslade, 
des Hohenpriesters, Jerusalems, d. h. das starre, eiserne 
Festhalten eines überlebten Grundsatzes Scheinheilig- 
keit, Aberglauben, Heuchelei^ Selbstüberschätzung und 
dann den Ruin des Volkes zur Folge gehabt. Und 
bei den Christen sehen wir, dass das feste Anklammem 
au abgelebte Ideen, das Wiederauüichten vorweltlicher 
Lehren, der eingebildete Wahn, den allein selig- 
machenden Glauben zu besitzen, oder die aUein unfehl- 
bare Oberkirchenbehörde zu sein, schliesslich zur 
„Unfehlbarkeit'^ eines einzelnen Menschen selbst führte. 



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ö. £,ratil&eiien und deteu £e&aiid[ang. 



e der ersten Ursachen ^ weshalb die Bevölke- 
rung in Marokko so wenig zunehmend ist^ viehnehr 
stationär bleibt, sind die vielen im Laude herrschen- 
den Krankheiten^ nud die schlechte und unrationelle 
Behandlung derselben. Ein Land, dessen Bewohner 
eben uur „Jenseits-Candidaten" sind, falls es sich um 
Unglücks&lle handelt, die ihr gewöhnlicher durch die 
mohammedanische Religion erstickter Geist nicht er- 
gründen kann, das Volk eines solches Land muss zu 
Gnmde gehen. Und in Marokko wird eine jede Krank- 
heit als eine Heimsuchung „Allah' s'' bezeichnet, und 
die besten Mittel dagegen sind „Gebetsübungen^^ und 
yyAmulette.^' 

Von den Lehren der grossen Doctoren, welche 
einst in Spanien und Marokko gelebt, ist heut zu 
Tage keine Spur mehr vorhanden. Man mfisste ihre 
Werke herausholen aus den üibliotliekeu Fes' oder 
Üesan's, um nur den Namen derselben zu erfahren. 

Kein marokkanischer Arzt, geschweige ein ge- 
wöhnhcher Marokkaner weiss, dass Abu-el-Ka^sem- 




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134 



Calif-ben-Abbes (Albuca49is) ihr LandsmaiiB ist^ dm 

er der Eitiuder der Lithotornie*) war. 

Der im Dienste des marokkanischen Sultans (Yus- 
fiuf ben Taschfin gewesene Arzt Ayen-Zoar (Abu- 
Meruan-ben-Abd-el-Malek-ben-Sohr), der es wagte ge- 
gen die Vorurtlieile seiner Zeit, Chirurgie und Medicin 
zu yereinigen, welcher zuerst die Idee der Broncho- 
tüinie hatte, ist in Marokko verschollen. Weder der- 
ältere noch jüngere (Ayen*Zoar's Sohn)| der gleich- 
falls Arzt war. sind auch nur dem Namen nach be* 
kannt. Verschollen ist der nocli berühmtere Arzt und 
Philosoph Ayeroes (Abu-Uld-Mohammed-ben-Bosch), 
ein Schüler des älteren Aven-Zoar, welcher unter des 
iSultans Almansor Hegierung nach Marokko berufen 
wurde und dort starb. Kein GrabsteiUy kern Anden* 
ken solch berühmter Männer ist im Lande zu linden, 
und wenn die Marokkaner kein Gedächtniss haben 
fÖr so berühmte Männer, welche einst unter ihnen 
lebten, wie ist es da zu verwundern, dass auch von 
anderen minder berühmten jede Spur ausgelöscht isi 
Die heutigen Aerzte von Marokko verdienen m 
jeder Beziehung die untergeordnete Stellung, die sie 
einnehmen. Nur dajm stehen sie in Ansehen, wenn sie 
zu gleicher Zeit Tholba, d. h. Schriftgelehrte oder 
aki, d. h. Doctoren der Theologie sind. Und noch 
höher ist ihr Emfiuss und ihr Ruf yerbreitet, w^ 
sie zugleich Schürfa, d. h. Abkömmlinge Mohammed*s 
*) PortaJ, Histoire de ranatoule et de la diinuiie* ; 



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135 



sind. In dieser Eigenschalt liegt zugleich, der Mei- 
nung des Maroidomers nach, ärztliche Natur. Und &o 
sieht man denn auch häufig genug Leute zu einem 
Scherif kommeu, um seine HiÜl'e gegen irgend eine 
Krankheit zu erflehen, sei es nun, dass diese in einem 
Gehete oder Segen, in einem Amulett oder geschriebe- 
nen geheimnisövuiien Zauberspruche, oder auch in 
wirklicher medicinischer Substanz besteht. 

Solche Leute, die sich nur mit Ausübung innerer 
Heilkunde beschäftigen, ohne Thaleb, Faki oder Scherif 
zu sein, giebt es daher sehr wenige in Marokko, eher 
schon stösst man auf Chirurgen von Profession, die 
es dui'ch Uebung in irgend einem Zweige der Wund- 
arzneikunde zu einem mehr oder weniger verdienten 
Rufe gebracht haben. 

Meinen grossen ärztlichen Huf in Marokko ver- 
dankte ich denn auch nicht dem Umstände, dass ich 
Medicin studirt hatte, oder Militärarzt des Sultans, 
später sogar dessen Leibarzt war, sondern es hatte 
das seinen Grund darin, dass ich vorher Christ ge- 
wesen war. Nach dem Glauben der Mohammedaner 
ist Jesus der grösste Arzt gewesen, und sie meinen, 
er habe den Christen eine Menge wunderthätiger Heil- 
mittel hinterlassen. So wurden denn oft zu mii^ die 
verzweifeltesten Fälle gebracht. „Der Sohn des Jesus 
(uld ben xiissa) wii'd uns schon helfen können," mein- 
ten sie. Ebenso giebt es nirgends eigentliche Apothe- 
ken oder Pharmacien* Der Arzt bereitet immer selbst 



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136 



seine Arzneien und giebt sie dann dem Kranken. Ist 
er unbekannt und die erkrankte Persönlichkeit eine 
einflnssreiche, bo muss er unabänderlich von der Arznei 
vorher kosten, oft sogar die Hälfte geiiiessen. So 
hatte ich die Unannehmlichkeit, mich eines Ta^es mit 
dem Bascha von Fes, Ben-Thaleb purgiren zu müssen. 
Derselbe hatte ein Abfuhiungsmittel verlangt, ich 
brachte ihm eme Schale mit aufgelöstem Bittersalz, 
aber um sicher zu sein nicht vergiftet zu werd»n, 
musste ich die Hälfte vor seinen Augen austrinken; 
vorher davon unterrichtet, hatte ich die Dose stark 
genug gemacht, um für uns beide eine Wirkung zu 
erzielen, im entgegengesetzten Falle würde mein Kuf 
gelitten haben. 

Indem wir hier nur die am liäuiigsten m Marokko 
vorkommenden Krankheiten vorfuhren, beginnen wir 
mit der, welche am verbreitetsten ist, so verallgemei- 
nert, dass heute fast keine Familie in Marokko nörd- 
lich vom Atlas existirt, welch^ von dieser Krankheit 
unberührt geblieben wäre: Syphilis. 

Unter Syphüis verstehen die Marokkaner vom 
Ulcus syphiliticum an alle jene Krankheiten, welche 
wir als Syphilis universalis, constitutionelle Syphilis 
und ihre Prorhicte bezeichnen. JJcr Marokkaner nennt 
diese Krankheit „die grosse,^' Hrd-el^kebir, oder die 
„Frauenkrankheit," Mrd-el-nssauin. Einzelne Formen, 
z, B. das Ulcus syphiliticum nennt er Grah, ohne aber 
diese, wie andere syphilitische Erschehrangen, z. B. 



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187 

Bubouen, Ulcerationen im Schlünde, Außscliläge her- 
petisclier Ait, für Syphilis zu halten; ebensowenig 
rechnet der Marokkaner zum Mrd-el-kebir die SLrank- 
heiten der Harnröhre und Sclieide. Also uusereii se- 
cimdären und tertiären Erscheinungen entspricht das 
]frd*el-kebiry um so mehr tritt dies heraus, als selbst 
nicht sichtbare, sondern nur luhlbare Erscheinungen, 
die nächtlichen Enochenschmerzen (satar) von dem 
Marokkaner zum Mrd-el-kebir gerechnet werden. 

Es giebt in der That fast kein Individuum in 
Marokko^ das sein Leben ohne diese Krankheit zu- 
brächte. Leo*) schon meint, dass nicht der zehnte Theil 
der Einwohner der Berberei dieser Seuche entgehe« 
Leo behauptet ferner, diese Krankheit sei ehedem 
nicht in Alrika bekannt gewesen, selbst nicht dem 
Namen nach; er sa^: ^,8ie fing dort zu der Zeit^ als 
König Ferdinand (der Katholische) die Juden aus 
Spanien verjagt hatte, an; viele von denselben waren 
angenechet, und das Gift steckte die wollüstigen 
Mauren, die mit Jüdinnen nach ihrer Ankunft in Afrika 
zu vertraut umgingen, auch an, und griff nach und 
nach so um sich, dass wohl keine Familie in der Ber- 
berei gefunden wird, die das Uebel nicht gehabt hätte, 
oder noch hätte. Sie halten es für unleugbar, dass es 
aus Spanien herkomme, und nennen es folglich auch 
die spanische Krankheit." Wie dem nun auch sein 
mag, ob diese Krankheit in Marokko erst nach der 

*) Leo Africanus, Uebersetzung von Lorsbach. 



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m 



Judeuvertreibung aus Spanien bekannt wurde, oder 
schon vorher giassirte, heute ist sie unter dem Na- 
men ^^spamsche Krankheit'' in Marokko nicht be- 
kannt. Aber Alle, die in Marokko gewesen sind, con- 
statirendas allgemeine Vorkommen. So sagt Jackson 
in seinem Account p. 190: ^^they call it the great 
disease and it had now sprcad itself into so many 
Tariettes, that I am persuaded^ there is scarcely a 
moor in Barbarv who has not more or less of tlie 
.virus in his biood.'^ 

Es giebt wohl keine Form der syphiUtischeD 
Krankheit, welche in Maiokko unbekannt wäre, und da 
sie keine gründlichen HeilverÜEihren dagegen in Anwen- 
dung bringen, so wird dies Uebel erblich durch ganze 
Tnben fortgesetzt. Häufig genug iiört man ein Indi- 
viduum sagen, „mein Vater war ganz gesund, und 
ohne Ursache bin ich vom Mrd-el-kebir befallen," 
forscht man aber nach, so erfahrt man bald, dass 
mütterlicherseits oder von grosselterlicher Seite her 
die Krankheit existirte und bei den Eltern nur latent 
war oder so schwach auftrat, dass sie nicht beachtet 
wurde. 

Als Mittel gegen den Mrd-el-kebir wenden die 
Marokkaner mit bestem Erfolg die heissen Schwefel- 
quellen von Ain-Sidi-Yussuf an. Da ich nicht selbst 
jenes bei Fes gelegene, wahrscheinlich das zu den £.0- 
merzeiten schon unter dem Namen Aquae Dacicae be> 
kannte Bad besucht habe, so kann ich weder über die 



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m 

Temperatur noch über die Bestandtheile desselben 

bericiiten. Nach eleu Aussagen der Araber ist aber 
onzweifelbaft Schwefel üanptbestandiheil und ist das 
Wasser so heiss, dass dann Badende das Bassin» 
welches die eigentliche Quelle enthält, nicht betreten 
können» dort soll das Wasser fast siedend sein. Die 
Badebassins befinden sich in einiger Entfernung dayon» 
nachdem das Wasser auf Umwegen eine Abkühlung 
erhalten bat Die das Wasser Gebrauchenden baden 
in grossen gemeinschaftlichen Bassins, Frauen Ton den 
Männern getrennt 

Eine £nr dauert mit täglichem Baden, wobei 
man oft stundenlang im Bassin hockt, so lange bis 
man gebeilt ist» oder die Unwirksamkeit glaubt erprobt 
zu haben. Jahrelanges Baden ist niclita Seltenes, nnd 
weniger als eine dreimonatelauge Kur wird wolil nie 
Tersncht Die Marokkaner trinken das nach faulen 
Eiern riechende Wasser nicht. Man kann sich denken, 
welche Vollheit immer in Ain-Sidi-Yussuf ist, indess 
campiren alle Leute, für Badeemrichtung ist nämlich 
gar mclit gesorgt und auf einem wöchentlicli Einmal 
abgehaltenen Markte ebendaselbst, werden die Lebens- 
znittel und Vorräthe eingekauft Eine besondere Diät 
wird bei der Kur nicht beobachtet, was bei der ein- 
fachen marokkanischen Kost auch nicht nothwendig ist 

Vom Gebrauche dieser Bäder habe ich die tlblBr* 
raschendsten Erfolge gesehen, manchmal nach kurzem 
(d. k nach 5— 6monatlichem, täglichem, meist zwei" 



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uo 



maligem BeAen, wobei die Leute behaupteten, jedesmal 

zwei Stunden im Bade zugebracht zu haben), manch- 
mal nach längerem Gebrauche. Indess ist dies Bad 
wie alle Schwefelbäder kein specifisches Mittel und 

nicht nur kamen oft genug Rückfalle, Wieclerausbi ueh 
der Syphilis vor, sondern sehr oft zeigt sich das Bad 
vollkommen wirkungslos. Der Marokkaner sagt natür- 
lich nie, das» das Wasser des Bades die Heilung be- 
wirkt: Sidi Yusfluf oder dessen Segen bewirken die 
Genesung. 

Mercur wird äusserst selten gebraucht^ und fast 
nur in den Städten. Man kennt dort» wo europäische 

Apotheken sind, die einlache Mercurialsalbe und macht 
örtliche Einreibungen. Auch Juden in den Städten 
des inneren Landes präpariren und verkaufen Ung. 
mercuriaie cinerum. Am häufigsten wird das Queck- 
silber angewandt» indem man es in seiner wahren Gre- 
stall in eine stark erhitzte Pfanne schüttet und dann 
die Quecksiiberdämpfe einathmet. Aber wenn auch, 
manchmal sowohl von den örtlichen Einreibungen, wie 
von den Inhalationen Besserung erfolgt^ so unterliegen 
dann aber die Meisten den Folgen der Mercurialver- 
giftnng. Jod und sein« Verbindungen sind gänzlich 
unbekannt. Am gebräuchlichsten ist noch die Sarsa- 
paiiUa, nicht nur das Decoct der Wurzel, sondern 
auch diese selbst im pulverisirten Zustande wird ge- 
nossen. Aber nur Wenige in Marokko sind im ätande, 
eine durchgreifende Kur mit diesem für dortige Yer* 



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141 

hältnisse recht kostspieligen Medicament, welciieä 
die Fortagiesen importireiiy machen zu können. Mau 
hält sodann ausserordentlich vitl iiaf Ortsveränderung, 
Diät und Schwitzen ; d. h« Ortsveräuderung wird nur 
insofern gepriesen, als die Leute dabei in heissere Ge- 
genden gehen, meist südlich vom Atlas. Die dann 
erfolgende grössere Transpiration soll manchmal Hei- 
lung bewirken. Entziehung der Nahrung bringt indess 
nach den Aussagen der Marokkaner nur Stillstand der 
Krankheit herbei. Jackson erzählt, dass zur Zeit, als 
er in Agadhr war, der dortige Bascha, Namens Hayane, 
seine schwarzen Soldaten daduich von der Krankheit 
heilte, dass er sie schwere Lasten bergauf tragen Hess, 
welches eine mächt i g f Schweisshüdung hervorbrachte. 
^ Innerlich giebt maji au einigen Orten auch eine Ab- 
kochung der Binde yon Ooloquinthen (Cucumis colo- 
cynthis). Dieses drastische Purgirmittel soll das Gift 
des Mrd-el'kebir aus dem Körper entfernen, aber nie 
habe ich gehört, dass es irgend gewirkt hätte. 

• Ebenfalls giebt man diese Decoction gegen blen- 
norrhoische Affectionen» in der Regel aber werden diese 
durch eine Abkochung von Melonenkemen behandelt, 
welches unschuldige Mittel innerlich gegeben wird. 
Injectionen bei dieser Krankheit werden nie angewandt. 
Es braucht kaum gesagt zu werden, dass nebenher 
Amulette und Zaubersprüche hier wie bei allen 
Eiankheiten in Anwendung sind. Kleine Zettelchen 
mit Koran- oder anderen Sprüchen werden in die 



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142 



Kleidungsstücke oder in kleine lederne Säckchen ge* 
n&lit und diese nmgehangen, oder ein solches beschrie- 
benes Papierchen wird in einer Tasse mit Wasser ab- 
gewaschen und dies dem Patienten zu trinken gegeben, 
oder endlich das Amnlet selbst wird als Hediem 
hinabgeschluckt; man denke sich, welche Wirkung es 
haben muss, wenn der Kranke einen Koran*Sprttch 
gegessen hat. 

Fälle von constitutioneller Syphilis, die ich selbst 
behandelte mittelst Jodkali und Mercur, hatten die 
überraschendsten Erfolge. Aeusserlich wandte ich die 
Inunctions-Kur, innerlich Jodkali an, nüt 0,5 anfangendi 
bis zu d oder 4 Gr. auf einmal täglich, in Wasser ge- 
löst, gegeben. Aus Mangel au Medicamenten inusste 
ich indess auch bald zu den Amuletten greifen. 

Intermittarende Fieber*) kommen in den Nieds* 
rungen längs der Flüsse, in den sumpfigen Ebenen 
beständig und zu jeder Jahreszeit vor. Der Marok- 
kaner wird ebenso gut davon befallen wie der Europäer, 
und das krankhafte Aussehen von Kindern und Frauen 
der Itharb-ProTinzen deuten genug an, dass diese 
hauptsächlich dieser Krankheit unterliegen. Der Grund 
liegt darin, dass der Mann durch häufigen Ortswechsel 
seine Gesundheit leichter wieder herstellen kann. Meist 
ist das Fieber das gewöhnliclie, alle 48 Stunden auf- 
tretende, sehr häufig beobachtet man auch Febr. quar- 



*) Fieber: el Homma. 



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143 



tanae, und die damit Behafteten werden ihr Fieher 

fast nie wieder los. Man kennt in Marokko den Segen 
des Chinin nicht, das erste Mittel, zu, dem man greift 
(ausser den Amuletten und Zaubersprüchen), ist eine 
starke Purganz, die aber natürlich keine Heilung be- 
wirkt. In den marokkanischen Städten, namentlich in 
den Hafenstädten, hat man in letzterer Zeit angefangen 
trotz des hulien Preises Chinin zu kaufen. 

W^t verbreitet sind Leberleiden und Gelbsucht*), 
gegen welche man das Kraut des Kümmel (Ouminnm 
cjminum L.) anwendet, arabisch Schemssuria genannt; 
als gerühmtes Mittel wird dagegen auch Schih (Art. 
odorif.) genommen. Häufige Magenbeschwerden, Folgen 
grosser Unmässigkeiten, die nameutUch nacli den Fest- 
hchkeiten beobachtet werden, und alle die Krankheiten, 
wie Rlieumatisixius, Gicht, Kopfschmerz**), halbseitiger 
Kop&chmerz, der oft beobachtet wird, alle Arten von 
Entzündungen, versucht man durch äusserliches Be- 
stieichen mit heisseiu Eisen zu heilen. Gegen Durch- 
fiall, Ruhr, Dysenterie wendet man Omnmi arabicum, 
in Substanz gegessen, dann eine Pflanze „Kebbar^' 
(Capparis spinosa) an, deren Holz gestampft imd ab- 
gekocht wird, endlich auch rohes Opium. 

£s ist unglaublich, wie besondere Freunde die 

») Gelbsucht, Ba-Sfor, d. h. wörtlich: Vater de» Gelben. 

**) Alle diese Krankheiten, welche bei ans mit Schmerz endigen 
(arabisch u^ja), drückt der Marokkaner ebengo ani» «• B. Kopf- 
acbmera n^ja el ras n. s. w. 



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144 



Marokkaner von der Feuerkur, überhaupt von allen 
recht schmerzhaften Heflyerfahren sind. In Fes giebt 

es daher auch eigeue Öpecial-Feuerärzte. Man sieht 
sie auf der Hauptstrasse, welche Neu-Fes mit Alt-Fes 
verbindet, auf dem Boden hocken. Vor sich haben 
sie einen kleinen eisemen Top! mit einem Kost darin, 
worauf sich ein gut unterhaltenes Kohlenfeaer befindet 
Nebenan steht ein Körbchen nut Hokkohlen, tlancben 
liegt auch ein 2iiegen8chlauch, der zum Anblasen dient. 
Ein Kranker erscheint » er hat Nachts ohne Zelt zu- 
bringen müssen, es hat geregnet, imd Folge davon 
war, dass er sich einen Hexenschuss geholt £r prär 
sentirt sich beim berühmten Feuerdoctor Si-Edris, vm 
so berühmter, da er lesen kann, Thaleb ist: ein dicker 
neben ihm liegender Foliant, eioziges Buch, das er 
besitzt, bezeugt es. Trotzdem Boctor Si-£dris nur 
das eine Buch besitzt, hat er es, obschon er sechzig 
Jahre alt ist, noch nicht ganz durchgelesen. Ist es 
so schwer zu verstehen? Keineswegs! Aber das hat 
seine Gründe, erstens hat Doctor Edris es im Lesen 
keineswegs zu einer grossen Fertigkeit gebracht, er 
verfahrt dabei so rasch wie bei uns ein sechs- oder 
siebeigähriges £ind, sodann ist der Inhalt des Buches, 
wenn auch für den Mohammedaner sehr gewichtig und 
zu wissen nothw endig, doch äusserst langweilig. Das 
Buch enthält nämlich Ton hinten bis vom nichts An- 
deres als die Phrase : „Lah iUaha il Allah Mohammed 



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US 



resnl ul Lah'S oder: ^^es giebt nur eineil Gott und 

Mohammed ist sein Gesandter^',*). 

Mittlerweile hat unser Specialarzt mehrere Eisen« 
stabe^ zwei Fuss lang und mit sonderbaren Knöpfen^ 
Haken und anderen Formen am heisszumachenden 
Ende Yersehen, in das vor ihm stehende Feuer ge- 
schoben. Mit dem Schlauche facht er die Gluth besser 
an, endlich ist das Eisen weiss. Der Kranke hat sich 
unterdessen auf den Bauch gelegt^ seiae Kleidungs* 
stttcke in die Höhe schiebend, und die Vorbeigehenden; 
welche sehen; dass einer ;;das Feuer bekommen^^ soU^ 
bilden einen dichten Haufen. Der wichtige Augen« 
blick ist da, der Doctor ergreift ein Eisen und mit 
dem Ausmie „Bi ism Allah'' macht er bedächtig mit 
demselben auf dem Ettcken und der Kreuzgegend 
einige Striche, es zischt und ein unangenehmer Geruch 
von verbrannter Haut zieht den Umstehenden in die 
Nase. Der Patient zeigt bei dieser Operation, welche 
Si-Edris nnt wundervoller Langsamkeit vornimmt, 
weü er glaubt zu grosse Eile schade seinem Ansehen^ 
die grösste Ausdauer und Standhafligkeit; er beisst 
die Zähne zusammen und allein die stark ausbrechen* 
den Schweisstropfen verrathen seinen Schmerz« 

Wie vernichtet bleibt er nach beendeter Operation 
eine Zeit lang auf dem Boden liegen, aber keine 

*) Als die Spanier die Stadt Tetuaii eimiabmen, fiel Urnen 
ein Boeh In die Hand, welches von An&ng bis Ende nur die 
Weite „Qottlob^ „Hamd-al-Lahi^* enthielt. 

BoUft. 10 

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U6 

Klage berührt das Ohr der UniBtehenden, die den' 
Bosenkranz durch die Finger laufen lassen und mit 

den Lippen Gott und Mohammed preisen. Aber was 
geschieht? Der Patient, der wohlhabend sein mosSi 
dreht seinen Kopf: „Si-Edris, Si-Edris," ruft er. — 
y^Malk, was willst du?^^ ist die kurze Antwort des 
berühmten Arztes. — „Masal-en - nar, noch em 
Feuer! — „Miech attini haki, gut, gieb mir mein 
Honorar''^*) erwiedert derDoctor. Unter Seußsenimd 
Aechzen holt der Kranke aus irgend einer Falte eines 
Kleides eine Mosona (ungefähr einen viertel Gro- 
schen), reicht sie dem Doctor und die Feaerknr beginnt 
aufs Nene. Si-Edris Iftsst sich wie alle marokkanischen 
Aerzte immer im Voraus sein Honorar zahlen; sein 
grosser Enf hat ihn übrigens übeimüthig gemacht, er 
lässt nicht mit sich dingen. Während alle anderen 
Aerzte und auch die i^'euerdoctoren, immer mit sich 
handeln lassen, thnt dies Si-Edris nicht, yon dem 
festen Preise: fiir ein einmaliges Feuer eine Mosona 
m nehmen, ist er seit Jahren nicht herabgekommen. 

Der grosse Rnf , dessen sich als Heilmittel in 
Marokko das Feuer erfreut, liegt eben darin, dass in 
fielen Fällen recht gute Erfolge erzielt werden. 

Aber welche Revolution brachte ich unter Fes' 
Aerzte, als sich auf ein Mal das Gerücht verbreitete^ 
ich habe „en-nar-bird'^ kaltes Feuer und der Segen 
des kalten Feuers sei bedeutend grösser. Ich fürchtete, 
*) WörtUdi: gieb mir mein Beek! 



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U7 

da alle Patienten zu mir kameUi um sicln mit kaltem 
Feaer*^) brennen zu lassen, dass meine Collegen irgend 

etwas gegen mich unteriiehmen würden, und obackoii 
ich noch Yorrath von Höllenstein hatte, gab ich 
Yor, das kalte Feuer sei zu Ende, und schickte von 
da an alle Kranke y die sich breuneu lassen wollten, 
aa meinen würdigen Collegen. 

Ebenso erzielte ich später mit spanisclicni i^'liegen- 
ptiaster wenn nicht JB^rfoIge, so doch das grösste 
Benomm^. Der Marokkaner liebt es sich selbst zu 
quälen mit starken Mitteln, und wenn ein Zugpflaster 
nach Tierundzwanzigstündigeni Liegen auf dem Bücken, 
auf dem Bauche oder auf dem Kopfe (der Marokkaner 
trägt den Kopf ganz glatt rasirt) eine mächtige 
mit Wasser gefüllte Blase bildete, war er zuMeden, 
emerlei ob er geheilt war oder nicht. Merkwürdig 
genüge obschon überall in Marokko die spanische 
Fliege'*'''') käuflich zu haben ist, so kennt der Marokkaner 
die guten mechciriischeii Eigenschaften derselben nicht. 
Sie dient nur dazu Begierden anzustacheln, indem 
OantharidenpulTer mit anderen Gewürzen und Haschisch 
durch Honig oder Zucker zu einer Paste verbunden 
wird, Ma^jun genannt, welche sie angebUch gegen 
Impotenz emnehmen oder auch um die Potenz zu 
erhöhen. Es ist wohl kaum nöthig zu s^en, welch* 

*) Lapis infernalis. 

**) In den sumpfigen Kiederangen von L'Areisch kommt die 
spaniache Fiieg^ Mufig vor, 

10* 



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Iii 

entseUUclie 1^ olgen oft aus dem Genuas dieses Madjuu 
entspiingen. 

Luiigenkrankheiten, namentlich Tuberculose sind 
in Marokko ia&t ganz unbekannt, leichtere AÜectionen 
dieser Art werden nur durch Amulette gebeilt, d. h, 
maü lässt die Natur walten. 

£in allgemeines Uebel ist noch Wassersucht in 
ihren Terschiedenen Vorkommnissen. Die Ursache 
dazu liegt wohl zum Theil in der mangelhaften Kleidung, 
wo bei plötzHch eintretender Kälte oder schnell wechsehi- 
der Witterung, die Hantausdünstungen nicht mehr 
regelrecht vor sich gehen können und Unterdrückung 
des Schweisses stattfindet. Zum Theil ist, und dies 
gilt iiamentlich von den Städtern , durch die vielen 
heissen Bäder die Haut äusserst emphndlich geworden. 
STphilitische Einflüsse mögen zur Häufigkeit der 
Hydropsie auch noch mit beitragen. Viele Eingeborene 
schreiben auch einer bestimmten Oertlichkeit und 
deren Trinkwasser di6 Ursache zu ; so steht das Trink- 
wasser von Tanger im Eule, Wassersucht zu erzeugen, 
ob mit Becht, lasse ich dahin gesteilt sein. Vernünftig 
genug wendet man in diesem Falle Purgantien an, ohne 
indess aliein mit diesen eine Heilung herbeifuhren zu 
können* Dinretica sind nicht gebräuchlich. Ebenso- 
wenig ist die i'aracentese hekamit. 

Eine Abzapfung, die ich in Tafilet bei einer alten 
Frau mit einer gewöhnlichen Schusterahle und eigends 
dazu angefertigten Cannule aus Blech machte, hatte 



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149 



den besten Erfolg: mehrere Moschee-Eimer Flüssigkeit 

wurden abgezapft, und ich galt als der erste Arzt der 
Welt. Als ich ein Jahr später den Ort wieder besuchte, 
hatte indess eine neue Wasseransammlung die Frau 
getödtet. Da die Einwohner aber nur Gedäcjitniss 
für den augenblicklichen, für sie überraschenden Erfolg 
bewahrt zu haben schienen, so war ich dort nach wie 
vor als ein wahrer Wunderdoctor von Kranken aller 
Art überlaufen, so dass ich wirklich froh war, als ich 
dem Orte für immer Lebewohl sagen konnte. 

Die levantische Pest, die in früherer Zeit oft 
genug in Marokko auftrat, wahrscheuodich eingeschleppt 
durch die Mekka-Pilger, und welche der Marokkaner 
mit dem bezeichnenden Worte „er ist befallen'^ oder 
„davon betroffen^' „medrub^' ausdrückt, scheint jetzt 
Beit Langem nicht mehr beobachtet worden zu sein. 
Die letzte bedeutende durchs ganze Land verbreitete 
Pest war im Jahre 1799, im April dieses Jahres starben 
daran zuerst Leute in Fes und die Krankheit soll 
derart gewüthet haben, dass allein in dieser Stadt 
65000 (?) Menschen , wenn man Jackson trauen darf, 
gestorben sind. Wenn aber eine solche Seuche auitritt, 
emiediigt sich der dünkelhafte Mohammedaner soweit, 
dass er demüthig den „Rabiner'^ bittet, in den Medrcssen 
der Juden öffenthche Gebete zum Aufhören der 
Krankheit abzuhalten, und gemeinsam durchziehen 
Mohammedaner und Juden die Strassen, um Gott und 
die Heiligen um Schonung zu bitten. Der Jude muss 



150 



hmterhcr aUeriimgs büssen» der glaubensstolze Mo- 
hammedaiier eriimert sich, dass er sich so weit er- 
niedrigte, liiit Juden gemeinscluiftliclie Sache gemacht 
zu haben, und wehe dem Juden, der sich dann unter 
Mohammedaner wagt. Mittel smd keine in Gebrauch^ 
man kennt nur das resignirte Sichdreingeben. 

Merkwibrdigerweise kommt Typhus nur selten 
und an bestimmte Oertlichkeiten gebunden, HundswutJi 
aber nie vor. Typhus, Ruhr, Dysenterien, die der 
Marokkaner kaum von einander unterscheidet, werden 
stets mit Olivenül, innerlich getrunken, behandelt. 
Fehlt das Oel, so wird es durch ungesalzene flüssige 
Butter ersetzt. Man zwmgt den Kranken, Oel hinab- 
zutrinken bis zu zwei Flaschen des Tags. Wirkhch 
habe ich nach diesem Mittel manchmal Heilung ein- 
treten sehen; wage aber nicht zu sagen, ob es die 
Natur oder das Oel waren, welche Heilung bewerk- 
stelligt hatten« 

Dass die Hundswuth bei den Hunden in Marokko 
noch nie beobachtet worden, ist wieder eine Bestätigung, 
dass rohes Fleisch fressende Hunde nicht spontan von 
dieser Krankheit befallen werden. 

In neuerer Zeit ist mehrfach Cholera in Marokko 
beobachtet worden, so noch im Jahre 1860, wo sie 
in verschiedenen Stiidten des Innern zahlreiche Opfer 
forderte. Der Marokkaner hat kernen Namen för 
diese Krankheit und man sagte mir, es sei eine Art 
vom medrub (Pest). Man begnügt sich damit; sobald 



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151 

man von der Krankheit befEÜlen ist, zu sa^n: ^^Gott 
ist der GMsste^' oder „es stand gesclirieben'^ 

Gemüths- und Geisteskrankheiten kommen in 
Marokko selten vor: im ganzen Lande ist nur ein 
Gebäude, um Tobsüclitige aufzunehmen. Leichte 
Fälle von Gemüthskranken lässt man frei umherlaufen, 
sie werden als Heilige yerehrt Und die Tobsüchtigen, 
(1. Ii. solche, welche ihre Mitmenschen schädigen, 
werden, sind sie in oder in der Nähe der Hauptstadt 
in ein eigenes Gebäude in Fes eingesperrt, von einer 
medicioißchen Behandlung ist aber nicht die Rede;' 
das Haus ist weiter nichts als ein Gelangniss fiör jene 
Unglücklichen. 

Die durchnarbten Gesichter der Marokkaner allein 
geben hinlänglich Zeugniss, wie mächtig in diesem 
Lande zu Zeiten die Blattern (Djidri genannt) herrschen« 
Für diese hat man nur Amulette in Gebrauch. 

Prophylaktisch übrigens kennen die Maro^^aner 
die Kulipockeiuiüpfuiig, welche Heüail, wie die Marok- 
kaner behaupten, ihre arabischen Vorfahren schon 
von ihrer Heimathsinsel mit hergebracht haben. Die 
Yaccination wird leider in IVTarokko gar nicht regel- 
mässig Torgenommen, der Mohammedaner ist viel zu 
sehr Fatalist, als dass er, ohne dazu gezwungen zu 
sein, aus freiem Antriebe zu einem solchen Schutz- 
mittel greifen sollte. In den arabischen Triben, wo 
man vaccinirt, wird folgendes Verfahren angewandt: 
Mit einer geschärften Kante eines Feuersteins werden 



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152 



die Zwischenräume der Finger an deren Wurzeln 
gehtzt^ gewöhnlich nimmt man nur die rechte Hand, 
weil die linke an imd für sieb als tmreiii gilt. Die 
Lymphe wird direct von der Kuh genoiumen, und man 
hat Acht, dieselbe wobl einasureiben. Uebertragen 
der Lymphe yon dem Menschen auf den Menschen 
kennt mau nicht. 

Wie in früheren Jahren die Pest öfter in Marokko 
und zwar bedeutend allgemeiner auftrat, so auch 
der Aussatz. Lepra orientalis, bekannt in Marokko 
' unter dem Namen IDjidam, kommt in den nordlichen 
Thcilen von Marokko fast gar nicht vor. Allerdings 
begegnet man in Fes, Mikenes und anderen nördlichen 
Städten Leuten mit Elephantiasis; ob aber diese 
Krankheit immer Folge des Aussatzes ist, wage ich 
nicht zu behaupten. Die mit Elephantiasis Behafteten 
leben überdies nicht abgesondert yon der übrigen 
Menschheit, sondern verheirathen sich mit i&esunden. 
Meistens aber wird dann beobachtet, dass r<m den 
Kindern einer solchen Ehe, eines oder das andere 
angeborene Elephantiasis besitzt. 

Die Leprösen dürfen aber nur unter sich heirathen^ 
sie dürfen keine Stadt bewohnen, sondern müssen sich 
immer im Freien aufhalten'*'). Da Niemand etwas von 
ihnen kaufen würde « treiben sie kein Handwerk oder 



*) Bei der Stadt Marokko ist ein eigenes Dorf fOr Aas* 
Bfttsige nnd die Insassen dieses Dorfes heirtthen MUch nur 



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153 



Gewerbe, sie leben von den Almosen ihrer Mitmenschen. 
Man findet sie einzeb oder in Familien am Wege, 
schon von Weitem rufen sie dem Vorbeikommenden 
„Medjdum'S d. h. ein mit Aussatz Behafteter^ zu, stellen 
ein Tellerchen an den Weg nnd das Almosen in Geld 
oder in Lebensmitteln wird hinein geworfen. Einzelne 
grössere aussätzige if'amilien besitzen sogar JÜLeerden 
nnd ackern. 

Was das Aeussere dieser ausgestossenen Menschen 
anbetri£%j so zeigen sie manchmal über den ganzen 
Körper die widerlichsten weissen Flecke ^ anderen 
fehlen einige Partien , die Nase, die Ohren, Augen, 
noch andere zeigen Jauchen absondernde Wunden, 
Ton wulstiger nnd verdickter Haut umgeben. Krusten 
und hart anzufühlende Beiden bedecken oft den ganzen 
Körper* Oft aber ist bei einem Aussätzigen von alle 
dem nichts zu sehen, man bemerkt keine einzige der 
angegebnen Erscheinungen , er hat äusserlich voll- 
kommen das Aussehen eines gesunden Menschen. 

Nach der Meinung der Marokkaner verursacht 
der Oenuss des Arganöls (Gel vom Baume des Elaeo- 
dendron Argan, der auf den wesfüchen Abhängen des 
grossen Atlas wächst) diese Krankheit oder begünstigt 
dieselbe. Ob dies der Fall ist, wage ich nicht zu 
bestätigen. Die in Mogador nnd Asfi lebenden En- 



unter sieb, im Verkehr haben sie übrigens die grösste Freiheit 
mit den übrigen Bewohnern. 



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154 



ropäer haben nichts von eiuer solchen Wirkung dieses 
Gels gemerkt; und was dagegen spricht^ kt das, dass 
in der Prcmiiz Abda und Schiadma, wo doch haupt- 
sächlich der Argaubaum wächst, gar keine Lepröse 
anzutreffen sind, während andererseits in Haha, wo 
ebenfalls der Argan Yorkommt, die meisten Aussätzigen 
anzutreüen sind. Auffallend ist, dass die Kranken 
als Linderung ihrer Schmerzen innerlich einen Absud 
der Arganblätter nehmen, und aucli äusserlich auf 
offene Wunden zerstampfte Arganblätter legen. Ein 
Teig aus Henne-Blattern*) mit Erde gemischt wird 
ebenfalls zu Verband hei den offenen Geschwüren 
gebraucht. 

Krätze kommt überall yor, aber weniger, als man 
bei dem entsetzlichen Schmutze, an dem diese Völker 
G^allen finden, denken sollte. Aus Erätze wird nicht 
viel Wesen gemacht, und Heilung mrd erzielt durch 
kräftige Einreibung von brauner Schmierseife und 
Sand; Schmierseife wird überall in Marokko fiabricirt, 
zu halben Theilen von beiden eingerieben, habe ich 
selbst Heilung bei verschiedenen Fällen erfolgen sehen. 

Eine ungleich widerlichere Krankheit und äusserst 
verbreitet ist der Kopfgrind. Meistens sind die Ejiabeu 
damit behaftet, im Alter von zwanzig Jahren verliert 
er sich von selbst. Ob die Tinea in Marokko Folge 
des üasirens ist (jeder männliche Marokkaner trägt 



Lawsonia inemis, L. 



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den Kopf von frühedter Jugend an, raskt), i»t wohl 
anKimeluiien. Der Beis, der dadurch entsteht bei 
ganz jimgen Kindern , monatlich und noch öfter mit 
halbacharfem Messer die Haare dicht über der 
Wurzel zu entfernen, oft abzureissen, kann wohl Yer* 
anlassung zu einer solchen Krankheit geben. Bei den 
Mädchen beobachtet man Grrind sehr selten. Man 
braucht gegen diese Krankheit gar nichts, und sie ist 
80 allgemein, dass Niemand in der Gesellsohaft eines 
Grindigen Abscheu oder Ekel empfindet. Nach dem 
zwanzigsten Jahre sind die Meisten der Mühe, ihren 
Kopf zu rasiren, überhoben, da die Krankheit im 
Kindesalter sie ihrer sämmtlichen Haare beraubt hat. 

Von Parasiten kommen nur Kupi- und Kleider- 
läuse TOr, beide haften an jeder Frau, während die 
mannliche Bevölkerung nur den Pediculus vestimenti*) 
cultivirt, da sie in der ßegel kein KoiJihaar hat, die- 
jenige männliche Jugend indess, welche einen Zopf 
trägt, hat auch Kopfläuse. Der Pedic. pubis ist nirgends 
anzutreffen, weil sich Alle, sowohl die männliche als 
die weibliche BeTölkerung, diejenigen Partien des 
Körpers, wo derselbe vorzukommen pflegt, rasirt er- 
halten« 

Wurmkrankheiten sind selbstverständlich auch im 

Lande. Obschon die Lebensweise und Nahrung sehr 
förderlich für diese Entozoen sein muss, hört man 

*) Ton dem Fedic vettimenti existirea in Msraidco mehrere 
Arten« 



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15« 



doch selten darüber ]ih^en. Spul« und MadenwUrmer^ 
eine häutige Erscheinung, werden behandelt durch 
eine Abkochung von Sater (Thymian*) und Kelü (Bos- 
marin**), denen nocli andere starkdiiftende Kräuter 
zugesetzt werden. Aber auch durch eine Decoction 
der Wurzel der Btemwurzel (Genista Saharae). Ge- 
nannte beide bilden indess Hauptbestandtheile. Taenia 
Solium^ der auch Torkommty wird (nach den Aussagen 
der marokkanischen Collegen) erfolgreich derart be* 
handelt, dass man zuerst eine Portion Haschisch (Can- 
nabis ind.) geniesst und später , wenn der Wunn be- 
rauscht istj ihn durch irgend ein Purgirmittel abtreibt. 
Als Dose wurde angegeben ein Esslöffel voll pulveri- 
Birten und gedorrten Haschichkrautes und als Ab- 
führungsmittel haben sie eine Zusammensetzung aus 
Sennesblättem (wächst wild im südlichen Marokko)^ 
Schwefel und AloSs, welches innerlich gegeben wird. 
Der (jruineawurm kommt äusserst selten vor, und dann 
nur von Schwarzen aus dem Süden eingeschleppt. Die 
Behandlung desselben, sowie sie von den Schwarzen 
in Oentrala&ika practicirt wird, ist in Marokko nicht 
bekannt* 

Niclit nur der ungeheure Schmutz, iu dem sich 
alle nordafrikanischen Völker gefallen, sondern auch 
Oertlichkeiten und Klima haben Augenkrankheiten 

•) Thymus hyrtus, Willd. 

**) Rosmarious oföc. 

***) jülerdings eine starke Dosis. 



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157 

Yon je her m Marokko begünstigt Und je mehr 
man nach dem Süden kommt, desto h&ufiger werden 

dieselben, bis mm in den Oasen der grossen Sahara 
die BeTdlkerong derart von Augenleiden aller Art 
afficirt findet, dass ein Individunm mit beiden gesunden 
Augen schon zu Ausnahmen gehört. Wie der btaub 
auch sein mag, ob ihn der Gebli oder Samum auf- 
wirbelt, ob er im Norden* melir mit animalischen oder 
vegetabilischen Atomen^ im Süden des AÜas mit anor- 
ganischen, mikroskopisch Ideinen Theilen geschwängert 
ist, immer wirkt er gleich schädlich auf die Augen. 

£s hat dies zur Folge^ dass Homhautkrankheiten 
alltägHcbe Erscheinungen sind. Chronische Hornhaut- 
entzündung nennt der Marokkaner Bu Tillis, d. h. 
den Ystter des Schleiers. Manchmal heilen sie der- 
iiitige Fälle im Entstehen dadurch, dass sie Feuer im 
Nacken, an den Sclüäfen, hinter den Ohren örüicli 
anwenden. Meist aber enden alle Augenkrankheiten 
mit ErbUnden. Citronensaft und Wasser geniisckt 
und in die Augen getröpfelt, wird häufig genug an* 
gewandt Auch Antimon (Kohöl) ist in vielen Gegenden 
Gebrauch; es wird dies im Atlas gefundene Metall, 
dessen sich alle Frau^ nicht nur Marokko's, sondern 
ganz Nordafrika's als Schönheitsmittel bedienen, und 
das auch unsere Theaterdainen, um den Glanz der 
Augen zu erhöhen, anwenden, oitmit Erfolg gebraucht. 
Man bestreicht mit KohÖl die Augenlider, mittelst 
eines feinen Holzspatels und unzweifelhait hat dies 



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158 



Mittel gute PrUservativeigeiischaften bei dort ha- 
schenden Augenkrankheiten. Als Arzneimittel wird es 
deshalb anch vielfach von den Männern gebranchi 
Die W uksanikeit des Spiesglanzes als Präservativ- 
mittel erhellt schon daraus, dass bei weitem mehr 
ICMnner Ton Augenkrankheiten bdrofißen werden als 
Frauen. Ais äusserstes Mittel gegeu Augeuki'aukheiten*) 
führe ich noch an, dass in einigen Orten pnlvensirter 
Pfeffer in die Augen geblasen wird. 

Von iimcren Mitteln gegen Augenkrankheiten ist 
natürlich keine Spur vorhanden, als ich einige Male 
versuchte durch Calomel, innerlich gegeben, oder durch 
Purgantien Ableitungen herbeizufuhreni wurde mir 
emstlich gesagt, mit solchen Mittehii aufzuhören: „nicht 
der Bauch sei erkrankt, souderu die Augeu^^ 

Schwarzer und grauer Staar sind unter einer 
Bevölkerung, bei der fast jedes Individuum angenkrank 
ist, nichts Seltenes, und merkwürdig genug, giebt es 
in Marokko einige Familien, die sich damit beschäftigen, 
Staaroperationen und zwar mit Erfolg auszuüben. Diese 
Familien sind vorzugsweise auf dem grossen Atlas 
ansässig, die Fähigkeit den Staar zu stechen geht 
vom Vater auf den Sohn über, der natüi'lich bei 
jenem in die Lehre geht. Die beiden Doctoren-Staar- 

*) Ich bediene mich dieses aUgemeiuen Ausdrucks, da der 
Msrokkaner nicht unterscheidet, ob die Hornhaut, die Lider, 
der Augapfel, die Lldeihaat etc. erkrankt ist, sondern alles dies 
Angenkmiklieit, Mid*el-uim, neniit. 



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159 

^ieck&r, clie ich kennen lernte, w&ren Berber iiirer 
Abkunft nach. Ohne sich ndi anderen EnutkheiteD am 
beschäftigen, verschmähten sie es sogar, andere Augen- 
krankheiten als Staarerblindungen in Behandlung 2tt 
nehmen. Sie machten für dortige YerhSltnisse gute 
Geschäfte und man würde sie wirklich als gute Special- 
ärzte haben hinstdlen können, wenn sie die Fähigkeit 
gehabt hätten, irgend wie eine Diagnose zu stellen, 
geschweige von einer Prognose zu reden. Aber da 
kam es oft genng vor, dass irgend eine andere Krankheit 
der inneren Theile des Auges, wohl gar Gutta Serena 
mit U^utta opaca verwechselt wurde. Da ich nicht 
selbst der Operation eines Staares beigewohnt habe, 
so kann ich nur anführen, dass mittelst eines glatt- 
geschliffenen nadeiförmigen Instruments der Einstich, 
nach Aussage der Staardoctoren, seitwärts gemacht 
wird, dass nach der Beschreibung sodann die Linse 
zerstückelt wird, um später resorbirt zu werden. Eine 
Eztraction oder Depression der Linse war offenbar 
diesen Leuten nicht bekannt. 

Sehen wir, wenn es auf eine chirurgische Operation 
ankommt, wie bei der Staarstechung, die Heilkunde 
auf einer bedeutend höheren Stute als bf i inneren 
Krankheiten, so ist das im Allgemeinen in der Chirurgie 
auch der Fall. Es ist dies auch ganz natürlich. Bei 
Verwundungen, bei äusseren Verletzungen kennt auch 
der gewöhnliche Mensch gemeiniglich die Ursache, 
er kann es dann bedeutend leichter unternehmen, eine 



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160 



Heilung zu yersuchen. Und nicht nur in ganz un- 
driliairten Ländern, oder in halbdyilisirten wie Marokko, 
auch in den am wdtesten in der Onltnr Torgeschrittenen 
findet man, dass die Cliirurgie auf einer höliereii 
Stufe steht als die Heilkunde innerer Krankheiten. 

Reine Hiebwunden, die durch das fast überall 
geübte i^austrecht so häuhg unter den Bewohnern 
Marokko's yorkommen, werden entweder mit einem 
Teig ver])unden, der aus Henne (Lawsoiiia inermis) 
und Chobis (Malva par?iflora) geknetet wird, oder man 
Terbindet die Wunden mit geschmolzener salzloser 
Butter, in welche vorher, sobald die Butter siedend 
ist, ein Säckchen mit Schih (Artemisia odoiit) ge- 
taucht worden ist. Hierdurch bekommt die Butter 
einen starken aromatischen Gehalt, nimmt einen fast 
Kölnischem Wasser gleichenden €^ruch an, der später 
selbst nicht vom übelstriechenden Eiter verdrängt 
wird. Wunden auf diese Art behandelt, nehmen fast 
immer einen guten Verlauf. In vielen Gegenden ver- 
bindet man die Wunden mit Rinderkoth, namentlich 
nomadisirende Stänmie glauben an die Heilkraft der 
verdauten Krauter. 

Verwundungen, welche die Knochen verletzen, 
einerlei ob sie durch Kugeln oder Hiebwunden her^ 
rikhren, werden auf gleiche Art rationell behandelt 
Ist eine voilkommene Knochenzorschmetterung vor- 
handen, so wird ein fester Verband angelegt, um 
die Heilung der zerschmetterten Knochen mittels 



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Callusbildung iierbeizufÜhren. Man kümmert sich 
oicht um Herauszieheii der Knochensplitter oder 
Engelstücken so schnell wie möglich wird der 
Verband angelegt. Eine aus Ziegen- oder Schafleder 
bestehende Binde, die ihren Halt durch kleine Bohr- 
Stäbchen, die hxneingenäht werden^ bekommt, wird 
um die verletzten Theile gelegt und das Ganze dann 
mit Thon mnkleistert. jSin solcher Verband soll nach 
den Regeln der dorti^^cii ( hiriirgie 28 Tage liegen 
bleiben« Das einzige Misslingen bei diesem Verbände 
Hegt darin, dass nicht gehörig für Eiterabfluss gesorgt 
^^ild, und dadurch für den Patienten oft uiissliche 
Zustände eintreten. 

Fractoren werden eben&lls durch festen Verband 
geheilt, ebne dass man aber vorher einrichtet. NatQilich 
werden dabei meist schiefe Heilungen erzielt, und 
oftmals sieht man Köhrenknochen die Weichtheile 
durchbohr en^ und es entstehen dann für immer oÜeue 
Wunden. Nie fällt es ein irgend wie zu amputiren. 

Der Marokkaner hält das für sündiiaft. Die durch 
die Gerechtigkeit abgehauenen Hände oder Füsse 
werden sorgfültig Tergraben, weil sie sonst am Auf- 
erstehungstage fehlen könnten, und die Stümpfe 
werden in siedende Butter oder kochendes Oel getaucht, 
um die Blutung zu stillen. Verrenkungen emrichten 
kennt man nicht, so dass gewöhnliche Folge eine 



*) Man IsAet meisfcm nnt serbacktem Bld. 



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sclimerzhafte Entzüiuhing mit oft bösem Ausgang ist. 
Natürlich ist selbst bei schwersten Verwundungen von 
einer inneren Behandlung nie die Bede^ aber Amulette^ 
Zauberäpiüche u. dergl. m. sind auch hier an der 
Tagesordnung. 

Was die Geburtshülfe anbetrifft, so ist es schwer 
darüber nur das Geringste anzugeben, da nur brauen 
als Beistand geduldet werden. Die Wendung sowie 
die Zange sind unbekannt, einzelne Praktiken, die mir 
erzählt wurden^ sind zu abgeschmackt, als dass ich sie 
hier wiedergeben sollte. Nur so viel kann ich bezeugen, 
dass einst meine Hauswirtliin in einer kleinen Oase 
der WüstC; Nachts mit einem Kinde niederkam und 
am andern Morgen trotzdem ihre gewöhnliche Be* 
schäftigung verrichtete. 



V 



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6. Vefan ef Dot dmma. 



giebt Bt&clier genug > die über Marokko handeln, 

und keine Geographie älteren oder neueren Ursprungs 
imterlÄsst e&, irgend ein Capitel diesem Eeiche zu 
widmen; aber wie AMka im Allgemeinen noch heute 
ein Terra incognita für uns ist, so ist von all den 
Staaten, welche an den Küsten liegen , namentlich an 
den Küsten des Mittelmeers, kein Land so wenig 
bekannt wie Marokko und yon allen Städten in Marokko 
ist Uesan die unbekannteste. So sehen wir denn auch, 
dass ein Hemsö, Ali Bej, Richardson und Renon 
nur ganz oberüächlich des Ortes Uesan im Vorüber- 
gehen erwähnen* 

Ali Bey verlegt Uesan aui den 24^ 42' 29 ' N. Br. 
und 7^ bb' 10" L. von Paris, Benou, der die Breite 
gelten lässt, glaubt aber IJesan die Länge von 7^ 58' 
geben zu müssen. Dieselbe Position finden wir auch 
auf Petenuanns trefflichen Karten von Marokko'*'). 
Bk genauere Messungen an Ort und Stelle angestellt 



<) IfitUMflaitteii» JaJirg. 1865. 

11* 




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164 



sind; können wir uns auch einstweilen recht gat daran 

halten. Die Stadt Uesaii liegt etwa 900 Fuss über 
dem Meeresspiegel, erireut sich also unter diesen 
Breiten eines äusserst günstigen Klimas. 

Vortheilhafter wird die Lage noch dadurch, dass 
die Stadt am Fiisse des mächtigen und zweigipfligen 
Berges Bn-HellÖl aufgebaut ist Dieser herrhche Berg, 
dessen ganze Nordseite von der Stadt an bis zum 
Gipfel zum Theil mit Oliven, zum Theil mit immer- 
grüncii Kichen und Wachholdcr bewaldet ist, hält 
wirksam die heissen Südwinde ab^ während er zugleich 
den regentragenden Nord- und Nordwestwinden einen 
Damm entgegensetzt. 

Der ganze Gebirgscomplex, der sich um Uesan 
herumzieht, steht im innigen Zusammenhange mit dem 
sogenannten kleinen Atlas. Ersteigt man den Bii-Hellöl, 
so sieht man über die Rharbebenen hinweg die blauen 
Finthen des atlantischen Oceans, während andererseits 
nach Norden und Osten der Blick eine vollkommen 
zusammenhängende Gebirgslandschaft TOr sich hat bis 
zu den zackigen Berggipfeln, der Habib, der Srual^ 
der Schischauun und in erster Nähe der Erhona. 

Es scheint, dass Uesan von einem Nachkommen 
Mulei Edris, Naniens Mulei Abd- Allah Scherif, etwa 
um das Jahr 900 n. Chr. als Sauya gestiftet wurde. 
Da nun Edris der Gründer der Stadt Fes als der 
directeste Nachkömmling des Propheten angesehen 
wird, so ist seine männliche Nachfolge in erster Linie 



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165 



noch heute in demselben Ansehen. Aus diesem Grunde 
Bind die Schürfa Ton Uesan, d. h. die Edridten, be-> 
deutend heiliger gehalten als die übrigen von Mulei 
Ali stammenden^ wozu die Familie des Sultans gehört 

Dennoch haben aber diese Vorrechte genug, und 
was der kaiserlichen Familie an Heiligkeit diiecter 
Abkunft abgeht, ersetzt sie eben dadurch, dass sie 
die regierende ist. Bei den Mohammedanern nun ist 
aber das Heiligsein ganz anders als bei uns Christen. 

Mein seltsamer Anzug, halb christlich, halb mo« 
hammedanisch; hatte rasch einen Haufen Neugieriger 
herbeigezogen, mein Bereiter nnd ich wurden um- 
drängt und befragt, wer ich sei, was ich wolle, woher 
ich komme, wohin ich wolle u. dergl. unverschämte 
Fragen mehr. Es ist vollkommen fialsch, wenn man 
glaubt der Mohammedaner sei schweigsam, ernst und 
nicht neugierig; in Aihka habe ich überall das Ge- 
genthefl er&hren. Hanchmal freilich mag der Vor- 
nehme, der Mann vom „grossen Zelte," sich gegen 
Christen so zurückhaltend benehmen, aber nie gegen 
seines Gleichen. Und man erinnere sich, dass ich als 
Mohammedaner reiste. 

Nachdem die Neugier befriedigt und nachdem 
namentlich die Menge beruhigt war über meinen 
Glauben, d. h. nachdem ich auf ihre Aufforderungen 
zum „Bezeugen'^ mehrere Male giebt nur Einen 
Gott und Mohammed ist sein Gesandter" geantwortet 
hatte, sagten sie aus, „Sidi" befände sich mit den 



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166 

Schttrfa und Tholba im Rharsa es Ssidtan, so biess* 

man Gaiteu und Gaitenhaus des Grossscherifs. 

Man kann sich denken^ mit welcher Spannung ich 
der ersten Zusammenkunft mit diesem Manne, der in 
den Augen der meisten Marokkaner liölier als Gottj 
ja höher als der Prophet gehalten wird, entgegen sah. 

Meine Begleiter und ich gingen also nacJi seinem 
Landsitze, der sich bald, er liegt nur ca. 5 Minuten 
ausserhalb der Stadt, unseren Blicken zeigte. Wie 
erstaunt war ich, ein Haus halb im neuitalienischen, 
halb im maurischen Style zu erblicken. Dort ist 
Sidna,"*) sagte man mir. Aus den Fenstern des 
oberen Stockes sah ich eine Menge Neugieriger her- 
abgucken, TOme stand ein junger Mann in Iranzösischer 
Capitäns-XJniform mit dem Degen an der Seite, ein 
langes ij'erniohr in der Hand. Jetzt rasch durch ein 
hohes gewölbtes Steinthor in den Garten tretend, be- 
fanden wir uns bald vor der Hauptthür, welche direct 
auf eine enge und so niedrig gebaute Treppe ging, 
dass jeder nur etwas grosse Mann sich bücken musste, 
um hinaufzuschreiten. Oben angekommen, riefen uns 
mehrere uniformirte Sklaven ein ,,Okaf'' (Halt) entgegen, 
das aber gleich vom lauten „sihd'^ (marokk. Ausruf 

*) Der Titel Sidna, d. h. „unser Herr/* kommt dgentUck 
nur dem Sultan zu. Jeder Scherif hat den Titel ddi oder 
mnlei, was „man Herr" bedeutet Tbolba, d. h. fldirifkgelelirtA, 
StandeBpersonen, Beamte, liaben den Titel „sid,** was Herr be- 
deutet Der Plural von mulei, muleina, wird nur Gott und dem 
Propheten gegeben« 



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167 



bedeutend >,iritt iiäher^O Groasscherifs übertönt 
wurde. 

Mein Begleiter prosternirte sich, küsste die gelben 
Stiefel Sidi-el-Ha^j-Abd-es-Ssalam's^ und berichtete 
dann über mich. Ich selbst begnügte mich, seine dar- 
gebotene Haud (der < 7i ossscherif sass auf einem Teppich 
in einer Ecke des Zimmers) zu ergreifen^ und sodann 
führte ich die meine an Stirn und Mund. Unter der 
Zeit hatte ich Musse^ ihn und seine Umgebung zu be- 
trachten« 

Sidi-el-Hadj - Abd-es - Ssalani - ben-el-Arbi-bcn-AK- 
ben-Hammed-ben-Mohauuned-ben-Thaab'^), wie sein 
ganzer Titel lautet» war (1861) etwa 31 Jahre alt; 
von fast zu hoher Statur, wurde das Ebenmaass 
seines Körpers durch eine angenehme Wohlbeleibtheit 
hergestellt Sein Teint ist stark gebräunt, und auch 
etwas dick aufgeworfene Lippen deuteten auf Negerblut, 
wie denn in der That seine Mutter aus Haussa stammte. 
Eine gerade Nase, ein feurig schwarzes Auge, im 
Ganzen ein längliches Gesicht, so präsentirte sich der 
Mann, dem von iast der ganzen mohammedaDischen 
Welt eine abgöttische Verehrung gezollt wird. Seine 

*) In seinen Briefen Ütolirt sich Abd-es-Ssalam bis zum 
Grossvater, Thaibi seines Urgrossvaters Hammed hinauf, weil 
Mulei Thaib der Erneuerer der religiösen Gesellschaft der 
Thaib gewesen ist, in ganz Nord-Afrika die allergrösste religiöse 
Genossenschaft Seines marokkanischen Ahnen Mulei Edris, oder 
des Gründers der Sauya Uesau , Mulei Abd Allah Scherif , wird 
in den Briefen nicht Erwähnung getban. 



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168 



Bekleidang bestand in einer weiten skendnnischen^) 

rothen Tuchhose, einem französichen Waflenrück mit 
franaöeischen Epauletten, auf dem Kopfe hatte er 
einen tonesisehmi Tarbnseh mit schwerer goldener 
Troddel. An der Seite trug er einen äusserst schön 
gearbeiteten Degen, wie ich später erfahr, ein Geschenk 
vom Genera] Prim. 

Eine goldene Schärpe, die er um liatte, enthielt 
zugleich einen Beyclver Tom System Le&achenx, der 
überdies mittelst einer rothseidenen Schnur um den 
Hals befestigt war. ^^Merkwürdigy'^ dachte ich, i^den 
Mohammedanern ist durch den Koran verboten, Gold 
und Seide auf ihren Kleidern zu tragen, und nun sehe 
ich den directesten Sprössling des Propheten damit 
Überladen. Die übrigen Anwesenden bestanden zum 
Theil aus nahen Anverwandten, also ebenfalls Ab- 
kömmlingen Mohammed's, dann aus Tholba, endMch 
ans vielen Fremden von vornehmer und geringer Her- 
kunft. Ueberdies ging es ohne Unterlass aus und ein, 
da ging kein Mann oder keine Frau ans dem Gebirge 
vorbei (das Gartenhaus lag an einer sehr frequenten 
Strasse), ohne rasch heraulzuspringen, um den Gross- 
scherif zu küssen und um einige Mosonat^) nieder* 
zulegen. Da kamen Processionen von Feme, um den 



*) Skeadrinlachen » Alezaadrialfleken* 

**) Mosona, «ine fanagUiftra narottaiiiaclie' Mfinxe, bestebt 
m 6 flog, pl. von fls. Ein fis. Ist tmgei&hr glekb einem 
framOfliscliea Centime. 



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169 

uld en nebbi (Sohn des Firoplieten) sm besncKen, yon 
diesen wurde nur der ,,Emkadem^^ (geistige Vorsteher 
und Hanptgeldeiiisamiiiler) yorgel^Asen, die aaderen 
aber einstweilen fortgeschickt, um in die für Fremden- 
au&iahme eingerichteten weiten Hallen der iSauya in 
Uesan emquartiert zu werden und um später en bloc 
den Segen zu empfangen. 

Sidi winkte; gleich darauf brachte ein kleiner 
miifonmrter Neger Namens Zamba eine süberne Platte^ 
darauf stand ein silberner Theetopf, eine Schale 
mit grossen Stücken Zucker, eine Theebüchse, und, 
ausser den sechs üblichen kleinen Theetassen, ein 
Glas, woraus Sidi seinen Thee nehmen sollte. Alles 
dieses wurde vor den Sidi zunächstsitzenden Scherif, 
einen sclion älteren Mann, Namens Sidi el Hadj Abd- 
Allah^ gesetzt, und dann ging die Bereitung des Thees 
TUT sich. 

Der Hadj Abd-Allah nahm eine tüchtige Hand 
ToU grünen Thees, warf ihn in den Topf, während 
em anderer kleiner Neger, Ssalem, schon das siedende 
Wasser in Bereitschaft hielt; der erste geringe Auf- 
guss diente nur dazu, den Thee zu reinigen. Sodann 
wurde eine tüchtige Portion Zucker in den Topf ge- 
worfen, und nun derselbe mit kochendem Wasser gefüllt 
Unter der Zeit hatte der Hadj auch schon einige 
aromatische Kräuter in Bereitschait, als Miii^e, Wei muth 
und Luisa, die noch obendrein hineingeworfen wurden. 
Nach einiger Zeit wurde sodium für Sidi ein Oia» 



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geftllt» ikacliclem jedoch Torher der Ha4i Abd-Allah 

mehrere Male durch Kosten sich überzeugt, dass der 
Thee genug gezuckert Bei. Sodann wurden die übrigen 
Bechs Tassen gefüllt, und sie den Gästen von den 
beiden kleineu bklaven präseutirt; da woiil 0O Leute 
anwesend sein mocbteni ohne die idelen Besucher, die 
ab- und zugiTigeu, die meisten auch drei Tassen tranken, 
wie es die Sitte erheischt, so kann mau sich denken, 
dasB es ziemlich lange dauerte, ehe Alle, da nur sechs 
Tassen vorhanden waren, befriedigt wurden. Es ver- 
steht sich von selbst, dass die Theekaune verschiedene 
Haie wieder nachgeftiUt wurde. 

Unter der Zeit wurden die verschiedensten Ge- 
spräche geführt, Sidi wollte vor allem von den politischen 
Zuständen in Europa unterrichtet sein, und ich merkte, 
dass es ihn ärgerte, dass einige ältere Schürfa mich 
fragten, wann, wo und wie ich zum Islam übergetreten, 
ob ich auch vollkommen überzeugt sei, dass die mo- 
hammedanische Üeligion besser sei als die jüdische 
und christliche, ob ich auch ordentlich „bezeugen" 
könne ete. 

Sidi-el*Hadj-Abd-es-Ssalam, der wohl merkte, wie 
unangenehm mir solche Fragen sein mussten, sprang 
auf und winkte zu folgen. Alle erhoben sich, da er 
aber auf mich speciell gedeutet hatte, so blieb die 
ganze Versammlung im Zimmer und setzte sich wieder, 
während er und ich, begleitet von seinen beiden 
Gänsthngen und einigen Dienern, die eimen Teppich, 



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171 

ein Femrohr, DoppeiÜinte etc. kugeu, in den Garten 
hinabgingen» 

Diese beiden Günstlinge, Ibrahim nnd Ali, die 
den ganzen Tag nicht von der Seite des Grossscherifs 
mchen, waren Ssalami*), d. h. jüdische Renegaten! 
Der eine, aus Fes gebürtig, war Schriftgelchrter, und 
aus freiem Antrieb übergetreten, Ali aber, aus Uesan 
gebürtig, irar, wegen Diebstahls verfolgt, in die Sauja • 
geflüchtet, und hatte sich dann, um der Strafe zu 
entgehen, mohanunedanisirt Beide tragen französische 
Capitäns-UniformmitweitenHosen und rothemTarbusclh 
Sie waren beide verheirathet und wohnten sogar beide 
im Hause von Sidi, der ihnen je einen Flügel abge^ 
sondert ange wiesen hatte. Sie waren zu der Zeit die 
Personen, die Sidi gar nicht entbehren konnte, Alles 
ging durch ihre HSnde. 

Im Garten angekommen, gefiel sich Sidi darin, 
mir seine europäischen £inrichtangen zu zeigen; hier 
war auf einem Bassin ein Schiffchen mit Bädern, eine 
Nachahmung der europäischen Dampfschüfe, dort 
kostbare Blumen aus Europa und Amerika, Gewächse 
feinerer Art, wie sie im übrigen Marokko unbekannt 
sind, zwischen denen künsthche Springbrunnen auf 
Terschiedenste Art Wasserstrahlen auswarfen, sogar eine 

•) Ein vom Judenthum zum Islam Uebertretender bekommt 
ia Marokko den Namen Ssalami, d. h. Gläubiger, ein TOm 
Cbristeuthnm üebertreteüder hat den Namen Oeldy, d. h. wdrtlich 
cbrisüickei' bklav6. 



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1dm» Eisenbahn mit Wagen, welche durch ein Sadwerk 

in Bewegung gesetzt wurde. 

„Der Sultan, die Grosflen und auch die SchiirfiE^^' 
fing Sidi an, „wollen nichts Tom Fortschritt wissen, 
deshalb sind wir auch von den Spaniern geschlagen; 
wenn ich nur könnte, ich würde Alles einfuhren wie 
es bei den Christen ist, d. h. vor allem eine feste 
Gesetzgebung und regelmässiges Militair.^^ — „Aber, 
wenn du nur willst, Sidi,^' erwiederte ich, „so wird 
der Sultan auch wollen und müssen.'* — „Der Sultan 
und ich sind beide vom Volk abhängig, und dass ich 
mich christlich kleide, was doch die Türken jetzt auch 
thun, nimmt man gewaltig übel.^^ Unter diesen Ge- 
sprächen waren wir durch einen blühenden Bosengarten, 
wo Jasmin und die köstlich duftende Verbena Luisa 
mit Heliotropen und Veilchen ihre Wolügerüche der 
Luft spendeten, zu einem prächtigen Orangenhain ge- 
kommen. „Diesen ganzen Garten luit mir der Sultan 
geschenkt,^^ sagte Sidi, „oder eigentlich zurückgeschenkt, 
denn mein Grossvater, Ali, schenkte Ihn seinem Vater/' 
Nach dem Orangengarten kamen ausgedehnte Oliven- 
pflanzungen, wir drangen bis dahin durch, kehrten 
dann zurück, wo wir die Schür£Ei und Tholba noch im 
Zimmer versammelt fanden. 

Gleich nach der Bückkehr Sidi's stellten sich 
Sklaven ein mit Schüsseln auf dem Kopf. Alles nahm 
Platz, da wurde zuerst eine Haida (kleiner Tisch) vor 
Sidi gestellt, und| nachdem Sklaven ein messingenes 



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173 



Becken und eine Kanne gebracht, die Hände abge« 
wasohen. Ein Handtach, yielleicht hatte es schon einmal 

als Hemd gedient, war für Alle zum Abtrocknen bereit. 
Es bildeten sich Gfmppen: Sidi ass aus einer Schüssel 
mit 5 oder 6 Schürfe, hier sass wieder eine Ghmppe, 
dort eine andere, ich selbst wurde eingeladen, an der 
Schüssel der beiden Günstlinge Ali und Ibrahim, za 
der ausserdem noch zwei Vettern Ton Sidi zugezogen 
waren^ tbeüzunehmen. Man ass, mit Ausnalmie des 
Tisches, an dem Sidi sass, mit grosser Hast, um ja 
nicht zu kurz zu kommen. Die Speisen waren gut, 
gebratenes iTleisch, gebratene Hühner, und bei jeder 
Schüssel lagen fünf oder sechs Brede, die vorher ge- 
brochen wurden. So, dachte ich, ass man zur Zeit 
Jesn ans einer Schüssel und mit den Händen. 

Sidi, der in Frankreich gewesen, konnte es nioht 
lassen ein paar Mal herüberzusehen: „Mustafa (diesen 
Namen hatte ich angenommen), hast du schon oft mit 

* 

der Hand gegessen?** fragte er. „Gott erbarm dichl" 
rief ein graubärtiger Scherif, „essen denn die Christen- 
hunde nicht mit der Hand?** „Nein,** erwiederte der 
Grossscherif, „als ich mf der französischen Fregatte 
nach Mekka reiste, ass i9h mit einer Gabel.^* „Gott 
sei meinem Vater gnädig,** erwiederte jener, „unser 
Herr Mohammed hat mit der rechten Ebmd gegessen, 
Mohammad ist der Liebling Gottes, und der Segen 
Gottes ruht auf seinen Nachkonmien.** Sidi, wohl um 
ein religiöses Gespräch abzuschneiden, riet einen 



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174 



Sklaven, gab ihm ein saftiges Stück i^leisch, das er 
Tom fi^nochen abgeläst liatte: du Mustalk'' 

Von dtüii Augenblick, d. h. seitdem icii aus der Haod 
äidi's einen Bissen erhalten hatte, wurde ich als sein 
erklärter GHlnstiing angesehen. 

Kach beendetem Essen wurde Kaüee herumgereicht, 
und nachdem man noch eine Zeiüang gesessen und 
darauf in Gemeinschalb das FAsser Gebet abgehaUen 
war> befahl Sidi sein Pferd. Er bestieg emen ausge- 
zeichneten Fnchs, die beiden Günstlinge AH und 
Ibraliim hatten nicht minder schone Pferde zur Ver- 
fügung, und nun ging's heimwärts. Vor den Thoren 
des Gartens lauerten Haufen von Menschen, alte und 
junge, Männer und Weiber, die sich bemühten, seinen 
Fuss oder den Baum des Burnus zu berühren^ oder 
auch nur sein Pferd, denn diesem wird dadurch, dass 
der Sohn des Propheten es besteigt, ebenfalls eine 
Heiligkeit mitgetheilt, und man kann den Seg^ her- 
ausziehen. 

Einige von den Schürfa bestiegen ebenfalls Pferde 
oder Maulthiere, die meisten folgten zu Fuss. Unter 
üineii war ich ; einer der Enikadem *) Sidi's hatte sich 
meiner Hand bemächtigt, als ob ich nicht allein gehen 
könnte, oder um ja ein von Sidi ihm aavertrautes 
Gut nicht zu verUeren: „ich soll für dich sorgen," 
sagte er, und so betraten wir Uesan el Dar Demana. 



*) Emkadem, Verwalter oder Intendant. 



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175 



Eine enge Strasse führte uns gleich in die eigent- 
liche Sauya, d. h. das heilige Viertel, das Sidi bewohnt, 
welches von der übrigen Stadt durch Mauern und 
Thore geschieden ist. Denn wenn auch die ganze 
Stadt (üesaii el dar demana heisst: Uesan das Haus 
der Zuflucht) ein geheiligtes Asjl ist, so ist doch 
specieÜ das Stadtquartier, welches Sidi bewohnt, heilig 
und unverletzlich. In diesem C^uartier, gleich unter- 
halb s^ner Hauptwohnung, bekam ich im ^^Bheat^'*) 
einen l'avillon als Wolinung angewiesen, der einstmals 
reizend gewesen sein musste, jetzt aber etwas vemach- 
ISssigt aussah. 

Dieser Eheat war zur Zeit Sidi-el-Hadj-el-Arbi*s, 
des Vaters des jetzigen Grossscheri&, em tippiger 
Garten gewesen; kttnsöich vom Djebel Bu Hellöl her- 
geleitete Wasser tränkten die Orangen- und Granai- 
bäumey htibsche Veranden und Kubben im reinsten 
maurischen Style erbaut, aufs prächtigste geschmückt 
lait Stucco- Arabesken^ mit echten Slaedj von JTeSy 
standen an den schönsten Punkten, und Ton einer 
jeden hatte man eine unvergleichliche Aussicht auf 
die gegentberliegende G^birgslandschalt. Sie dienten 
dazu, die zahlreichen Püger adsninehmen, eine einzelne 
Kubba enthielt manchmal hundert solcher frommer 
Leute ^ die monatelang auf müheToUste Art gereist 

Bhsat hdnfc dgentUeli Blumengartm, BlmMDtecnutte. 
**) Slaa^i sind Ideine Fliesen Ton Thon TenchiedenflurlMg 
iMrfc» man benutst sie um den Fassbodea damit su belegen. 



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176 

waren 9 mn Uesan and den Sohn des Propheten za 

sehen : hier auf den Terrassen der Kubhen, im Schatten 
der Arkaden einer Veranda ruhten sie aus von ihren 
entbehrangSTollen Wegen/ de schauten auf das Bild 
zu ihren Füssen, sie bewunderten die Bauten, vor 
allem aber priesen sie Gott, dass er ihnen die Gnade 
erzeigt habe, Sidi-el-Hadj-Abd-es^Ssalam sehen sa 
können, dass er ihnen die Gunst gewährt Iiabe, seine 
Nahmng gemessen zn können, denn alle Pilger, mochten 
anch 1000 vorhanden sein, werden zweimal täglich 
aus der Küche Sidi's gespeist. 

Zwischen dem Eheat ond dem Hauptgebäude 
befindet sich eine grosse Djema*), die auch Freitags 
zum Chotba benutzt wird; ein ireier Platz, auf dem 
die Pferde Sidi's angebnnden stehen, führte dann aafis 
Hauptgebäude. Dies zeigt nach aussen die Thür, 
welche zu den Küchenränmen führt, eine Schule, worin 
die Söhne Sidi's mit vielen anderen Altersgenossen 
ihren tägliclien Unterricht erhalten, und eine andere 
sehr niedrige Thür, welche zur eigentlichen Wohnung 
des Grossscherifs führte. 

Man kommt zuerst in eiuen von zwei Orangen- 
bäumen beschatteten Ho^ auf diesen Hof ö&en sich 
eine Veranda und eine reizende Kubba"***)^ deren eine 

*) Uarokkaaisdier Aiudrack Otar Mosdiee. 

**) lUt dam Worte KnUm beieiehiiet man eiae vierecJdge 
BlnnlicUMit mit gew&lbtem oder nach oben ipHs suUnfendem 
Dache. 



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177 



Seite ebenfalls nach dem Hofe zu offen war< In diesen 
Eäumliclikeiten empfängt Sidi, und namenfUcli nach 
dem Fr^tagsgebet findet hier immer ein grosses Essen 
statt, woran alle die Tiieil iicliinen, die mit Sidi ge- 
meinschaftlich das Chotba- Gebet verrichtet haben. 
Das eigentliche Wohngebäude, welches an diesen Hof 
stösst, bestellt aus mehreren Abtheilungen. Zuerst 
Jcommen verschied^e Zimmer, zu denen man mittelst 
einer niedrigen Thür nnd einer Treppe hinangelangt 
und welche die Bibljothck Sidi's enthalten, dann folgen 
einige auf europäische Art emgerichtete. Ausser 
seinen beiden kleinen Söhnen, seinen GUnstilingen, Ali 
und Ibrahim, und einigen Sklaven, die Nachts vor seiner 
Thür schlafen, hat der Grossscherif diese Zimmer von 
Niemand betreten lassen, für seine J:\;iuen, für seine 
nächsten Verwandten sind sie ein vollkommenes Harem. 
Da ich die Beschreibung der Zimmer gegeben habe, 
brauche ich wohl kaum zu sagen, dass es mir ebenfalls 
Tergönnt war, sie zu betreten: ich mnsste mehrere 
Male auf einem Harmonium spielen, welches in einem 
dieser Zimmer seinen Platz hat. Von diesen Eäumen 
gdangt TXksat in die Häuser semer Frauen: das Harem. 
Sidi-el-Hadj-Abd-es-Ssalam hatte im Anfang der 
sechziger Jahre drei rechtmässige Frauen. 

Mittelst eines Thores gelangt man aus dieser 
Sauya in die eigentliche Stadt Uesan ; eine enge Strasse 
windet sich den Berg hinan, überall kleine Läden, hier 

findet man siedende Sfindj (in Oel gebackene Kuchen), 
RoliUs. n 



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178 



dort werden Kiftah (Leber und Fleischstückchen) über 
Küiileuieuer gerüstet, hier werden l?isciie gebacken, 
dort liegen flache Brode ans: es ist dies die Garkttchen- 
strasse, sie geht alhnalif^ in die Gasse der Oelhäiidler 
über, welche zugleich Butter und braune Schmierseife 
(diese wird in Marokko bereitet), eingemachte Oliven 
und Chlea (in Butter eingeschmortes Fleisch) verkauleu. 
Grosse Thorwege der auf die Strasse mündenden 
Häuser zeigen uns Fondnks (marokkanische Gasthöfe)^ 
und die zahkeichen Esel, Maulthiere und Kameele, die 
man im Luiem erblickt, sagen, dass hier viel Leben 
und Treiben herrscht. 

So ist es auch in der That! Die grossen Schaaren 
von Pilgern, welche tSglich in Uesan zusammenströmen, 
ziehen viele Kaufleute herbei. Die Pilger, die in der 
Sauya eine dreitägige Gastfreundschaft gemessen, 
bleiben oft noch länger, sie haben Waaren oder Eleinig« 
keiten zum Verkauf mitgebracht, andererseits Wullen 
sie Uesaner Gegenstände erhandeln. Man kann sich den- 
ken, dass Alles was von Uesan konmit für besonders gut 
gilt, die Frau zu Hause will Brod vom „dar demana'^ 
haben, oder eui Stück Zeug, der Sohn muss eine 
hölzerne Schreibtafel vom ssuk es Uesan (Markt yon 
Uesan) haben, dann prägt er sich die Koransprüche 
viel leichter ein, der Grossvater muss ebnen nenen 
Rosenkranz von Mnlei Thaib haben nnd die echten 
werden nur in Uesan verkauft. 

Zahlreiche kleine Kaffeehäuser, mit heimlichen 



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m 

Zimmerchen^ wo „Kif' *) geraucht wird, liegen allerorts 
seratreut und meist an den schönsten Punkten der 
Stadt ^ welche übrigens, wohin man sieht, über para- 
diesische Gegenden das Auge schweifen lässt. Viele 
dieser Kaffeehäuser^ wie überhaupt die meisten Buden, 
gehören Sidi zu, der sie vermithet. oder auch an seine 
GrünsÜinge temporär zum Ausnutzen überlässt 

Jn einigen dieser Kaffeehäuser wird sogar zur 
Traubenzeit Wein, und fast zu allen Zeiten Schnaps, 
der Ton Gibraltar her importirt wird, verkauft. Denn 
auch hierin offenbart üesan seine Aehnlicbikeit mit 
andern religiösen Städten, dass es ein Ort der Laster 
und Schwelgerei ist Wie häufig sah ich Schür£e^ die 
nächsten Anverwandten Sidi-el-Hadj-Abd- es-Ssalams 
in einem total betrunkenen Zustande. Aber ebenso- 
wenig wie die grössten Ausschweifungen, die gröbsten 
Verstösse gegen Sitte und Keligion, je Rom den 
Charakter einer heiligen Stadt genommen haben, 
ebensowenig leidet der Buf Üesans darunter. Der 
Grossscherif selbst hat bei Lebzeiten seines Vaters der 
Flasche fleissig zugesprochen, und ob er nicht noch 
manchmal im Innersten seines Hauses, an der Seite 
seiner (iünstlinge dem Bacchus opfert, wer wollte darauf 
mit Gewissheit Nein sagen? Oe&ntUch freilich ist er 



•) Kif heisat eigentlich Ruhe, Wohlergehen, wird aber von 
den Marokkanern auf das Kraut Cannabis indica übertragen, 
welches jene Ruhe, mit der ein starker Rausch verbunden ist, 
hervorbringt. 



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]80 



jetzt die EnthaltBamkeit selbst, er raucht mobt, er 

schnupft uicht, er nimmt weder Kif noch OiJium 
(beides, abschon ebenso religionswidrig wie Weintrinken, 
wird in Marokko keineswegs für sehr sündhaft ge- 
halten), kiuzimi, äiisijeiiich lebt er sehr streng nach 
den Vorschriften des Islam, wie duldsam er aber ist, 
geht daraus herror, dass er, sobald ich mit ihm und 
seinen Günstlingen aliein war, uns erlaubte, in semer 
Gegenwart zu raachen. 

Kommt man noch weiter in die Stadt, so hat 
man die Xessaria vor sich, d. h. die Strassen, wo 
Kleidungsstücke Tuche, Baumwollenzeuge und WoU- 
fabrikate verkauft werden. Hier sieht man auch jene 
schönen in ganz Marokko bekannten Djelaba Uesania 
ausbieten, Ueberwttrfe aus feinster weisser Wolle ge* 
webt. Man durchschreitet die Atharia, d. h. die 
Strassen, wo Gewürze, Essenzen und Kramwaaren feil 
geboten werden, und befindet sich nun vis ä vis dhr 
grossen Mosclice von Muiei Abd- Allah Scherif. 

Diese Djemma ist eine der berühmtesten im ganzen 
marokkamschen Beiche, hier liegt der GrUnder Uesans, 
der Stifter der Sauya, die heute dar demana, d. h. 
Zufluchtsort fürs ganze Beich'*') ist, begraben. Wie 

*) H&nfig entfliehen Leute ans den Qefiingniflsen des Sultans, 
gelingt es ihnen üeaan sn erreäehen» wo sie sich entweder bi das 
Giabgewdlbe dnes Heiligen 0Qchten, oder m den Fttsiea des 
Pferdes des Grossscherlfs legen, so weiden sie immer begnadigt 
Schwere Verbrecher dürfen aber die Sanya nicht mehr Terlassen, 
sonst sind sie vogelireL 



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181 



alle marokkanischen Moeclieen bildet ein groBser Hof- 
raum, dann verschiedene Säulenreihen, deren GiiUerien 
man Schiffe nennen kaimi die architektonische An- 
ordnmig. Ausser Mnlei Abd-Allah liegt der Hadj el 
Arbi, der Vater des jetzigen Grosssciierüs , in der 
Moschee begraben. Ein kostbarer Sarkophag mit 
Tnch überhangen, birgt in einer Nebencapelle die 
irdischen Kesto dieses grossen Heiligen. In der That 
war kein Abkönunling des Propheten so wunderthätig 
wie der Vater Sidi's, namentlich soll er die Gabe ge- 
habt haben, die Fruchtbarkeit der Weiber zu vermehren. 
Er salbet hatte fi*eilich nur einen Sohn, den jetzigen 
Grossscherif, der ihm im späten Lebensalter von einer 
Sklavin geboren wurde« 

Wie gross aber von jeher Macht und Ansehn 
der Schürfa von Uesan gewesen ist, geht am besten 
ans einer Beschreibimg von Ali Bey hervor T. 1. p. : 
Je parlerai ici des deux plus grands saints qui existent 
maintenant dans Tempire de Maroc: Tun est Sidi Ali 
Ben-Hamet qui r^side ä, Wazen (dies ist der Grossvater 
Sidi's und AVazen ist englische Schreibart für Uesan) 
etc. Femer p. 270: J'ai d6jä remarque que ce don 
de sainteti 6tait hdr^ditaire dans certaines familles 
(A. Bey bestätigt hier meine oben angeführte That« 
Sache von der mohammedanischen erblichen Heilig- 
keit). Le p^re de Sidi AH 6tait nn grand saint, AU 
l'est k present, et son hls aine commence ^ F^tre aussi. 

Ausser diesen Hauptstadttheilen sind dann noch 



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182 



Tenchiedene Strasseni wo Handwerke betrieben werden: 
hier werden gelbe Pantoffeln, dort rotbe Frauenschuhe 
verfertigt, hier arbeiten Sattler, dort sind Schmiede; 
hier wird gedrechselt, dort wird geschneidert; überall 

halten sie die verschiedenen Handwerke beisammen. 
Auch eine Mälhay d. h. ein Judenquarüery giebt es, 
und wanun auch nicht, hatte nicht Born auch sein 
Ghetto? Es giebt keine marokkanische Stadt, ja es 
giebt keine marokkanische Oase in der Sahara^ wo 
nicht Juden wftren^). 

In Uesan unter dem milden Scepter Sidi's lebten 
die Juden ziemlich erträglich^ aber in anderen Städten 
Ifarokko's Israelit sein^ heisst die HöUe hier auf Erden 
haben. imocli dürfen sie auch in Uesan keinen 
rothen Tarbusch tragen, sondern nur einen schwaneni 
sie dürfen die Oeffnung des Burnus nicht wie die 
Muselmanen nach vorn tragen, sondern müssen dieselbe 
auf der Seite haben, sie dürfen keine gelbe oder rothe 
Pantoffeln, sondern nur schwarze und auch diese nur 
in ihren Häusern und in der Mäiha tragen. Sie 
müssen, sobald sie einem Gläubigen begegnen, links 
ausweiclitii, endlich sind ihnen verschiedene Strassen, 
wie bei der Hauptmoschee oder bei den Grabstätten 
der Heihgen vorbei, gänzlich untersagt. Sie dürfen 
ausserdem in den Städten und Oertern nie ein Pferd 

•) In Tuat, welches politiscb zu Marokko gerechnet wird, 
sind allerdings keine Juden, Tuat alior liegt geographisch auMec- 
^alb Marokko*», es gehört seiner Lage nach zu Algerien. 



t 



183 



besteigeil und müssen jeden Mohammedaner mit „Sidi,^' 
d. k ^^ein Herr/' anreden. Man könnte Seiten voll- 
schreiben^ wollte man all die Vexationen, die Erniedri- 
gungen und DemÜthigungen, welchen die Juden in 
Marokko unterworfen sind, aufschreiben. 

Y. Augustin*) sagt p. 129: „Auf dem Markte 
müssen sich die armen Juden die empörendsten Er- 
pressungen Ton den Marokkanern gefallen lassen, und 
unter ihren Bedrückern stehen obenan die Gaiden des 
Sultans, welche sich alle möglichen Frechheiten erlauben. 
Nicht selten reisst ein sblcher Halbmensoh dem Juden 
eine Waare aus den Händen, welche dieser eben einem 
Käufer vorzeigt, und hat dieser selbst nicht die feste 
Absicht sie zu kaufen imd wehrt sich gegen solche 
Eingriffe, so schreitet jener unbekümmert und laut 
lachend mit seinem Raube fort, trots des Jammerge- 
schreies , welches ihm von dem Beraubten nachtÖnt, 
welcher aber dennoch seine Bude nicht verlassen darf, 
um den Räuber zu verfolgen, weil sie sonst in wenigen 
Augenbhcken rein ausgeplündert wäre. Wagte er es 
aber, sich thatsächhch zu widersetzen, so kann er sich 
versichert halten, halbtodt geschlagen zu werden, oder 
man fiihrt ihn zum Xadi, wo er Unrecht bekommen 
muss, da kein Jude einen Mohammedaner schlagen 
darf." 

Man kann die Bevölkerung von Uesan auf 10,000 

*) Marokko in seinen geographischen etc. Zust&uden, von 
Fchro. T. Augu&lui, re&ih 1545. 



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184 



Einwohner rechnen, wenn man die der Dörfer Bmel 
nnd Eascherin, die mit UeBan «wammenhängend sind, 

hinzurechnet. Von diesen sind etwa 800 bis 1000 
Juden. An manchen Tagen yennehrt sich die Be- 
Tölkerong um einige 1000 Pilger^ namentlich zur Zeit 
der grossen Feste. 

Die Tendenz des jetzigen Sultans von Marokko, 
Sidi-Moliammed-bcn-Abd-er-Rahman, ist darauf aus, 
den Einüuss der Schürfa so viel wie möglich einzu- 
schränken, tmd so hat er es denn auch durchgesetzt, 
dass gegenwärtig ein Kaid und (iiiiige Maghaseni 
(Beiter von der regebnässigen Oavallerie des Sultans, 
die in Friedenszeiten auch zu Polizeidienst gebraucht 
werden), welche die Regierung des Sultans repräsen- 
tiren sollen, in Uesan wohnen. Ihr Einfluss ist aber 
gleich Null, und sie selbst sind angewiesen, in wichtigen 
Sachen die Entscheidung Sidi's einzuholen. Wie 
einflussreich beim marokkanischen Gouyemement der 
GrosBscherif von Uesan ist, geht allein schon daraus 
hervor, dass kein marokkanischer Kaiser anerkannt 
wird, wenn er vorher nicht gewissennassen die Weihe 
vom Grosssclieiü \on Uesan erhalten hat. Als nach 
dem Tode des Sültans Mulei-Abd-er-Bahman*ben* 
Hischam verschiedene Bewerber um den Thron von 
Fes auftraten, und uamentlich der älteste Selm des 

ein gewisser Mulei-Abd-er-Bahman- 
ben-Sliman, mit viel grösseren Hechten zur Nachfolge 
hervortrat, verdankte Sidi Mohammed seine raäche 



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185 



Besteigung des Tin unes nur dem Uiiistaiido, dass Sidi- 
el-Hadlj-Abd-es-SsaUm ihm nach Mekines entgegen 
reiste und durch seine Anerkennung (er stieg von 
seinem Pferde und führte das edle Boss dem Sultan 
zu Fuss entgegen^ der es bestieg und dann sein Pferd 
dem GrosBBcherif zum Geschenk machte) alle Mitbe- 
werber aus dem Fehle schlug. 

Der Einfluss des Grosescherifs ist. indess nicht 
bloss deshalb so (Bfross, weil er der directe Nachkomme 
Mohammeds, Jinndcm weil er der reichste Mann im 
ganzen Kaiserreich Marokko ist Es giebt in Marokko 
keinen Tschar, keinen Dnar , keinen Ksor*), in dem 
der Grossscherif nicht eine Filialsauja oder einen 
Emkadem hätte. Die Emkadem sind angewiesen, in 
ihren Sprengehi jährlich Geld zu sammeln, das, wie 
der Peterspfennig nach Born, in die Casse Sidi's 
nach Uesim flieset. In der ganzen Provinz Oran» iu 
der Oase Tuat sind fast alle Mohammedaner „Fkra," 
d. h. ,,Anhänger<< rMulei Thaib's von Uesan. Der . 
reeUe Einfluss geht bis Bhadames im Osten» bis 
Timbuktu im Süden. Aber selbst in Alexandrien, in 
Aegypten 9 in Mekka , iu Arabien^ sind Sauya des 
Grossscherift von Uesan. 

Um den Glauben der Mohammedaner, d. h. die 
Opferwilligkeity wach zu halten» werden jährlich zahl- 
reiche Schürfa, die nächsten Verwandten Sidi's in die. 
ganze mohammedanische Welt geschickt» um die 

*) Ksor, OrtBchaften in den Oasen. 



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186 



Wunder und Herrlichkeit Uesans zu verkünden. Sidi 
beklagte sich bitter, dass die Franzosen in letzter Zeit 

den Schtirfa von Uesan verboten hätten, in Algerien 
ihre Bundreisen zu machen. Es hat dies aber seinen 
guten Grund, zum Theü wollen damit die Franzosen 
verhüten, dass so viel Geld ausser Landes geht, zum 
Theü aber hatten die Schür£a sich in Politik genuscht^ 
die Gläubigen gegen ihre ketzerischen Herren aufgereizt, 
was die algerische Begierung sich natürlich nicht ge- 
fallen lassen konnte. 

Wähi'end der ganzen Zeit meines Aufenthalts 
er&eute ich mich der grössten Zuneigung und Gast- 
freundschaft des Gb:08sscheri&. 

Ich musste fast den ganzen Tag mit ihm zubringen, 
von Morgens Mh, wo er mich rufen liess, Kaffee mit 
ihm und seinen Günstlingen zu trinken, bis Abends, 
wo er sich in seine Wohnung zurückzog. W^enn ich 
manchmal Zeuge war, wie er im selben Augenblicke 
den Leuten, die soeben ihr Geld, ihre Kostbarkeiten 
ihm geopfert hatten, mit ernstester Miene den Segen 
ertheilte, und dann, sobald sie den Bücken gekehrt 
hatten, sich über sie luftig maLiitü; auch ^\ uhl sagte : 
„was für Thoren sind diese Leute i mir ihr Geld zu 
bringen^S so dachte ich den au^eklärtesten Mann vor 
nur zu haben; andererseits sah ich aber so viele That- 
sachen, wo er von seiner eigenen Macht, von seinem 
besseren „Sein'^ überzeugt war, dass es mir schwer 
wurde, diese Widersprüche zu erklären. 



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187 

Aber Alles dient in Uesan dazu, von Jugend auf 
dem Grosssclierif einzuprägen, dass nicht^nur die Mo- 
hammedaner, die vor Gott allein Gläubigen » sondern 

dass uiiter den Moliammedaneni die Araber (der Kur^iu 
darf z. B..bei allen mohauunedamschen Völkern nur 
arabiscli gelehrt werden) das auserwäMte Volk sind^ 
dass im auserwählten Volk die Schürfa als Nachkommen 
Mohammeds den vorzüglichsten Platz einnehmen^ und 
dass unter den Schürfa wieder der directeste Nach- 
komme der von Gott am meisten Bevorzugte ist. In 
dieser Art und unter dieser Au^sung wird der Sohn 
Sidi's erzogen. Dieser, Namens Sidi-el-Arbiy ent- 
wickelte denn auch zu der Zeit schon ganz den Stolz 
und Eigendünkel^ den eine solche Lehre hervorbringen 
muss. Dass trotzdem bei Sidi sowohl als auch, wie es 
den Anschein hatte^ bei seinem ältesten Sohne, Sidi- 
el-Arbiy Herzensgüte und eine gewisse Bescheidenheit 
nicht unterdrückt werden konnte, ist wohl darin zu 
suchen, dass immer fremdes Blut in die Famüie kommt^ 
wie denn Sidi's Mutter, wie schon gesagt, eine Haussa 
ist. En berulit dies auf dem Gesetz der Erblichkeit, 
denn während Hochmuth, £^endünkel etc. väterlicher- 
seits mitgebracht wird, können andererseits die Eigen- 
ßchafteuj welche von mütterlicher Seite in die Famihe 
kommen^ nicht unterdrückt werden. 

Dass aber der spanische Krieg auch keineswegs 
nachhaltend civilisatorisch aul den Grrossscherifs wirkte, 
sah ich daraus; dass er^ als ich später wieder ücsan 



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188 



besuchte, Beine christliche Militaimniform abgelegt 

hattey und dafür sich mit einer Djelaba wie die übrigen 
Schüria kleidete. Er mochte wohl recht haben; auf 
meine Frage nach dem Beweggrund , erwiederte er: 
sein Ansehen leide, und er müsse, um die Gelder 
reichhch fliessen zu machen, dem Volke in seinen Yor- 
urtheOen nachgeben. 

Die Haltung des Grossscheril^ hat aber natürlich 
auf das ganze Leben und Treiben in Uesan den grössten 
Einfluss. Und wenn wir auch Fortschritte in Tanger 
und Mogador constatiren können, wo die grössere 
Frequenz mit Europa neben Hdtels in ersterer Stadt 
sogar Damp^abriken ins Leben gerufen hat, wo man 
angefangen hat, den Christen heute mit den Gläubigen 
eine gleichberechtigte Stellung einzuräumen^ so braacht 
man solche Fortschritte von Uesan luclit zu iUichten. 
Sollte es einem Europäer heute gelingen, nach dieser 
heiligen Stadt hinzukommen, er kann sicher sein, Uesan 
el dar demana so zu finden, wie es geschildert ist, 
d. h. auf demselben Standpunkte der Bildung, auf dem 
es sich seit Jahrhunderten schon befunden hat: man 
glaubt sich ins volle Mittelalter zurückversetzt 



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1 ^iuiriii in maroßkuiäifie Sieaße. 



Ich blieb nicht lange in üesan^ trotzdem ^^Sidi'^ wollte, 
ich sollte ganz bei iliin bleiben ; als er dann aber mich 
fe^t zum Weitergehen entschlossen sah, stellte er auf 
liebenswürdige Art ein Maulthior zur Disposilion, und 
empfahl mich einem Kaufmann aus Uesan, der ebenfalls 
nach Fes reisen wollte. Abends vorher, ehe ich Uesan 
▼erliess; mnsste ich im Hause dieses Kanfinanns zu- 
bringen , um die Zeit nicht zu verschlafen; der Hadj 
Hammed, so heisst der Mann, war ein grosser Freond 
von Musik und hatte als Al^scliiedsfest verschiedene 
Freunde geladen, die auch alle musikalisch waren. 
Man kaam sagen, dass eine Art Soiree musicale abge- 
halten wurde, denn Hadj Kassem, ein alter graubärtiger 
Musikus aus Lxor, berühmt in Marokko wegen seiner 
Spielfertigkeit auf dem Alut^ wie Liszt bei uns auf dem 

• 

Klavier, war auch zugegen, andererseits war sem 
Schüler, ein Neger Saalem, ein fssk ebenso bedeutender 
Künstler anf der Violine wie weiland Paganini, auch 
anwesend. Man denke aber ja nicht in Marokko an 
Flügel, Klaviere, Harmonium oder dergleichen, denn 



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190 



wenn auch Sidi sich solche Instrumente hatte kommen 
lassen, wenn auch beim Sultan dergleichen zu finden 
sein möchten, so kennt das Volk sie niclit. Ich glaube 
kaum, dass das marokkaiUBche Volk für unsere Musik 
Verständniss haben würde ; wenn es musikalisch denken 
könnte, wenn es überhaupt ein Urtheil abgeben könnte, 
würde es vielleicht unsere Musik mit ^^Zukunftsmusik'' 
bezeichnen. 

Ich konnte an dem Abend sämmtliche Instrumente, 
deren sich die Marokkaner bedienen, kennen lernen. 

Eingebiu'gert von euiopäischen Instrumenten hat mau 
Ghaitarre, Violine und Violoncell, welch letzteres 
in Marokko als Bass dient. Ausser diesen hat man 
ähnliche abenteuerlicher Art, und im Lande selbst 
angefertigte Instrumente ! Da ist das Saiteninstrument 
„Alut", eine Art Guitcine^ nur mit gewölbtem Boden, 
es hat auf den vier Saiten die Laute g, e, a, d« 
Da ist ein Streichinstrument mit zwei Saiten, „Erbab'' 
geiiaiint, von dem der Hals auch hohl und resonirend 
ist, es hat die Grundlaute d, a; der Fiedelbogen 
dazu besteht aus einem Bogen so gross wie eine Hand, 
und die Streiche dazwischen haben nur eine Spannung 
von etwa 4 bis 5 Zoll. Endlich hat man noch eine 
grössere Art „Euitra'' mit drei Saiten, dem Cello 
entsprechend, mit den Tihien d, h, g. Als Blasin- 
starumente besitzen die Marokkaner das „Schebab'^, 

*) Siehe Höst p. 2G0, der Abbildungen von verscliiedeneii 
marokkamscben Instrumenten giebt 



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191 

eiae kurze Flöte mit Yerschiedenen LScliem; die 

yyRheita'S ein kleines Instrument mit clarinetartigen 
Tönen^ endlich eine grosse Posaune^ ^^El-Bamut^' ge* 
nannt. Trommeln Terschiedener Form und Grösse, 
»Schellen u. dgl. vervollständigen die Liste der Instru- 
mente. Dass ein Unterschied in der Anwendung der 
Instrumente Seitens der Araber, Juden tmd Neger 
bestände, wie Höst bemerkt haben will, ist mir nie 
au^eflEdlen. Von allen Instrumenten ist die „Eheita" 
allein das, welches einen angenehmen Ton hervorbringt. 
Unsere europäischen Instrumente, Violine, Guitarre 
Q. 8« w. werden Ton ihnen auf ohrzeireissende Art 
behandelt. Das eigentliche Natioiiahiistrument der 
Marokkaner ist aber die „Gimbh^^, ein kleines zwei- 
saitiges Instrument, eine Gkdtarre oder Violine im 
Kleinen. Der Eesonanzkasten ist gemeiniglich nicht 
grösser als 4 oder 5 Zoll Durchmesser, irgend eine 
trockne EHrbisschale oder auch ein aus Holz geschnitztes 
Becken ist gut dazu, ein Stück dünnes Leder oder 
Pergament wird darüber gespannt, ein Stiel daran 
befestigt und die Saiten aufgezogen. Jeder verlertigt 
es selbst, meist ist e und a Grundton. Die „Grimbri" wird 
nicht gestrichen^ aber auch nicht em&u^h mit den Fingern 
geknipst, sondern man bedient sich dazu eines Hölz- 
chens, wie bei uns es die Klavierstimmer haben, um 
über die Saiten dieses Instrumentes zu Maren, Bei 
grösseren Concerten ündet übrigens die Gimbri keine 
Anwendung. 



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192 



Wenn uns nun aber auch Alles wie KaUenmusik 
Torkommty so muss man doch keineswegs glauben, 

dass die Marokkaner ganz oliiie musikalkches Geflilil 
sind, nur sind eben ihre Empfindungen &üe Musik 
anders als unsere. Was für uns Harmonie und Con- 
sonanz ist, hören sie als Dissonanz, ohne aber deshalb 
in ihrer eignen Musik gewisser Kegeln zu entbehren. 

Der Abend ging angenehm hin; hatte ich auch 
keinen musikalischen (ienuss, so war doch Alles neu. 
Mit dem Spielen der Stücke war immer Gesang Ter- 
bunden. Und auffallend war es mir, dass je mehr 
Jemand näselte oder Fisteltöue .hervorbrachte, er 
desto mehr bewundert wurde. 

Früh ain andern Morgen wurde aufgesessen, ich 
ritt ein gutes Maulthier. Wie Spanien ist Marokko 
das Land der Maulthiere, die meist braun oder grau 
von Farbe sind. Die guten Maulthiere sind theurer 
als die guten Pferde, aber nicht so theuer wie die 
besten Pferde. Man kann schon für 30 bis 40 fran- 
zösische (Fünffranken-) Thaler cm gutes Pferd kaufen, 
aber unter 60 bis 80 Thaler kein starkes gutes Maul- 
thicr bekommen. Edle Pferde, wie sie der Sultan 
besitzt oder vornehme Schürfa und Kaids, werden 
aber selbst in Marokko bis 1000 Thaler geschätzt. 
Dies ist die Summe, welche mir als die höchste an- 
gegeben wurde. 

Zu Pferde oder Maulthier braucht man von Uesan 
nach Fes anderthalb Tage, aber da die Hitze jetzt 



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193 



immer grosser wurde, die Wege sehr schlecht waren, 
und weil Hadj Hammed unterwegs allerlei Geschäfte 
abzuschlieBsen hatte ^ brauchten yni drei Tage. Er 
machte Einkäufe, oder auch bekam liier ein Topichen 
mit Butter^ dort einige Eier zum Geschenk, was zur 
Folge hatte, dass zuerst sein, dann auch mein Maulthier 
80 beladen war, dass wir beide zu Fuss gehen mussten. 
Man kann sich einen Begriff von der Macht und dem 
Reichthum Sidi-el-Hadj-Abd-es-Ssalam's machen, wenn 
ich anführe, dass fast alles Land bis dicht vor Fe& 
sein persönliches £igenthum ist Dennoch 
glaube ich kaum, dass er viel baares ^\n•mögen besitzt, 
da die grosse Zahl der Pilger > welche in Uesan auf 
Uberalste Weise bewirthet werden, wieder Alles yer*- 
ausgaben macht. 

Die ganze Gegend, welche man durchzieht, ist 
gebirgig und au& reichste angebaut, Getreidefelder 
von Weizen und Gerste wechseln ab mit Olivenwal- 
dungen, Gärten bestanden mit Orangen, Granaten, 
Aprikosen, Pfirsichen, Quitten, Mandeln, Feigen und 
Weinreben, lachen am Wege. Man hat zwei bedeu- 
tende Wasser zu überschreiten, den Ued Uerga, ungefähr 
auf halbem Wege zwischen Uesan und Fes, circa sieben 
Stunden von letzterer 8tadt entfernt, und den Sebu. 
Beide waren so bedeutend angeschwollen, dass wir mit 
euier Fähre übersetzen mussten. Die Fähren waren 
ebenfalls Eigenthum des Grossscheriis von Uesan. 

Abends 5 ühr des dritten Tages waren wir 
BoU& 18 



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I9i 

endlich vor Fes, der Haaptstadt des Landee. Mich 

übei-wältigte fast der Anblick der ausgedelmtcn 
Häusermassey aus denen hier und da hohe Sma 
(Minarett) hervorragten. Wir zogeu rasch durch die 
lange Strasse daliin und ich wurde derart zur „Mhalla", 
d. h. der Zeltlagerang der Soldaten geführt. Für 
einen Obersten der Armee, Hadj Asus, hatte ich em 
Empfehlungssciueiben des Grosssciierifö. Nicht nur 
wurde ich gut aufgenommen > sondern Hadj Asus, 
dessen Zeltgenosse und Gast ich bleiben musste, ver- 
sprach mir scheu fUr den folgenden Ta^ eine An- 
stellung. 

Am andern Tage war grosse Revue vor dem 
Sultan; die ganze regelmässige Armee , circa 4000 
Mann» musste in ziemlich guter Ordnung vor dem 
unter einem Baldachin sitzenden Sultan vorbeidetiüreu; 
jsobald eine Ahtheilung in unmittelbare Nähe des 
Sultans kam, riefen sämmtliche Soldaten ,,A]]ah ibark 
amar Sidna", „der Herr segne die Seele unseres 
gnädigen Herm^^ Die Anfuhrer selbst präsentirten 
die Säbely prostemirten sich und küssten den Boden. 
fc>oijald die Abtheilung des Hadj Asus herankam, de- 
filirt und gerufen, und dann Hadj Asus seinen Gruss 
verrichtet hatte; wurde er in die Nähe des nnbeweglidh 
dasitzenden Sultans gerufen. Ursache wax, dass ich 
mich seinem Zuge angeschlossen hatte, und mit 0£ß- 
zieren und Soldaten den Parademarsch mitmaclito. 
NatürUch musste meine Erscheinui^ Au&eheu erregen, 



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19S 



denn ich hatte einen ziemlich langen schwarzen Üeber- 
rock an, der bis auf die Eniee reichte, darunter guckte 
die Unterhose kaum hervor , gelbe , recht abgenutzte 
Pantoffeln und ein rother Fes, das war meuie übrige 
Bekleidung. Hadj Asus kam freudestrahlend zurück* 
Der Sultan hatte sich in der That über meine 
Persönlichkeit informirt; Hadj Asus hatte ihm gesagt, 
ich sei zum Islam Übergetreten, habe vom Gross- 
sclierif eine Empfelilung gebraclit und wünsche in 
die Armee als Arzt einzutreten: ein „Achiar^^ (Fi ei 
cheir, d. h. das ist gut) war die Antwort des Sultans 
gewesen, und Hadj Asus war den ganzen Tag über 
ausser sich über das Glück, vom Sultan angeredet 
worden zu sein. 

Nach der Parade wurde ich sodann dem Kriegs- 
minister vorgestellt, einem Schwarzen, Si Abd- Allah ge* 
nannt, der besondere Meldungen unter einem schirm- 
artigen Zelte sitzend entgegennahm. Er war sehr 
zttfinedengesteUt über meine Antworten und sagte, 
dass ich am folgenden Tage meine Anstellung zu er- 
warten habe. Am folgenden Tage ^vmde ich denn 
auch benaehiichtigt, ich sei zum obersten Arzte der 
ganzen Armee seiner Majestät ernannt. 

Als Obhegenheit wurde mir bezeichnet, alle Sol- 
daten, die sich krank meldeten, zu Untersachen und 
zu behandehi. Die MedicauK nto hatten sie von mir 
zu bekommen, mussten aber daiür zahlen, da mir über- 
haupt von der Begiemng auch keine zur Disposition 

18» 



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196 



gestellt wuideu. Mein Gehalt war täglich auf 2^% 
Unzea angesetzt, ungefähr 3 bis 4 Groschen. So 
klein das nun auch klingt, so sind doch die Verhält^ 
nisse in Marokko derart , dass mau damit recht gut 
existiren konnte, zumal mir volle Freiheit blieb, Privatp 
praxis zu treiben, wo und soviel ich wollte. Man 
kümmerte sich überdies nicht viel um mich. Mein 
Quartier hatte ich vorläufig beim Ha^j behalten; 
wenn icli aber den ganzen Tag von der ..Mhalla'' 
abwesend war, fragte Niemand danach. Ich sollte 
ein Pferd, Maulthiere, Diener zur Disposition erhalten, 
habe dieselben doch nie bekommen. Meine Nahrung 
hatte ich mir selbst zu beschaffen, es war das 6reihch 
meine wenigste Sorge, heute war icb Gast bei diesem, 
morgen bei jenem. Wenn gerade keine Hungersnoth 
in Marokko ist, hat ein lediger Mann dafUr nicht zu 
sorgen. 

Nach einigen Tagen liess der Baschagouvemeur 
von Fes, Ben-Thaleb, mich rufen. £r hatte von der 
Ankunft eines europäischen Arztes gehört^ und selbst 
an chronischem Asthma leidend, bat er mich ihn zu 
behandeln, zu gleicher Zeit aber auch bei ihm Wohnung 
zu nehmen. Ich nahm diesen Vorschlag mit Freuden 
an. Ha^i Asus hatte nichts dagegen, dass ich beim 
Bascha wohnte; dieser, einer der reichsten und ein* 
flussreichsten Beamten des ganzen Kaiserreiclies, iiatte 
wohl Anspruch auf seine Bücksicht 

Um die Zeit kam denn auch Joachim Gateli, der 



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197 



▼orhin erwähnte Spanier, der den Namen Smael an- 
genommen licttte, iicicli Fes. Kr wurde Si-Molnumiicd- 
Chodja, einem andern Commandanten der regelmässigen 
Trappe zugetheilt, und erhielt hald darauf ein selbst- 
ständiges Commando über die Artillerie. Später 
sollten wir genauer mit einander bekannt werden, als 
es jetzt der Fall war. Denn der Sultan hatte nach 
Verlauf von ungefähr vier \\'oclieu Befehl zum Auf- 
bruche gegeben. Es war die Zeit des IResidenzwechseis 
gekommen und der Sultan beschloss, das Hoflager 
und die ^^Mhalla^' nach Mikciies zu verlegen. Natürlich 
durfte ich nun auch nicht in Fes bleiben, da alle 
Truppen mit Ausnahme derer, welche den beiden 
Gouverneuren beigegeben waren, mit dem »Suitau fort 
mussten. 

Schwer würde es sein, ein richtiges Bild von 
diesem eigenthünüichen Ausmarsche zu entwerfen. 
Alles lief bunt durcheinander. Da waren die sogenannten 
regelmässigen Soldaten, in Begleitung ihrer Weiber 
(fast jeder Soldat ist verheirathet), Kinder und Sklaven. ^ 
Kaufleute drängten sich dazwischen, hier bot einer 
Brod feil, hier Zwiebeln, dort hatte ein anderer ein 
Brettchen mit verschiedenen Fächern und Schachteln 
darauf; eine ambulante Gewürzkrambude, Zimmt, Pfeffer, 
Nelken u. dgl. war da zu haben. Hier bot einer 
Fleisch, dort Fische feil. Und da kam der Sultan 
selbst daher, ein grosser glänzender Haufe, die Minister, 
die höchsten Beamten des Landes umgaben ihn, ein 



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langer, langer Tross beladencr Maulthiere und Kameeie 
folgte. Dann der Harem ^ über hundert Frauen nnd 
junge Mädchen, dicht verschleiert auf Maulthieren 
dahcrreiteudy diese allein eine geschlossene Masse 
bildend, denn aufschnellen Pferden hielten die Eunuchen 
diese Lieblin^^sweiber des Herrschers zusammen. Es 
war dies gewisBermassen der ambulante Harem des 
Sultans, die schönsten, jüngsten und fettesten Frauen« 
zimmer der vier Harems von Fes, Mikenes, Arbat und 
Maraksch, meist Kinder von 12 bis 15 Jahren. Endlich 
kam die grosse Abtheilung der Maghaseni, der unregel- 
mässigeii jedoch besoldeten Cavallerie; es mociiteu 
wohl 10000 Pferde zugegen sein. Man denke sich 
nun diesen Menschen- und Thierknäuel ohne Ordnung 
und einheitliche Leitung in Bewegung, der eine schnell, 
der andere langsam, der hier maischirend, der dort, 
dieser hier laufend, jener hmgsani seinen Weg fort- 
setzend, wie ein Jeder es eben für gut fand. 

Als wir, ich befand mich unter den Ersten, Mikenes 
erreichten, war der ganze Weg zwischen Fes und 
Mikenes noch mit Menschen und Thieren Über- 
schwemmt, denn als die ersteren in letzterer Stadt 
eintrafen, waren noch lange nicht alle von Fes aufge- 
brochen« Zwei Tage dauerte es, bis die ganze Armee, 
vielleicht in allem etwa 40,000 Menschen, eingetroffen 
waren, und das Terrain zwischen beiden Städten ist 
derart eben und schön, derart ohne alle Hindemisse, 
dass man fortwäjxrend mit mehreren Armeen, fast 



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199 



möchte ich sagen im Frontmarsche von emer Stadt zur 
andern manchiren kann. Did Armee lagerte an der 

Aussenseite der iSuult; der Sultan selbst bezog sein 
Palais. 

Was mich anbetrifft » gebunden , da zu sein, wo 

die Armee ist, hatte ich andererseits Freiheit genug, 
wohnen zu können wo ich wollte, und miethete deshalb 
in einem Funduk der Stadt ein Zimmer zum Wohnen, 
während ich andererseits ein „Hanut", Bude, in der 
belebtesten Strasse in Gemeinschaft mit einem Franzosen, 
Namens Abd-AUah bezog. Ich prakticirte oder hielt 
ein Polyclinicum ab. Meine Medicamente bestanden 
wie die der marokkanischen Aerzte aus einem grossen 
KohlenbeckcD, mit Eisenstabcn zum Weibsgiülieii, aus 
grossen Töpfen mit Salben, i^Lampheröl, Brechpulver, 
Abfiihrungflmittelnund yerschiedenen unschädlichen ge- 
färbten Mehlpulversorten für Hypochonder und hyste- 
rische Kranke. Und was nie und nirgends in Marokko 
gesehen war: ich hatte ein grosses Aushängeschild; 
darauf hatte Smael (Joachim Uatell) mit grossen und 
schönen Buchstaben gemalt: „Mustafa nemsaui tobib 
ua djrahti'^, d. h. Mustafa der Deutsche , Arzt und 
Wundarzt. Es ist kamn zu glauben, welch Aufsehen 
es erregte in einem Lande, wo die Annoncen, An- 
zeigen^ Ausliiingcschilde noch nicht etwa in der Kind- 
heit hegen, sondern wo sie noch gar mcht geboren 
sind, ein solches Schild zu fuhren. Von Morgens 
früh bis Abends spät stand Jung und Alt, Vornehme 



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200 



und Geringe. Männer und AVeiber vor der Bude, unrl 
buchstabirteu (lesen kann Niemand in Marokko, aber 
buchstabiren können alle Städter) die langen arabisclien 
Buchstaben, welche zwei grosse Bogen Faiwer ein- 
nahmen. Der Erfolg war vollständig. 

Ich hatte Yorhin erwähnt, dass ich mich mit 
einem B'ranzosen Namens Abd- Allah zusammeugethau 
hatte, weil ich allein nicht die Miethe iür die Bade 
von Anfang an zu Stande bringen konnte. Dieser 
Franzose, ein ehemaliger Spahisoffizier, war vor un- 
gefiihr sswanzig Jahren mit der Gasse seuier Compagnie 
nach Marokko entflohen, liatte bei dem vorletzten 
Sultan Malej-Abd-er*£ahman gute Annahme gefunden, 
sein Geld (wie er selbst angab 20,000 Franken) mit 
liederlichen Dirnen in Saus und i>raus, aber in einigen 
Jahren durchgebracht. Hernach hatte er sich dem 
Hofe angeschlossen, hatte natürlich geheirathet und 
lebte nun von mechanischen Fertigkeiten. So behauptete 
er, der Introducteur des soufflets in Marokko zu sein, 
und seine damalige Beschäftigung bestand darin, neue 
Püster anzufertigen, alte auszubessern. Von Zeit zu 
Zeit pflegte er nach irgend einem Hafenplatz zu gehen, 
von wo er sich neue Vorräthe holte. Ohne besonderes 
Wissen, trotzdem er darauf pochte, iranzösischer 
Offizier gewesen zu sein, war er ein hannloser Mensch, 
was man nicht immer von den übrigen Eenegaten 
sagen kann. £r war übrigens vollkonunen durch 
seinen langen Aufenthalt in Marokko marokkanisirty 



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201 



und Hess den Bosenkranz auf ebenso scheinheilige Art 

und Weise durch die Finger gleiten, wie der beste 
Thaleb oder Faki es nnr kann. 

Aber sonderbar genug sah unsere Bude aus^ auf 
der einen Seite arbeitete der Franzose Püster, auf der 
andern Seite quacksalberte ich, denn so muss ich, 
wenn ich aufrichtig sein will, meine ärztliche Praxis 
in Marokko nennen. 

Das ausgehängte Plakat, dann überhaupt die An* 
kunft eines europäischen Arztes, hatten indess viel 
Lärm gemacht, und der Buf davon war bis zu den 
Ohren des ersten Ministers, 8i-Thaib-Bu-Aschrin, ge- 
drungen. Eines Abends kamen einige seiner Diener und 
ergriffen meine Hand; ich hatte kaum noch Zeit, den 
Franzosen Abd- Allah zu bitten, als Dolmetsch mit 
zu kommen, und fort ging's. Wir trafen Si-Thaib 
gerade beim Nachtmahl mit mehreren anderen Be- 
amten des Hofes, die seine Gäste waren. Im 
äussersten Winkel des Zimmers spielten drei Musikanten 
auf einer Bheita, Kuitra und £rbab. Si-Thaib lud 
uns beide gleich ein, mit an die Maida (kleiner flacher 
Tisch) zu rücken, aber Abd-AUah dankte für sich und 
mich, und wir zogen uns, während die hohen Würden- 
träger von einer Schüssel zur andern übergingen, in 
ein Nebenzimmer zurück, und bald darauf brachten 
uns Sklaven die angebrochenen Schüsseln, worin aller- 
dings noch reichliche und recht gut zubereitete Speisen 
sich befemden, die mir aber widerlich zu berühren 



r 



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202 



waren, weil jene Würdenträger, so hoch sie nun auch 
in Marokko sein mögen, mit ihren kaum gewaschenen 

Händen darin herum gerührt hatten. Anstandshalber 
musste ich aber einige Bissen von jeder Schüssel 
nehmen, und dabei nicht vergessen, die Grossmnth 
Si-Thaib's und die Güte der Speisen zu preisen. Abd- 
Aliah sagte mir dann auch, es würde sehr nnschicklich 
gewesen sein, hätten wir die Einladung Si^Thaib's, 
mit ihm zu essen, angeuommeu, er würde aber jetzt 
über unsere Bescheidenheit und unser Sayoir^yivre 
hoch erfreut sein. 

Das Zimmer, worin bi-Thaib sich aulhielt, war 
eine sogenannte Mensa, d. h. ein Gemachim eisten Stocke« 
Lang, wie alle mai'okkanischen Zimmer, war es elegant 
möblirt, d. h. durch das Zimmer zog sich ein weicher 
Bem-Snassen-Tei i lcb, und der hohen ogivischen Thür 
gegenüber waren noch andere Teppiche auf diesem. 
Hierauf lagen sodann wollene Matratzen und Kissen« 
Mehrere Lampen Yon Messing, altertiiümlich ge- 
staltet, hingen yon der Decke des Zimmers und auch 
einige silberne Leuchter mit Stearinkerzen brannten 
in den Nischen. Der Plafond des Zimmers war 
bunt bemalt, und au den Wänden desselben Ara- 
besken in Gyps. 

Als auch wir abgegessen hatten, ^vurden wir ins 
Zimmer geruf^ und durften am Thee theilnehmen, der 
nur in kldnen aus sehr feinem Porzelkn bestehenden 
TKsschon b^rmngereicht wurde. Si-Thaib hielt mir 



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20S 

sodann seine Ffisse hin und fragte mich, was Krankes 

daran sei. Abd-Allah, der Franzose, hatte mir vorher 
schon mitgetheilt^ der Minister leide an Poda^ray ich 
hatte also eine leichte Mühe, ihm seine Erankheite- 
erscheinungen zu sagen. Dennoch befühlte ich die 
Füsse vorher genan, fragte nach einigen anderen Um* 
senden, um der ganzen Sache mehr Ansehen zu geben, 
und als ich ihm dann schliesslich sagte, er hätte die 
Ministerkrankheit (mrd el uisirat wird in Marokko 
das Podagra genannt), war er höchst erfreut, dass ich 
seiner Meinung nach aus blossen äusseren Kennzeichen 
seine Krankheit erkamit hatte. — Er fragte mich sodann, 
ob ich xVnhängcr der heissen oder der kaltcii Mittel 
sei (nach Meinung der Marokkaner haben die Medi- 
camente entweder erhitzende oder abkühlende Eigen« 
Schäften), und als ich mich für die ersten erklärte, fand 
ich, dass ich auch darin seinen Geschmack getroffen hatte. 

Si-Thaib enthess uns huldvollst und f&gte beim 
Abschied hinzu, ich solle am andern Tage eine seiner 
Wohnungen beziehen, um ihn an seinem Podagra zu 
behandeln. Aber es seilte anders kommen, schon am 
folgenden Tage früh kamen Maghaseni vom Dar es 
Ssultan (Palast des Sultans) mit der Weisung, rasch 
dahin zu kommen ; kaum liess man mir Zeit, die Pan- 
toffebi anzuziehen und den Burnus umzuhängen. Dort 
angekommen, erklärte mir ein Beamter des Sultans, 
Ben Thaleb, der Gouverneur von Alt-Fes, habe an 
den Sttltau geschriQbcQty ob ich nicht wuckkehreQ 



20i 



dürfe r um ihn zu behandeln , der Kaiser habe diese 
Bitte gewährt und ich habe auf der Stelle abzureisen. 
Mein Protest, nach Hause zurückkehren zu müssen, 
um meine Sachen zu holen, um die Medicamente mit- 
züiiehmen, um den Bekannten Lebewohl zu sacren, 
alles das half nichts ; die Antwort war immer: ,,der 
Sultan hat gesagt, du solltest gleich abreisen, also 
mus st du auch gleich abreisen". Ein gesatteltes Maul- 
thier stand bereit, ein Maghaseni zu Pferde war als 
Begleiter da, und so musste ich fort, wie ein Packet 
ohne eigenen Willen. Da der Sultan befohlen hatte, 
selben Abends noch in Fes anzukommen, wurde scharf 
geritten^ und vor Sonnenuntergänge war die Hauptstadt 
erreicht und bald darauf war ich wieder beim Gou- 
Temeur der Alt-Stadt. 

Ich hatte indess einen guten Tausch gemacht, 
Ben-Thaleb sorgte daiür, einen Dolmetsch kommen zu 
lassen, einen eingeborenen Algeriner Thaleb, Namens 
Si-Abd- Allall, der leidlich gut Ficuizusisch verstand, 
ich bekam eine gute Wohnung, Pferde, Maultliiere, 
Diener zur Disposition; Essen und der dazu gehörende 
Thee wurden vom Bascha geschickt, und ich hatte 
dafür weiter keine Verpflichtung, als mich täglich 
eine oder zwei Stunden mit dem Bascha zu unterhalten. 
Dass ich bei diesem mehrmouatlichen Aufenthalt in 
Fes hinlänglich Gelegenheit hatte, die Stadt kennen 
. zu lernen, braucht wohl kaum erwähnt zu werden. 



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# 



8. Sie AoupiMt 

Die Hauptstadt des Sultans Ton Marokko ist nur von 

wenigen Europäern besucht worden, ebenso dürftig 
sind die Nachhchteu; welche Augenzeugen davon ge- 
geben haben. Am aosführlichsten, fast weitschweifig, 
handelt Leo von Fes, nächst ihm giebt eine auf eigener 
Anschauung beruhende Beschreibung der spanische 
General Badia (Ali Bey-el-Abassi). AUe anderen Be- 
richte über Fes beruhen um* auf Kundschaft und 
Hörensagen. 

Ob der Ort, wo heute Fes steht, Yon den Eömem 

bewohnt war, ist nach so wenigen Untersuchungen 
schwer za entscheiden, aber höchst wahrscheinüch. 
Die Lage ist so ausgezeichnet, so für eine Stadt in 
jeder Beziehung anlockend, dass eine so günstige Po- 
sition den Alten gewiss nicht entgangen ist üeberdies 

haben wir in der Nähe Punkte, weklie wir mit Siclierlieit 
als von den ILömem bewohnte kennen. Wir erkennen 
die Stadt Yolubilis im heutigen Serone, eine Stadt^ 
die zur Zeit Leo's Gualiii oder Walili hiess, und von 
der er sagt, dass sie ausser dem Grabmale vom älteren 



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206 



Edris nur drei oder vier Häuser habe. Heute nun 

ist Waliii oder, wie sie jetzt genannt wird, Serone, 
ein Städtchen von 4 — 5000 Emwohnem, und das Grab- 
mal Mulei £dris-el-Kebir, wie der Vater des Gründers 
der 8tadt Fes genainit wird, ist noch immer ein be- 
rühmter Wall£eüuiaort. Wir haben sodann in den 
Aquae Dacicae einen sicheren Anhakepunkt in der 
Nähe von Fes; können wir uns genau auf das Itine- 
rarium Antcmini yerlasseu; so würden wir nicht anstehen, 
Fes das alte Volubilis zu nennen, denn die Entfemnng; 
16 MiU., stimmt genau mit den berühmten heissen 
Schwefelquellen Ton Ain Sidi-Tussuf *), die sich nöidhch 
zu West yon Fes befinden. Die Aquae Dacicae sollen 
nach dem Itinerariuni Antonini 16 MiÜ. nördlich von 
Volubilis gelegen sein. Die alten Aquae Dacicae, jetzt 
Aiii-Sidi-Yussuf genannt, sind heute noch die berühm- 
testen Thermalen von Marokko. 

Die heutige Stadt Fes wurde nach Leo im Jahr 
185 der Hedschra von Edris gegründet, dieser war 
ein naher Verwandter von Harun-al-Easchid und 
ein noch näherer Ton Mohammed selbst, denn Ekbris 
war Enkel von Ali, dem Schwiegersohn Moiiammed's. 
Edris' Vater selbst ist jener Edris-ben-Abd- Allah, d^ 
aus Jemen gekommen war und sich in Walili niederge- 
lassen hatte, sein Sohn wurde ihm erst nach seinem Tode 
Ton einer gothischen Sklann geboren. Benou giebt 



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^0? 



an, Edris habe die Stadt 793 n. Chr. gegrtindety welches 
Jahr mit dem 177. Jahre der Mohammedauer corre- 
spondirt Mannol iSsst Fes im Jaihie 793 m Chr. 
erbaut weiden, stimmt aber irrthüinlicher Weise dieses 
Jahr mit dem 185. Jahre der Hedschra. Während 
noch Andere für das Ghrilndungsjahr von Fes 808 
n. Chr. ansetzen, verlegt Dapper es auf das Jahr 801 
n. Ohr« £b geht hieraus hervor, dass mr nicht ganz mit 
Bestimmtheit das Jahr angeben können, sondern uns 
damit begnügen müssen, zu wissen, dass die Stadt gegen 
das Ende des 8. oder im An&nge des 9. Jahrhunderts 
gegründet wurde. 

Ebenso unbestimmt sind die Angaben, woher der 
Name Fes kommt Leo leitet den Namen davon her, 
weil bei Jen ersten Grabsticlien die Gründer Gold, 
Silber (Fodda oder Fedda) gefunden hätten; Andere 
meinen, die Stadt habe den Namen vom Flüsschen 
gleichen Namens, was die Stadt durchscbneidet^ nocli 
Andere leiten den Namen der Stadt von Fes her, was 
im Arabischen eine „Hacke^' bedeutet. Was die 
Schreibart anbetrifft, so finden wir ebensowattig üeber- 
einstimmmig; Einige schreiben Fes, Andere Fas, noch 
Andere Fez, und doch dürfte Fes die alleinig richtige 
sein, wenn wir die aiabische Schreib- und Ausspreciiungs- 
weise zu Gründe legen. 

Fes Hegt nach Ali Bey auf dem 34<» 6' 8" nördL 
Breite, dem 7^ 18' 30' östl. Länge von Paris, und 



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208 



da bis jetsst kerne anderen Bestimmungen Yorliegen, 
80 mOssen wir diese festhalten. 

Es herrscht eine grosse Coiilusion über die örtliche 
Lage Ton Fes. So sagt Leo: ^^Die Stadt besteht &8t 
ganz aus Bergen und Hügeln; nur der mittelste Theil 
ist eheu; und Berge sind auf allen vier Seiten.^' Ah 
Bey: ^^Die Stadt Fes ist auf den Abhängen yerschiedener 
Hügel gelegen, welche die Stadt von allen Seiten, mit 
Ausnahme von Norden her, umgeben.^' Thatsache ist, 
dass Fes, als Ganzes betrachtet, denn die Stadt besteht 
aus zwei vollkummen geti'ennten Städten, von allen 
Seiten, mit Ausnahme ^om Süden her, von Bergen 
umschlossen ist. Ebenso werden die die Stadt durch- 
ziehenden Gewässer unter verscinedenen Namen auf- 
geführt, und es hat dies zum Theü semen Grund 
darin, dass die Araber in sehr vielen Fällen einen 
und denselben iuss verschiedene Benennungen haben, 
je nach seiner Quelle, nach seinem mittleren oder 
unteren Laufe. So hat denn das kleine Flüsschen, 
welches südwestlich von Fes etwa 20 Kilometer ent- 
fernt entspringt, zuerst den Namen Bas-el-ma, ändert 
aber den Namen, sobald es die Stadt erreicht, in 
Ued-Fes um; es verbindet sich dieses Flüsschen mit 
einem stärkeren, aus Südost kommenden Flusse zwischen 
Neu- und Alt-Fes, und beide durchströmen nun die 
Stadt ebenfiEdls unter dem Namen Ued Fes, vm später 
üed Sebu genannt zu werden. Der grössere Fluss, 
der von Süd-Süd-Ost in Neu-Fes eindringt, heisst aber 



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209 



oberhalb der Stadt, wie ich aut meiner zweiten Reise 
in Marokko oonstatiren koimte^ ebenfalls Ued Sebu* 
Wenn noch andere Namen aufgeführt werden für diese 
Wässer, als von Itenou Oued el Kaut'ra (Brückeuiluss), 
Ton dem Benou glaubt^ es sei dies der von Edris ge- 
nannte Fluss Ued S'enhädja, oder von Graberg von 
Hemsö Yad-el-Gieuhaii und Vad-Mairusin, oder von 
Marmol Onad-el-Djonhour (Perlenfluss), so muss ich 
gestehen, dass diese Namen mir während meines 
Aufenthalts in Fes nicht bekannt geworden sind. 

Die Stadt präsenürt sich also derart, dass sie 
fast mit von Norden nach Süden (mit etwas von 
Nordwest nach Südwest geneigter) gerichteter Achse 
gelegen ist und aus zwei Städten besteht, Fes-el-bali'"), 
Ait-i'es, und i es-ei-djedid, Neu-Jb es. Beide Städte 
aber liegen keineswegs dicht neben einander^ sondern 
sind durch eine zwei Kilometer lange Strasse, aufs 
dichteste von Häusern bestanden, verbunden, so dass 
es, Yon. oben gesehen, das Aussehen hat wie zwei ge* 
trennte Städte, welche comniuniciren durch eine eng 
gebaute Strasse. Alt-Fes bildet den nördlichen Theil 
und ist mit Ausnahme TOn Süden her von Bergen 
umschlossen, zum Theil namentlich nach Osten zu au 
die Bergwand hinau%ebaut, Neu-Fes bildet den süd- 
lichen Stadtliheü und liegt vollkommen in einer Ebene. 

•) Fes-el-bali sollte eigentlich Fes-el-kedim heissen, denn 
das Wort kcdlm entspricht genau onserm „dli% während „bali" 
meiir das „abgenützt** in sich schliesst. 

Bohl&. U 



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210 



Nördlich von Neu-Fes Terbindea sich der Sebu und 
das Yon Bas-el-ma*) konunende Wässerchen , um 

Alt-Fes zu durclilliessen, Alt-Fes wird so in zwei 
Hälften getheilt, durch sechs steinerne Brücken mit 
einander verbunden, die westliche Seite ist die kleinere. 
Beide Städte sind mit 30—40 Fuss hohen Mauern 
umgeben, welche von etwa 500 zu ^00 Schritt mit 
viereckigen hervorspringenden Thürmen versehen sind. 
Die Mauern sind an der Basis zwei Meter und mehr 
dick, veijüngen sich nach oben zu einem Meter, und 
haben auf der Zinne einen Umgang, geschützt durch 
eine etwa 5 Fuss hohe und 1 — 2 Fuss dicke crenelirte 
Mauer. Die Thörme selbst sind eingerichteti Gk- 
schütze caiifhehmen zu können. 

Die Mauer Ton Alt-Fes sowie die Thürme befinden 
öich in äusserst mangelhalftem Zustande, die von Neu- 
Fes ist besser erhalten, und ist an manchen »Stellen 
eine doppelte, so namentlich nach Südwesten und 
Süden zu, wo die äussere Mauer ausserdem 80 Fuss 
hohe Thürme hat. 

Die Mauern sowohl wie die Thürme sind aus 
einer gegossenen oder vielmehr gestampften Masse 
aufgeführt, welche zwischen Brettern emgestampft 
wird und an dvv Luit, mit Kidk und Cement ver- 
mischt, eine grosse Härte erlangt. Die Ecken, Bogen, 
Seiten der Thore sind indess aus behauenen Steinen 

*) Ras-el-ma beiast eigttitlich weiter nidits als Kopf des 
W«8B6xs d. iL Qaelle. 



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hergestellt; denn die Masse, so widerstandsfähig sie 
im grossen Ganzen auch ist^ so leicht zerbröckelt sie 
doch an den Ecken imd Kanten. Aus eben dieser 
Masse sind auch die meisten grossen Gebäude herge- 
stellt^ viele aber auch aas im Feuer gebrannten Ziegeln; 
gerundete Dachziegel endlich sind das Material, das 
man zur Bedeckung dei Moscheen genommen hat; 
die Wohnhäuser yerlaagen solche nichts da alle platte 
Dächer haben. 

Wenn auf diese Art die Stadt gegen Landesfeinde 
vollkommen geschützt erscheint — denn so sehr die 
Mauern auch Verfall drohen, würden sie dennoch 
Schutz gegen regellose Angriffe gewähren — so 
wenig haltbar würde sich Fes einem Angriffe irgend 
einer europäischen Macht gegenüber zeigen. Selbst 
die beiden Forts ausserhalb der Stadt tragen nichts 
znm Schutze gegen einen Angriff von aussen her bei, 
weil sie selbst von anderen Anhöhen von nächster 
Nähe aus beherrscht sind. Das eine dieser Forts liegt 
im Südosten der Stadt auf einer Anhöhe und ist ein 
mit vier Bastionen versehenes Viereck, offenbar von 
ehemaligen europäischen Benegaten nach Yauban'schem 
System recht gut angelegt. Im Westen der Stadt auf 
der nächsten Anhöhe befindet sich eine Lunette, diese 
letztere, nach der Stadt zu in ihrer Eehlseite nur 
durch PalHsaden geschlossen, ist wie das vorhin er- 
wähnte Quadrilatär aus behauenen Steinen erbaut^ und 

beide sind überdies mit tiefen Gräben versehen. Ob 

14* 



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diese Steine, welche grosse Quadern ftus Sandstein 

sind, eigens zu diesen Bauten gehauen worden sind 
oder Ton alten Bömerwerken herstammen, konnte ich 
nicht erfahren; wäre letzteres der Fall, so wäre das 
ein Beweis mehr, an der jetzigen Stelle vou Fes eine 
alte Bömemiederlassvngy vielleicht Yolabilis, suchen 
zu müssen. Keines der beiden Forts hatte Kanonen 
im Jahr 1861/62, und beide waren auch ohne jede 
Bewachung. 

Die Stadt Fes wird in 18 Quartiere getheilt, von 
denen zwei auf die Neustadt, die übrigen auf Alt-Fes 
kommen, davon hat Alt-Fes sieben Thore, indusiTe 
des nach der Neustadt zu führenden, während Neii- 
Fes nur drei hat, von denen das eine auf Alt-Fes 
gerichtet ist. Der Länge nach wird die Stadt von 
einer Strasse durchschnitten, welche hinlänglich breit 
ist, denn überall können vier oder fünf Menschen 
neben einander gehen, oft auch noch mehr. Die 
Grässchen aber, die sich von dieser Hauptstrasse in 
die verschiedenen Quartiere hinschlangeln, sind äusserst 
schmal, manchmal so eng, dass zwei sich Begeg- 
nende sich an einander vorbeidrücken müssen. Es sind 
dann zahlreiche Plätze vorhanden, aber kein einziger 
mit Ausnahme des grossen Platzes in Neu-Fes, der 
sich vor dem Palaste des Sultans befindet, welcher 
mehr als 500 Menschen aufnehmen könnte, wenn sie 
dichtgedrängt bei einander stehen* Hierdurch erlangt 
die Stadt ein äusserst düsteres Aussehen} vras noch 



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213 



dadurch veimelirt wird, dass kein einziges Haiui na6h 

der Strassenseite Fenster hat, und fast aiie zwei 
oder drei Stockwerke hoch sind. 

Ein grosser Uebelstand ist auch der, dass man 
gar keine Püasterung^ iu Fes kennt, mau ist im Sonuner 
einem entsetzlichen Stoabe aasgesetzt und hat im 
Winter die gi-üsste Mühe, durch den tiefen Schmutz 
fortzukommen. Gegen diesen haben allerdings die 
Bewohner eine eigene Art Holzschuhe erfunden mit 
2 — 3 Zoll hohen Absätzen unter dem Hacken und 
den Fussspitzen, aber oft reichen selbst diese nicht 
aus. Auch in Tnnis, wo ähnliche Verhältnisse während 
der nassen Jahreszeit sind, hat man diese Holzunter- 
schnhe, die unter dem gewöhnlichen Schahzeuge be- 
festigt werden, und wie alt ihr Gebrauch 'ist, geht 
daraus hervor, dass schon Leo ihrer erwähnt. 

Das Innere der Häuser ist oft sehr hübsch ein- 
gerichtet, obgleich man natürlich an Möbel, wie sie 
bei uns in Gebrauch sind, nicht denken muss. Der 
Marokkaner will gar keinen Fortschritt, so wie seine 
Väter gelebt haben, will auch er leben, und Neue- 
rungen einführen, ist die grösste Sünde. Sp sind denii 
auch alle Einrichtungen so, wie sie yor Hunderten von 
Jahren gewesen sind. Gelangt man durch eine starke, 
meist dick mit Elisen beschlagene Thür durch einen 
umgebogenen Gang*) in das Innere einer Wohnung, 

*) Ein gerader Gang daxf von der Struse nicht ins Innere 
des Baases iDliren, veU sonet, bUebe Ja onmal «os Yenehea 



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214 



80 kommt man zuerst auf einen melir oder weniger 

grossen nacli oben offenen Hofraum, der meist vier- 
eckig von Form ist Bei üeicheii uud Armen ist dieser 
Baum gepflastert, oft mit Marmorfliessen (weche von 
Spanien und Portugal kommen), meist aber mit Sleadj. 
Es sind dies kleine Fliesse mit bunt glasirter Farbe, 
und da sie in allerlei Formen hergestellt werden, 
bternartig; dreieckig, viereckig etc., so legen die Er- 
bauer die hübschesten Muster damit zusammen. Eine 
einzelne Sleadj ist nicht grösser als 1 — ^2 Zoll Seiten- 
lange; man verfertigt sie in Fes selbst. Auch die 
Zimmerböden sind meist au& reizendste mit diesen 
Sleadj ausgelegt. 

In der Mitte des Haushofes befindet sich ein 
springender oder jedenfalls fliessender Quell, auch in 
der ärmsten Wohnung fehlt er nicht. Bei den Reichen 
befinden sich zu dem Ende meist hübsche Marmor- 
becken, welche ebenfisüls ans Europa bezogen werden, 
im Hofe. Die Vertheilimg des Wassers in der Stadt 
ist nämüch so ausgezeichnet, dass Canäle weit ober- 
halb der Stadt von den Flüssen abgeleitet sind^ und 
so auch die höchsten ^tadttheile mit reinem Wasser 
yersorgen. In Neu«Fes hat man an einem Cansl so- 
gar grosse Räder erbaut, welche ^ yne in Italien die 
Bewässerungsräder, mittelst ihrer eigenen vom Wasser 
bewirkten Umdrehung Wasser auf die Höhe schaffen. 

die Hausthür offea stehen, der Blick einei Fronden iu dea Hof- 
raun fiaien könnte« 



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« 



215 

Nach Leo sollen diese Wasserräder schon 100 Jahre 

vor seiner Ankunft in Fes gewesen sein und von einem 
Genueser herrühren. 

Ehenso gut ist für die Abf&hrung der Unreuiig- 
keiten aus den Häusern gesorgt, das lebendige Wasser 
fuhrt allen Unrath mittelst kleiner unterirdischer Canäle 
in den IJed Fes*). 

Die Zimmer der Häuser, von denen sich in der 
Begel drei oder vier auf den Hofraiun ö&ien, sind 
stets sehr lang, sehr hoch, aber auch nie breiter, als 
dass ein grosser Mensch der Breite nach darin hegen 
kann. Grosse und hohe Thüren^ wie immer mit huf- 
eisenförmigen Bogen führen zu den Zimmern ; im Sommer 
und bei gutem Wetter sind sie offen^ im Winter ver^ 
schlössen, und man gelangt durch eine kleine Thür, 
eine Art Schlüpfthür (Poterne), welche sich in jeder 
grossen befindet, ins Zimmer. An beiden Seiten der 
Thür sind manchmal kleine viereckige, oder auch ogi- 
vische stark vergitterte Fenster, Glasscheiben hat man 
erst in letzter Zeit angefemgen einzuführen. Möbel 
nacli uiiserem Sinne sind nirgends vorhanden. Bei 
den deichen findet man Teppiche, Wollmatratzen, feine 

*) Leo giebt an: es seien über 150 öffentliche Latrinen in 
Fes, und s&mmtUcbe würden durch fliessendes Wasser von selbst 
reingehalten. Ob so viele in Fos sind, kann ich nicht behaupten, 
jedpiifalla wird, da man in allen marokkanischen Städten, auch 
in den Oasen, öfiV^utliche Latrinen findet, auch wohl in Fes dafür 
gesorgt sein. Man findet sie übrigens nicht nur mit Moscheea 
verbunden, sondern Muüg auch ganz unabhängig ?on solchen« 



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216 



Hatten, und auch die Wände der Zimmer 8 — i Fuss 

boch mit hübschen Matten ausgeschlagen ; auch manch- 
mal Betten an den Euden der Zimmer auf europäischen 
Bettstellen, aber diese werden mehr als Luxos, als 
Schmuck betrachtet, es würde nie Jemandem einfallen, 
darin za schlafen. 

Die Wände der Zimmer sind weiss ausgekalkt, 
aber unterhalb des Plafond laufen manchmal Arabesken 
herum, oft in Form von Koransprüchen. 

Die Plafonds der Zimmer sind btmt bemalt, oft 
ai2ur mit Gold, oft aber auch mit Holzschnitzerei be- 
deckt oder mit Holzstückchen ausgelegt. In den 
Wänden sind häufig nischenartige Vertiefungen an- 
gehrachty welche als Schränke dienen; ebenso findet 
man bei der wohlhabenden Olasse Holzschranke, oft 
aus sehr liübschen Holzschnitzworlvcn gearbeitet, oder 
mit Perlmutterstückchen, ESfenbein oder Ebenholz- 
stückchen ausgelegt. 

Während im Hofe rings um die inneren Wände 
ein durch stememe Säulen getragener Bogengang läuft, 
der zugleich Schatten gegen die senkrechte Sonne ge- 
währt, dient dieser Bogengang für das zweite Stock- 
werk als Vorplatz, von dem aus man in die Zimmer 
gelangt; uud ist noch ein drittes Stockwerk vorhanden, 
so gehen die Gallerien ebenfalls höher. Die oberen 
Zimmer unterscheiden sich in der Anordnung durch 
nichts von den unteren; ganz oben auf dem platten 
Dache, welches aus gestampfter und cementirter £rd- 



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217 

nasse besteht, befindet sich manchmal noch em Zimmer, 

Mensa genannt; hier geben die Frauen vorzugsweise 
ihre Gesellschaften. Der Zugang nach oben geschieht 
mittelst Treppen, die immer sehr schmal, und, wenn 
im Innern des Hauses, uiedhg angelegt sind; aber so 
sehr man darauf sieht, den Raum in Breite und Höhe 
bei der Treppe zu beschränken, so wenig sieht man 
darauf, die Absätze selbst kurz zu machen; im Ge- 
genthefl, diese sind so hoch, dass manchmal ein 
ausserordentlicher Kraftaufwand erforderlich wiid, um 
einen Absatz zu ersteigen» 

Von aussen werden die Häuser bigweüen durch 
anstrebende Pfeüer verstärkt oder durch Bogengänge 
auseinandergehalten; es trägt dies keineswegs dazu 
bei, die ohnehin schon schmalen Gassen passirbarer 
zu noachen, und wo man ja einmal eine etwas breitere 
Strasse antrifft, kann man sicher sein, dass die An« 
woliiicr dies derart duixh Ueberbauen der zweiten 
und dritten Etage benutzt haben, dass die breiteren 
Strassen hiedurch fast zu den dunkelsten gemacht sind. 

Nachts werden nicht nur die Stadtthore geschlossen, 
sondern auch die Thore, welche die yerschiedenen 
Quartiere von einander trennen, und da die Quartim« 
gemeinigUch durch mehrere Strassen mit einander 
commnnidren, so kann man sich denken; wie viele 
Thore aüe Abende verschlossen werden müssen. Man 
sagt: es sei dies eine Sicherheitsmassregel, und haupt- 
sächUch sei dieselbe gegen Diebe gerichtet In der 



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218 



Tbat wird dadurch alle Commnnication Nachts s^afg^ 
hoben; nach dem FAscha (das letzte Gebet) ist es 

immöglichi aus seiner Strasse oder seinem Quartier 
herauszukommen. Während des Chotba-Gebetes am 
Freitag werden eben&Us alle Thore abgeschlossen, 
nicht uur in Fes. sondern in allen Städten Marokko's, 
ja im ganzen Bharb (die arabischen Geographen 
rechnen alles Land westlich vom Nil zum Rharb, 
d. h. dem Westen, alles östlich davon zum bciurg, 
d. h. dem Osten) herrscht diese Sitte, wie ich später 
in Rhadames, Tripolis, Bengasi, Tunis und anderen 
Städten zu erfahren Gelegenheit hatte» Es soll dies 
deshalb geschehen, weil einer alten Sage zu Folge 
sich um die Zeit des Chotba-Gebetes die Christen der 
mohammedanischen Städte bemächtigen würden. Wahr- 
scheinlich ist es aber ein alter Brauch der Eegierungen, 
die sich dann mit ihrer ganzen Macht in den Mo- 
scheen befinden und sich so gegen ihr eigenes Volk 
sichern wollen. 

An öffentlichen Gebäuden der Stadt sind die 
Palaste des Sultans, die Moscheen, die Funduks, 
Bäder und Grabstätten hervorzuheben. 

Der grosse Palast des Sultans nimmt den ganzen 
südwestlichen Theil von Neu-Fes ein; yon dem Innern 
dieses Gebäudes kann ich nur wenig berichten, da ich 
hier nicht dem Leser die übertriebenen Beschreibungen 
der Bewohner von Fes wiedergeben mag, die mehr 
nach i'abeln aus 1001 Nacht klingen^ als auf Wirk« 



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219 



licbkeit beruhen. Groseartige Suinen deuten allerdings 

auf einstige grossartige Bauten hin, aber alle Bauten 
der Mohammedaner haben das Eigenthilmlichei dass 
sie meist schon gleich nach dem Entstehen ein 
ruinenhaftes Ausseiieu bekommen. Der Palast besteht 
eigentlich ans weiter nichts als vielen grossen mit 
Arkaden versehenen Höfen mit Springbrunnen, auf 
welche sich die Zimmer öffiieu, Pferdeställe, Bedienten- 
stttben^ Wachtzimmer^ Empfeuigshöfe — diar el meshnar 
genannt — Avechseln damit ab. Au der südostlichen 
Ecke, durch hohe Mauern von den übrigen Theilen 
des Palais getrennt, befindet sich das Harem, welches 
Platz für mehr als 1000 Frauen hat. Zwischen der 
kaiserlichen Wohnung und der südwestlichen Stadt- 
mauer befindet sich ein grosser Garten, in welchen 
ich mehrere Male Zutritt bekam. Man findet iiier 
fisst alle feineren europäischen Gemüse, auch Blumen- 
kohl, Artischocken und dgl. Von langen geraden 
Gängen durchschnitten, sind diese an den Seiten ein- 
ge£E»8t von Beeten mit Bosen, Jasmin und Luisa, und 
fast alle Wege suid zu Tunnels und Laubengängen 
umgeschaffen, wo die rankenden Weinreben kühlenden 
Schatten gewähren. Eine kleine Veranda, vor emem 
Tbeil des Palais gelegen — und davor ein besonderes 
abgeschlossenes Gärtchen, worin nur Blumen gezogen 
werden, dienen zum Privatgebrauche des Kaisers. 

Ein zweiter Palast des öultans ist zwischen Neu- 
nnd Alt^Fes gelegen und hat den etwas sonderbaren 



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m 

Kamen Ba-Djelud'*'). Es ist dies, abgesehen von dem 

halb ver fallen cn Aussehen, ein liiibsches Gebäude, und, 
eigenthümlicherweise im Eenaissancestyl, vermischt mit 
maurischer Architektur errichtet, was vohl daher rührt, 
dass europäische lienegaten die Erbauer waren. Es 
gelang mir leider nicht (da der Sultan in Mikenes 
war), in das Innere zu kommen ; ebenso war mir auch 
der Garten verschlossen, welcher damit verbunden ist, 
und dess^ herrliche Baumgruppen, aus denen schlanke 
Palmen hervorragten, ich oft im Vorübergehen be- 
wunderte. Dieser Garten war den Damen des Harems 
reservirt 

Eine halbe Stunde von Neu-Fes entfernt, nach 
dem Süden zu, befindet sich eine sultanatliche Wohnung, 
von einem äusserst grossen und mit hoher Mauer um- 
ringten Garten umgeben; in diesem Gebäude hält 
sich der Sultan manchmal auf, um die Sommerfrische 
zu gemessen^ zum Theil wohnen sodami die Minister, 
die Grossen des Reichs^ die Gouverneui e der Provinzen, 
welche zum Besuch anwesend sind, mit in dem weit- 
läufigen Gebäude, zum Theil campiren sie in ihren 
Zelten ausserhalb des Gartens. 

Zwischen diesem Landsitz in Neu-Fes ist auch 
gewöhnlich die Miialla, d. h. der Lagerplatz des 

*) Bn-Djelnd beisst Täter der FeUe; wahrscliemlich heixad 
sich hier am Flusse — denn dieser Palast liegt hart am Ued- 
Sebu — eine Gerberei. Eine ähnlich sonderbare Benennung hat 
Ja auch der Palast der französischen Hemcher in Paris: TuUerie. 



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221 



Heeres. «Dieses rnuss immer da sein, wo der Sultan 

sich aufhält; und da in Neu-Fes für die Truppen, 
welche der Sultan immer um sich hat, nicht hinlänghch 
Platz ist, so campiren sie hier unter Zelten. Von 
Weitem gesehen, sieht dieses Zeltlager, inmitten der 
gr&nen Wieseui durchschlängelt Tom Ued-Fes, sehr 
malerisch aus, aber im Innern herrscht die gi'össte 
ünreinlichkeit und Verwirrung. 

Die stehende Macht des Sultans bestand 1862 
aus etwa 4000 Infanteristen, welclie aufs bimtesto 
costümirt sind. Sidi;Mohanuned-ben-Abd-er-Ehaman, 
jetziger Sultan und derselbe, dem zu Lebzeiten seines 
Vaters eine so empfindliche Niederlage durch den 
Marschall Bugeaud bei Isly*) beigebracht wurde, 
war im Feldzuge gegen die Spanier nicht glücklicher 
gewesen, Indess hatte er so viel Einsehen bekommen, 
dass er begriff, mit seinen regellosen Schaaren nicht 
gegen europäische Streitkräfte kämpfen m können. 

Er glaubte nun ein regelmässiges stehendes Heer 
zu haben, wenn er Leute auf europäische Art uni- 
fbrmiren Hess, und so sah man liier Unifornistücke 
sämmtUcher Nationen, gemeinsam ist allen nur der 
rotbe Fes und die gelben Pantoffeln; auch hatte man 



*) Am 14. August 1844. Der jetzige Saltan entkam seiner 
Ge&ogemiahme nur dadweh, dase er beim Eindringen der fVan- 
MBen in eeb Zelt dieses mit dem S&bel schlitste, und auli Pferd 
aieh achvingend, Y<m diesem ans dem Bereieh der Feinde ge« 
tngea wurde. 



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222 



ange&ngen, kurze bis an die Knie gehende Hosen 

einzuführen, da es den Berbern und Arabern unmög- 
lich schien^ lange Hosen zu tragen. Diese In£»nterie 
ist in Tier Theile oder Bataülone getheilt, je von 
einem ,,Agha'' commandirty untergetheilt sind sie 
wieder in vier Abtheilongen, denen ein Kaid (Haupt- 
mann) vorsteht, und noch kleinere Abtheilungen 
werden von Califat-el-kaid (Lieutenants) und Mkadem 
(Unterofficier) commandirt. Die Mannschaft selbst 
besteht aus Berbern, Arabern, Negern und spanischen 
Benegaten» welche letztere Sträflinge von Genta, Penon 
oder MeUila her desertiren. Diese Renegaten sind 
vorzugsweise Hornisten, Tamboure oder bei der Capelle 
angestellt. Denn da die englische Begienmg die In- 
strumente geschenkt hat, so hat der Sultan eine 
Capelle einrichten lassen, welche aber auf noch viel 
haarsträubendere Art deutsche Walzer oder italienische 
Stücke zum Besten giebt, als die türkischen Regi- 
menter. Die Capelle hat 24 Mitglieder , während 
der Hornisten und Tamboure für jede Compagnie je zwei 
• vorhanden sind. Die Trommeln sind ähnlich \ne 
die des deutschen Heeres ^ die Homer sind gleich 
denen der Engländer. 

Die Bewa£Enung besteht aus alten üanzösischen 
Steinschlossgewehren^ fiast alle mit der Jahreszahl 
1813. Der Sultan hat diese im Preise von 40 Fr. 
das Stück kauten lassen (er hätte dafür auch Zünd- 
nadeln bekommen können), aber die Zwischenhändler 



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22d 



haben ihr Profitchen dabei gemacht. Das Conunando 

gesckielit in tüikischer Sprache, was den Uebelstand 
fiir den Soldaten hat, dass derselbe das Conunando 
nur mechanisch yerstehen lernt. Jede Compagnie 
hat eine Fahne , jedes Bataillon (ich nenne so die 
Tom y,Agha" commandirte Atheilnng) eine etwas 
grössere, die Farben der Fahnen sind roth, gelb, 
blau, je nachdem der Chef Vorliebe für diese oder 
jene Farbe hat 

Der gemeine boidat bekommt sechs Mosonat Löh- 
mmg, nnd mnss sich hierfür Alles halten , was bei 
den billigen Verhältnissen in Marokko auch recht 
gut angeht, zumal die Kleidung vom Sidtan geliefert 
wird« Die höheren Stellen sind allerdings nicht be« 
sonders bezahlt, so bekommt ein Agha, Bataillonschef, 
nur ein Metcal täglich (= 40 Mosonat oder etwa = 
2 Francs). Da diese aber ausser den Pferderationen 
Korn, Aecker und Vieh vom ^Sultan bekomnicn, über- 
dies die Gelder der beurlaubten Soldaten zum grössten 
Theil in ihre Tasche fliessen, so stehen sie sich nicht 
schlecht. Denn von 1000 Mann, die ein Agha com- 
mandirte sind höchstens 800 zur Stelle, die 200 fehlen- 
den werden aber geiUhrt, und der Sold davon täglich 
vom y.Amin ei Lascari/' d. h. dem Zahlmeister , be- 
zogen* 

Man kann sich einen Begriff von dieser regel- 
mässigen Armee y welche aus den grössten Tauge* 
mchtsen des ganzen Beiches zusamm&gesetzt ist^ 



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224 



machen, wenn ich einige kurze Personalnotizeii der 
Befehlshaber, mit denen ich bekannt vnrde, hier gebe. 

Der Agha des einen Bataillous war ehedem ein 
Verkäufer von roher Seide und Seidengam in Fes, 

Namens Hadj-Asus, er verdankte seine Stellung bloss 
dem Umstände, dass er Ha^j, d. h. Pilger nach Mekka 
war. Marokko, welches so weit Ton Mekka entfernt 
liegt, hat verhältnissmässig nur weuig Pilger aulzu- 
weisen, und obgleich die Dampiier jetzt die frommen 
Gläubigen auf erstaunlich billige Weise von Tanger 
nach Alexandria und von da nach Djedtla schaffen, 
so hat dadurch keineswegs die Zahl der Pilger zu- 
genommen, weil eine DampfechiflGTahrt nicht als so 
verdienstlich angeseiien wird*) wie eine Pilgerfahrt 
zu Fusse. Und die grosse Landpügerkarawane, welche 
früher jährlich von Fes, Maraksch und Tafilet abging, 
hat für die ersten beiden Orte zu existiren aufgehört. 

Der zweite Agha, ein gewisser Si-Hanunuda, ge- 
borener Algeriner, hat sich dadurch seine Stellung 
erworben, weil er ein französischer Proscribirter ist; 
seinem Stande nach schwang er, ehe der Sultan das 
Schwert ihm in die Hand gab, die Eile. Der dritte 
Agha, ein gewisser Si-Mohammed-Choi^a, ein geborener 
Tunesier, weiss wohl selbst nicht, wie er zum Militär* 

•) ßine Dampfwall&hrt bei den Ckristen irird eben&Hs 
bedeutend geringer angerechnet, als wenn man den WaU&fafts- 
ort anf Erbsen mtschend erreicht, wir dSrfen uns also keines- 
wegB bierin Aber die Mobsmmedaaer wundem oder gar Inst^ 
nacben. 



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stände gekommen isty er ist yon Hans aus Thaleb^ d. h. 
Schriftgelehrter. Der vierte und letzte Agha ist ein 
gewisser Ben^Kadur; von Haus aus £aid einer Berg- 
tribe, sind diesem letzteren wenigstens nicht kriegerische 
Eigenschaften abzusprechen , aber vom eigentlichen 
europäischen Militärwesen hat er ebensowenig einen 
Begriff wie die übrigen. Ich könnte, da ich Gelegenheit 
hatte, alle üaids kennen zu lernen, so fortfahren, aber 
dies wird genügen. 

Indess sei noch erwähnt, dass zwei wirkliche 
französische Of&ciere, £ingeboxn6 der Tirailleurs in- 
digdnes, es nie weiter bringen konnten als zum Lieu- 
tenant, weil sie im Verdachte standen Christen zu sein, 
während ein anderer, ein „Sussi^S Herumstreicher 
(Eingebome aus der Provinz Sus), gleich zum Haupt- 
mann oder Xaid ernannt wurde. Da diese Ernennung 
während meiner Anwesenheit in Fes erfolgte, so kann 
ich hier anfflhren, dass sie aus dem Grunde geschah, 
weil dieser ,,Sussi'' vor den Augen des Sultans in Seil- 
tänzerkunststücken sich ausgezeichnet hatte. Er hatte 
ehedem einer Gesellschaft angehört, wie sie häufig 
aus dem 8u8 kommen, und mit dieser nicht nur die 
ganze mohammedanische Welt, sondern auch ganz 
Europa durchzogen; so behau^jtete er auch in Deutsch- 
land gewesen zu sein, und da er mir mehrere Städte 
Deutschlands mit Namen nennen konnte, musste ich 
es wohl glauben, denn welcher andere Marokkaner 

hätte eine deutsche Stadt namentlich gekannt; das 
BoblfiL 1^ 



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226 



geograpliisclie Wissen der groBsteti marokkanischen 

Gelehrten, soweit es Europa betrifft, beschränkt sich 
auf Baris (Paris), Luudres (London), Manta (Malta), 
Blad Andalns (Spanien), Bortugan (Portugal), Musgn 
(Russland), Nemsa (Deutschland) und Staiiibul (Kon- 
stantinopel). Kann ein Thaleb oder FakL der Beihe 
nach diese Namen auskramen, so glaubt er wenigstens 
ein Humboldt oder Kitter zu sein. 

Manoyrirt wird denn auch nie mit dieser oben 
geschilderten ^aejo^elmässigen'^ Truppe, und die Exer- 
citien beschränken sich auf Parademärsche, auf ssalam 
dur (präsentirt das Gewehr) und einige andere Griffe. 
Ein grosser Uebelstand ist, dass die meisten Soldaten 
veriieirathet sind und Xmder haben, yiele auch Sklaven 
besitzen, kurz man kann sagen, dass der Sultan mit 
seiner bunt nach aller Herren Länder Art uuiioimirten 
Truppe sich keineswegs eine regelmässige Armee oder 
nur den Kern dazu gescha&n hat Aber die seit 
Jahrhunderten bestehende Unfehlbarkeit des Sultans 
hat dazu geführt, dass diese Persönlichkeiten anfangen 
sich selbst für unfehlbar zu halten, und der Sultan 
glaubt in der That mit der Ernennung irgend eines 
Menschen zum Bataillonschef wirklich dadurch einen 
tüchtigen Chef gemacht zu haben. 

Besser ist die Cavallerie organisirt (nach Sir Drum- 
mond Hay 16000 Mann stark), weil sie auf einheinusche 
Verhältnisse basirt ist. Die Cavalleristen bekommen 
zwei Mosonat täglich mehr, als die Infanteristen^ 



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337 



^ aber dafür ihre Pferde zu unterhalten. Sie 
sind eingetheüt in kleine Trappen von 50-«) Pferden, 
welche einem Zaid untergeben sind. Das Commaudo 
Mt toer arabisch. Der Cavallerist hat eine lange 
SteimchJossflinte und. einen ziemlich geraden Säbel 
«8 BewaSamg; wer sich selbst 1 oder 2 Pistolen 
ansohaflft, glaubt dann aufe vollkonunenste ausgerüstet 
zu sein. Der Säbel wird an einer seidenen oder 
baumwollenen Schnur von der rechten Schulter zur 
token Seite herabhängend getragen. Die Sättel sind 
jene mt hohen Lehnen nach hinten, mit hohem Knaufe 
nach Tome versehenen und allgemein unter Arabern 
wid Eerbern gebräuchlichen. Von Ezercitien und 
jaanoTem ist bm der Cavallerie noch weniger die 
*eae, die ganze Kunst des CavaUeristen beschränkt 
sicl, darauf, im schnellstell Laufe das Pierd fortzureiten 
und während des Kittes die Flinte abzufeuern. Da 
*e grossen Steigbügel sehr kurz hängen und so ein- 
genchtet sind, dass der ganze Fuss darin Platz hat, 
«0 stehen beim schnellen Reiten meistens die CavaUe- 
nsten. Auf diese Art wird auch der Angriff gemacht, 
man saust mit Windesefle heran, sehiesst ohne zu 
aeten das Gewehr ab, und das daim von selbst wen- 
dende Pferd trägt den Angreifer mrÜcL Die^avallerie 
'»« nur Hengste. 

Seit dem Kriege mit Spanien hat der Sultan von 
Marokko auch yeldartillerie angeschafft, aber eben so 
«ngliicklioh. berathon wie in Beschaffung seiner Uni- 

15* 



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formstücke, hat er wohl kein einziges Greschütz^ welches 
dem andern gleich wäre. Die Arüllemten, welche 
diese Kanonen zu bedienen haben, sind fast alle 
spanische üenegaten; auch einen Jb^anzosen Üand ich 
dort, der Haaptmann war, und einen Deutschen, der 
in der Heimath Maurergeselle gewesen, die Kelle mit 
der Kanone vertauscht und Yon Sidi Mohammedi dem 
Hakem el rnnmenin (Beherrscher der Gläubigen), dem 
er verschiedene Arbeiten in seinem Palais aufgemauert 
hatte, zum Kaid el Tob4}ieh, d. h. zum Artillerie^ 
Hauptmann war ernannt worden. Ich brauche wohl 
kaum hinzuzufügen, dass alle diese Eenegateu dort 
yerheirathet sind, xnithin ÜEUStisch und für immer sich 
zu marokkanischen Bürgern erklärt haben. Einem 
einzigen Europäer gelang es jedoch, sich eine achtens- 
werthe Stellung in Marokko zu erringen. FreiUoh 
war auch dieser nur zum Schein Mohammedaner ge- 
worden, imd, zugleich mit mir die Hauptstadt J^ es 
betretend, hat er jetzt seit langem Marokko den 
Bücken gekehrt Es ist dies der Spanier Joachim 
Gatell, der in Marokko den Namen Ismael ange- 
nommen hatte. Da in seiner Beschreibung ,,L'ouad 
Noun et el Tekna^^ eine interessante Schilderung des 
marokkanischen Xriegslebens enthalten ist, so lasse 
ich sie hier Übersetzt aus den Bulletins de la Soci6t6 
de Geographie de Paria folgen. 

Auf der 279. Seite erzählt Gatell: „Im Jahr 1861 
war so eben der Krieg zwischen Spanien und Marokko 



Af - 



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229 



beendet Die Erzählungen, welche man za der Zeit 
Yom marokkanischen Volke machte, von den Sitten, 

vom Muthe, den barbarischen Grebräuchen, dem Fa- 
natismus der Bewohner, erregten in mir die Idee in 
das Innere des Landes einzudringen, trotz der Fähr- 
bckkeiten, denen ich dabei ausgesetzt sein konnte. 
Ich reiste also nach Fes ab, wo sich der Hof befiBaid, 
und, um besser meine Absicht zu erreichen, trat ich 
in die regelmässige Armee des Sultans, Obschon ich 
nur äusserst wenig Yom Waffenhandwerk verstand, 
wurde ich gleich zum Oificier befördert," Nach einer 
Schilderung der Campagne gegen die Beni Hassen, 
wobei Gatell zum Chef der „Garde-Artillerie'' des 
Sultans ernannt wurde, fährt er fort die Expedition 
gegen die Ehamena m schildern: „Wii hatten 29 
Stücky einen Mörser eingeschlossen; aus den Magazinen 
von Arbat nahmen wir 55 Centner Pulver in Fässern, 
und ausserdem eine Menge fertiger Munition in Kisten 
mit, und fingen so an die Aufständischen zu verfolgen. 
Ein Theil der Öeragua-Kabylen vereimgte sich so 
eben mit den Ehamena, nichts desto weniger ging 
auch jetzt die kaiserliche Armee mit marokkanischer 
Würde und Langsamkeit vorwärts: es schien, als 
wenn wir einen Spaziergang im Sonnenschein zu 
machen, keineswegs aber den i'emtl anzugreifen hätten. 
Die Hauptstadt war bedrobti aber um eine s lclie 
Kleinigkeit künunem sich dort die Leute nicht. 9f — Wir 
werden zeitig genug ankonunen^ und wenn nickt , 



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230 



80 iBi es Gottes Wille* Die niftrokkaDisGhe Hajestät 
darf nie £ile zeigen ^ oder aacb nur den Anschein 

liabeu sich zu sehr um den Gang der Ereignisse zu 
kfimmeni.'' Gatell erzählt sodann, wie man nicht den 
Bewohnern den Krieg machte, sondern den Getreide- 
feldern, welche angezündet wurden, und als sie end- 
lich vier Standen von Marokko im Angesichte der 
Kiiameiia waren, die Aufständischen auseinanderge- 
sprengt wurden; hiebei feuerte die Artillerie 15 Schüsse 
ab und warf 8 Bomben. 

Was die sogenannte schwarze Gaide des Sultans 
von Marokko anbetrifft, die „Buchari,^^ die unter den 
früheren Kaisem, namentlich unter Mulei Ismael eine 
so grosse Eolle spielte, so ist dieselbe heute sehr zu- 
sammengeschmolzen; kaum einige hundert Mann stark, 
dient sie jetzt mir zu Prunkaufzügen, und scheint 
gegen den i'eind nicht mehr verwendet zu werden, 
wenigstens nahmen die Buchari am Kriege gegen 
Spanien keinen Antheil. Dem ganzen Heere steht 
ein Schwarzer, Namens Abd-AUah, als Xriegsminister 
vor, er hat das Verdienst ehemals als SklaTe mit dem 
jetzigen Sultan auf erzogen worden zu sein. Unter 
ihm stehen verschiedene „Amin,'< welche für die geld- 
lichen und sonstigen Angelegenheiten der Armee- zu 
sorgen haben. Nach diesem Besuche bei der Armee 
wenden wir uns wieder zur Stadt Fes zurück. 

Von den übrigen erwähnenswerthen Gebäuden 
haben wir nur zwei Moscheen zu nennen. Es ist dies 



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2dl 



zunächst die Djemma Karubiu (die den Cherubim ge* 
widmete Moschee). Diese Moschee ist wohl die grosste 
m ganz Nordalriku. Die Bewohner Fes' behaupten, 
sie ruhe auf mehr als 360 Säulen, ja Einige sprachen 
Ton SOO; ich konnte mich natürlich nicht daran machen 
sie zu zählen, aber wenn man von dem Hofe der 
Moschee ins Innere sieht^ glaubt man einen Wald von 
Säulen Yor sich zu haben. Wenn man der Beschrei- 
bung Ton Leo trauen darf, so bat die Djemma 
Bl grosse Thore, das Dach ruht auf 38 Bogen der 
Länge und 20 Bogen der Breite nach; es wlirde dies 
schon über 900 Säulen ergeben. Ali Bey giebt 300 
Säulen an. 

Die Moschee Karubin liegt ziemlich im Mittel- 
punkt von Alt- Fes y und ist wie fast alle Moscheen 
derart gebaut, dass sie aus einem grossen, von hohen 
Mauerii und Arkaden umgebenen Hofraum und aus 
einem bedeckten Theile besteht^ der eigentlichen 
Moschee. Ganz aus überkalkten Ziegeln erbaut, ist 
das Dach, oder vielmehr sind die Dachreihen eben- 
iaUs mit Ziegeln ä cheval gedeckt , imd nicht glatt. 
Das ziemlich hohe Minerat ist, wie überall in Marokko, 
äusserst plump und vierseitig aufgeführt. Im Hofe 
des Gebäudes springen aus zwei reizenden und gross- 
artigen Marmorfontainen Wasserstrahlen, überhaupt 
sind die Wasseranlagen, die kleinen Häuschen, worin 
die Yor dem Gebete nothwendigen Ablutionen ver- 
richtet werden; ausgezeichnet und zahlreich* 



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282 



Der verdeckte Theil der Moschee hat wie alle 
diese Gebäude ToUkommen nackte gegypste Wände, 

der ganze Fussboden ist aber zum Theil mit kost- 
baren Teppichen, und überall wenigstens mit leinen 
Hatten belegt Auch an den Wänden und um di» 
Säulen zielien sich iialbinannshuch hübsche Strohmatten 
hinaoL Wie in allen Moscheen des Eharb ist an und 
in der östlichen Wand die Nische, welche die Gebets^ 
lichtung „Kibla*^ angiebt. Gleich hnks davon ist eine 
Treppe, von welcher herab Freitags das Choiba-Gebet 
abgdesen wird. Der erste Priester der Moschee tritt 
nach einem kurzen Gebet, mit einem langen Stock in 
der rechten Hand versehen, auf die dritte Stufe (die 
Treppe enthält fünf oder sechs Stufen), und liest 
dann mit einförmiger Stimme das jb reitagsgebet ab, 
jier Schluss ist immer von einem Gebete für den je- 
maligcn Regenten begleitet; im ganzen Rharb, d. h. 
Marokko, und auch in den südalgerischen Ortschaften 
bezieht sich das Gebet auf Mohammed-ben-Abd-er- 
Rhaman, im Osten aber, incl. Tunis und Aegypten, 
auf Abd-ul-Asis-Chan. Ob die Mohammedaner in Al- 
gerien, wie früher für den Türkensultan, heute noch 
für denselben Fürsten den Segen herabflehen, oder 
für den jemaligen französischen Regenten, kann ich 
nicht sagen. 

Die Moschee Karubin hat das Eigenthümliche, 
dass mehrere Mimber oder Gebetstceppen Yorhanden 
sind. Freitags zum Chotba-G^bet wird allerdings nur 



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233 



die eine links Ton der G^betsnische befindliche benatzt, 

aber die übrigen dienen als Lehrstühle, von denen avB 
zu sonstiger Zeit den Gläubigen gepredigt und gelehrt 
wird. Wenn aber Ali Bey meint, nnr die Karabtny 
habe den Vorzug eine besondere Abtheilung für Frauen 
zu haben, und es sei dies zu verwundern, weil Mo- 
hammed den Frauen im Paradiese keinen Platz zu- 
erkannt habe, bo kann ich entgegnen, dass die Frauen 
in allen Moscheen Zutritt haben. Für gewöhnlich 
gehen die mohammedanischen Frauen allerdings Behuf 
des Gebetes nicht in die Moschee, keineswegs aber 
ist den Frauen die Moschee verboten, ebensowenig 
wie den Frauen das Mekka-Pügem verboten ist. Es 
ist ein Irrthum zu glauben Mohammed habe den Frauen 
das Paradies verschlossen, in der 17. Sure heisst es 
wörtlich*): „die in Geduld ausharren, werden wir 
mit herrlichem Lohn ihr Thun belohnen. Wer recht- 
schaffen handelt, sei es Mann oder Frau, und sonst 
gläubig ist, wollen wir ein glückliches Leben geben, 
und ausserdem noch mit herrlichem Lohn sein Thun 
vergelten.'^ Und an vielen anderen Stellen im Koran, 
namentlich noch in der 13. Sure erwähnt Mohaiumed 
der Frauen als Theilnehmer der zukünftigen Paradieses^ 
fireuden. 

Was die Architektur der grossen Karubin anbe- 
trifft, so ist dieselbe keineswegs eme schöne zu nennen. 



*) Uebenetzttog des Koraa von I>r« Ullnuum, Bielefeld, IÖ67. 



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234 



* 

Zumal von aussen , wo dies grosse Gebäude einge- 
pfercht zwischen Buden und Häusern sieb befindet» 

nimiüt es sich höchst unvortheilhaft aus, überdies 
lassen sich immer nur einzelne Partien, da wo Thore 
sind, überblicken. Aber selbst wenn die Karubm frei 

stäude. würde sie sehr uuiiarmoiiisck aussehen, da die 
einzelnen Theüe in gar keinem Yerhaltniss zum Gktnzen 
stehen. Die Höhe der Moschee, die Höhe der Säulen, 
etwa 20 i^^uss hoch, ist viel zu geriug zur kolossalen 
Baute, um einen guten Anblick zu gewähren. Der 
Hof würde einen vortheilliaften Eindruck machen, 
erhöht durch die beiden herrlich skulptirten Marmor- 
fontainen (diese sind nach den Aussagen der Bewohner 
yon Fes von europäischen Renegaten gemeisselt), 
wenn nicht hier dieselben Missverhaltnisse zu Tage 
träten. Dazu kommt noch, dass der Mohammedaner, 
und namentlich der Araber, der geschworenste Feind 
von Symmetrie ist. Hier stehen zwei Säulen 8 Fuss, 
dort 7 Fuss auseinander, hier ist eine Säule 21 Fuss 
hoch, dort 20 oder 22 Fuss. Hier ist eine einlache, 
dort eine Doppelsäule, hier hat eine Säule, dort keine 
ein Capitäl. Dazu sieht das Ganze so gedrückt aus, 
als wenn Alles halb in den Boden hinein versunken 
wäre. 

Es ist in keiner Zeichnung bis heute den Arabern 
gelimgen etwas Symmetrisches zu schaffen , und im 
Grossen wie im Kleinen, in der Baukunst, in der 
Weberei, in ihren Arabesken, in ihren Holzschnitzereien, 



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285 



in ihrer Plafondmmg, in ihrer Parquetirung, überall 
tritt uns die Unregehnässigkeit störend entgegen. Es 
giebt keinen einzigen von Arabern gewebten Teppich, 
dessen Muster so wie es angefangen zu Ende geführt 
ist» es giebt kein Zelt^ welches ans gleicbmässig gewebten 
Stücken vollendet ist, ein arabischer Haik (d. h. Tucli) 
hat sicher, falls an der einen Seite 3 Streifen als iiiin- 
fassung sind, an der anderen 2 oder 4, es giebt keine 
Thür, die eine voUkonunen durchgefüla teilolzscliiiitzerei 
aii^EUweisen hätte, und es giebt keinen einzigen Bau, 
der einen voUkommen durchgeführten Plan erkennen 
liesse. Ich kann nicht umhin hier anzuführen, dass 
wir da, wo die Araber allein gebaut haben, nirgends 
ein ToHkommen schönes Product der sogenannten 
maurischen Architektur vorlinden. An der ganzen 
Nordküste von AMka, finden wir nirgends eine Baute, 
die sich durch vollkommene Schönheit auszeichnete, 
in ihrem eigenen Vaterlande noch weniger. Aus den 
Abbildungen Ton Niebuhr ersehen wir, dass die Mo- 
scheen von Mekka und Medina plumpe, rohe Gebäude 
sind. Vollkommen schöne maurische Gebäude finden 
wir nur da, wo die Araber mit Christen untermischt 
sesshaft waien: in Spanien und Syrien. Möglicher- 
weise mögen christliche Architekten, christliche Hand- 
werker und Sklaven mehr ihre Hand dabei im Spiele 
gehabt haben, als wir heute wissen. Es könnte nach 
vier- oder fünfhundert Jahren mit den Prachtbauten, 
die Ton Mohammed Ali Pascha bis auf Ismael Pascha 



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236 



in Aegypten errichtet werden, ebenso ergehen, d. b. 
kämen unsere Nachkommen nach einer solchen Spanne 

Zeit nach Aegypten, so wiiiden sie sagen, dass die 
Aegypter unserer Tage es wohl verstanden hätten, in 
der maurischen Architektur Prachtbauten zu errichten. 
Heute aber haben wii- glücklicherweise feste und täg- 
liche geschichtliche Aufzeichnungen, wir wissen, dass 
die Moscheen und Pal&ste in Aegypten, die in diesem 
Jaiirhuudert dort erbaut wurden, nicht von Arabern 
oder Aegyptem herrühren, sondern von europäischen 
Arcliitektcii und Handwerkern errichtet worden sind; 
ich nenne unter ersteren bloss Hrn. Jj'ranz von Darm- 
stadt und den Terewigten t. Diebitsch von Berlin. 

Mit der Karubin ist ein Gebäude verbunden, 
welches die ziemlich bedeutende Bibhothek, natürhch 
nur aus Manuscripten zusammengesetzt, enthält; nach 
einer oberflächlichen Schätzung, die ich machte, sind 
wenigstens fiönftausend Bände vorhanden. Der ganze 
Bficherschatz befindet sich übrigens in einem sehr 
verwahrlos tt n Zustande, und es ist ein Wunder, dass 
Staub und Motten nicht schon grössere Verwüstungen 
angerichtet haben. Es ist ziemlich leicht Bücher von 
der Bibliothek zum Lesen zu bekommen, auch ist es 
gestattet Abschriften zu nehmen (natürlich nur den 
Gläubigen), es ist aber streng untersagt, irgendwie ein 
Buch zu entlehnen, um es mit nach Hause zu nehmen, 
und da die dortigen Bibliotheken mit unseren Einrich- 



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ttmgen, Katalogen, Scheinen und dergleichen nicht 
bekannt sind, ist diese Massregel sehr nothwendig. 

Es wird heutzutage noch immer in der Karubin 
gelehrt, obgleich von der ernst so berühmten Schule 
nur noch ein schwacher Schatten übrig ist Man legt 
den Koran aus, d. Ii. disputirt über Süssere Kleinig- 
keiten,, denn am eigentlichen Dogma darf nicht ge- 
rüttelt werden; wer nur im Geringsten zweifelte an 
irgend einem Glaubenssätze, würde gleich als Ketzer 
beschuldigt werden, würde des Abfalls vom Islam 
geziehen werden, nnd da in Marokko noch wie ehe- 
dem bei uns für dergleichen Zweifler die Todesstrafe 
blüht, so hütet sich wohl Jeder ügendwie au einem 
Worte des Buches, welches vom Himmel herabge- 
kommen ist, zu rüttehi. Dagegen hört man die ge- 
lehrtesten Erklärungen tlber Formen und Aeusserlich- 
keiten, z. B. ob Mohammed am Feste nach dem ersten 
Eamadhan ein schwarzes oder weisses Lamm ge- 
opfert habe, wie gross die Hölle sei, ob im Paradiese 
auch die und die Speise würde verabreicht werden, 
und dergleichen Albernheiten mehr. Es werden sodann 
die vier Spedes gelehrt, aber nur auf nothdürftige 
Art und Weise ; ich bemerke hiebei, dass der Marok- 
kaner, mit Ausnahme der Addition, bei dem Abziehen, 
Yervielialtigen und Theüen ganz andere VerfEÜiren in 
Anwendung bringt, als wie wir sie in unseren Schulen 
zu erlernen pflegen. Auch geographischer Unterricht 
wird ertheilt, oder soll vielmehr gelehrt werden^ denn 



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238 



In einem Lande^ wo man ron Erdbeschreibung so 

wellig Kemitiiiss hat, dass mau die Vorstellung hegt, 
Portugal sei grösser als Frankreich^ sieht es gewiss 
traurig mit der Eenntniss der Erde aus. So glauben 
denn auch die Marokkaner, dass ihr Land das grösste 
und ihr Volk das erste und mächtigste der Welt seL 

Auch Astronomie wird getrieben, aber nur in 
Verbmdong mit Astrologie. £imge der gelehrten 
Marokkaner stehen auf dem Ptolemäiscben Stand- 
punkte, sie haben eine Idee von den grossen Planeten; 
dass die Erde sich um die Sonne dreht, darf übrigens 
nicht gelehrt werden, wenn man sich überhaupt zu einer 
solchen Vorstellung emporschwingen könnnte, es steht 
das im Widerspruch mit dem Koran^ Es giebt sodann 
Geschichtslehre und im ganzen kann man dieser Lehr- 
abtheilung noch den grössten BeiMl zollen. Ich hörte 
interessante Vorlesungen derart mit an, welche die 
Geschichte der Araber im Bled Andalus (Spanien) zum 
Gegenstand hatten. Endlich ist eine Abtheüung für 
Eijemmia, d. h. arabische Grammatik Yorhanden, die 
aber auch ans dem Gewöhnlichen nicht herauskommt. 

Alle diese Fächer werden in der Karubin selbst 
gelehrt, so dass man hier zu jeder Tageszeit auf Lehr^ 
und Scliüler stösst. Die Lehrer sind aus dem Fonds 
der Moschee besoldet und zum Theil die Schüler auch, 
alle haben wenigstens freies Logis und freie Kost 
Die Karubin wird für eine der reichsten Moscheen 
gehalten, ein Drittel der Läden oder Gewölbe in 



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239 

Fes gehören ilir zu, die Aecker und Gärten sind 

zahlreich, und wenn niaiiclimal auch die früheren Macht- 
haber von Fes sich aller Einkünfte der Koschee und 
ihrer Güter bemächtigten, so machten dafür andere 
dies doppelt wieder gut. Die mohammedanische Geist- 
lichkeit hat ebenso gut einsehen gelernt wie andere, 
dass die Macht der GeistHchkeit auf Geld und Grund- 
besitz beruhe y und, eigenthümlich genug, obschon 
auch Mohammed lehrt wie Jeans Christus, ,,ibr sollt 
kern Gold und Silber in euren Taschen tragen," „ihr 
sollt dem Mammon nicht dienen," sehen wir, dass die 
mohammedanische Geistlichkeit nicht weniger darauf 
bedacht ist Schätze anzusammeln, uni zu Macht zu 
kommen, als die aller anderen Behgionen. 

Wie reich die Eambin schon zur Zeit Leo's war, 
geht aus seiner Beschreibung hervor: „die tägliche 
Einnahme macht 200 Ducaten"*) aus, in der Nacht 
zündet man ^00 Lampen an, ausserdem giebt es grosse 
Leuchter, von denen jeder Platz für 1500 Lampen 
hat etc.'' Jene grossen Leuchter müssen wohl im 
Laufe der Zeit verschwunden sein; aus christlichen 
Glocken, wie Leo erzählt, geschmolzen, dienten sie 
einem Sultan Tielleicht später dazu, in Kanonen um- 
gegossen zu werden. Die zahlreichen übrigen Oel- 
lämpcheu imd grossen Krsytallkronleuchter sind aber 

*) „Dneaten*' in der deutschen UebersetnuigLea^B tod Lors- 
bach, Isl wohl dahm zu Terstehen, dass Ducaten sss einem Metkai, 
also ungefthr a= 1 Fr. 25 C. ist, aber hiunerliin würde die t&gliche 
SiiBime 2fi0 Fr. für damalige Zeit eme groase SunuM sein. 



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240 

noch Torhanden. In einem anstossenden Zimmer be- 

üikU'ii sich noch Yeiischiedeiie grosse Ulireu, Compasse, 
Magnete u. dergL, ohne dass ich eigentlich wüsste, 
dass man sich dieser Sachen bediene. 

Die andere Moschee, welche wegen ihrer eigen- 
thümlichen Bauart einerseits, dann wegen ihrer Be- 
rühmtheit als Asyl zu iiemieu ist^ ist die, wek;he den 
Namen imd die irdischen Jßeste des Gründers der 
Stadt trägt» die Djemma el Mnlei Edris. Sie ist dicht 
bei der vorigen gelegen, nur duich eine schmale Gasse 
davon getrennt. Sie zeigt sich eigentlich auch nur 
von dieser Gasse, Bab es ssinsla*), Eettenthor genamit, 
mit einem grossartigen und hübschen Portale in Huf- 
eisenform, alle anderen Seiten sind ummauert Die 
Mulei Edris Moschee unterscheidet sich dadurch von 
allen übrigen kirchhchen (iebäuden Marokko's, dass 
sie keinen Hof hat, denn eine kleine Arkadenrdhe 
ist offenbar erst später angelegt. Es deutet dies auf 
das hohe Alterthum des Gebäudes hin, wobei man die 
Nachahmung des christlichen Tempels noch wahr- 
nehmeM kami. 

*) Bab es ssbusla oder ssUsla s Kettei weil sie mit daer 
dserneii Kette qnerflber abgeseblosseii ist, jedoch so dass num 
£tt Fasse an beiden Seiten vorbeigebeii kann» Aber bier in dieser 
beiligen Strasse ^ bä dem Portale Hulei Edris' vorbei, dsrf kein 
Jade (Cbristen kommen ja ohnedies nicht nach Fes) sich sn isigen 
wagen, Tod oder sein Uebertritt som Islam wflide munittelbaie 
Folge einer üebetscfareitnng des Verbotes sein. Aber aocb Glin- 
bige dorfen in dieser Strasse nicht ranoben oder sieb dem 
Opium* nnd Hasddsdi-Genttsse' hingeben« 



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24! 



Das Hauptgebäude, welches auf einen kleinen von 
Arkaden eingescblofisenen Yorhoi folgt, besteht in 
einem einzigen nach Osten gerichteten Schiffe; &8t 
viereckig von Form, oline »Säulen wkd das Ganze von 
einem sehr hohen achteckigen Dache bedeckt, welches 
inwendig aus Holzskulpturen besteht, dessen äussere Seite 
jedoch Ziegel zeigt. Diese Dachziegeln sind bei allen 
monumentalen Gebäuden immer selber Art und auf 
selbe Art gelegt, wie in Jtulien und Spanien. Diclit 
bei der Xibla-Nische befindet sich das prächtige Grab- 
mal Mnlei Edris', dessen kostbare Tuchdecken alle 
Jahre erneuert werden. Das Innere der Moschee 
enthält ausserdem viel Gold und Silber, Geräthe, 
Offiranden, was eigentlich gegen die Satzungen des 
Koran streitet. Auch an der Aussenwand der Djenima 
el Mulei £dris befindet sich eine silberne Tafel mit 
massiv goldenen und erhabenen Buchstaben, welche 
eine Legende der Erbauung der Moschee enthält. 
Diese Tafel ist, um der Witterung vollkommen wider- 
stehen zu. können, unter Glas. 

Die Moschee, welche Asyl ist, d. h. wo gefiüchtete 

Verbrecher vor der Verfolgung weltlicher Gerechtigkeit 

sicher sind, ist ausserdem Sauya. Freilich ist mit 

dieser Sauya kein religiöser Orden verbunden, der 

eigentliche religiöse Orden Mulei Edris befindet sich 

iu Uesan, aber sonst hat sie nicht nur Einrichtungen, 

um Pilger zu beherbergen und zu bewirthen, sondern 

auch eine grossartige Schule ist damit verbunden. 
Bohlfi. 16 



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242 



Alle Übrigen Moscheen von Fes, obBchon noch 
sehr grosse vorhauden, so nameutiicii eine von Mulei 
Sliman in Neu-Fes errichtete^ sind gegen diese beid^ 
gehalten kaum der Jiehchreibuiig werth. Es befinden 
sich im ganzen jetzt in Fes eill' Moscheen^ in welchen 
Freitags das Chotba- Gebet gehalten wird, welchen 
man also gewissermasseu den Bang unserer christlicheu 
Pfarrkirchen zuerkennen könnte. Im übrigen giebt es 
aber noch eme sehr grosse Anzahl Moscheen, manche 
grösser an Umfang als jene, worin Chotba gelesen 
werden, obschon die Zahl Ton 700, welche Leo anfuhrt, 
heute nicht mehr existirt und auch wohl zu seiner 
Zeit übertrieben war. 

Ebenso existiren heute nicht jene zwei Gollegien 
für Studenten, von denen Leo so grossartige Berichte 
giebt; ausser den Lehrstühlen an der Karuhiu hat i^'es 
nur niedrige Schulen, Medressa, worin den Schülern 
nothdürftig und nieciiamscli lesen und schreiben gelehrt 
wird. Solcher Schulen giebt es eine grosse Anzahl, 
vielleicht über hundert 

Hospitäler hat Leo auch aufgeführt , es sind dies 
aber keine Hospitäler nach unserem Sinne, d. h. Kranken- 
häuser, sondern yielmehr Hospitäler (Gastiiäuser) im 
wahren Sinne des Wortes. Schon die Beschreibung, 
die Leo davon giebt, deutet darauf hin, dass man es 
zu seiner Zeit ebenso wenig mit Hospitälern odet 
Lazarethen nach unserem Sinne zu thun hatte. Es 
sind dies Stifte, wo Pilger, Beisende, müde Wanderer 



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243 



auoiulien koimeiij und wälirend einer gewissen Zeit 
tmentgeltlich Kost uud Logis erhaLteu. Es war dieser 
Brauch, in den Städten solclie Stifte zu haben, nicht 
nur in mohammedanischen Ländern heimisch, sundern 
zur Zeit, als das Gasthoiieben noch nicht so ausgebildet 
war wie jetzt, auch in aUen christHchen Ländern zu 
tiudeu. In viel« ii europäischen Städten existiren noch 
jetzt solche Einrichtungen, z. B* in Savojen, in Frank- 
reich und Italien. Eigentliche Hospitäler, d. h. Kranken- 
häuser, giebt es in Fes nicht. 

Indess besitzt Fes eine Anstalt, wie sie keine 
andere Stadt Maiokko's aufzuweisen hat; eine Irren- 
anstalt oder vielmehr ein Narrenhaus. Man denke sich 
aber keineswegs eine Anstalt, welche Heüung oder 
"Wohlbehagen dieser unglücklichen Goschöpfe iin Auge 
hätte, mit dergleichen Versuchen plagt sich der Mo- 
hammedaner nicht. Man findet in diesem Gebäude, 
in dem zur Zeit als ich es besuchte etwa 30 Indivi- 
duen sein mochten, nur Tobsüchtige oder Irre, die 
durch ihr Wesen dem Nebennienschen sich gefährlich 
gemacht haben; gutmüthige Narren, Idioten u. s. w. 
lässt man ruhig laufen, ebenso die religiös Wahn- 
sinnigen, die noch obendrein als Heilige verehrt werden. 

Der Zustand in diesem Narrenbause ist ein ent- 
setzlicher, und es gleicht dasselbe mehr einer Oe- 
fängnisshphle als sonst einem Gebäude. In langen 
Zimmern, worin auf dem blossen Steinboden im gröss- 

ten Schmutze halbverhungerte Gestalten mit dicken 

16* 



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244 

eisernen Ketten an die A\ ände iestgemauert sind, fast 
alle nackty ohne jegliche Pflege tmd Sorgüalt, verbleiben 
diese Unglücklichen hier, um die Welt nie wieder zu 
betreten. Die Anstalt selbst wird durch Vermächtnisse 
unterhalten. 

Erwähnt zu werden verdienen sodiiuii die vielen 
Bäder, welche zum Theil Phyaten gehören, zum Theil 
Eügenthum der Regierung oder der Moscheen sind. 
Eingerichtet sind sie wie alle warmen Bäder im Orient, 
in Aegypten oder den übrigen Berberstädten, so dass ich 
« eine specieUe Beschreibung nicht für nothwendig h^te. 
Der Luxus der algerniisclien oder ägyptischen Bader 
ist hier aber nicht bekannt, Handtücher zum Abtrock- 
nen werden nicht gereicht, dafür sind sie aber auch 
so billig, dass selbst der Aermste sich häufig den 
GenuBS einer gründlichen Beinigung gewähren kann. 
Die Bäder geringster Sorte kosten nur 3 Flus, die 
theuersten nicht ganz 2 Mosonat. 

Gasthäuser oder Fenaduk (pl. von Funduk) giebt 
es zweierlei Art in Fes. Es möchte auffallen, dass bei 
der Anwesenheit von Sauyat bei der Einrichtung der 
eben erwähnten Hospizen, ausserdem noch Gasthöfe 
nothweiidiL,^ 8nid, namenthch wenn man in Erwägung 
zieht, dass der Marakkaner der gastfreieste Mensch der 
Welt ist Und dennoch ist dem so. Die Gastfreiheit 
ist auf dem Land eine fast möcht' ich sagen unbe- 
grenzte; -aber in den Städten, wo täglich ein so grosser 
Zusammcfufluss von Fremden ist, wird sie natürhch 



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245 



nicht geübt. In den Satiyat und Hospizen ist es 

Eegel, einen Fremden nicht länger als drei Tage zu 
behalten. Man liat also, um die Fremden , weiche 
einen längeren Aufenthalt nehmen wollen , zu beher- 
bergen, Gasthöfe einrichten müssen. Die grosse Zahl 
solcher Gebäude spricht für den grossen Fremden- 
Yerkehr in Fes, obschon die Zahl von 200, die Leo 
angiebt, wuiil übertrieben ist. 

Es giebt Fenaduk, welche gebaut sind, Menschen 
und Vieh zu beherbergen, und solche die nur Platz 
für Menschen und allenfalls für ihre Waaren haben. 
Erstere haben in der Regel eine entsetzliche Ein- 
richtung. Ein grosser, meist viereckiger und unge- 
pflasterter Hofraum, wo sich- Pferde mit Kameelen, 
MAulthiere mit Eseln um den Platz streiten, wird Ton 
allen Seiten von kleinen Zimmern umgeben, die nur 
Zugang und Licht durch eine kleine niedrige Thür 
bekonunen. Meist sind diese Zimmer selbst nicht 
grösser, als dass man ausgestreckt darin liegen kann. 
Von Aufwartung ist natürlich keine Bede, der Neu- 
angekommene muss, hat er überhaupt Sinn für Rein- 
hchkeit, den Schmutz, den sein Vorgänger als An- 
denken im Zimmer zurückgelassen hat, eigenhändig 
hinauskehren. Ein Portier, der meist kauadji (Kaffee- 
Ausschenker) ist, steht dem Ganzen Tor, oft ist er 
Besitzer, oft Verwalter, oft bloss Miether. Die Ge- 
bühren steht n natürhch mit der schlechten Ein- 
hchtong im Einklänge; für ein Zhnmer zahlt man 



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246 



dorchschiiiUlioh iägHch nur eine Mosona, für ein Thi^ 
ebenso vieL 

Viel besser smd die Fenaduk eingerichtet, wo 
man nur Reisende au&iinunt, die ohne Thiere sind. 
Diese sind meistens mitten in der Stadt gelegen, einige 
sogar iu der eigeutlichen Kesserifti dem Handelscentrum, 
der yyBörse'^ könnte man fast sagen, yon Fes. Grosse 
melirstückige Gebäude, sind die Zimmer dieser Gast- 
höfe geräumig, haben oft, ausser der Thür nach dem 
Hofe oder nach den GaUerien zu, noch vergitterte 
Fensteröffnungen. Die Zimmer sind gut au^igeweisst, 
der Fussboden mit „Slae^j^' belegt, sonst aber ist von 
Möbeln natürlich nichts zu finden ; aber der bemittelte 
oder reiche Kaufmann hat auch sein ganzes Meuble- 
ment bei sich: eine gute Matratze, ein Teppich, 
einige Matten und Kisten vervollständigen dasselbe. Es 
fehlt auch der grosse Messingteller, ssenia, nicht mit 
dem Theetopf aus Britannia-Metall und sechs Ideinen 
Theetassen. Em Bochradj, d. h. ein Kessel zum 
Sieden des Wassers, ist auch unentbehrlich. Die 
Mieihe von solchen Zimmern varürt von vier Mosonat 
bis zu sechs und mehr per Tag. Die Kaffeebuden, 
welche sich am Eingang oder im Innern eines solchen 
Funduk befinden, gehören zu den besten. 

Solche Wirthshäuser, wie Leo sie beschreibt, 
als von unanständigen Wirthen, sog. el kahuate bewohnt, 
wo auch lüderlicbe Weibspersonen sich herumtreiben, 
gieht es jetzt in Fes nicht mehr^ vor den Thoren ist 



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247 



allerdings ein Viertel, welches in dieser Hinsicht in 
Bchlechtem Rufe steht; eigentliche Prostitation aber 
findet man überhaupt in Marokko nur in ^likenes. 

Dagegen giebt es zahlreiche Kaffeehäuser^ wo Kit, 
d. h. das getrocknete Kraut vom indischen Hanfe 
(Can. indica) gerauclit und gegessen wird, auch Opium 
wird in diesen Kaffeehäusern gegessen; die Sitte des 
Opiumrauchens kennt man im Bharb nicht Die 
Polizei oder Regierung thut gegen diese schädhchen 
G^Üsse nichts, wie denn auch Haschisch und Opium 
mit Taback zusammen nur von solchen Kaufleuten in 
der Stadt verkauft wird , die sich dazu einen Schein 
Ton der Begierung gekauft haben. Es herrscht also — 
denn nicht nur in Fes ist dies der Fall, sondern in 
allen binnenländischen marokkanischen Städten — für 
die Städte eine Art Taback-, Opium- und Haschisch- 
Begie. 

Anständige Leute hüten sich indess wohl, in solche 
Kaffeehäuser zu gehen, obschon &st Jeder in Fes dem 
Genüsse des Haschisch fröhnt, aber nur heimlich und 
im Innern der Wohnung. Desto strenger ist dagegen 
der Verkauf von Schnaps und Wein verboten, obschon 
beides in Fes für Geld und gute Worte zu haben ist; 
ersterer wird von den Juden destillirt aus Feigen, 
Rosinen oder Datteln, wird wohl auch von Gibraltar 
her eingeschmuggelt; letzterer wird in der Lesezeit 
Yon Juden sowohl wie Ton Hohammedaaem bereitet. 

Es würde zu weit fuhren, wollten irir alle Hand- 



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?48 



werke y InduBtrien, Ifanufactiireii und Handelszwdge 

einzeln auffuhren. Es genügt, wenn wir hier vorzugH- 
weise daa nennen, wodurch Fes heut excellirty und 
wenn wir hervorheben , dasB selbst heute Fes noch 
immer den ersten Kang unter allen Handelsstädten 
vom ganzen Bharb eimmnmt. 

Um letzteres zu erhärten, führe ich nur an, dass 
mir während meines Aufenthaltes in Fes manchmal 
Facturen gezeigt wurden, von französischen, englischen 
oder spanischen Handlungsbauserii herstammend, die 
sich auf 50,000 Frcs. beliefen. Man kann in der 
That also wohl behaupten, dass Fes auch Engros- 
Handel besitzt, wie es denn wirklich vornehme Kaui- 
leute genug dort giebt, welche mit Marseille, Gibraltar, 
Cadix oder Lissabon Auseinandersetzungen haben, welche 
die eben angeführte »Summe jährlich noch übersteigen. 
Es Tersteht sich Ton selbst, dass dieser Handel meist 
durch Vermittlung abgeschlossen wird ; aber auch oft 
genug kommt es vor, dass ein Fessi auf der Fügerfahrt 
nach Mekka Station in Marseille macht, dass er in 
Gibraltar längeren Aufenthalt hat, ja ich lernte Kauf- 
leute in Fes kennen, die direct, bloss um Waaren zu 
kaufen oder um Handelsbeziehungen anzuknüpfen, eine 
üeise nach Cadix oder Lissabon unternommen hatten. 

Alle diejenigen, welche in den berberischen Staaten 
^5ewe8en sind, welche sich in den leichter zugänglichen 
Städten Üengasi, Tripolis, Sfax, Tunis und anderen 
Orten angehalten haben ^ wissen, wie gross das Yer- 



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trauen europäischer Kaufleute ist; den Eingebornen 
werden oft Waaren von sehr bedeutendem Werth auf 
Credit verabfolgt. Man borgt selbst £snfleuten aus 
dem leruen Innern, wo jede Keclamatiou , falls mm 
betrogen vrürde, unmöghöh wäre. Und doch kommt 
es sehr selten vor, dass irgend Jemand sich eines Be- 
trugs schuldig macht. Von Timbuctu, Kano^ Bomu, 
Hursuk und Rhadames sehen wir Kaufleute auf Credit 
in Tunis, Tripolis oder Kairo Waaren entnehmen; sie 
ziehen damit in ihre Heimath, jahrelang bleiben sie 
manchmal verschollen^ aber nachdem sie ihre Waaren 
.verkauft haben, laufen immer Gegenwaareu oder Gelder 
ein, und der europäische Kaufmann wird bisinedigt. 

So machen es die Fessi auch ; die Waaren, welche 
sie sich en gros von Jlluropa holen, Ix .stehen vorzugs- 
weise in roher und verarbeiteter Seide, in Baumwollen- 
stoffen, Tuchen, Papier, Waffen, d. Ii. langen Flinten 
und Säbeln, Pulver^ Thee, Zucker, Droguen und Ge- 
würzen. Es giebt überhaupt jetzt fast keinen Artikel, 
den man in Fes nicht fäude. 

Die Engros-Händler haben ihre Waaren bei sich 
im Hause, die meisten aber haben zugleich ein Hanut, 
d. h. ein Verkaulsgewöibe, wo sie entweder selbst ver- 
kaufen oder verkaufen lassen. Der Punkt, wo der 
Haupthandelssitz ist, heisst die Kessaria; derselbe 
hegt im Gentium von Alt-Fes, dicht bei der Karubin- 
und Mulei-Ediis-Moschee, die zum Th^ von der 
Kessaria umgeben sind. 



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250 



Leo will das Wort Kessaria vom lateinischen 
Caesar ableiten ; zur Zeit der röiniscben Herrschaft 

hätten in doii niauritanischen Städten einige ummauerte 
Centren bestanden, damit die kaiserlichen Beamten 
hier ihre Zölle erhöben, und wo zu gleicher Zeit dann 
die inuewülmonden KauHeute die Verpflichtung gehabt 
hätten, mit ihren eigenen Gütern das Eigenthum der 
kaiserlichen Regierung zu beschützen. Man findet 
übrigens den Austiiuck Kessaria als Marktplatz in 
allen Städten Norda£nka's. 

In dieser Kessaria finden wir alle feineren und 
vorzugsweise die von Europa kommenden Waaren* 
Die Kessaria besteht ans einem grossen Complex Ton 
nicht für Thiere zugänglichen Strassen, zum Theil 
durch Häuser, zum Theil aber auch nur durch Ge- 
wölbe gebildet Alle Strassen sind überdacht. Wir 
haben liier Gänge mit Buden wo Specereien, andere 
wo Essenzen 9 andere wo Thee und Zucker''')^ andere 
wo Porzellan, d. h. vorzugsweise Vasen, Gläser, Tassen 
und Teller^ andere wo Tuche, andere wo Seidenstoflfe> 
andere wo Lederwaaren Terkaufb werden. Auch ühr- 
läden, zwei oder diei, ja sogar eine Pharmacie ist 



*) Thee und Zucker wird in ganz Marokko als eine zu- 
ßam nie 11 hängen de Waare vnrkauft, wenigstens hält es sehr 
schwer Thee allein zu bekommen. Auf ein halbes Pfund Thee 
werden fünf Pfimd Zucker gerechnet Der Thee selbst, von 
Englaudern importirt, ist von der grünen Sorte und schlechter 
Qualität. 



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251 

vorhanden, wenn man so eine Ansammlung fast aller 

Medicamente, worunter auch Chinin, Tartarus stib. und 
Ipecacuanhai nennen kann. Ein gewisser Dja£Ear hat 
sich diese Medicamente von Lissahon geholt, und ein 
Verzeichniss in portugiesischer Sprache zeigt zugleich 
die zu gebende Dose an und die Krankheit, wogegen 
die Medicin gegehen wird. 

Tritt man aus der Kessaiua heraus, so kommt man 
ins eigentliche industrielle Leben hinein. Hier eine 
lange Reihe von Buden, wo gelbe, rothe und buntfar- 
bige Pantoffel verarbeitet werden, dort dicht dabei 
Gerber, welche das buntgefärbte weiche Corduan, Ma- 
rocain- und Saöian-Leder verkaufen. Zeigt schon 
der Name an, dass zuerst die Kunsty das Schaf- und 
Ztegenleder zu jener schönen Weiche, mit der grössten 
Zähigkeit verbunden, zuzubereiten, von den Moham- 
medanern in Cordova erfunden wurde, später aber 
die berühmtesten Gerbereien in Marokko selbst und 
noch später in Saffi (Ash) sich befanden, so scheinen 
heute die schönsten Leder in Fes bereitet zu werden, 
wenigstens sind in ganz Kordafrika die Leder von 
Fes als die feinsten und dauerhaftesten gerühmt. 

Aber man kommt nicht gleich aus der Kessaria 
in die labyrinthischen Handwerkerstrasseu, man hat, 
wenigstens auf dem Wege nach Neu-Fes hin, zuerst 
die Blnmenbuden zu durchwandeln, und es bilden die 
Blumen einen hübscheu Üebergaiig von der Industrie 
zm Handel. Eb ist eigenihümlieh^ welche Vorliebe 



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252 

Ton jeher die Bewohner von Fes vor den übrigen 
MaroUcanem fUr Blumen gehabt zu haben scheinen, 

wie denn auch die Cultur derselben in Gärten über- 
all herrortritt. 

Djis Haus, welches der Bascha-G-ouvemeur von 
Fes mir als Aufenthalt angewiesen hatte, lag am Ab- 
hänge der östlichen HügeL Von einem Arme des 
Ued Fes durchÜossen, wai*eu ausser Orangen, Feigen, 
Oliren, Aprikosen» Pfirsichen und Granaten, überall 
blühende Rosenstöcke, grosse Büsche Jasmin, Nelken,. 
Veilchen uiitl stark duftende Kräuter. 

Biese findet man denn auch Torzugsweise in der 
Blumenabtheilung, hier sind Jasmin, Basilik, Nelken, 
Hyazinthen, Rosen, Narcissen, Pfefferminze, Absinth, 
Thymian, Majoran, dort sind ganze Blumenbouquets, 
Mesclimum en nniir genannt, zu haben. Gemüse und 
Obstbuden schUessen sich daran. 

Von solchen Gewerken, worin Fes noch heute 
vorzugsweise glänzt, nenne ich femer die Töpfer- 
waaren« Grosse Schüsseln, kleine Leuchter und 
Lampen und dergleichen Gegenstände werden ans 
einem porcellcuiartigen Thone sehr schön iiergestellt. 
Nach Art unserer alten deutschen Thonwaaren sind 
sie mit groben blauen Figuren bemalt und glasirt 

Hieran schliessend, erwähne ich der „Slaedj," 
kleine Fliesen von bunten Farben^ die ebenfalls in Fes 
fabricirt werden. Wenn einst die Waffenschmiede in 
diesen Ländern berühmt waren, so sieht man jetzt in 



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25S 



den Gewölben nur europäische Fabrikate ausgestellt. 

Ebenso haben die früher so bekaunten rotheu Mützen 
(daher der Name ^^Fes/' den wir jetzt noch den 
rothen Mützen geben) sich nicht auf ilirer einstigen 
Höhe halten können, nicht nur die von Tunis sind 
jetzt bedeutend besser, sondern selbst in livomo wer- 
den sie hilhger und schöner hergestellt. Besonders 
hervorheben müssen wir sodann die Manufacturwaaren 
von seidenen Scharpen, 3—4 Fuss breit, 40 — 50 Fuss 
lang; es sind diese seidenen von Gold durchwirkten 
Stoffe das Kostbarste, was Fes auf den mohammeda- 
nischen Markt bringt^ und heutzutage das Einzige, 
worin es uniibertrotien dasteht. 

Von aJlen übrigen Handwerken finden wir in 
Fes nichts, was die Stadt vorzugsweise auszeichnete, 
aber alle sind in so grosser Menge vertreten, dass 
man auf den ersten Blick sieht, es wird hier nicht 
bloss für die iieJürfinsse der Stadt gearbeitet, sondern 
für das ganze Land. 

Die lange Strasse, welche Alt-Fes mit Nen-F68> 
verbindet, ist denn auch weiter nichts als ein Bazar, 
und es herrscht hier natürlich die grösste Frequenz, 
nicht nur weil alle Leute vorzugsweise diesen ver« 
hältmssmässig breiten Weg benutzen, um von einer 
zur andern Stadt zu kommen, sondern auch weil ein 
Hauptkarawanenweg hier durchführt, auf dem sich 
beständig lange Eeihen von beladenen Kaineelen, Maul- 
thieren und Eseln fortbewegen. Verfolgt man diesen 



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254 



Weg weiter nach Neu^Fes lunem, so findet man sick 

gleicli daraul vor dem uniniauerteu Stadttheile der 
Juden, der Melha. Die Juden aber dürfen nur in 
Neu-Fes und hier abgesondert Ton den Gläubigen in 
einem ummauerten Viertel, das gleich an das kaiser- 
Uche Palais stösst, wohnen. Und sie sind gern hier, 
denn so sehr sie auch den Vexationen und Erpres- 
sungen der Regierung des Sultans ausgesetzt sind; so 
haben sie doch längst einsehen gelernt, dass es besser 
ist unter dem Schutze selbst der despotischsten Herr- 
schaft zu wohnen, als der Willkür eines dummen und 
fonatischen Volkes preisgegeben zu sein. Im Jaden* 
viertel herrscht übrigens, was Handel und Wandel, 
was Industrie und Handwerke anbetrifft, eben das ge- 
schäfUiche und Tege Treiben, wie in der Eessaria 
und den Strassen von Alt-Fes. 

Vorzugsweise sieht man Gold- und Süberarbeiten 
in den Händen der Juden, die Nadeln, welche dazu 
dienen, das Haar der Frauen oder ihre Kleider zu 
befestigen, Fingerringe, Arm- und Fussbänder (auch 
die marokkanischen Frauen tragen oberhalb der 
Knöchel schwere kupferne oder silberne Ringe) werden 
fast ausschliesslich yon den Juden hergestellt. Ebenso 
ist die Secca, d. h. Münze, iiar von den Juden be- 
dient. Es ist dies ein zieuüich ansehnüches Grebäude, 
welches Theil des Palastes des Sultans ist und un- 
mittelhar an die Melha anstösst. 

An einheimischen Münzen haben die Marokkaner 



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jetzt nur den Fls (pl. Aus), eine kleine Kupfermünze, 
. welcher auf einer Seite das Salomonische iSiegel, d. h. 
das bayerische Bierzeichen (zwei durcheinandergehende 
Dreiecke), und auf der anderen Seite Jahrebzaiil and 
Prägimgsort (auch in Tetuan befindet sich eine Münze) 
zeigte dann zwei Mus-Stücke, udjein genannt, ebenfalls 
geprägt. Sechs Flus bilden die imagiuäre Münze, Mu- 
sona genannt: eine Mosona giebt es nicht geprägt. 
Sie ist ungeföhr gleich einem Sou. 

Vier Mosonat bilden sodann eine Okia, d. h. 
Urne, ebenfieJls nur ein Ausdruck, aber acht Mosonat 
oder zwei Unzen ist die kleinste, und 10 Mosonat 
oder 2V2 Unzen die.grösste geprägte öübermünze. 
10 Unzen bilden die imaginäre Münze Metkai. Und 
die einzige geprägte Goldmünze, Bendki genannt, be- 
steht aus 2'/2 MetkaL Im übrigen gelten die franzö- 
sischen und die spanischen Silbermünzen im ganzen 
Lande, und französisches, spanisches und englisches 
Geld überall nördhch Tom Atlas. Der einst so beliebte 
spanische Bu-Medfa- Thaler , so genannt von den 
beiden Herkulessäuleu, welche die Marokkaner jßir 
Kanonen halten, ist &8t ganz aus dem Handel ver- 
schwunden, dagegen hat der französische fünf Francs- 
Thaler Platz gegriffen. Frankreich lässt für Marokko 
auch sübeme 20 Centimes-Stücke schlagen'*'), welche 

*) Wenigstens muss man so annehmen, da man in Frankreich 
selbst die 20 Cent- Stücke fast gar nicht sieht, hingegen in Ma- 
rokko sie ftussent sahlreidi und von allen Jahrgängen vertreten 
findet« 



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256 



in Marokko im Werthe einer Unze cnisireii. Der Sster- 
reichische MariarTheresien-Thaler, der sonst in ganz 
Afrika ohne Nebenbuhler herrscht, wird in Marokko 
äusserst selten gefunden. 

Die Maasse und Gewichte sind in Marokko fast 
fUr jede »Stadt verschieden, für die Länge hat man 
die Elle, Draa mit Brächen als Unterabtheilung, dann 
Zoll, für das Gewicht das Pfund, Unze, Metkai 
(letzteres für Goldstaab) für flüssige und trockene 
Sachen, endlich yerschiedene Maasse. 

Administrirt wird die Stadt von zwei Gouverneuren, 
von denen der eine den Titel ;,Bascha'^ hat und Alt- 
Fes vorsteht, während der andere „Kaid'' genannt 
wird und über Neu-Fes herrscht. Es scheint hier- 
aus hervorzugehen^ einestheils dass die Regierung des 
Sultans beide Städte als vollkommen getrennt be- 
trachtet, und andererseits Neu*JEf'es mehr als eine 
Festung angesehen, während Alt-Fes als wichtiger 
gehalten wird, dadurch dass man von einem Bascha 
administriren lässt. In den Wohnungen des Bascha 
und Kmd wird zu gleicher Zeit taglich Becht ge- 
sprochen. Der Kadi jeder Stadt findet sich dort 
täglich ein, und alle Eechtsiälle werden auf der 
Stelle zur Entscheidung gebracht. Es känn sodann 
an den Bascha oder Kaid appellirt werden, und von 
diesen an den Grosswessier oder Sultan selbst 

Es kommt gar nicht selten vor, dass Kläger sich 
von dem Kadi an den Bascha imd von diesem au den 



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267 



Sultan wenden. Gegen Stockstrafe oder Enutenbiebe 

wild fast nie remonstriit, wohl aber gegen Geldbusse. 
Der Kadi und Bascha haben Strafirermögen in unbe- 
grenztem Masse, indess werden selten Enntenhiebe 
über 300 an der Zahl ausgetheilt, die Geldbussen 
aber so hoch wie möglich hinau%etrieben. Grösserer 
Diebstahl hat immer das Abhacken zuerst der linken, 
dann beim Rückfall das der rechten Hand zur Folge. 
Hat man keine Hände mehr zum Abschlagen, so kom- 
men die Fiisse an die Reihe, oft bei grossen Dieb- 
stählen oder gravirendeu Umständen werden auch 
gleich die Füsse abgehauen. So wurden einem Land- 
bewohner, der im Sommer, als ich mich in Fes befand, 
ein Pferd des iSuitans gestohlen hatte, der rechte 
Fuss und die linke Hand abgehackt. Das aus der 
Altstadt nach Neu-Fes zu führende Thor hat immer 
eine Menge solcher Trophäen aufzuweisen, auch Köpfe 
Ton hingerichteten Verbrechern haben hier ihren 
Ausstellungsort, während meiner Anwesenheit in Fes 
sah ich indess keinen Xopf ausgestellt. 

Das Recht wird übrigens Tollkonmien wfllktirlich 
gesprochen, und Bestechungen sind an der Tages- 
ordnung. 

In Neu-Fes war in den ersten sechziger Jahren 
ein Schwarzer, ein ehemaliger Sklave Namens Faradji 
Kaid. Dieser hatte schon seit mehr als 50 Jahren 

diesen Posten inne, und galt als ein Phänomen. Er 

hatte unter Sultan Sliman die Stelle bekommen, sie 
B4»iil&. 17 



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258 



unter Abd-er-Ithaman behAuptet, und war auch von 
Sidi Mohammed^ dem jetzigen Sultan, bestätigt worden. 

Im ersten Jahre der Regierung des jetzigen Kaisers 
wurde Fara^ji verläumdet, man machte den Sultan 
auf seine ungeheuren ReichthÜmer aufinerksam, man 
deutete darauf hin, dass Faradji, der doch ehemals 
nur SldaTe gewesen, diese grossen Beichthümer wohl 
nur durch Erpressung, Bestechung oder gar dadurch, 
dass er sich am Eigenthum des Sultans selbst Ter- 
griffen, habe erwerben können. Der Sultan liess Fa- 
radji koniinen, und befahl ihm, da er gehört habe 
Faradji habe fremdes Eigenthum, er überdies ja als 
ehemaliger Sklave nichts besessen habe, das fremde 
Eigenthum, und namentlich das was ihm, dem bultan, 
zukomme, von seinem zu sondern. Der schlaue Fa^ 
radji erwiederte nichts, ging in den Pferdestall des 
buitans, entledigte sich seiner Kleidungsstücke, zog 
einen slten wollenen Kittel über, und fing an den 
Stall zu kehren. Der Sultan fragte einige Zeit später 
nach Jj'aradji, und war erstaunt als derselbe im ärm- 
lichsten Anzüge vor ihm erschein« Befragt^ warum 
dies, erwiederte er: „Ja Herr, Du befahlst meine 
Habe von der Deinigen zu trennen 1 Als ich Ton 
Deinem Grossoheim Mulei SHman gekauft wurde, hatte 
ich nichts als diesen wollenen Sklavenkittel, den ich 
zum Andenken meiner Herkunft aufbewahrt habe, und 
auch dieser gehört ja, streng genonmien, nicht einmal 
mir, wie konnte ich also mein Eigenthum von Deinem 



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259 

trenneu; hm ich nicht noch immer Dein Sklave? Lass 
Yon Deinem Diener alles nehmen, alles was ich ver« 
waltete, ist Dein rechtmässiges Eigenthum.'' 

Man kaua sich deuken, dass der auf diese Art 
die Grossmuth des Sultans anrufende Faradji leichtes 
Spiel hatte, in der That umarmte ihn Sidi Mohammed, 
und Jj^aradji wurde aufs neue in seine Kaidwürde ein* 
gesetzt, mid ihm alle seine Güter gelassen. Als der 
Sultan von Neu-Fes nach Mikenes iib ersiedelte, be- 
suchte ich mehreremal Fara^ji; er war immer sehr 
fireundhch und zuvorkommend, pflegte den ganzen 
Morgen, auf einem Teppich sitzend, vor dem Magazin 
(es ist dies der ofEcielle Ausdruck für das Palais 
des Sultans, und bedeutet zugleich die ganze Begierung) 
zuzubringen. Faradji war ein stattlicher schwarzer 
Greis mit intelligenten Gesichtszügen und schönem, 
wenn auch nur spärlichem weissem Barte. Seiner 
eigenen Meinung nach war er 1863 neunzig Jahre alt, 
was wohl eher zu wenig als zu yiel sein dürfte, da 
er schon unter Sultan Siiman*), also zui* Zeit als Ali 
Bey Marokko besuchte, Xaid war. 

*) Die jetzige Dynastie in Marokko wird die der Filali ge- 
nannt, weil der Gründer Mulei Ali aus Tafilet (der Bewohner 
Tafilets heisst ein Füali) stammt Dessen Sohn Mulei Moham- 
med wurde von seinem Bruder Mulei Arschid vom Throne ge- 
stürzt, und dieser, der von i6G4 — 1G72 regierte, war iiachjuaauf 
ben Taschün der mächtigste Muiiareh. Die Grausamkeit dieses 
Sultans wurde von den rafiiuiiLeii Grausamkeiten Mulei Is- 
mails, der sein Bruder war und ihm 1672 folgte, noch übertroffeiu 
Isma&l, jetzt einer der grössten Heiligen von Marokko, regierte 



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200 



Si MohAmmed ben Thaleb^ der Sascha von Ali- 
Fes, dessen Gast ich während der ganzen Zeit meines 

Aufenthalts in Fes war, hatte freihch ein ganz anderes 
Schicksal. Er war ein Mann von rechthchem Charakter 

* 

und vollkommen yonirtheilsfrei, was in Marokko viel 

sagen will; icli tiude in meinem Tagebuch sogar die 
Notiz: Thaleh war der einzige wirklich ehrliche 
nnd durchaus rechtliche Mensch, den ich in Marokko 
kennen Jemte.^^ Gebürtig aus Ain Tifa, einem Orte 
etwa einen Tagemarsch südöstlich von der Stadt Mara- 
kisch gelegen, w;u er fast unabhängiger Herrscher über 
eine dortige Berbertribe, welche seiner eigenen Aussage 
nach sieben Hauptstämme um&sste. Mächtig und 
reich (er verkaufte jährlich für etwa 200,000 Fr, 
Mandeln nach Ssuera), wäre er gewiss Ueber in seiner 
Stellung als Berberchef gebUeben, wie er überhaupt 
nie fröhlicher und vergnügter war, als wenn seme 
Stammgenossen, Berber von der Heimath, ihn in 
Fes besuchten und er mit ihnen ScheUah oder Ta- 



bis 1727. Nach ihm folgte Mulei Ahmed Dehabi, vierter Sohn 
Ismaels, regierte jedoch nur bis 1729; sein Brader Mulei-Abd- 
Allah folgte bis 1757, und nach ihm kam sein Sohn Sidi Mo* 
hammed, der bis 1790 regierte und im Jahre 1760 Mogador 
gründete. Die beiden folgenden Söhne, Mulei Mohammed Mahdi 
el Tisid und Mulei Haschem regierton nach einander zusammen 
nur zwei Jahre. Mulei Sliman behauptete sodann den Thron 
von 1792 — 1822, und nach ihm regierte Mulei Abd-er-Khaman 
ben Hischam bis 1859, und dessen zweiter Sobo, Sidi Molkam- 
m»df behaa|)tet heute noch den Thron. 



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261 



mashirt reden konnte. Aufstände^ me sie bo häufig 

in Marokko vorkommen, verv\^ickelten seine Berber- 
stämme im Jahre 1846 gegen die kaiserliche Eegie- 
jong; Ben Thaleb selbst betheiligte sich jedoch nicht 
daran, sondern hielt mit seiner ganzen Familie zum 
Sultan. Der Aufstand endete, wie in der Begel, mit 
der Niederlage der Rebellen, der Sultan Ahd-er-Rha- 
man aber, tun einen su mächtigen Stamm für immer 
an sein Haus zu ketten, ernannte ihren Schieb Ben 
Tlialob zum Bascha-Gouverneur von Fes, welche Stelle als 
die erste nach dem Ui'sirat (Aünisterium) im ganzen Keich 
betrachtet wird. Der Berberstamm wurde durch eine 
so schmeichelhaite Auszeichnung, die seinem Chef 
widerfuhr, vollkommen zum Sultan hinübergezogen, 
und auch Ben Thaleb schien diesen Platz, der mehr 
als jeder andere abwirft, zuerst nicht ungern ange- 
nommen zu habeB. 

Indess schon zu Lebzeiten Mulei-Abd-er-Ehaman's 
war Ben Thaleb wiederholt um seinen Abschied ein- 
gekommen, er hatte in Erfahrung gebracht, dass ein 
Gouverneur von Alt-Fes. der reichsten Stadt des 
Landes, nie eines natürlichen Todes stürbe. In Ma- 
rokko haben nämlich die Beamten eine ganz andere 
Stellung als bei uns. Nicht dass sie vom Staate, wie 
denn dort Staat und Sultan noch eins sind, oder vom 
Herrscher Gehalt bekommen, müssen sie im Gegentheil 
der Kegierung, oder der Gasse des Sultans, Gelder 
abhefem, Sie können allerdings dafür von ihren Schutz* 



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« 

262 



befohlenen so viel erpressen, ine sie wollen. Da nirn 

jeder Beamte darauf ausgeht, seinen Säckel zu füllen, 
ausserdem aber grosse Summen dem Sultan abzuführen 
hat, so kann man sich denken, wie schlecht das Volk 
dabei fährt, und meistens sind Uebersteuerungen und 
villkürliche Erpresstmgen die Ursachen der so hält* 
figen Revolten. Es ist dieses Systi in auch andererseits 
Ursache der schlechten Coltur des Bodens; abgesehen 
davon, dass weder Berber noch Semiten je etwas im 
Ackerbau geleistet haben, giebt sicli kein Mensch 
Mühe, den Boden so ergiebig wie möglich zu machen, 
weil er weiss, dass die Erzeugnisse der JE^egierung 
verfallen sind. Ebenso ist der Handel dadurch ge- 
lähmt, der reiche Kaufmann von Fes sieht mit Bangen 
dem Tage entgegen, wo die Regierung sich seiner Erspar- 
nisse bemächtigt, und es giebt deshalb auch in keiner 
Stadt, in keinem Ort Jemand, der nicht seinen 
geheimen Schatz hätte, der in der Regel vergraben ist. 

Der Bascha ben Thaleb regierte im Jahre, als ich 
Fes betrat, die Stadt seit 13 Jahren. Da er seinen 
Abschied auch von Sidi Mohammed nicht bekonmien 
konnte, tröstete er sich mit den G^edanken, diesem bei 
seinem Regierungsantritt den wichtigsten Dienst ge* 
leistet zu haben, und recimete auf seine Erkenntlichkeit. 

Wie bei jedem Kaiserwechsel, so waren auch bei 
dem Tode Miüei-Abd-er-Rhaman*s grosse Unruhen und 
Fehden um die Nachfolge ausgebrochen. Es war vor 
allen der älteste Sohn des Snltan Slimaa, Namtfis 



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263 



Mulei Abd-er-Bhamaa-ben-SlimaQy der mit Hülfe der 
Franzosen hoffte, den Thron seines Täters wieder zu 
gewinnen, aber trotzdem er seinen Sohn Hülfe bittend 
an den gerade mit der Niederwerfung der Beni Snassen 
beschäftigten französischen General Martimprey schickte, 
konnte er nicht aufkommen. Da war femer der erste 
Sohn des verstorbenen Sultans und älterer Bruder des 
jetzt regierenden, auch er wurde aus dem Felde ge- 
schlagen, und wurde wie der ersterwähnte nach Taiüet 
verbannt*). Der jetzt regierende Sultau Sidi Mohammed 
verdankte seine schnelle Installirung hauptsächhch 
dem Umstände, dass sich Sidi ei Hadj-Abd-'es-Ssalam von 
Uesan für ihn erklärte, dass er schon bei Lebzeiten 
des Vaters Califa, d. h. Stellvertreter des Sxdtans 
gewesen und grosse Schätze angesammelt hatte, und 
dass sich Ben Thaleb, der Gouverneur tou Fes, sofort 
zu seiner Partei bekannte. 

Der Bascha von Alt-Fes hatte indess gar nicht 
so leichtes Spiel, denn wenn auch Faradji, der Gou- 
verneur von Neu-Fes, des jetzigen Sultaus Panier er- 
griff, so hatte dieser mit seinen wenigen Soldaten genug 
zu thun, um das Palais des Sultans und Neu-Fes vor 
Plünderung und Angriff zu schtltzen* Ben Thaleb 
hatte aber ausser einem Dutzend Maghaseni (Reiter) 

*) Beide Prinzen, die ich dort kennen lernte im Jahre 1863, 
lebten in freiwilliger Verbannung, obschon man in Marokko be- 
baaptet, die Regierung habe sie dortbin verbannt. Die Lage ist 
aber derart, dass, wenn der Sultan seines Bruders und Yettera 
habhaft werden köiiBte, er sie sicher wttrde hinrichteu lassen. 



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264 



nur von seinen eigenen^ mit Flinten bewaüheten Ber- 
bern vielleicht 50 Mann zur VerfUgimg. Der jetacige 

8ultan war mit der Aiiaee noch fern von der Haupt- 
stadt 

Eines der wichtigsten Quartiere der Stadt, das 

der Djemma Mulei EdiLs, vorzugsweise von Schürfa 
(Abkömmlingen Mohammed's) bewohnt, empörte sich 
nun sofort nach dem Tode Ahd-er-Ehaman's und rief 
den ältesten Sohn des Sultan Sliin in zum Nachfolger 
aus. Aber sie hatten nicht auf Ben Thaleb's eiserne 
Energie gerechnet: er Hess fast vom ganzen Quartiere 
die erwachsenen Männer decimiren, die Häuser der 
vornehmsten SchürfiEk wurden dem Boden gleich ge- 
macht, und alles was am Leben blieb, wurde seines 
Eigenthums beraubt. Diejenigen nun, welche wisseu 
was es heisst, einen Scherif in Marokko beleidigen, 
strafen oder gar tödten, können sich denken, welche 
Aufregung dieses Verfahren Ben Thalebs hervorrief, 
der nicht einmal Araber, geschweige Scherif, sondern 
nur ein Brebber*) war. Aber der Berber-Schich war 
nicht der Mann, sich einschüchtern zu lassen, anderer- 
seits yertheilte er den anderen Quartieren der Stadt je 



*) Bezeichnung für Berber in Marokko. Man sieht hieraus, 
dass der Araber den Wahn, den Mohammed lehrte, das arabische 
Volk sei besser als jedes andere, noch immer aufrecht erhalten. 
Es tmcr dies wesentlich zum Untergange des arabischen Volkes 
bei, wie denn ancli die Juden den Dünkel das auserwähite Volk 
Gottes zu sein schwer genug haben büssen müssen. 



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265 



2000 Metkaly ein ganz artiges Sümmchen für i7 Quar- 
tiere. So brachte er durch Strenge imd Güte es dahin^ 
dass Fes den jetzigen Sultan gleich anerkannte^ und 
als der Vetter des Sultans mit seinem Heere vor die 

Hauptsüidt rückte, wurde er von den Bewohnern von 
Fes, an deren Spitze Faradji und Ben Thaleb standen, 
feindselig empfangen; er mnsste fliehen^ als Sidi Mo- 
hammed herbeiriickte, diesem wurden die Thore ge- 
öffiiet, und damit hatte Marokko einen Sultan. 

Als Gast des Bascha's bezog ich mit meinem 
Dolmetsch; welcher Hauptmann der reerehnässigen 
Armee des Sultans war, ein Zimmer, welches zur Pri- 
vatmoschee des Bascha's gehörte, welche gleich neben 
seiner Amtswohnung gelegen ist. Mit zunehmender 
Wärme wurde der Aufenthalt in diesem Zimmer bald 
unerträgHch, und als eines Tages der Bascha fragte, 
wie ich mit meiner Behandlung zufrieden sei, machte 
ich ihn auf die unerträgliche Hitze aufinerksam. Er 
rief einen seiner Diener und fragte ihn, welche Woh- 
nung in der Nähe der seinigen auf der Stelle zu haben 
sei; dieser bezeichnete einen reizenden Sommersitz, 
welcher, obschon in der Stadt gelegen, erneu hübschen 
Garten habe, vom Fes-Flusse durchzogen würde, an 
die Wohnung des Bascha anstiesse . ,,aber, fügte er 
hinzu, der bcherü', dem es gehört, hat seinen Sommer- 
anfenthalt schon darin genommen/' y,Geh' auf der 
Stelle und sage ihm, ich brauche seine Wohnimg," 



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266 



war des BascWs knm Antwort ,,Uad du Mustafa/^ *) 

fuhr er iort, ,;kanust heute noch umziehen^ und wirst 
]iim'*gewi8B zufrieden sein.'^ Der Scherif schien indess 
nicht grosse Eile zu haben ; vielleicht glaubte er auch, 
weil er Scherif (Abküiomiiiig Mohammed'ß) sei, dem 
Befehle trotzen zu können. Kurz, als ich am folgenden 
Tage Beil Thaleb besuchte und er sich luicli meiner 
Wohnung erkundigte^ musste ich gestehen ich sei, weil 
der Eigenihümer sieb noch immer m seinem Hause 
befände, noch in meinem Moschee - Zimmer. Aber 
kaum Hess der Bascha mich Tollenden; ein Diener 
wurde gerufen, er bekam Befehl, auf der Stelle den 
Scherif mit semem beweglichen Eigenthum auf die 
Strasse zu setzen; so geschah es, und an demselb^ 
Tage konnte ich einziehen. Es würde nichts genützt 
haben, hätte ich zartfühlend gegen diesen Befehl, den 
Eigenthümer aus seinem Besitze zu yertreiben, prote- 
stiren wollen. Niemand würde ein solches Benehmen 
verstanden haben, da das unfehlbare Benehmen, 
d. h. willkürliches Betragen, sich vom Sultan auch auf 
seine Beamten übertragen hat. 

Folgendes nun wirft auch Licht auf das summari- 
sche GerichtsTerfahren in Marokko und Fes ilberhaupt^ 
und ich schreibe die hier folgenden Zeilen wörthch 
aus meinem damals geführten Notizbuch ab. 

Das neue Haus, welches ich bezog, hat ein 
Stockwerk und ist nicht nach Art der Wohnhäuser 
*) Es war dies mein in Marokko angenommener Name. 



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267 



in Fes eingerichtet, sondern nach anderen Regehi er- 
baat Mitten im Garten U^eod, iüesst unter dem 
Hanse der kleine Üed Fee, der hier in den Garten 
tritt und in einer 4 tiefen und 6' breiten gemauerten 
Binne läuft| bis er an eine dem Hanse gegenüber- 
liegende Veranda kommt, und unter dieser in einen 
andern Garten tritt. Das Haus selbst hat unten eine 
geräumige Veranda, einen SaXon und ein Zimmer, das 
alkovenartig (eine Art von Kubba) hinten angebaut 
ist; oben sind drei Zimmer, die wir unbewohnt Hessen ; 
ebenso wurde das platte Dach selten benutzt Der 
mir als Dolmetsch beigegebene Offizier schlief mit mir 
im hintern alkovenartigen Zimmer; in der einzigen 
Thür, welche zum Salon führte, schliefen drei Diener 
zwei andere in der Veranda, und zwei waren in 
der gegenüberliegenden Veranda, wo wir der Be- 
quemlichkeithalber auch unsere Pferde stehen hatten. 
So bewacht, dachten wir nicht im entlerutesten au 
Diebstahl, zudem in Fes Nachts, weil die einzelnen 
Quartiere, wie früher schon erwähnt ist, abgeschlossen 
sind, die grosse Communication ganz aufgehoben ist 
Eines Abends hatten wir, der Eaid oder Haupt- 
mann und ich, auf unserem Teppich liegend, spät 
Abends Thee getrunken, beim silbernen Mondschein, 
am Rande des Torbeiplfttschemden Flüsschens, unter 
duftenden Orangenbäumen hatten wir die Zeit ver- 
gessen, und der Maden ilul (das erste ATertissement zum 
Gebet wird im iSommtü bchou um 1 Uhr Morgens von 



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268 



den Ifmarets gegeben) ertönte, als wir scUafen 

gingen. Wir mochten kaum eine halbe Stunde ge- 
Bchlafen haben^ als einer der Diener „Sserakin, Ssera- 
kin'^ (Diebe, Diebe) rief. Alle Hefen wir binans mit 
Gewehren bewafihet, aber nichts war zu finden. 
Wie hätte aber auch ein Dieb herein und so schnell 
hinauskommen könnüii: an drei Seiten hatte der 
Garten £ast 20 Fuss hohe Mauern, und die vierte 
Seite führte mittelst einer senkrechten, etwa 30 Fuss 
hohen Mauerwand in einen anderen Garten, unniüglich 
konnte er hier hinuntergesprungen seui. Indess fanden 
wir, nach unserer Behausung zurückgekehrt, dass wirk- 
lich ein Dieb dagewesen sein mnsste, es iehlten von 
meinen Kleidungsstücken, die ich abgelegt hatte, Hosen, 
Pantoffeln, dann der Turban des Hauptmanns, femer 
ein erst Tags zuvor angebrochener Hut Zucker^ endhch 
unser ganzes Theeservice, Eigenthum des Bascha's. 
Eine genauere Untersuchung ergab, dass der Dieb 
unter der Gartenthür sich durchgewühlt, und wahr- 
scheinlich schon mehrere Gänge gemacht hatte. 

Aul unsere am anderen Morgen erfolgte Anzeige 
wurden tou Ben Thaleb sämmtliche umwohnenden 
Bürger verhaftet, sie mussten die Sachen in Gemein- 
schaft ersetzen, ausserdem ein jeder 20 „Real^^ (so 
nennt man die französischen fünf Francs-Stücke) Cau- 
tion erlegen, bis der Dieb von ihnen selbst ermittelt 
wäre. Mit Erlegung der 20 Beals erlaugten sie zwar 
ihre Freiheit wieder^ aber ich £^be kaum, dass sie 



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269 

je irieder zu üurem Gelde gekommen sind; soUte es 
ilmen auch gelimgen sein den Dieb zu ermitteln. Ich 

bemerke inebei, dass ich einige Jahre später iu Leptis 
magna von der türkischen Behörde eine ganz ähnliche 
Justiz üben sah, als einem meiner Diener aus dem 
Zelt ein Eevolver Nachts gestohlen wurde. 

Ausser den beiden GrOUTemeuren der Stadt giebt 
es sodann Vorsteher der einzelnen Quartiere, Vor- 
steher der Moscheen, Einsammler der Gelder, Markt- 
Tögte, einen Marktkaid der Eessaria, und einen Markt-' 
kaid des grossen, einmal in der Woche ausserhalb der 
Stadt abgehaltenen Marktes. Die Marktvögte und der 
Marktkaid haben hauptsächlich die Obliegenheit Strei- 
tigkeiten zu sclilichteu imd Ordnung zu halten. An 
jedem Thore £ndet man einen Kaid el Bab, der die 
Thore zu öfhen und zu schliessen, sowie den Zoll zu 
erheben hat, es ist sodann eine Hauptzullamt in der 
Stadt» endlich sind als Behörden noch die Zunftmeister 
zu nennen, da jedes Handwerk zu einer Zunft ver- 
bunden ist; welcher ein Meister, der den Titel Xebir 
hat» Torstebt. 

Die nächste Umgebung der Stadt zeigt im Norden, 
Osten und Westen die blühendsten Gärten, die man 
sieb nur denken kann, im Südwesten sind Vorstädte; 
fast vor allen Thoren ziehen sich Gräberreihen und 
Gottesäcker bin, von denen einige äusserlich recht 
statthch aussehende grossere Uiabmonumente aufzu- 



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m 

weisen haben. Indess liegt in diesen kaiserlichen Grab- 
1 monumenten eine gewisse Einförmigkeit^ alle haben 
Tiereckige Form, darüber eine achteckige oder vier- 
eckige oder auch ganz runde Bedachimg. Im Innern 
findet man in der Begel einen Sarkophag , oft mit 
Tuch überzogen, oft aber auch nur aus einem höl- 
zernen Gestell bestehend. Neben einem solchen Haupt- 
grabe findet man manchmal zwei bis seclis und noch 
mehre kleinere einfache Gräber; entweder waren es 
Kinder der hier begrabenen Fürsten oder manchmal 
auch Vornehme und Grosse des Landes, die gegen 
hohe Geldsummen das iiecht erwarben, sich an der 
Seite ihres Sultans b^;raben lassen zu können. Von 
der jetzt regierenden Dynastie ist niemand in oder 
ausserhalb Fes' beerdigt, sie hat ihre Grabstätten in 
Mikenes. 

Ein grosser und für uns Europäer fast unerträg- 
licher UebeLstand ist, dass dicht Tor den Thoren sich 
verwesende Berge, oft 50 Fuss hoch, Ton crepirten 
Thieren befinden; seit Jahrhunderten ist es Brauch, 
jedes todte Vieh, allen Unrath vor die Thore der Stadt 
zu bringen, aber so dicht an den Wegen sind diese 
verpestenden Hügel errichtet, dass es eine Qual ist, aus 
der Stadt heraus und in dieselbe hinein zu kommen. 

Der die Stadt beherrschende Berg, der im Norden 
und Nordwesten sich um dieselbe herumzieht, heisst 
Djebel-Ssala, er hat vielleicht 1000 Meter absolute 
Höhe. Unter dem Vorwande, Kräuter für Baücha 



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Ben ThaLeb suchen xa wollen, bekam ich eines Tages 

Erlaubmss hinauf zu reiten; durch einen breiten Gür- 
tel lachender Feigen- und Orangengärten^ wo ausserdem 
Pfirsiche, Aprikosen, Granaten, Wein und Kirschen 
gezogen werden, gelangt man in Oelwaldungen, das 
zweite Drittel ist von immergrünen £ichen, von Len* 
tisken und anderen das Laub nicht verlierenden Bäu- 
men bestanden, das letzte Drittel hat nur Buschwerk 
und Zwergpabnen. Oben auf dem Berge, von dem 
aus man eine prächtige Uebersicht über die Stadt, 
über die Ebene bis zum grossen Atlas und über das 
nach Westen sich ziehende Serone-Gebirge hat, traf 
ich einen Einsiedler, Sidi Mussa, schon seit 50 Jahren 
in einer Höhle auf dem SsaiarBerge lebend. Im Hufe 
grosser Heiligkeit, lebt er von den Gaben der Pilger, 
hat aber ausserdem eine grosse Bienenzucht. Auf dem 
Plateau des Ssala-Berges sind mehrere Quellen und 
sogar Gärten und Ackerbau. 

Was die Bevölkerung von Fes anbetritft, weiche 
wir auf 100,000 Seelen schätzen können und die 
vor der Cholera im Jahre 1859 wohl noch 20,000 
mehr betrug, so besteht dieselbe vorzugsweise aus 
Arabern und Berbern« 

Während aber auf dem Laude die Mischung von 
Berbern und Arabern bedeutend seltener ist, kommt 
sie in den Städten häufiger vor, indess doch nicht der 
Art, dass man sagen könnte, ein Volk habe das andere 
absorbirt Aeusserlich unterscheiden sich die Bewohner 



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Ton Fes, wie die der übrigen Städte Ton den Landbe: 

wohiiern durch grosse Weisse dei' Haut, es liat dies 
aber einzig seinen Grund darin, dass sie fast nie der 
Sonne ausgesetzt sind, da selbst, wenn sie auf die 
Strassen gelien, diese so eng sind, dass sie nur auf 
kurze Zeit von der Sonne beschienen werden. Der 
Grund der häufigen Oorpulenz bei den Männern ist 
denn auch nur darin zu suchen, dass sie wenig Ue- 
bung, wenig Bewegung bei verhältnissmässig kräftiger 
Kost haben. Tm allgemeinen sind trotz dos sehr Ii eilen 
Teint die Leute von Fes sehr hässlich, namentlich 
häufig findet man wulstige Lippen und krauses, obschon 
langes Haar. Negerblut ist hier unverkennbar, wie 
denn überhaupt in ganz Marokko viel Negerblut unter 
die Arabern gekommen ist. Fes vor den übrigen 
Städten des Landes zeichnet sich noch dadurch aus, 
dass mit den arabischen und berberischen Elementen 
sich stark das jüdische gemischt hat. Nicht etwa durch 
freiwillige üeirathen, sondern dadurch, dass hübsche 
Jüdinnen gezwungen werden, in den Harem des Sultaas 
oder eines Grossen des Reichs zu treten oder durch 
gezwungene Uebertritte, durch Kinderraub ; so pÜegen 
denn auch die übrigen Bewohner des Landes Ton den 
FamiHen in Fes zu sagen: die Hälfte derselben habe 
jüdisches Blut in ihren Adern. > 
Die Zahl der Juden in Fes, welche, wie alle ma- 
rokkanischen, zum Theil direct von Palästina einge- 
wandert, zum Theil von Spanien zurückrertrieben sind^ 



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« 



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mag sich auf 8 — 10,000 belaufen. Sie leben hier ebenso 
unglückselig wie in den übrigen marokkanischen Städ- 
ten. Der verstorbene Sultan Abd-er-Ehaman glaubte 
es durchsetzen zu können, den Juden eine Art Eman- 
cipation zu yerschaffen^ und gestattete den Juden gleiche 
Tracht mit den Moslemiii. Der erste Unglückliche, 
der es wagte seine Helba (den Juden-Ghetto) mit 
rothem Fes, mit gelben Pantoffeln zu verlassen, kehrte 
nie zurück: er wurde gesteinigt Der Sultan hatte, 
trotz seiner Unfehlbarkeit, nicht die Macht den reli- 
giös-iiiiiatischen Wutbauhbruch seiner Unterthanen zu 
dämpfen. 

Der religiSse Fanatismus, der ja allen semitischen 

Eeligionen innewohnt, ist überhaupt eine der Bchlimmen 
Seiten der Bewohner von. Fes. Wie oft habe ich 
selbst mich von irgend einem Lumpen auf der Strasse 
angehalten gesehen, der mir mit den Worten „Scha 
had,'^ d. h. bezeuge, den Weg vertrat, und er und 
die sich rasch ansammelnde Menge Hessen mich sicher 
nicht eher passiren, als bis ich „Lah il Laha il Allah^* 
gesagt hatte, bekanntlich die Glaubensformel der Mo- 
hammedaner. 

Die Tracht der Bewohner von Fes ist die der 
Übrigen Städter, d. h. es kann hier nur you der Klei* 
dung der Reichen die Rede sein, da ein Armer nur 
seinen Haik, d. h. ein langes weiss wollenes Um- 
schlagetuch und ein cattunenes Hemd darunter zum 
Anziehen hat, sonst aber barfuss und barhaupt daher- 



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kommt. Im Winter wird freilich der wollene Bumus 
darüber gezogen^ der manchmal aus schwarzer^ manch- 
mal aus weisser Wolle besteht. 

Der Anzog des wohlhabenden Bewohners Ton Fes 
ist indess viel reichhaltiger. Auf dem Kopf trägt er 
einen hohen spitz zulaufenden rotben Fes, Saschia 
genannt^ um den ein weisser Turban, Basa, gewickelt 
wird, lieber ein langes weissbaumwoUenes Hemd, 
Camis, vervollständigen eine Tuchweste mit vielen 
Knöpfen, und bis oben eng anschhessend und zu- 
geknöpft, Ssudiici, dann ein Tuclikaltan aus schreien- 
den Farben imd eine weite Hose, Ssrual, den Anzug, 
gelbe Pantoffel bilden die FussbekLeidung. Die meisten 
Jünglinge und Männer tragen Fingerringe aus Silber 
mit werthlosen Steinen, einige haben Binge mit Steinen, 
welche man im Wasser auflösen kann (nach der Aus- 
sage des Besitzers); und welche Auflösung alsdann ein 
Mittel gegen Vergiftung ist , £inen solchen Bing be- 
sass Ben Thaleb auch, dennoch entging er nicht sei- 
nem Tode. 

Sehr unangenehm ist die entsetzliche UnreinHch- 

keit, welche überall herrscht; die Kleider werden nie 
gewechselt, sondern, wenn einmal angezogen, immer 
Tag und Nacht, so lange auf dem Körper getragen, 
bis man neue Kleidungsstücke anschafft. Allerdings 
spricht Leo von grossen öffenthchen Waschanstalten 
in Fes; ich konnte leider solche zu meiner Zeit luclit 
mehr constaüren. Der reiche Bewohner kauft sich 



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emmal; wohl anch zweimal, im Jahr einen neuen An- 
zug , bei Gelegenheit eines grossen Festes. Das alt- 
gewordene bekommen sodann die Kinder, Verwandten, 
Diener, oder auch arme Freunde zum Weitertragen. 
Der Arme kauft sich, nachdem er lange darauf ge- 
spart hat, amen Anzug, legt ihn dann aber nie wieder 
ab, bis er absolut unbrauchbar geworden ist. Freilich 
ündet einmal im Jahr eine grosse Kleiderreinigung, 
eine allgemeine Wäsche, statt: am Tage vor dem aid« 
el-kebir, dem grossen Bairam der Türken. Da an 
diesem Tag Jeder geputzt erscheint^ wer es kann sich 
ein neues Eleid kauft, und wer nicht, doch darauf 
hält so rein als möglich zu erscheinen, so sehen wir 
denn am Tage vor dem aid-el-kebir alle Welt, Jung 
und Alt, Männer luitl rauen den W asserplätzeii zu- 
eilen; man entledigt sich der lüeidungsstücke und wie 
besessen tanzt und springt Jeder auf seinem Zeuge 
herum, um mit den Füssen den jahrelangen Schmutz 
herauszttstampfen: eine einfache Handwäsche würde 
dazu nicht genügen. 

Die Nationalspeise der Fessi ist ebenfalls Xus- 
kussu — ein Mehlgericht, welches aus geperltem Wei- 
zen- oder Gerstenmehl bereitet und mittelst Dampf 
gekocht wird. Der nahe Sebu liefert iudess ausge- 
zdchneie Fische, die man in einer gepfefferten und 
durch Tomaten rothgeiiirbten Oelsauce stets leitig uuf 
dem Marktplatze bekommen kaun. Hammel-, Ziegen- 
ofid Scbaffleisch ist gleichMs billig zu haben, und in 



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Fes wird wohl mehr animalische Nahnmg consiunirty 

als 1111 ganzen iibrigeu Laude, die Städte ausgesciiiuüsen, 
susammeu. 

Wie alle Marokkaner, sind auch die Fetfti grosse 
Liebhaber von Thee, der vor dem Essen gereicht 
wird; die Manier zu essen ist aber eben so unsauber 
bei den yomehmsten Fessi, wie im ganzen Lande. 

Mehrere Personen hocken um eine ii'dene Schüssel, 
die in einem niedrigen Tischchen, etwa zwei Zoll hoch, 
Haida genannt, aufgetragen wird. Alles kauert auf 
der Erde, in solcher Stellung, wie Jeder sie nehmen 
will; nachdem ein Sklave oder einer der QeseUschaft 
Wasser zum Abwaschen der Hände herumgereicht hat, 
spült man sodann diese ab, und ein gemeinsames 
Handtuch bei den Reichen dient zum Trocknen, bei 
Unbemittelten trocknet man sich einfach die Hände 
mit dem Zipfel seines Burnus. Dann, auf ein gege- 
benes Zeichen, greift mit dem Worte „Bi' Ssm' AUah'^ 
(Im Namen Gottes) ein Jeder mit der Hechten in 
die Schüssel, um den erhaschten Bissen zum Munde 
zu führen. Alle befleissigen sich einer ausserordent- 
lichen Eile, um nicht zu kurz zu kommen, nur bei sehr 
Bolchen wird langsam gegessen, weil da mehrere 
Schüsbehi folgen. Es gehört übrigens zum guten Ton 
für die Frauen, Diener und Kinder, oder auch für 
die herumlungemden Armen, Anstandsbrocken in der 
Schüssel zu lassen. Eine grosse Auszeichnung aber 
ist es jedenfalls für einen Fremden, wenn der Wirth 



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selbst mit seiner scbmiitzigen Hand in die Schüssel 

föhrt, einen Loclona, d. h. Bissen oder Mundvoll, 
hervorholt und ihn dem Gast in den Mund schiebt. 
Obschon ich nicht lange Zeit brauchte um mich an 
diese Art des Essens zu gewöhnen, denn Hunger iiber- 
windet Alles ^ so hatte ich doch längere Zeit nöthig 
zu lernen geschickt und anständig zu essen, denn 
es gehört Gescliicküchkeit dazu die oft halb tiiissigeu 
Bissen mit £leganz an den Mund zu befördern, na^ 
mentlich, wenn man nicht zu kurz kommen wUl, 

Ein Trunk Wasser, eine abermalige oberflächliche 
Handabspülung und ein nie unterlassenes ^^Hamd nl 
Lah*^ (Lob sei Gott) besclüiesst jedes AtaJil. 



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d. iäilenes und ^eimteife na& Vefan. 



Ben Thaleb hatte geglaubt, auf die Dankbarkeit des 
Sultans rechnen zu können, der seine Thronbesteigung 
gewisBermassen ihm zum Theil verdankte. Yerscbie* 
(lene Male war Ben Thaleb um seinen Abschied ein- 
gekommen, er hatte nun seit mehr als 13 Jahren der 
reichsten Stadt des Landes Torgestanden. Vielleicht 
hoch in den Füiifzigen, hoflfte er seine letzten Lebens- 
jahre ruhig in seiner Heianath, inmitten seiner treuen 
Berbertribe beschliessen zu können. Da starb er 
eines Tags, plötzlich, ohne vorher auch nur ernstlich 
unwohl gewesen zu sein. 

Dem Sultan musste der Tod des Bascha's äusserst 
erwünscht sein. Er hatte gerade jetzt Kriegsentschä- 
digung zu zahlen. Spanien verlangte tur Zurückziehung 
der Truppen aus Tetnan 23 Mülionen spanische Tha> 
1er. Woher das Geld nehmen? Den giossen Scliatz, 
der in Mikenes sein soll, wollte oder konnte er nicht 
anbrechen. Wie froh musste der Sultan sein, dass 
Ben Thaleb in tlicbciii Augenblick ihm den Gefallen 
that, zu sterben; er war somit Erbe semes ganzen 
haaren YeimögenB geworden. 



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Sobald der Tod Ben ThaleVs rachbar geworden 

war, kamen seine Diener; Sklaven und Maghaseni vor 
meine Wohnung unter dem drohenden Geschrei, ich 
habe den Bascha vergiftet ^ und man müBse mich 
tödten. Glücklicher Weise für mich war der älteste 
Sohn des Bascha's da, um mich zu beschützen. Noch 
am Abend vorher waren wir bei seinem Vater, dem 
Bascha, gemeinsaui zum Thee gewesen, derselbe hatte, 
genesen von einem leichten Unwohlsein, noch am Abend 
einen Ochsen, als Opfer und Geschenk an die Moschee 
Mulei Edris geschickt^ und noch am selben Abend 
äusserte sich der Bascha in Gegenwart dieses Sohnes, 
dass Mustafa (mein angenommener Name) stets sein 
volles Vertrauen gehabt habe, und dass ich ihn bei 
seinem leichten Unwohlsein stets zur ZuMedenheit 
behandelt habe. ^^Und/^ fügte er hinzu, als ob er ein 
Vorgefühl seines nahen Todes habe, ,,\Yemi Gott mein 
Dasein verkürzen sollte , so beschütze Musta£ft, der 
mein Gast gewesen isf 

Eingedenk der Worte seines Vaters, trieb Si- 
Hammadi (so hiess der Sohn) seine Leute auseinander, 
und schon nach zwei Tagen befahl er, mit ihm nach 
Mikenes zu reisen, zum Sultan. So sagte ich denn 
Fes Lebewohli um es nie wieder zu betreten. 

Si-Hammadi, von einer glänzenden Suite umgeben, 
dann mein Dolmetsch 8i-Mustaia und ich mit unserem 
Trossi endlich eine Beihe von wenigstens 200, mit 
schweren Kisten bepackten Uaulthieren und vielleicht 



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100 Eamelen ebenso beladen^ von Ma^haseni escortirty 
das war unsere Earayane. Ich wnsste nicht, was ans 

diesem gleichartig gepackten Zuge machen, seine 
Gepäckthiere hatte Si-Hammadi ansserdem noch, bis 
ich erfuhr, dass dies das Tom Bascha hinterlassene 
Baarvermogeu sei, ungefähr zwei Millionen spanische 
und französische Thaler. Die Summe mochte nicht 
Übertrieben sem, in Anbetracht, dass ein Maulthier 
mit leichter Mühe hundert Pfund Silber = 2000 fran- 
zösische Thaler, ein Kamel aber ohne Beschwerde 
das Dreifache tragen konnte. Ohne Anhalt erreichten 
wir in einem Tage das nahe Mikenes. 

In Mikenes angekommen, verabschiedete ich mich 
von Si-Hammadi und nahm im Funduk el Attarich in 
der Stadt Logis, ging Abends noch ms Lager hinaus, 
um meine militärischen Bekannten zu begrüssen, welche 
sich ebenso sehr wunderten, mich jetzt plötzlich wieder 
zu sehen, als sie vorher erstaunt gewesen waren, eines 
Morgens mein Hanut mit dem schönen Aushänge- 
schild ohne Arzt zu finden, und erst später nach und 
nach, inne wurden, ich sei auf allerhöchsten Befehl 
nach Fes zurtickgeschic^ worden. 

Anderen Tages machte ich bei dem Grosswessier 
einen Besuch, er war schon von meiner Ankunft unter- 
richtet, und hatte, als ob ich selbst nichts dabei m 
sagen hätte, schon Befehl gegeben, für mich Ziiiimer 
einzurichten, in einem Hause, welches neben dem sei- 
nigen lag. Ich hatte Abends vorher Ismael (Joachim 



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Gaiell) im Lager gesehen, wie Idäglicli er dort unter 

den thierischen Soldaten die Zeit verbrachte, und war 
daher froh, mich von der Armee fem halten zu kömieu. 
Die mir yon Si-Thaib znr Verfiigimg gestellte Woh* 
nung wai' neu und geräumig und ich lud Ismael ein, 
dieselbe zu theilen. Da er dies Anerbieten gern an- 
nahm, hatten wir beide jetzt eine angenehme Zeit vor 
uns, wir konnten unsere Erlebnisse und Enttäuschungen 
uns mittheilen, wieder einmal europäisch denken und 
fühlen. So viel merkte ich wohl, dass Ismael von 
seiner Lage noch weniger erbaut war, wie ich, der 
ich fem von den marokkanischen Soldaten gelebt 
hatte. 

Aber auch sein Unangenehmes hatte der Auf- 
enthalt bei Si-Thaib für mich. Der erste Minister 
hatte nicht aus üneigennützigkeit mir seine Wohnung 
angeboten, sondern nur um mich zur Hand haben, 
Krankenwärterdienste bei ihm zu verrichten. Jeden 
Mittag, wenn er vom Maghasen (Palais des Sultans 
und Sitz der Regierung) zurückkam, wurde ich gerufen. 
Ich hatte dann die unangenehme Pflicht, ihm seine 
kranken Fttsse mit Eampherspiritus zu reiben. Nur 
auf diese Art glaubte er Linderung in seinen Podogra- 
schmerzen zu haben, versprach sich sogar Heilung 
davon. Und dies Gescliäft war keineswegs ein ange- 
nehmes, beim Beginn der Operation unterhielt er mich 
meist über PoHtik, wobei er die verrücktesten An- 
sichten auskramte, auch Religion wurde aufgetischt. 



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nach einer halben Stunde pflegte er zurückgelehnt 
anf seiner Matratze emanischlafeii. Ich durfte aber 

nicht etwa das Reiben einstellen, sonst erwachte er 
sogleich und befahl fortzufahren; oft habe ich mit 
dieser Verrichtimg zwei bis drei Stunden zubringen 

müssen. 

Si-Hammadi, der Sohn des Bascha's von Fes, 
hatte dann bei Ablieferung der Gelder einen so gün- 
stigen Bericht über mich gemacht, dass ich eines 
Tags durch die Botschaft überrascht wurde, ich sei 
zum Leibarzt des Sultans ernannt und habe von jetzt 
an alle Tage die Frauen des Sidtans zu behandeln. 
Vorher beschenkte mich Si-Hauunadi noch mit einem 
meergrünen Tuchanzug, grosse Auszeichnung ab Be- 
lohnung für die Dienste bei seinem Vater. 

Es kamen nun jeden Morgen zwei Maghaseni 
aus dem Harem, um mich zu rufen. Dort ange- 
kommen ^ nahm mich der Oberste der Eunuchen, 
Herr Kampher, in £mpiang und bald darauf vrurde 
ich in ein Vorgemach geführt, wo ich die Damen 
vorfand, welche sich behandeln lassen wollten. Im 
Anj&mge wollten sich die Frauen nicht entschleieni, 
als ich aber darauf bestand, ging Herr Eampher, der 
sowie einige andere Eunuchen ab Herr Moschus*), 
Herr Atr' urdi (Bosenessenz) etc., natürhch immer 
zugegen war, ins Harem zurück, meldete dies dem 

*) Alle Eunuchen haben stete stark duftende, aroniatiache 
Naaitii, 



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m 

Sultan, kam aber dann mit dem Bescheid: ^^Unser 
Herr (Sidna) sagt^ da du ja doch mur ein Biuni und 

eben erst übergetretener Christenhund bist, brauchen 
sich die Frauen deinetwegen nicht zu geniren/' Somit 
fielen die Umschlagetücher (eigenttiche Schleier werden 
weder in Marokko, noch sonst wo von moham- 
medanischen Fragen zum Verdecken des Gesichtes 
benutzt) und ich hatte alle Tage Gelegenheit, die 
Beize der Frauen des Sultans bewundern zu können. 
Man glaube übrigens nur nicht, dass irgendwie be- 
sondere Schönheiten im Harem wären, oder diese 
müssten sich nicht gezeigt haben, meistens waren es 
sehr junge Geschöpfe mit recht vollen Formen. Die 
oft kostbaren Anzüge und die vielen Schmucksachen 
waren mit Schmutz überladen, und in der Begel an 
den Kleidern irgend etwas zerrissen. Die meisten 
schienen niu- aus Neugier zu kommen , um den 
„Christenhund^^ zu sehen. Alle aber, abgesehen von 
ihrem albernen und läppischen Wesen, waren recht 
freundlich und hätte ich nicht die Vorsicht gebraucht, 
Herrn Kampher zu sagen, die und die, nachdem sie 
zwei oder drei Mal zur Visite gekommen war, nicht 
wieder vorzuführen, so wäre wohl nach einiger Zeit 
der ganze Harem herausgekommen. Sie schienen das 
Krankmelden als einen angenehmen Zeitvertreib zu 
betrachten, eine erusthch Kiauke iiabe ich in der 
ganzen Zeit meines Aufenthaltes nicht gesehen. Ich 
hütete mich denn auch sehr, irgend wie selbst Medicin 



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284 



zu geben; obschon mir jetast die dem Sultan Ton der 
Königin Victoria geschenkte Arzneildste znr Verfiigmig 
stand. Ich beschränkte mich auf diätetische An- 
ordnungen und culinariscbe Becepte, die oft grosse 
Heiterkeit hervorriefen, aber, wie mir Herr Eampher 
sagte, immer streng befolcft wurden, da die Marokkaner 
jedem Extraessen (d. h. alles was nicht Kuskussu ist) 
irgend eine besondere Heilkraft beilegen. 

Von meinem Gehalt hatte ich seit meiner Eeise 
nach Fes nichts mehr zu sehen bekommen, wahr- 
schemlu Ii re;^{ilirte sich Hadj Asus damit, auch nach 
der ijlmennung zum lieibarzte war von. meiner Ge** 
haltsauszahlung oder Erhöhung desselben keine Bede* 
Allerdings sagte mir Si-Thaib mehrere Male, icli solle 
nur zum Amin (Schatzmeister) des Sultans geheui der 
Sultan habe Befehl gegeben, ich solle jetzt tl^lich 
5 Unzen Silber, also ca. 8 Sgr. beziehen, ich enthielt 
mich aber dessen. Des Hofes war ich so müde, dass 
ich nur daran dachte, wie ich fortkonmien könne. 
Ueberdies fehlte es nicht an breid, die Grossen des 
Beiches glaubten alle rerpflichtet zu sein, weil ich 
Arzt des Sultans war, sich von mir behandeln zu 
lassen, und irgend ein Bittsteller, der bei Si-Thaib 
erschien, kam sicher auch um sich von mir behandehi 
zu hissen. Und weil er ^daubte, ich gehöre mit zum 
Hause des Ministers, hielt er sich verpilichtet, auch 
mir ein Geschenk zu machen; indem er Uedicin dafür 



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286 



T 



Terlangte, memte er auf diese Art zwei Fliegen mit 

einer Klappe zu fangen. 

Ich war daher so beschäftigt^ dass ich nur die Abende 
für mich hatte, bekam daher von Mikenes wenig zu 
sehen. Freitags hatte ich jedoch Zeit, eine oder die 
andere Moschee zu besuchen, die, welche den Namen 
Mulei Ismael hat, ist jetzt die berühmteste, und da 
der „blutdürstige Hund^^ Mulei Ismael längst einer 
der berühmtesten Heihgen Ton Marokko geworden 
ist, hat die Moschee, in der sich das Grabmal Mulei 
Ismaels, Mulei Sliman's, Mulei Abd-er-Rhaman's und 
noch anderer Sultane dieser Dynastie befindet, Asyl- 
recht erhalten. Die Bertthmtheit dieser Moschee als 
Asyl Verbrecher gegen das Gesetz zu schützen, scheint 
durch die Leichen der eben genannten Herrscher 
Marokko's fast eben so gross geworden zu sein, wie 
die der heiligen Moschee Mulei Edris Serone, und die 
des Mulei £dn8 in Fes. 

Eines Tages war icli Zeuge, dass verschiedene 
Artilleristen, welche wegen nicht erhaltener Löhnung 
revoltirt hatten, in die Djemma Mulei IsmaePs fiüch- 
tetcii. Sie blieben dort mehrere Tage^ sogar wählend 
eines Freitag- Gebetes, an welchem Tage der Sultan 
selbst in dieser Moschee das Ohotba zu hören pflegt, 
und erst die positive Zusage vollkommener Strciilui^ig- 
keit machte sie aus ihrem Zufluchtsorte hervorkommen. 
Ob diese später gehalten worden ist, weiss ich nicht, 
glaube es aber, da dem Sultan natüilicii daian liegt, 



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2S6 



die Heiligkeit des Ortes^ worin Beine Torfieüuren be- 
graben liegen, aofrecht zu erhalten imd zu erhöben. 

Die Zahl der Einwohner wird von allen Schrift- 
steilem über Marokko Terschieden angegeben, Höst 
nennt über 10^000 Einwohner, HeniBö 56,000 Ew., 
Leo 6000 Feuerstellen, Marmol 8000 Ew., Diezo de 
Torres 0000 Ew., Jackson 110,000 Ew. Das Wahre 
dürfte auch hier in der Mitte liegen, wenn man eine 
ungefähre Zalil von 40,000 — 50,000 Seelen annimmt. 
Maimol, Höst und Hemsö haben das alte Silda des 
Ptolemaeus in Mikenes sehen wollen. Nach Waisin- 
Esterhazy*) wurde Mikenes von einer Abtheilung der 
Znata, der MeknÄca, gegen die Mitte des 10. Jahr- 
hunderts gegründet. Der eigentliche Gründer der 
Stadt war aber Muiei Ismael, der hier beständig re- 
sidirte, und unter dem sie ihre Berühmtheit' erlangte 
und von der Zeit eine der vier Residenzen des Reiches 
geblieben ist Einige Stunden südwärts toul Abhänge 
des fierges Mulei Edris Serone gelegen, hat die Stadt 
die reizendsten Gärten, die man sich denken kann. 
Schon Leo hebt die kernlosen (?) Granaten und wohl- 
riechenden Quitten herror, und dass die Stadt einen 
grossen Oliven - Eeichthum hat, bekundet das Beiwort 
Meknas-el-situna» d. h. das olivenreiche. Zum Theü 
liegen die G^ärten innerhalb der Mauer. 

Das heisst die eigentliche Stadt mit der Kasbah 

*) Siehe: Renon pag. 254. 



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und dem Palais des Sultans , ist durch eine sekr gut 

erhaltene ; von hohen viereckigen Thürmen flanldrte 
Mauer umgehen, und innerhalh dieser hohen Mauer 
befindet sich auch der prächtige Garten des Sultans. 
Dann zieht sich eine Stunde entfernt eine andere, 
niedrigere, an manchen Stellen zwie£ache Mauer um 
die Stadt, um die nächsten Gärten zu schützen. 

Mikenes hut füst durchweg eine Bevölkerung, die 
in irgend einer Beziehung zum Hofe oder zum Heere 
steht. Die von Hemsö angeführte und dem Leo nach- 
geschriebene grosse Eifersucht der Männer auf ihre 
Frauen dürfte wohl nicht grösser sein, als in den an- 
deren maroUcanischen Städten, besonders schön fand 
ich die Frauen nicht. Mikenes ist die einzige Stadt in 
Marokko, wo öffentliche Prostitutionshäuser sind. Im 
Üebrigen sind die Strassen gerader, reinlicher, die 
Häuser in emem besseren Zustande, als in irgend einer 
anderen Stadt des Reiches. Sogar der Palast des 
Sultans zeichnet sich dadurch aus, obschon der Theil, 
den Mulei Ismael mit Marmorsäulen ^ die er von Li- 
Tomo und Genua kommen liess, schmückte, in fiuinen 
liegt. Diese schönen Monolithen liegen als Zeugen 
jüngst vergangener Grösse im Staube. Kein anderes 
Gebäude zeichnet sich irgendwie aus, selbst die Mo- 
schee Mulei Ismael's, welche doch Begräbnissstelle der 
jetzigen Dynastie ist, hegt halb in Verfall. Die Stadt 
wird durch eine ausgezeichnete Wasserleitung mit 
Wasser versorgt, irre ich nicht, von einem in den Ued 



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28S 



Bet gehenden Bache aas, der nordwärts von der Stadt 
entspringt. 

Erwähnen rnuss ich eines Abstechers nach Mu- 
lei £dri8 Serone, einer nngeiähr 3 Stunden nördhch 
Ton Mikenes gelegenen Stadt; indess kann ich TOn 
diesem reizend gelegenen Orte nichts weiter anführen, 
ab was ich bei Beschreibung der Stadt Fes schon 
mitgetheilt habe. Trotzdem ich Leibarzt des Sultans 
war, im Hause des ersten Ministers wohnte, alle Ge- 
bräuche und Sitten der Mohanmiedaner aufs Genaueste 
mitmachte, war ich dennoch immer mit misstrauischen 
Augen angesehen. Nach ugeud einer Oertlichkeit 
direct fragen, ging schon gar nicht. Man würde 
gleich gesagt haben, ich sei ein Spion. 

Glücklicher Weise trat ein Ereigniss ein, was mich 
aus des Sultans Dienste befreite, eine englische Ge- - 
Siuidtschaft wurde in Aussicht gestellt, und nach einigen 
Wochen traf auch Sir Drummond Hay mit zahlreichem 
Gefolge und escortirt von einer starken^ Abtheüung 
Maghaseni in Mikenes ein. Man kann sich denken, 
wie gross meine Freude war. Seit über einem Jahre, 
80 Tiel Zeit war nun rerflossen, hatte ich nichts tou 
Europa gehört, hatte weder einen Brief noch eine 
Zeitung gehabt, und erhielt nun auf einmal Bücher, 
Zeitungen, und konnte mich mit gebildeten Herren 
unterhalten. Im Anfange hatte ich grosse Schwierig- 
keit zu Sir Drummond Hay zu gelangen, da die ma- 
rokkanische Begierung den strengsten Befehl ausge- 



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289 



geben h&tte, Iceinen Benegaten auf die Gesandtschaft 
Kozolassen. Nor durch eme List verschafile ich mir 
Kiuiass , indem ich Si-Thaib sagte : ich müsse seiner 
Krankheit wegen mit dem der enghschen Gesandtschaft 
beigegebenen Arzte sprechen. Das wurde bewilligt imd 
ich durfte daiin, von meinem ehemaligen Dohnetsch 
begleitet^ die Gesandtschaft betreten. 

Sir Dnmimond bewohnte eines der schönsten 
Häuser der Stadt, worin es sogar an europäischen 
Möbeln nicht fehlte^ da der Sultan alle dergleichen 
Utensilien besitzt^ sie aber für seine Person nicht ge- 
braucht. Ueberhaupt wurde die Gesandtschaft mit 
emer Zuvorkommenheit und Artigkeit behandelti wie 
me Sir Drummond Hay, dem eigentlichen geheimen 
Herrscher von Marokko^ zukommt. Aul den Strassen, 
Yom Volke, überall wo die Gesandtschaft sich zeigte, 
wurde sie aufs respectvoUste begrüsst. So gut wie 
der Sultan^ fiihlt das Volk, dass nur England eine 
wirkliche Hülfe gegen die Spanier und Franzosen isL 
Es versteht sich von selbst, dass Sil Druinmond sich 
mit aller reiheit bewegen konnte, ebenso die übrigen 
Herren der Gesandtschaft 

Was mich aubetriflFt, so gab nur Sir Drummond 
ein Schreiben (arabiBch ausgefertigt) und sagte mir, 
dasselbe durch den ersten Minister dem Sultan vor- 
zeigen zu lassen. In diesem Schreiben war betont, die 
marokkanische Kegienmg solle mich nicht mit den 



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290 

Übrigen Benegaten verwechseln und mir meine Frei- 
heit wiedergeben. Das Blättchen Papier wirkte 
Wunder. Als Si-Thaib mir dasselbe nach einigen 
Tagen wieder einhändigte, fügte er hinza, der Sultan 
habe^das Blatt gelesen,, und gesagt, ich könne thun 
was ich wollte^ sei yoUkommen irei^ Mikenes zu ver- 
lassen, ja ich dürfe überall im „Rl^^^'^ reisen und 
mich aullialten, wo ich es für gut fände. Wer war 
froher als ich. Jetzt aber war auch der Wunsch das 
eigentliche Land Marokko zu durchreisen ^ erst recht 
wachgerufen, und namentlich fühlte ich einen starken 
Trieb von nun an weiter in das Innere Afrika's ein- 
zudringen. Aber ich war mir nun auch erst recht 
bewusst geworden, wie viel noch abging, solche ge- 
föhrhche Reisen ohne Mittel ausführen zu können. 
Wenn auch einestheils gerade diese Mittellosigkeit 
ein grosser Schutzbrief für mich war, so hatte ich 
andererseits im Arabischen wenige Fortschritte bis 
daliiii gemacht. Der Umstand, dass ich fortwährend 
einen Dolmetsch zur Seite gehabt, machte, dass ich 
kaum mehr von dieser Sprache verstand als beim 
Beginn meiner Reise. Auch war ich mit den Sitten 
und Gebräuchen des eigentlichen Volkes noch zu 
wenig vertraut.. Ebenso wenig wie man diese z. B. 
in London was das enghsche Volk^ in Berlin was das 
deutsche Volk anbetrifft, in Erfahrung bringen kann, 
zu dem Ende vielmehr das eigentliche Land selbst 
besuchen muss, ebenso wenig ist dies in Marokko in 



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291 



der Hauptstadt der Fall, und bislang war ich eigentlich 

nur in Fes und Mikenes gewesen. 

Ich beschloss nun nach de^ heiligen Stadt Uesan 
zurückzukehren. Wo konnte ich besser Sitten, Ge- 
woliiilieiteu und auch die Sprache des Volkes kennen 
lernen y ais in dieser grossen Pilgerstadt, wo täglich 
Hunderte, oft Tausende von Pilgern aus ganz Nord- 
afrika, ja oft noch von weiter her zusammenströmen. 
Und es traf sich nun sehr glücküch für mich, dass 
• gerade zwei von den nächsten Anverwandten des 
Grossscherifs in Miktnes waren. Diese hatten in der 
Besoffenheit einen Maghaseni des Sultans ums Leben 
gebracht, und waren selbst nach Mikenes gekommen, 
um sich deshalb beim Kaiser zu entschuldigen. Sie 
wurden nicht nur nicht gerügt oder gar bestraft 
ihre im Trunk begangene Handlung, sondern der 
Sultan betrachtete es als einen besonderen Act der 
Höflichkeit, dass solche heilige Leute und noch dazu 
wirkliche Vettern des Grossscherifs, keinen Anstand 
nahmen, sich wegen einer solchen Kleinigkeit bei 
ihm selbst zu entschuldigen, und im Grunde ge- 
nommen sah er es wohl nur für einen Vorwand an, 
Geschenke von ihm zu bekommen. Die erhielten ^ie 
denn auch beide. Sidi Mohammed ben Abd« Allah und 
sein Bruder, Sidi Thanai, verliessen reich beschenkt 
die kaiserliche Eesidenz. 

Si Thaib Bu Aschrin hatte die Güte mir einen 
Brief für die beiden Schürfa zu geben, welche direct 



m 



iiAch Uesan zurückreisen wollten. Und so sagte ich 
denn dem Hofe 'des 'Snltans Lebewohl, nur Trauer 

empfindend^ dass Ibiiiael (Joachim Gatell), der die 
ganze Zeit bei mir gewohnt hatte, jetzt wieder ins 
Lager zurück mnsste, und da er nicht, wie ich, die 
Protection der englischen Gesandtschaft genoss, nicht 
daran denken durfte, so bald seine Befreiung zu be- 
kommen. 

i Jen ioigenden Morgen begab ich mich nüt memeui 
Gepäck zur Wohnung der 8chür£a.y vaid bald war * 
Alles gepackt tmd wir satteUest. Sidi Mohammed, 
ein fetter junger Mann von dreissig Jahren, und sein 
einige Jahre jüngerer Bruder, Sidi Thami, waren noch 
von zwei alten Schürfa begleitet und hatten mindestens 
30 Diener als Gefolge. Wir verUessen gegen 8 Uhr 
Morgens Mikenes durch das Nordthor, zogen den 
Bergen entgegen, indem wir die Stadt Serone etwas 
östlich liegen Hessen. Die Reisen zu Pferde oder 
Maulthier sind in Marokko keineswegs unangenehm, die 
mit hohen Lehnen versehenen Sättel, vom mit einem 
Knauf, worauf man die Hände legen, die grossen 
Steigbügel, in welche man den ganzen Fuss schieben 
kann, lassen die Ermüdung weit später erfolgen, als 
bei europäischem Heitzeuge. Freihcli muss ein Euro- 
päer sich die Mühe nehmen, den Sattel durch wollene 
Decken etwas zu polstern, denn wenn sich die Härte 
desselben schon ertragen Hesse, ist er doch sehr uneben, 
was auf die Dauer unbequem ist. 



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293 



Wir ^aren ohne Bast den ganzen Tag unterwegs, 

da Sidi Mohammed Ben Abd-Allah wohl besonderen 
Gnmd haben mnsste so schnell zu reisen, denn sonst 
pflegen die Grossen in Marokko nnr Meine Tage- 
märsche zu maclien. Als ich mich in der Höhe der 
Berge von Miüei Edris etwas entfernte von unserer 
Karawane, wurde icli der Gegenstand einer Ovation, 
die in der Nähe wohnenden Leute, die von der Durch- 
kunft von Schürfa von Uesan gehört hatten, wohl im 
Glauben ich sei auch ein Scherif, kamen haufenw^eise 
herbei, mir die Hand und den Saum der Djilaba käs- 
send. Sie verlangten auch das Foetha (Segen), das 
ich glücklicherweise auswendig wusste. Hoffentlich 
haben sie eben soviel Nutzen von meinem Segen ge- 
habt, als von dem eines wirklichen Scherife! Aber 
wenn sie es gewusst hätten, ich sei ein zum Islam 
Uebergetretener, wie würden sie mich verflucht haben. 
Grut, dass WUT in den Zeiten leben, wo Fluch und 
Segen von Menschen gesprochen, den Zauber ihrer 
Allmacht verloren haben. 

Bei Sonnenuntergang hielten wir bei einem dem 
Grosssclierif von Uesan gehörenden Duar (Zeltdorf). 
Da ich kein Zelt hatte, luden die beiden Schürfa mich 
ein, das ihrige mit zu theilen. Das Zelt eines Grossen 
von Marokko zeichnet sich durch Geräumigkeit aus. Aus 
starkem weiss und blaugestreifben Leinenzeug bestehend, 
ist es inwendig weiss und mit verschiedenartig zu- 
sammengenähtem bunten Tuch gefüttert. Meist von 



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294 



nor einer Stange getragen^ kann die rund ums Zelt ge- 
hende gerade aii£rtrebeiide Seitentunfassimg abgenommea 
werden, was namentlich bei Sonnenschein und grosser 
Hitse eine grosse Annehmlichkeit gewährt, da das 
Dach des Zeltes, gewissermassen ein grosser Schirm) 
frei stehen bleibt und dem kühlenden Winde der 
Durchläse offen steht — Ich war £roh, als der Koch 
der Schttrfa sogleich ein Mahl anfbrng, da ich den 
ganzen Tag nichts genossen hatte , als ein Stückchen 
Brod und Trauben. Gegen Mittemacht kam denn 
aach der Mul' et Duar oder Dorfrorsteher, mehrere 
Schüsseln voll Kuskussu verschiedener Art, und andere 
mit gebratenem Fleisch wurden niedergesetzt. Meine 
Müdigkeit war indess so gross, dass ich vorzog weiter 
zu schlafen, trotz der wiederholten Aufforderungen 
am Mahle theilzunehmen. 

BVisch gestärkt erweckte man mich am anderen 
Morgen mit einer Tasse Katfee (die Schürfa von Uesan 
trinken auch £affee) und sodann kam wieder ein 
reichliches Mahl der Leute des Zeltdorfes, welche 
dafür mit Thea bewirthet wurden. Wie am vorher- 
gegangenen Tage war die Gegend hügelig, wohlan- 
gebaut und zahlreiche Duar deuteten auf eine Ter- 
hältnissmässig dichte Bevölkerung. Bald nach dem 
Auibruche am zweiten Tage passirten wir die Müsse 
Sebu und üarga, letzteren etwas oberhalb der Stelle, 
wo er in den Sebu einfällt. Ueberail wie am ersten 
Tage varen die Schür& der Gegenstand der grössten 



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295 



Verehrung, im ganzen Lande gelten die Scbiirfa 

Lesaivs als die grössteu Heiligen. Die Sitte will es, 
dass ein Vornehmer nie seinen Einzug Abends hält, 
80 wnrde denn auch an dem Tage schon um 5 Uhr 
Nachmittags Halt o^emacht in einem Diiar, der Sidi 
Abd-AUah seihst gehörte. Nur noch einige Stunden 
am anderen Morgen ,, und wir hatten den Berg Bu- 
Hallöl vor uns, an dessen anderer Seite üesan ge- 
legen ist. 

Sobald wir den Berg umgangen, kamen uns die 

Verwandten und Bekaniitoii der Schürfa entgegen, 
die durch den jüngeren Bruder, der am Abend vorher 
noch die Stadt erreicht hatte, waren benachrichtigt 
worden. Sidi Tbami hatte auch dem Grossscherif schon 
meine Zurückkunffe mitgetheilt. 

. Ich konnte indess nicht direct nadi der Wohnung 
des Gi ossscherifs gehen, da ich vorher hei Sidi Abd- 
AUah frühstücken musste. Ein naher Verwandter Ton 
Sidi el Hadj Abd es Ssalam, ist er, was Reichthum 
und Macht anbetrifft, von den Uesaner Scliürfa der 
dritte, denn Sidi Mohammed ben Akdjebar, obschon 
entfernterer Lmie, hat nach dem Grossscherif den 
grössten Einfluss und den grössten Reichthum. Die 
übrigen Schürdt, fast die ganze Stadt besteht aus Ab- 
kömmlingen Mohamnied'Sj haben in Uesan selbst gerade 
keinen Einüuss, da ihrer zu viele sind. 

Gleich darauf ging ich dann, nachdem ich meinen 
meergrünen Anzug angelegt hatte, zum Grossscherif, 



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296 



den ich von einer zalüreichen Menge umgeben in 

Seinern Landhause antraf. Aufs freundlichste aufge- 
nommen, liess er sogleich eine Wohnung für mich 
einrichten y nnd mich ein über das andere Mal wiH- 
küinmen heissend, sagte er, ich solle mich von nuc an 
ganz wie zu seinem Hause gehörig betrachten« 

Ehe ich nun meine Erlebnisse in Üesan s«liüdere, 
möchte ich Einiges über die derzeitigen politischen 
Zustände in Marokko sagen, und knüpfe daran zu- 
gleich einige Worte über die sonstige und jetzige 
Stellung der christlichen Consuln. 



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10. l^üUi^&t B4ände. 



Marokko hat eine Regierung so despotisch und ty- 
rannisch eingerichtet; wie man sie eben nur da findet, 
wo zn gleicher Zeit geistige und weltliche Herrschaft 
in einer Person vereint istj und der Grund zu diesem 
absolutesten Despotismus liegt doch keineswegs im 
Charakter des arabischen oder berberischen Volkes, 
einzig und allein die mohammedanische Religion 
ist Schuld daran. 

In allen Ländern, auf welche sich der Islam aus- 
gedehnt hat, ist es ähnlich. In der Türkei, in Per- 
sien ^ in Aegypten, in Tunis ^ überall die absoluteste 
monarchische Herrschaft, ja sogar in Centraiafrika 
hat die mohammedanische Religion in den Staaten, 
von denen sie Besitz ergrüfen hat, dem jeweiMgen 
Fürsten unbeschränkte Macht yerliehen, so in Uadai, 
i3oniu, Sokoto und Gando. 

Vor dem Islam lebten die Araber in kleinen Triben 
unter patriarchalischen Herrschern, und wenn die Berber 
Nordafrika's es zuweilen vermochten^ sich zu König- 
reichen zu vereioigen^ so war dennoch die Gemeinde- 



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298 

abtheilung, kleine von emander unabhängige Repa- 
bliken, ihre Urregierungsform. So ünden wir in 2\ord- 
a&ika die Araber und Berber noch da, wo sie sich 
unabhängig von den grossen Staaten zu erhalten ge* 
wusst haben. 

Nach der Entstehung des Islam folgte es Yon 
selbst; die politische Autorität mit der des obersten 
Priesters in einer Person zu vereinigen. Nach unten 
giebt es im Mohammedanismus keine Hierarchie, keine 
Priesterkaste ; keine privilegirten Menschen, mit 
Ausnahme derer, welche Mohammed selbst als be- 
vorzugt bezeichnete: das sind seine eigenen Nach- 
kommen. 

i^'reilich die vollkommene Unbeschränktheit, wie 
sie jetzt die Sultane von Marokko gemessen, i^absolute 
Unfehlbarkeit,^' kam erst dann zu Stande, als im An- 
fange des 16. Jahrhunderts Sultane aus der Familie 
der Schür£ft auf den marokkanischen Thron kamen. 
Seit der Zeit hat im eigenen Lande der Marokkaner 
die Macht und Unfehlbarkeit der Herrscher immer 
mehr zugenommen, das Wohl, die Bildung und der 
Fleiss des Volkes aber von dem Augenblick an auf 
merkwürdige Weise abj^eiiommen. 

Der Sultan von Marokko nennt sich „Beherrscher'' 
oder auch „Fürst der Gläubigen," Hakem el mumenin, 
oder will er politisch als Herr des Landes sich be- 
zeichnen, schreibt er Mul' el Bharb el Djoani*). 

•) Alle aüderea Titel, wie z. B. bei Lempiere; „Ümperor Qf 



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299 



Von meinen ünterthaaen wird er „Sidna,'' unser 

Herr, oder auch „Sultan," ,,Sultaii;i/' Sultan, unser 
Sultan genannt. Andere Ansprachen sind nicht übhch. 
Seine erste Frau, die nicht nothwendig ein weiblicher 
Scherif zu sein braucht , hat den Titel Lella-Kebira, 
und gebiert sie einen Thronfolger, so hat sie für immer 
das Becht den Harem zu regieren und bei der Wahl 
der übrigen Weiber eine gewichtige Stimme, Der 
älteste Sohn bekommt den Titel Sidi el Kebir oder 
Mulei el Eebir^ denn Sidi und Mulei im Singular wird 
immer gleichbedeutend gebraucht, während Muleina, 
der Plural, nur auf den Propheten angewendet wird. 
Wie alle Mohammedaner, hat der Sultan gleichzeitig 
nur vier rechtmässige Frauen, die nach Beheben fort- 
geschickt oder erneuert werden; wie yiele unrecht- 
mässige, d. h. nicht angetraute junge Mädchen und 
Frauen in den vier Harems sind, weiss der Sultan, 
trotz seiner Unfehlbarkeit wohl selbst nicht. 

Ein G^etz über Erbfolge giebt es bei den Mo- 
hammedanern nicht, also existirt darin auch keine 
Kegel für Marokko. Der augenblicklich aui dem Thron 
sitzende Fürst ist der zweite Sohn des verstorbenen 
Sultans, und dieser selbst war Neffe seines Vorgängers. 
£r heisst Sidi Mohammed ben Abd-er-Rhaman und 



Africa" (die Marokkanf r wissen gar nicht was Afrika ist), ,.eTn- 
peror of Marokko, Kicg of Fes, Suz and Gago, Lord of Dara and 
Guinea and great Sheht ot Idobamct*^ sind Erfindungen der 
f)orop&er selbst, 



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»00 

ist im Jalire 1805 geboren. Wenn schon unter seinen 

Vorgängeni, Sultan Slünaii und Abd-er-Ehaman, Vieles 
anders am marokkanischen Hof geworden ist, so wech- 
selte noch mehr unter der Begiemng des jetzigen Herr* 
Sehers, und trotzdem dieser nicht wie sein Vater Greiegen- 
heit gehabt hat, mit Europäern auf gleichem Fuss m 
verkehren und sie so besser kennen zu lernen, schätzt 
doch gerade Sidi MoliMinnied mehr als einer seiner 
Vorgänger die Christen. Der Vater Mohammed's war 
nämlicli vor seiner Thronbesteigung Bascha in Mogador 
gewesen, hatte dort viel mit den Consuln verkehrt und 
somit europäische Gewohnheiten und Gebräuche kennen 
gelernt. Sidi Mohammed war aber lurtwalirend Bascha 
von der Stadt Marokko gewesen, ehe er Sultan ward. 

Die Regenten von Marokko haben keinen eigent- 
lichen Divan oder Midjelis, und die Etikette am Hofe 
ist äusserst streng. Es giebt aber gewisse Leute, die 
den Vorzug haben, sich setzen zu dürfen, z. B. die 
Prinzen, Gouverneure der Provinzen, vornehme Schürfa, 
während die gewöhnlichen Sterbhchen vor dem Kaiser 
nur hodcen oder knieen dürfen. Vorgelassene Bitt- 
steller dürfen nur von weitem ihr Anliegen vorbringen 
in knieender Stellung, und nachdem sie vorher den 
Erdboden geküsst haben. In Gegenwart d^ Sultans 
darf das Wort „gestorben^' nicht ausgesprochen werden, 
damit er nie an den Tod erinnert ^erde. Man um- 
schreibt dies, z. J3. mit : er hat seine Bestimmung er- 
füllt, ebenso darf nie die Zahl „f ünf^^ vor dem Sultan 



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301 



ausgesprochen werden» man sagt dafür „4 vnd 1^' oder 

,,3 und 2"'. Dieser sonderbare Brauch*) erklärt sich 
wohl daraus, weil ißinf die Zahl der Jb'inger» das Symbol 
der Hand, der despotischen Macht ist. In allen moham- 
medanischen Landen wird mau auch häufig an deu 
Häusern eine rothangemalte Hand oder einfach den 
Abdruck einer Hand oder mehrerer finden, man glaubt 
dadurch Gewalt und Einbrach abhalteu zu können^ 
das Haus wird hiemit unter die unsichtbare Macht 
einer starken Hand gestellt. 

Spricht man in Gegenwart des Sultans von einem 
Juden, so wird vorher Verzeihung'^ gebeten, „Ha- 
schak/' weil die Juden für unrein gehalten werden. 
Früher galt das auch von den Christen , aber schon 
unter Abd-er-Bhaman kam diese Unsitte ab. Es ver- 
steht sich von selbst, dass Niemand mit Pantoffeln 
Tor dem Sultan erscheint, doch haben die hohen 
Beamten die Erlaubniss, ihre gelben ledernen Stie- 
felchen anbehalten zu. dürfen. Decorationen giebt es 
in Marokko nicht, indess dachte man im Jahre 1864 
daran, einen Orden zu stiften, den vom Sultan Salomen 
(dem jüdischen König). Modelle waren angefertigt, 
ähnhch wie die, welche König Theodor von Abessinien 
hatte machen lassen. Die grösste Auszeichnung, die 
der Sultan von Maroklio gewährt, ist die, wenn er 
selbst seines Burnus sich entledigt, und ihn einem der 
Anwesenden schenkt Vornehme Personen werden 
*) S. Jackson, Account 



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302 



zuju Ihiiulkusse zugelassen, seine Kinder, seine Brüder 
und die allernächsten Günstlinge dürfen auch die 
innere Fläche der Hand küssen*). 

Der vom Sultan gemachte Aufwand ist verhält- 
nissmässig gering and hesteht hauptsächlich in schönen 
Waffen, herrlichen Pferden und einem grossen Harem, 
bewacht von einer glänzend gekleideten Schaar von 
Eunuchen. Die einflussreiche Stellung, welche diese 
unglücklichen Geschöpfe unter den früheren marok- 
kanischen Fürsten hatten, hat indess jetzt ganz auf- 
gehört und beschränkt sich lediglich darauf, unbe* 
schränkt in dem Theile des Palastes zu herrschen, in 
den auser dem Sultan keine Männsperson eintreten 
darf. Aehnlich gekleidet wie die marokkanischen Mag- 
liaseni odur Heiter, haben sämmtliche Euiiuclit ii silber- 
gestickte Leibgürtel. Alle haben einen stark riechenden 
duftenden Namen; so hiess in Mikenes der Eunuchen- 
oberst „Kaid Kainpher", andere hiessen Moschus, 
Amber, Thjmian etc. Ein Theil des Harems ist stets 
mit dem Sultan unterwegs, dieser besteht aus den 
Lieblingsfrauen, Quintessenz der vier Harem von Fes, 
Mikenes, ßbat und Marokko. Marschirt der Sultan, 
so hat er zwei grosse Zelte, ein jedes umgeben yon 
einer äusseren vom Hauptzelte unabhängigen Zeltwand. 
Beide Zelte sind durch einen Zeltgang verbunden: 
das eine bewohnt der Sultan ^ das andere ist für die 



*) S. Aly B<a el Abassi. 



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ao8 

' > ■ ■ ■ ■ ■ ■ 

Frauen. Im äusseren Umgang des für die Frauen 
bestimmten Zeltes halten sicli die Eunuchen auf. 

Die Kegierung des jetzigen Sultans besteht aus 
dem ersten Minister, der vom Volke Uisir el Kebir 
genannt wird, sonst aber den Titel y,£etab el uamer'S 
Schreiber des Fürsten, hat. Dieser ist der alhnäch- 
tigste Mann im Reiche, ehemaliger Lehrer des Sultans, 
und sein Einfluss, namentlich in allen äusseren Ange- 
legenheiten, ist entscheidend; sein Name ist Si-Thaib- 
fiu-Aschrin-el-DjemenL Der unmittelbare Verkehr mit 
den europäischen Coiisubi findet in Tanger statt, durch 
den dortigen Gouverneur, der den Titel Uisir-ei-uasitha 
hat, und der seine Instructionen in dieser Beziehung 
vom Uisir-el-Kebir oder auch direct vom Sultan be- 
kommt. 

■ 

In allen despotischen Staaten, und vorzugsweise 

in mohammedanisch-despotischen Staaten, wird manch- 
mal der niedrigste und dümmste Mann durch eine Laune 
des unfehlbaren Herrschers zum obersten Posten 
hinaufgehoben. Wer sollte sich dem auch widersetzen? 
In Marokko Niemand; allerdings giebt es fast allmäch- 
tige Eaids, unabhängig in ihren Provinzen regierend; 
allerdings giebt es die Classe der Schürfa; der Ab- 
kömmlinge Mohammeds, die sich wohl erdreisten, fem 
vom Sultan in Gegenwart des ganzen Volkes zu sagen: 
„Ich bin auch Scherif, und der Sultan hat kein besseres 
Blut in seinen Adern als ich;'^ allerdings ist da der 
Grossscherif von Üesan, der sagt, er stamme directer 

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804 



▼OD Moliainiiiecly als der Sultan selbsty und dieser 

allein wagt auch manchmal zu trotzen — aber sonst 
ist Niemand im Lande ^ der in G^enwart des un- 
fehlbaren Herrschers nicht Yon seiner eigenen Nich- 
tigkeit und Unbedeutendheit Uberzeugt wäre. 

So ist denn auch der zweitmächtigste Mann im 
Reiche, Si-Mussa, den ich gewisstnnassen ^^Minister 
des kaiserlichen Hauses" tituliren möchte, weiter nichts, 
als ein ehemaliger SklaTe, ein Neger von Haussa. Er 
hat nur das Verdienst mit dem jetzigen Sultan auf- 
gewachsen zu sein, und leitet augenblicklich alle inneren 
Palasi-Alhiren. Sein Bruder, Si-Ahd-Allah, ebenfiüls 
ein Haussa-Neger und ehemaliger Sklave, ist dermalen 
Kriegsminister. 

Wichtiger Posten am Hofe von Marokko ist der 
des Mschuar. Der Kaid el Mschuar hat das Amt^ 
Bittende, Fremde, Besuchende dem Sultan Torzufähren. 
Da man nur ausnahmsweise, um yom Sultan empfangen 
zu werden, sein Gesuch durch einen andern Minister 
anbringen lassen kann, ist dieser Posten sehr einträg- 
lieh, folglich auch einflusweich. Denn jedes derartige 
Gesuch muss erst durch ein Geschenk, angemessen nach 
dem Beichthum des Petenten, unterstützt sein. Ebenso 
werden Consuln, wenn sie in Gesandtschaft zum Sultan 
kommen, oder auch in Bbat in gewöhnlicher Audienz 
empfemgen werden, durch den £aid el Mschuar ein- 
geführt. Wie viele Plackereien damit iür Europäer 
verbunden sind, wie vom Kaid el Mschuar abwärts 



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305 



Jeder, der ein Aeratchen hat, seinen Fremden auszu- 
beuten bestrebt ist, davon hat Maltzan eine anziehende 
Schilderung gegeben. 

Der, welchen man in Marokko den iMinister des 
Innern nennen könnte, der aber zugleich auch Gross- 
siegelbewahrer ist, der Hul-el-taba oder Kaid-el*taba, 
ist derzeit auch eine vollküininen aus dem Staub, oder, 
wie der Marokkaner sich viel kräftiger ausdrückt, aus 
dem Dr.... „SebeP^ heraufgekommene Persönlichkeit. 
Der Mul-ei-Taba beräth mit dem Sultan die Besetzung 
der Kaid- oder GouTerneurstellen in den Provinzen 
und Städten. 

Es giebt keinen eigentlichen Schatzmeister in Ma- 
rokko, oder gar einen Finanzminister, denn den Schlüssel 
zur Hauptcasse, welche in Mikenes sein soll, hat der 
Sultan selbst. JDass eine Hauptabtheiluug des dortigen 
Palastes, Yon aussen einen voUkonunen viereckigen 
steinernen Würfel darstellend, „el dar-el chasna," oder 
^,bit el mel^', Schatzbaus heisst, kann ich aus eigener 
Anschaaiuig bestätigen; ajischeinend hat dieses massive 
Gebäude von aussen gar keinen Zugang, indess liegt 
eine Seite nach dem Harem zu, von wo aus der Ein- 
gang wohl sein wird. Die Marokkaner behaupten, der 
Zugang zum Schatz sei unterirdisch vermittelst eines 
Tunnels. Das Innere wird beschrieben als eine aus- 
gemaaerte Höhlung, in deren Innerem wieder ein ge- 
mauertes G emach enthalten sei*). Alles dies ist wohl 

*) S. Host p. 221, der die Höhe des daoiaiigeji S<?haUes Auf 
ÖO Millionen Thaler aogiebu 

£Qlü£k 20 



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906 



Fabel, denn Niemand, auch nicht der Kaid-etsard oder 
Schatzmeister, hat wohl je einen Blick ins Innere ge- 
than. Ebenso sind die Summen^ welche im Schaizhans 
angehäuit liegen sollen, wohl lange nicht so bedeutend, 
als Manche herausgerechnet haben. Französische 
Schriftsteller haben die Ersparnisse der marokkaniBchen 
Regenten auf 300 Millionen Franken, ja auf eine Mil- 
liarde veranschlagt, ohne zu bedenken, dass das, was 
der eina Sultan zurückgelegt hatte, oft vom folgenden, 
der durch Usurpation und Gewaltmittel auf den Thron 
kam, in einem Tage der Plünderung preisgegeben 
wurde. Als z. B. an Spanien jene 22 Millionen 
spanische Thaler Kriegsentschädigung gezahlt werden 
mussten, fand es sich, dass der Staatsschatz leer war. 
Oder durfte und wollte der Sultan ihn nicht aiii^aeifen? 
Das Nichtvorhandensein des Geldes ist das Wahrschein- 
lichere. 

Eine kirchliche Behörde giebt es in Marokko nicht, 
der Sultan als unfehlbar vereinigt Papst, Cultusmini- 
sterium oder oberste Synode, wie man bei den Christen 
dergleichen Einrichtungen nennt, in seiner Person. 

Ich unterlasse es, auf niedere Aemter am Hofe 
Ton Marokko einzugehen, werde jedoch einige derselben, 
wie sie jetzt noch existiren, erwähnen: den Mundkoch 
Mul' el tabach, den Sonnenschirmträger Mul' el schem- 
sia, Säbelträger Mul' el skin, den Theeservirer Mul' 
el atei, Speiseträger Mul' el taam. Alle diese Aemter 
werden meist von Sklaven versehen, viele aber auch, 



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307 



und es giebt derer noch ftinfiag, von freien weissen 
Leuten. Für die kleinste Handthiermig ist ein beson- 
derer AngesteUter vorhanden, z. B. für den, der die 
Pantoffel des Sultans umdreht, damit er sie beim An- 
ziehen gleich wieder fussgereclit vor sich hat. Um 
den Steigbügel zu halten, um eine Schale mit Wasser 
2u bringen, um die auBgetnmkene Theetasse in Empfang 
ÄU nehmen, um die Serviette zu reichen, um das Wasch- 
becken zu präsentiren, für jeden kleinen Dienst hat 
der Sultan einen besonderen Angestellten. Man glaube 
aber nicht, dass alle diese Leute besoldet sind. Ziem- 
lich gute Kleidung, oft die, welche der Sultan oder 
die Ji'rmzen abgelegt haben, und die sich von der 
<^iwtüchen Tracht durch nichts unterscheidet, als durch 
grössere i? adeascheinigkeit — dann Nahrung, das ist 
Alles, was dieses Heer von Bedienten und Beamten 
bekommt. Aber keineswegs sind sie deshalb ohne 
Geld, von Jedem, der nach Hofe kommt, wissen sie 
etwas zu erpressen; gehen sie in die Stadt auf die 
Märkte, so entiocken sie bald hier einem unglückhchen 
Juden, dort einem leichtgläubigen Landmann eine Mo- 
sona, wer wUrde der Bitte oder der Drohung eines 
äsahab sidna widerstehen? Es ist das officieller Name 
aller Beamten und Biener. Der erste Minister des 
Sultans, wie sein letzter Sklave, schämt sich dieses 
Titels nicht, was wiederum semen Grund daher hat, 
weil in den Augen des Sultans der höchste Beamte 
keinen grösseren W ertii hat als der letzte Sklave. 

20* 



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308 



Vor der marokkaiuBclieii Unfehlbaikett YerflQlt mit 

derselben Leichtigkeit das Haupt des rechtschaffensten 
Beamten dem Schwert, wie daa eines Verbrecbers, der 
es wirklicli verdient hat EigenÜich kann daher XJn- 
felilbarkeit nur in einem solchen Lande vollkommen 
blühen nnd existiren wie in Marokko, d. h. in einem 
Lande, wo das Gesetz nichts gilt, sondern Alles sich 
der Laune eines schwachköpfigen Fanatikers fügen 
miiss. 

Es giebt kein höchstes Justizamt in Marokko ; vom 
Kadi einer einzelnen Provinz oder einer Stadt, oder 
eines kleinen Ortes kann nur an den Uisir oder an 
den Sultan appellirt werden,* welche letztere nach ihrem 
Gutdünken das gefällte Urtheil bestätigen oder ver- 
werfen. 

Die einzelnen Provinzen und Ortschaften werden 
manchmal von Kaids und Schichs regiert , die direct, 
wenn es sich um Provinzen und um grossere Städte 
haudeltj vom Sultan ernannt werden. So wie wir auf 
den meiBten Karten die verschiedenen Provinzen abge* 
grenzt finden, existümi sie m administratiTer und ge- 
richtlicher Beziehung nicht. Die Kaid stehen einem 
Kaidat vor, das manchmal aus einer Stadt mit ver- 
schiedenen Triben oder Dörfern besteht. Oft ist ein 
Kaid direct vom Sultan abhiingig, oft hat ein Kaid 
oder Schieb 40 oder gar 100 Kaids, die unter ihm 
stehen. Ein Kaid hat manchmal nur einen Duar*), 

*) ZeiUiorL 



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309 



eben Tachar*), eine Thbe zu commandiren. manchma/ 
deren 20, bO mä noch melir. Ein Kaid commandirfc 

z. B. vielleicht zu einer Zeit die beiden Rhabprovinzen 
mit den Triben darin, oder wie zur Zeit des jetzt re- 
gierenden Snltans sind sie getheilt, und werden yon 
zwei Kaids regiert. Der Titel „Kaid" ist der allein 
oificielle, sowohl für die Beamten einer grossen Pro- 
vinz, wie für die einer kleinen Ortschaft. Gleichbe- 
deutend ist der Name „iSchich", den man vorzugs- 
weise in den Gegenden von Uberwiegender Berber-Be- 
völkerung antriÖt. Der Titel „Bascha'' wird nur ein- 
zelnen besonders hervorragenden Gouverneuren, z. B. 
dem von Alt-Fes, verliehen. Der Titel „Chalifa" 
schliesst immer eine Stellvertretung in sich, so hat 
2. B. der älteste Sohn des Sultans unter der Begierung 
des jetzigen Kaisers, sobald dieser nach Marokko übei> 
siedelt, den Titel „Chalifa von Fes" als seines Vaters 
Stellvertreter. Kehrt der Sultan nach Fes zurück, 
hat einer der Brüder des Sultans, Mulei Ali, in der 
Hauptstadt Maiokko den Titel „Chahfa", Es ist dies 
die einzigjB Erinnerung daran, dass ehemals Fes und 
Marokko getrennte Königreiche waren. 

Es würde unmögüch sein, genau die Grenzen der 
Terschiedenen Provinzen Marokko^s angeben za wollen, 
da überhaupt je nach den Launen der Begierung 
heute eine Provinz vergrössert, morgen verkleinert 
oder gar e ntzwei geschnitten wird, heute eine Tribe 
^) Bergdorf aus Uäuaem. 



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310 

dieser, morgen jener Frovinz einverleibt -wird, mancli- 

nial mit den Provinzen eine geographische Bezeichnung 
für immer verbunden ist^ manchmal aach nicht. 

Auf der Abdaebnng des Atlas nach dem Ifitftel- 
meer und Ocean, imifasst von der Gebirgskette, welche 
zwischen Cap Gehr und Cap ei Deir hinzieht» haben 
wir im Norden die Andjera mid Rif-Provinz, südlich 
von Andjera die beiden Khaib- Provinzen, und dann 
längs des Oceans von Norden Beni^Hassen» Schanya» 
Dukala, Abda, Schiadma und Haha. Südlich Tom 
Elf die Hiaina, und südlich von der Hiaina die Pro- 
vinz Fes. Auf den Stufen des Atlas liegen östlich 
Ton Haha die Ahmar und die Srhammena, dann Ha- 
roksch (üistrict der gleichnamigen Stadt), und nörd- 
hch von Maroksch, Temsena und östlich Scheragna. 
Diese soeben aufgeführten Districte, die aber keines- 
wegs alle eine besondere Regierung haben, und deren 
Grenzen nicht g^uui bestimmt sind, dürflen die Be- 
nennungen für die bezeichneten Oertlichkeiten sein. 
In denselben sind indessen Districte enthalten, die 
ebenso gut den Namen Provinz führen können. Die 
östliche Partie des Garet, welche Provinz westlich 
mit dem Rif zusammenhängt, ist in den letzten 
Jahren als Beni-Snassen bekannt geworden, ein eigener 
politisch begrenzter District, mit eigenem Kaid. Süd- 
lich von der Provinz Fes, von iScheragna, Maroksch 
und Erhammena sind Atlas aufwärts noch die ver^ 
schiedensten Districte bis zum Xamme des Gebirges, 



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311 



aber die Namen derselben zum Theü uiibekaruit, /Mm 
Tlieil wissen wir nicht mit derselben Sicherheit anzu- 
geben, wohin sie setzen. Von Fes in südöstlicher 
Biehtiing konnte ich constatiren den Distiict der ßeni 
Mtir und der Beni MgilL » 

Südlich vom Cap Gehr längs des Oceans sind die 
Provinzen Sus und Nun (mit Tekn i ), der Staat des 
Sidi Hischam existirt nicht mehr*). Die Provinz 
Draa kommt natürlich riur soweit hier in Geltang, als 
sie bewohnt ist, das ist bis zum ümbug des Flusses 
nach Westen. Es ibigt sodann östlich vom Draa Ta- 
filet mit seinen verschiedenen Districten, und nord- 
östlich von Tatilct die verschiedenen kleinen Oasen 
am südöstlichen Atlasabhange» die bedeutendste davon 
ist J^gig. Endlich die südöstlichste Provinz von Ma- 
rokko ist Tuat. 

Ueber die Einnahmen und Ausgaben des Sultans 
von Marokko lässt sich nichts Bestimmtes sagen, da 
keine Staatsbücher dai'über existiren, die Einkünfte 
dem Zufall unterworfen und der Laune der einzelnen 
Kaids anheimgegeben sind^ oft auch andere Umstände 
eintreten, die ganz unvorhergesehen sind. 

Im Jahre 1 778 veranschlagte Höst^ auf Koustroup 
fassend, die Einnahme auf eine Million Piaster'*'*), 

♦) Der Name „Dschesula" oder, wie Renou auf seiner Karte 
hat, Gezoiila, existirt nirgends südlich vom Atlas, vielleicht soll 
er auf den Karten bloss die Gaetaler der Alten in Erinnerung 
bringen. 

**) Ein spaniBcher Piaster ongeflUir 1 Xhlr. 13 Sgr. ^ 



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hervorgegangen ans Zoll, Schutzgeldem, Thorsteuem, 
Jadenabgaben, Monopolen , Miethen, Strassenzollen 

und ausländischen Geschenken, letztere figuriren allein 
mit 250,000 Piastern. An Ausgaben giebt er nur 
300,000 an, so dass 700,000 Piaster für den Scbats 
geblieben wären. Da der zu der Zeit regierende 
Sultan im Jahr 1778 zwei und zwanzig Jahre regierte, 
meint Höst den Schatz in der Bit el mel auf 13 Mil* 
lionen Piaster veranschlagen zu können. 

Im Jahr 1821 giebt Hemsö die Einkünfte auf 
2,600,000 Thaler an, darunter an Geschenken für 
225,000 Thaler. Die Ausgaben berechnet er auf 
990,000 Thaler, und wie Höst schUessend, dass Sultan 
Soliman seit seiner Thronbesteigung im Jahre 1793 
jährlich eine Erspainiss von 1,600,000 Thaler gemacht 
habe, meinte er, müsse in der Bit el mel nach 
einer Kegierung von 34 Jahren zum mindestens die 
Summe von 50 Millionen Thaier sein. 

Neuere Nachrichten liegen über den Staatshaushalt 
nicht vor, denn Jules Duval in der Revue des denx 
Mondes von 1859 hat einfach vou Hemsö abgeschrieben, 
die Zahlen für die neuesten ausgegeben, ohne der 
Quelle dabei auch nur zu gedenken; ebenso wenig 
verdienen Calderons Angaben Glauben. 

Auch über Gesammtausfiihr und £infubr, über 
Handel und Wandel liegen keine statistischen Nach- 
richten vor. lieber verschiedene Häfen besitzen wir 
in dieser Beziehung gar kein HateriaL Agadir mit 



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8e)urbed6ttt€fiiderImportatioii von Nataralien aus Sudan, 

der Sahara, iSun, Draa und Sus hat, wie Asamor, 
keine Consuln irgend eines Staates. Und Asamor ist 
eine der bedeutendsten Städte. Ans einzelnen Häfen 
jedoch liegen über ein- und ausgelaufene Schiffe, 
TonnengehaLty Aus- und Einfuhrartikel » Nationalität 
der Schiffe etc. genaue Angaben vor*). 

Serafin Calderon schätzt den Gesammtwerth des 
Handels auf 50,000,000 Thaler. England yermittle 
davon zwei Drittel, das dritte vertheile sich auf Spa- 
nier, Portugiesen, Franzosen, Beigier etc. Beaumier 
giebt die Handelsbewegung von Marokko mit einem 
jährliehen Mittel von etwa 40 Millionen Franken an, 
und was die "Wichtigkeit der daran theiluelimenden 
Häfen anbetrifit, stellt er Mogador mit % voran, 
während L'Araisch, Tanger, Bbat, Casabianca und Mar 
sagan je mit Vs^ und Tetuan und Saffy mit je Vi« im 
■ gleichen Verhältniss daran Theü nehmen'''*). 

Obschon nun Terschiedene Tractate mit den chnst^ 
liehen Nationen geschlossen sind über Zoll bei Einfuhr 
und Ausfuhr, so hebt sie der Sultan manchmal ohne 
besonderen Grund auf, weshalb sollte er auch nicht? 
Braucht er, der unfehlbare Herrscher der Gläubigen, 
Sklave seines Wortes zu sein? ist er nicht Herr und 
uneingeschränkter Gebieter aller Leute, die im Bharb 
sich aufhalten ; folglich auch der Christen, so lange 

9 

*) Siehe Richardson Vol II, p. 316. 

Siehe BeAumier, Description sommaire de Maroc, p. 31* 



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du 



wie sie dort wohnen? Giebt es überhaupt einen Für- 
sten, der sich mit ihm messen kann? Freüich regiert 
der Sultan von Stambul die andere Hälfte *) der Gläu- 
bigen, aber das ist von Gott so geschrieben. Freilich 
schlugen die Franzosen bei Isiy den jetzt regierenden 
Sultan aufs Haupt, aber das war auch Mektub Allah 
(▼on Gott geschrieben); freilich nahmen die Spanier 
Tetuan, aber auch das war Mektub Allah; einige alte 
Wahrsager sagen sogar, die Christen werden einst in 
Mulei Edris (Fes) einrfidren, und man antwortet In 
Marokko: ^^Gott verfluche sie, aber vielleicht ist es 
ge8chrie.ben.'^ 

*) AnsGhaiiiuigBweue der Marokkaner. 



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einziger Staat auf der ganzen £rde hat sich 8o 
in seiner Abgeschlossenheit m erhalten gewnsst wie 

Mai'okko. Während die Türkei schon seit langer Zeit ' 
in diplomatkchem Verkehr mit allen europäischen 
MSdittti steht, in allen europäischen Ländern Ge- 
sandte und Consuln unterhält; während China, wenn 
es auch noch keine Agenten in Europa hat, doch f<Hrt- 
während in diplomatischer Verbindung mit den christ- 
lichen Mächten steht und das Reich der Mitte jetzt 
den Europäern geöffiiiet ist^ hleiht der änsserste Westen, 
el-Rharb-el-Djoani, gelieimnissvoll verschlossen. 

Weder die Schlacht von Isly oder des Prinzen 
Ton Joinyille Bombardement von Tanger und Mogador, 
noch die Einnahme von Tetuan haben vermocht, irgend- 
wie eine Veränderung herbeizuführen. Mit Ausnahme 
einer einzigen Macht» Englands, sind die Beziehungen 
Marokko's zu aileü übrigen Mächten förmlich und kalt; 
sie beschränken sich eigentlich auf DiÜerenzen der 
Mohammedaner und Christen in den marokkanischen 
Hafenstädten. 




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316 



£8 haben indess früher wohl bessere Zeiten existirt, 
wir wissen, dass nach dm heftigsten Feindseligkeiten 
der Christen mit den Mohammedanern Spaniens und 
Marokko's Pausen eintraten, in welchen beide vere int 
den Wissenschaften oblagen. Die erste \ er treibung 
der Mohammedaner aus Spanien, endlich die letzte 
im Jahre 1609, legte Grund zu jenem unauslöschlichen 
Hasse, den die Norwestafrüoiuer von uun au gegen 
alles Christliche kund geben. Dazu kamen auf den 
Thron von ^rarokko neue Dynastien, die erste der 
Filali oder Schürfa, dann zu Anfang des 17« Jahr- 
hunderts die zweite Dynastie der Schürt. 

Marokko wetteiferte um diese Zeit mit den übrigen 
liaubstaaten im Capem christlicher Schiffe, keine Macht 
war sicher, und hatte je ein europäisches Schiff das 
Unglück an der gefahrlichen Küste, die sich von der 
Strasse Gibraltars bis zur Sahara lunerstreckt, zu 
stranden, so waren das Schiff und was es enthielt 
uij^bedingt Beute der umwoiinenden Völker, die Be- 
mannung aber wurde gemordet, Terstümmelt, geschän* 
det, im besten Fall aber ins Innere geschleppt, um 
dort als Öidaven mittelst härtester Arbeit das Leben 
zu fristen. 

Und haben diese Verhältnisse Tielleicht Besserung 
erfahren? Keineswegs! Allerdings hat schon Sultan 
Soliman, oder Sliman, wie ihn die Marokkaner nennen, 
die Aufhebung der christlichen Sklayen decretbrt, und 
erleidet jetzt ein Schiä irgendwo an der marokkanischen 



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317 



Küste Schiffbruch, so wird die Mannschait nicht mehr 
verkauft, sondern gemeinigUch ni^h langen Leiden 

ausgeliefert. Werden unter der Zeit einige davon ge- 
mordety werden, üalls Jj'rauenzimmer dabei sind, diese 
nicht respectirt, so hat das noch nie Folgen gehabt 
Eigenthum wird abei' auch lieutigen Tages noch nie 
geachtet; der Schiffsladung beraubt, des persönlichen 
Eigenthnms bestohlen, so werden die armen Verun- 
glückten dem betreffenden Consul iiberhündigt. Sicher 
Terlangt der mit der Uebergabe Betraute vom christ- 
lichen Consnl noch ein bedeutendes Geschenk, mög- 
licherweise wird auch noch eine Rechnung iür Ver- 
pflegung eingereicht. Und die Oonsuln zahlen und 
danken. 

Im selben Jahr 1852, als der englische Admiral 
Napier marokkanische Unbilden, gegen ^lische Un- 
terthanen begangen, rächen wollte, aber nur unnützer- 
weise seine Flotte angesichts der marokkanischen Küste 
spazieren führte, im selben Jahre wurde die preussische 
Brigg Flora an der Rifküste geplündert Vier Jahre 
später wurde Prinz Adalbert von Preussen, der jetzige 
Admiral des Deutschen Beiches, an der nämlichen 
Küste beim Wassereinnehmen verr&tiierisoh angegriffen 
und verwundet. Marokko hat nie Satisfaction dafür 
gegeben, gegen Preussen liess es sich durch den 
schwedischen General-Consul damit entschuldigen (wie 
mir später der marokkanische Urosswessier Si Thaib Bu 
Aschrin selbst bestÄtigte): der Sultan habe kerne Ge- 



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818 



walt ttber die Rif-Bewohner, und lehne daher jede 

Verantwortung für dergleichen Acte ab, und mit Eng- 
land wurden die guten Bezielmngen dadurch wieder 
hergestellt, daas das stoke Königreich dem Sultan 
Geschenke machte. 

Um die Politik iiluglands zu verstehen, müssen 
wir bis zum Jahr 1684 zurückgehen , zu welcher Zeit 
England die ^iadt Tanger, welche Karl II. von seiner 
portugiesischen (xemahün Katharina zwanzig Jahre 
Mher bekonmien hatte, freiwillig aufgab. Dieser un- 
kluge Streich, einen Stützuiigspuukt am Eingange des 
Mittebneers freiwillig zu verlassen, wurde für die eng- 
lische Begierung dadurch neutralisirt, dass schon 20 
Jahre S2)äter der kaiserliche Feldmaiüchali Priiiz Georg 
von Eessen-Dannstadt Gibraltar für England eroberte, 
und Grossbritannien ist seitdem im stetigen Besitze 
dieser Veste geblieben. 

War es nun in früheren Zeiten England haupt- 
sächlich darum zu thun, mittelst Gibraltars die dortige 
Meerenge beherrschen zu können, dort am Eingange 
des Mittelmeeres einen sichern Punkt für eine Kriegs- 
flotte zu besitzen, so hat die Dampischiffiahrt hierin 
eine vollständige Veränderung hervorgerufeu. Seitdem 
ein Damp&chiff in einer Stunde 15, ja ausnahmsweise 
20 SLUOten zurücklegen kann, beherrscht der Fels Ton 
Gibraltar die Meerenge nicht mehr, üeberdies lässt 
sich mit den weittragendsten Kanonen die ganze 
Passage bis zum afrikanischen Ufer nicht bestreichen. 



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819 

Für England aber wird Gibraltar immer Wichtigkeit 

behalten wegen der Nähe von Marokko uiid als Sanimel- 
piatz für eine Flotte. Aber weit wichtiger in dieser 
Beziehung würde für England der Besitz yon Oeuta 
sein. Was die Lage dieses Ortes anbetrifft, so ist sie 
ebenso günstig wie die von Gibraltar, in Beziehung 
zu Marokko aber bedeutend günstiger. Und insofern 
ist es wohl zu verstehen, dass in jüngster Zeit immer 
wieder das Gerücht auftauchte, England beabsichtige 
Gibraltar gegen Genta auszutauschen. 

Das Interesse nun, welches England an Marokko 
bindet, liegt zum Theil darin, weil der englische Handel, 
die englischen Producte fast ausschliesslich den ma- 
rokkamschen Markt beherrschen, daim in Eifersucht 
gegen fremde Mächte, vorzugsweise Spanien und Frank- 
reich. Und diese Eifersucht entspringt hauptsächlich 
wieder daraus, dass England fürchtet von eben diesen 
Mächten vom marokkanischen Markte verdrängt zu 
werden. Wir wollen nicht zurückgreifen , und daran 
erinnern, wie Kngland der Staat war, der die Einge- 
borenen Algeriens und namentlich Abd-el-Kader that- 
sächlich gegen Frankreich unterstützte, wir wollen bei 
den letzten Ereignissen stehen bleiben. 

Als am 95. März 1860 Mulei Abbes und O'Donnell 
Frieden schlössen, hatte bald darauf der spanische 
(ieneral Ros de Olano, von seineu Soldaten Abschied 
nehmend, vollkommen Becht zu sagen: „Wir haben 
erneu ftr uns neuen, ja einzigen Krieg in seiner Art 



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d20 



beendigt) in welchem, nadi meinem Urtheüey wir bei 
jeder Action siegreiefa gewesen sind; aber dennoch die 

Campague verloren haben/* 

Olano hatte Tollkommen Becht so zu sagen, denn 
gewonnen haben die Spanier in diesem Feldzuge nichts. 
Das Versprechen Agadir abzutreten ist nicht gehalten 
worden, im GegeuUieü, im Jahr 1 862 konnte ich mich 
überzeugen ; dass der Sultan Sidi Mohammed aufs 
eifrigste damit bescliiiltigt war, diesen Ort, der früher 
nur mangelhaft befestigt war, durch neue und gut 
ausgeführte Befestigungen zu schützen. Eine Mission 
in Fes und Mikenes einzurichten, daran haben die 
Spanier bis jetzt nicht denken können, trotzdem, daes 
auch dies beim Friedensschluss verabredet war. Tetuan 
musste wieder herausgegeben werden, und die Xriegs- 
kosten sind noch lange nicht bezahlt, und werden es 

auch, wenn es so fort geht, nach eigener spanischer 
Berechnung in hundert Jahren noch nicht sein. 

Und wer brachte diesen für Spanien so ungünstigen 
Frieden zuwege? Wer verhinderte die Spanier von 
Tetuan nach Tanger zu marschiren, wer verhinderte 
das Bombardement von Tanger, Mogador und anderen 
marokkamschen Hafenplätzen? Nur England! Sidi 
el Hadj Abd es Ssalam, Grossscherif von Uesen, 
erzählte mir sogar ein Jahr später, dass englische 
Soldaten als Marokkaner verkleidet, an den Batterien 
in Tanger gestanden haben, um die Kanonen zu be- 
dienen, &U8 die Spanier dennoch einen Angriff wagen 



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821 

würden. Natürlich kann ich nicht einstehen für die 
Wahrheit dieser Auss^ige, sie bekundet aber, wie innigen 
Antheil England derzeit an Marokko nimmt 

Die erfiten regelmässigen Beriehungen Spaniens 
mit Marokko fanden im Jahr 1767 und 1798 statt. Wie 
die übrigen christiichen Nationen verstand auch Spa^ 
nien sich zn einem jährKchen Trihut, der sich indess 
nnr anf etwa 1000 Thlr. belief. Freilich musst^n bei 
einem jeden Consulatswechsel 12,000 Thb. extra bezahlt 
werden. Spanien betonte übrigens in dem 1798 abge- 
schlossenen Vertrage, die Geschenke nur deshalb 
leisten zu wollen, damit die in Mikenes, Marokko, 
L'Araisch und Tanger bestehenden Klöster ohne Hin- 
demiss ihre Religion ausüben könnten. Die Klöster 
im Innern waren hauptsächüch errichtet, christüche 
Sklaven froizukaufen und ihnen in Krankheit Beistand 
ÄU leisten, namentlich auch sie in der christlichen 
Religion zu stärken und zu erhalten. Höst in semem 
1781 erschienenen Werke erwähnt noch dieser Klöster. 
Aber da der i eligKise Fanatismus in Marokko bis jetzt 
immer noch wachsend gewesen ist, sah sich Spanien 
genöthigt, schon Ende des vorigen Jahrhunderts die 
Klöster von Mikenes und Marokko aufzuheben; das 
von L'Araisch wurde 1822 geschlossen. 

Augenblicklich lebt der spanische Generalconsul 
m Tanger mit der Regierung von Marokko aul' gutem 
Fuase, spanische Agenten theüen mit denen des 



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322 



Sultans sämmtliche Hafeneinkünfte aller Hafen, damit 
SpameQ so zu seiner KriegskostenentscMdigimg komme. 

Der einzige Staate der es verschmäht hal^ je Ver- 
bindung mit Marokko itiiziikniipfen oder gai' Tribut zu 
zahlen, ist Kussland, und eigenthümlich, Kussland ist 
in Marokko am meisten gefürchtet, den Namen „Muscu'* 
spricht jeder Marokkaner , mit einer gemesseneu elu*- 
furchtsTollen Scheu aus. 

Frankreich behauptet*), schon 1577 Consnhi in 
Fes gehabt zu Laben, ob dem so ist, wollen wir daliin 
gestellt sein lassen. Die ersten diplomatischen Be- 
ziehungcu waren der Vertrag vom 3. Sept 1^0, yom 
17. und 24. Sept. 1631, vom 16. Jan. 1635 und vom 
29. Jan. 1682"*), endlich 1G93 zur Zeit Louis XIV. 
Letzterer trat erst 1767 in Kraft. Frankreich bezahlte 
keine bestimmte jährliche Summe, aber die jähilichen 
Geschenke giebt Hemsö auf mehr als 100,000 Thlr. an. 

Von dem ersten Tage der E^berung Algeriens 
an hat Frankreich beständig mit Marokko airf dem 
qni yiye gestanden. Die Schlacht von Isly, durch den 
jetzt regierenden Snltan Sidi Mohammed verloren, das 
Bombardement von Mogador und Tanger haben keines- 
wegs dazu beigetragen, die Franzosen beliebt zu machen. 
1844 als Friede und ein neuer Vertrag geschlossen 
wurde, konnte Abd-er-Ühaman sich nicht dazu ver- 



*) Jules Duval, Rev. des deux raondes 1859. 

**i Du Mout, Coips diplomaOqne i. Y. YL u. Yll. 



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d23 



stehen, den französischen Gesandten in Fes zu em- 
pfangen, er ging eigens zu dem Ende nach Rbat. 

Seit der Zeit hat Frankreich keine ernste Strei* 
tigkeiten mit Marokko gehabt , die Expedition gegen 
die ßeni-Snassen wai* lokal und gescliah mit Genehmigung 
des Sultans, andere Differenzen, z. B. manchmal Aus- 
lieferungen algerinischer Verbrecher und Revolteure, 
wurden immer dadurch beigelegt, dass Marokko wo 
es nur konnte aufs schnellste Frankreichs Wünsche 
erfüllte. Denn England wird in Marokko geliebt, 
Spanien gehasst, aber Frankreich gefürchtet Das ist 
die eigene Aussage des marokkanischen ersten Mi- 
nisters.' 

Obgleich England nicht zu den Mächten gehört, 
welche die ältesten Tractate mit Marokko geschlossen 
haben, so sehen wir doch schon, dass zur Zeit der 
Regierung der Kömgni Elisabeth enghscher Handel 
sich an der marokkanischen Küste entwickelte. Am 
2. Januar 1718 wurde der erste"*") und unter Georg II. 
und Sultan Mulei Hammed el Dahabi im Juni 17'<^9 
ein zweiter Vertrag geschlossen. Von den Sultanen 
Sidi Mohammed 1760, von Mulei Yasid 1790, und von 
Mulei Siiman 1809 wurde dieser Vertrag bestätigt*'**). 
Denn die Sultane von Marokko anerkennen die Acte 
ihrer Vorgänger mir, wenn sie dieselben ausdrücklich 
bestätigt und erneuert haben > namentlich solche mit 

♦) Du Mont, Corps diplom. T. VIII. 
Graberg di Hemso, u. 232» 



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324 



den chnstlichen Mächten. Ein Hauptgrund zu einem 

solchen Verfahren ist, dass bei einer Vertragsemeuerimg 
die betreffenden Staaten bedeutende Geschenke an den 
Sultan und seine Begierung zu machen haben. In 
einer 1815 vom englischen Pai-lument veröffentlichten 
Liste ersehen vir, dass Marokko mit einer jährlichen 
Liste Yon 16,177 Pfd. St. von 1797 bis 1814 figurirt 
als Kriegsuuterstützung*). Ausserdem hat die gross- 
britannische Legation in Marokko über jährliche 10,000 
Piaster zu Geschenken zu verfugen, und versorgt zum 
Theü Marokko gratis mit Munition^*) und Waifen 
wegen der Erlaubmss, nach Gibraltar Vieh und Ge- 
treide so viel es braucht ausfuhren zu können. 

Die grossten Krfolge verdankt England jedoch 
seinem jetzigen Bepräsentanten in Marokko, Sir Dmm- 
mond Hay. Um Männer zu haben, die genau mit den 
Sitten und mit der Sprache des Volkes bekannt sind, 
hat England zu semen Vertretern in Marokko nur 
solche Leute genommen, die dort im Lande geboren 
sind. So auch Sir Drummond, der wie kein anderer 
das Land kennt, und mit Hoch und Niedrig umzugehen 
weiss. Am 9. December 1859 schloss Sir DruiuiuoiKl 
mit Abd-er-Ehaman einen neuen Handelsvertrag, und 
traf Bestimmungen, von denen alle christlichen Machte 
profitiiren sollten. Indess beanspraciite im Vertrage 

*} ReTue dea deuz mondes Maroc, ses moeurs et 

ressources. 

*♦) S. Galderoii. 



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325 



Ton 1861^ der, was das OommercieUe anbetrifity revi- 
dirt wnrde^ England fUr sich eine Aofinalmiestellting. 

So lieisst es z. B., Englands Consuln dürfen resi- 
diren, in welchem Hafen oder in welcher Stadt*) es 
Grossbritannien Übr gut findet , während fttr die Con- 
suln der übrigen Mächte nur die Häfen erwälmt sind. 
Andererseits ist anzuerkennen, dass England in diesem 
Vertrage zum erstenmal fUr alle europäischen Agenten 
das E«cht erlangte, die Faliue da aufzuhissen, wo mau 
es wollte, und nicht bloss wie früher im „unreinen 
Ghetto" der Juden. Und vor allen Dingen ist her^ 
vorztiheben, dass England den Protestanten volle Frei- 
heit bei Ausübung ihres Cultus zusicherte. Im Jahre 
1862 war Sir Drummond selbst in Mikenes während 
eben der Zeit wie ich dort war, und ich konnte mich 
selbst überzeugen, wie allmächtig sein Einfluss, mithin 
der Englands in Marokko ist, und irre ich nicht, so 
hat Drummond Hay im Jahre 1867 sogar in Fes den 
Sultan besucht Deijenige, der weiss, wie sehr schwierig 
CS ist, mit den marokkanischen Monarchen in Person 
zu verkehren, namentlich in einer der Hauptstädte des 
Landes selbst, wird ermessen können, welch grosses 
Zutniuen der derzeitige Sultan zum jetzigen grossbri- 
tannischen Consul hat. 

Aber die englische Eegierung, die weiss, dass 

*) Um Marokko nicht zu verletien, wfirde Obrigens England 
wohl nie ämai heMM, hu hmem des Landes Consnhi na 
batab 



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836 



solchen Völkern hauptsächlich durch Glanz, Beichthum 
und Macht imponirt wd, hat in Tanger ein Oonsolate- 
gehäude herstellen lassen, das seiner Zeit mehr als 
70,000 Thaler kostete, der Generalconsul und Minister- 
resident bezieht einen Oehalt von mindestens 50,000 
Francs ; ausserdem stehen dem englischen Minister zur 
Seite ein bezahlter Viceconsul, ein Arzt, Prediger, yer* 
scbiedene Dolmetsche, Oavassen und Diener, alle gleich- 
falls liocli besoldet. In Mogador, Asfi, Darbeida, Dar- 
Djedida, Kbat, L'Ardsch, Arsila und Tetoan unterhält 
England ebenfalls bezahlte Oonsulate, Yiceconsnlate 
und Agenturen. 

Im Anfang der 60er Jahre vertrat £ngland ausser^ 
dem das ESnigreich Dänemark, Oesterreicb und die 
deutschen Hansestädte. 

Die Hanseatischen Städte zahlten auch Tribut. 
1750 musste Hamburg 50 Lafetten liefern, ausserdem 
300 Ceutner Pulver etc.*). 

Am 18. Juni 1753 (Höst, p. 284) schloss Däne- 
mark einen Tractat mit Marokko; da die meisten 
älteren Tractate ähnlicher Art sind, heben wir daraus 
hervor: § 6 und 10. Jeder Däne kann im Lande 
reisen und hat Sicherheit (?). Keine andere Nation 
ist der dänischen bevorzugt. § 9. Kern dänisches 
schifibrüchiges Schiff darf beraubt, oder die Kann- 
schaft davon iiiisshandelt werden (?). Kein Maure darf 
den Dänen zwingen, seine Waare unter dem Werthe 

*) Pa^t La Piraterie nuBulmaae, ReTue africaine* 1868, 



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327 



zu verkaufen. Kein Matrose darf mit Gewalt von 
einem dänischen Schiffe genommen werden. § 12. 
Wenn ein danisches Schiff einige von seinen in einem 
marokkanischen Hafen bereits verzollten A\ aaren nach 
einem anderen Hafen in Marokko bringen möchte , so 
soll kein Zoll aufs neue von den an Bord befindlichen 
VVaareu erlegt werden, die anderwärts hin bestimmt 
sind. Von Munition und Schifbbaumatenahen wird 
kein Zoll bezahlt. — Dänemark bezahlte dafür 
(Henisö p. 235) jährlich 25,000 Thaler, imd auserdem 
für die £rlaubnissy eine Handelscompagnie an der 
Efiste von Sla bis Asfi anzulegen, ein Annuum von 
50,000 Thlm. 

Im Jahre 1844 hat Dänemark erst aufgehört Tribut 
an Marokko zu zahlen, während Schweden, welches 
im Jahr 1763 den ersten Vertrag mit Marokko unter- 
zeichnete, hierfür dem Sultan einen jährlichen Tribut 
von 20,000 Thalern gab. Vorher bestanden die Ge- 
schenke Scliwerltiis in Natunüien: Holz, Tauwerk, 
Munition etc. 1771 unter Gustav III. wurde ein neuer 
Vertrag vereinbart, wonach Schweden jährlich zweimal • 
einen Gesandten nut üesehenken zu schicken hatte, 
aber 1S03 derselbe alte Vertrag wieder erneuert, wo* 
nacb Schweden 20,000 Thaler leistete, und noch die 
Deuiüthigung erfuhr, dass dieses Geschenk öffentlich 
durch den Consul überreicht werden musste. Unter 
Bernadotte wurde der Tribut dann gänzUch aufge- 
hoben ; der schwedische Generalconsul hatte die An- 



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828 



nuität von 20,000 Tlialern eines Jahres zum Bau eines 
Oonsulatsgebäudes'*'} benutzt , und später die Zahlung 
nicht weiter geleistet. Zur Zeit, aJs ich in Marokko 
aiiw esend war, vertrat Schweden und Norwegen zugleich 
Preuflsen. 

Oesterreich, das sich jetzt auch durch England 
vertreten lässt, schloss, nachdem der Kaiser Kudolph II. 
im Anfange des 17. Jahrhunderts einen Gesandten an 
Sultan Abu Fers geschickt hatte, einen Vertrag mittelst 
des Engländers »Shirley; im Jahre 1783 am 17. April, 
also ungefähr 150 Jahre später (SobweighoTer, Staats- 
verfassung von Marokko und Fes), erneuerte es den 
Vertrag. Zu der Zeit hatte Öidi Mohammed einen 
Gesandten an Joseph II. geschickt, Namens Mohammed 
Ahd-el-Malek , der mit dem Ratli von Jeniscli den 
Vertrag erneuerte und besiegelte. Im Jahre 1815 ver- 
piiichtete sich Kaiser Franz gegen Marokko für Ve- 
nedig einen jährlichen Tribut von 10,000 Sequinen zu 
zahlen, wozu sich 1765 die Eepublik verpflichtet hatte. 
Im selben Jahre jedoch brach Oesterreich jede Ver- 
bindmit:: mit Marokko ab, und Lorte, wohl von allen 
europäischen iStaaten der erste; auf, Tribut zu zahlen. 
Oesterreich verwies seine Unterthanen an Spanien. 
Die vielen 'N'exatiunen, die Sultan Abd-er-Ehamau 
aber gegen Oesterreicher ausübte, zwangen diesen Staat 
zu einer militärischen BemonstraÜon. 1829 bombardirte 

*) Siehe von Maltsao: ^Drei Jahre im Hordwesten von 



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329 



der österreichische Admiral Bandierra einige Küsteu- 
städte, aber ebne grossen Erfolg. Unter Dänemarks 
Vermittelung kam am 12. Februar 1830 ein Vertrag 
mit Marokko zu Stande, von dem nur bekannnt ist, 
dass Oesterreich sich nicht zu Geschenken oder Tribut 
verpflichtete. Die Vertretung blieb Dänemark und 
später England überlassen. 

Mit dem Sultan Sliman hatte im Jahr 1817 Preussen 
versucht ebenfalls einen Vertrag abzuschliessen , der 
aber nicht zu Stande kam, und seit der Zeit bUeb, 
wie angeführt; die Vertretung dieses Landes Schweden 
überlassen. Im Anfange dieses Jahrhiuiderts hatte 
denn auch Hamburg versucht^ einen Vertrag zu Stande 
zu bringen, da ein Hamburger Artikel früher wie auch 
jetzt (wenigstens dem Namen nach), nändich weisser 
Kattun, ,,Amburgese<^ genannt^ sehr gesucht war; auch 
dieser kam nicht zu Stande; Hamburg Hess sich dann 
später durch Portugal vertreten , und zuletzt mit den 
übrigen Hansestädten durch England. 

1825 schloss Sardinien mit Marokko einen Ver- 
trag und verpflichtete sich, bei jedesmaliger Erneuerung 
des Oonsulats 25^000 Eres, in Geschenken zu erlegen. 

Die durch die kleinen italienischen Staaten abge^ 
schlossenen V^erträge, von Sardinien (und vordem von 
Genua)^ von Toscana, yom Königreich beider Sicihen, 
wurden 1859 durch einen neu zwischen Gesammt- 
italien und Marokko vereinbarten Tractat aufgehoben. 
Man hat im letzten Jahre von Differenzen gehört^ die 



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880 



aswischen Marokko und Italien ansgelnrochen waren. 

ltT,lien hat ebenfalls ein Generalconsulat in Tanger, 
und in den meisten Hafenplätzen Agenturen. 

Die Niederlande y die am firüheBten mit Marokko 
iu Rapport waren, der erste Vertrag Avurde am 5. Mai 
1684^ dann später einer 1692 am 18. Juli (von Du 
Monty t. YII.) geschlossen, zahlten jährlich dem Sultan 
15,000 Thaler. Schon 1(304 hatte Sultan Abu Fers 
einen Gesandten nach Holland geschickt, der dort 
starb. Im Jahr 1815 schickte Wilhelm , König der 
Niederlande, eigens einen General nach Marokko, um 
dem Sultan zu notificiren, er sei nicht mehr tributär. 
Die Holländer, heute durch Ehigland Tertreten, be- 
sitzen eines der schönsten Consulatsgebäude in Tanger. 

Portugal unterhält wie England ^ Frankreich und 
Spanien einen Generalconsul und Ministerresidenten. 
Seitdem 1769 der Sultan Mohammed Masagan den 
Portugiesen genommen hat, sind die Beziehungen gut 
gewesen. Und Portugal ist der einzige Staat, von dem 
man sagen kann, Marokko behandle ihn auf gleichem 
Fuss, denn die jährlichen Geschenke, welche der Sultan 
von Marokko an den König von Portugal schickt, smd 
allerdings nicht so werthvoll, wie die, weiche er em- 
pfängt, deuten aber doch die Achtung vor der portu- 
giesischen Macht an. 

Selbst die Vereinigten Staaten von Nordamerika 
konnten dem Tribute nicht entgehen, den fast alle 
christlichen Staaten die Feigheit begingen, Marokko 



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331 



jährlioh zu entrichten. 1795 wurde mit Mulei Sliman 
ein Veitrag auf 50 Jahre geBchlossen, also bis 1845; 
in diesem verpflicliteten sick die Amerikaner zwar nicht 
zu einer hestimmten jährlichen Summe , indess die 
Zwangsgeschenke betrugen alle Jahre ungefähr 15,000 
Thaler. 1845 wurJo eine neue, diesmal für Amerika 
günstigere Uebereinkunit getroffen. Amerika hat in 
Tanger ein Generidconsulat. 

Brasilien und einige kleinere amerikanische Staaten 
haben ebenfalls in Tanger und den übrigen marokkar 
nischen Hafenorten Vertretung. 

Heute ist die Stellung der europäischen Consuln 
in Marokko eine ganz verschiedene , aber dennoch ist 
die Macht derselben weit entfernt von der, welche die 
christlichen Consuln in der Türkei haben. Für das 
Innere gelten auch hente alle Verträge und Bestim- 
mungen nicht, sobald sie Europäer betreffen ; das An- 
sehen eines europäischen Consuls ist im Innern gleich 
Null. Tribut zahlt heute kein einziges Consulat mehr, 
aber die mehr als königlichen Geschenke, die vor und 
nach namentlich England und ^Spanien an Marokko gelei- 
stet haben, habe ich selbst bewundem können; und so 
erfordert es ausserordenttiche Klugheit imd Gewandtheit 
liir einen Consul mit den Marokkanern zu verkeiuen. 
Wenn Fälle wie ehedem auch wohl nicht mehr vor- 
kommen, wo europäische Consuln willkürlich auf ein 
Schiff gepackt und fortgeschickt wurden*), falls sie 

*) Die marokksoiscbe Regienug kann dies heute sdion des« 
Iwlb nielit mekr^ sie kein einnges Scbiff «tr Dispositloa luti 



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332 



den Marokkanern nicht ge^üleHy so Terweigerte doch 

1842 der Sultan dem französischen Coiisul Pelissier 
in Mogador das fizequatur, bloss weil es Sr. nuirrok- 
kanischen Majestät so gefiel. Leon Boche musste von 
Tanger abberufen werden, weil er zu genau die marok- 
kanischen Interessen und Zustände kannte, und Eng- 
land und Marokko dies nicht dulden wollten. Nach 
1844 ist zwar Frankreich ganz anders au%etreten. 

Was Marokko selbst anbetrifft, so hat es nie daran 
gedacht sich im Auslände vertreten zu lassen , oder 
aus eigenem Antriebe diplomatische und commercielle 
Verbindungen mit fremden Mächten anzuknüpfen. Die 
verschiedenen Gesandtschaften^ welche die Regenten 
Marokko's nach Europa schickten, hatten alle nur den 
Zweck Geschenke flüssig zu machen und Gelder zu 
erpressen. Eine möchten wir ausnehmen: die von 
Mulei Abbes, Bruder des jetzigen Sultans, nach Spanien 
im Jahre 1860/61. Sie hatte natürlich nicht im Auge 
Gelder oder Geschenke zu bekommen, es handelte sich 
darum eine Ermässigung der Entschädigungsgelder für 
Marokko zu erlangen, und auch diese wurde nicht aus 
freiem Antriebe entsandt. Spanien hatte ausdrücklich 
erklärt über diesen Gegenstand nur mit dem Bruder 
des Sultans im eigenen Lande verhandeln zu wollen. 
Und Marokko erlitt die Demüthigung, dass, nachdem 
man Mulei Abbes durch Spanien spazieren geführt 
hatte; kein Deut von den Kosten erlassen wurde. 



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333 



An Consuln besitzt Marokko nur einen'*'). Es ist 
dies der Hadj Ssad Guesno, der in Gibraltar gewisser- 
massen das ganze Consulatsweseii seines Monarchen ge- 
genüber den Christen repräsentirt. Was iiir eine Art 
dieser Consul ist, davon kann sich der Leser am besten 
einen Begriff machen aus dem Briefe eines Freundes 
in Gibraltar, datirt vom 18. Mai 1871 : „Mein marok- 
kanischer College, ein Ex-Slave, jetzt Pantoffeln- 
£abrikant und schwarz wie ein Teufel, würde sehr staunen, 
wenn ich fragen würde, ob er mir einige Auiklänmgen 
geben könnte über diesen oder jenen Stamm, ob er 
arabischen oder berberischen Ursprungs sei — er würde 
mich gar nicht yersteben, erstens weil er über solche 
Dinge wohl nie nachgedacht hat, und zweitens weil 
sich sein ganzes Sinnen und Trachten auf seine gelben 
PantofTefai concentrirt^*).'^ 

Dies ist der einzige würdige Repräsentant seiner 
unfehlbaren marokkanischen Majestät im Auslande. 

Es tritt nun noch die Frage auf, wäre es wünschens- 
werth für das deutsche Reich eine Vertretung in 
Marokko zu haben? Wir müssen dies auf alle FäUe 
bejahen. Unsere jjolitischen Interessen sind in Marokko 
so ziemlich identisch mit denen Englands, das ausserdem 
seine wichtigen commerciellen Angelegenheiten zu wahren 

*) Der ehemals in Genna residirende maroiikaQiBclie Consol 
existirt dort seit Jahren nicht mehr. 

**) Ich hattfi diesen Freund gebeten, mir vom marokkanischen 
Consul einige iSuteu über marokkanische ötämme zu erbitten. 



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hat. Wir slammen msofern mit den Ansichten EjnglancU 

voUkomDien überein, dass Frankreich seme Herrschaft 
nicht auf Marokko ausdehne. Allein schon die Nähe 
der französischen Colonie macht es für uns nothwendig 
in Marokko Vertreter zu haben. 

Da natürlich eine Consulatseinsetzung in Marokko 
nicht so ohne weiteres vor sich gehen kann, so mÜssten 
vor allen Dingen erst Uuterhaudiungen angeknüpft 
werden, entweder Termittelst eines schon in Marokko 
bestehenden und anerkannten Consulats oder direct mit 
der Kegierung des öuitans. Wählt man das erstere, 
80 wurde jedenüalls das grossbritaimische Generalconsulat 
am geeignt'tsteu sein, es ist die Persönlichkeit Sir 
Drununond Hay's, des englischen Ministers, die in Ma- 
rokko beliebteste und geachtetste. Wählt man den Weg 
einer directen A erständigung, so würde jedenfalls diis 
Beste sein den Zeitpunkt abzuwarten, wo der Sultan, 
der ganze Hof und die Begierung sich in Bbat befinden, 
dort den Abgesandten des dtatschen Reiches durch 
einige Kriegsschiffe hinbegleiten zu lassen, damit da- 
durch zugleich Marokko eine sichtbare Vorstellnng 
yon der Macht unseres Landes bekäme. NatürÜch müsste 
mit der Anknüpfung diplomatiBcher Beziehungen ein 
Geschenk verbunden sein, aber einige 1000 GhassepotS; 
dem Sultan gegeben, würde ein ebenso angenelmies 
Geschenk für ihn wie ein für uns erpriessliches sein. 



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12. JlnfnitkÜt Beim $ro^f(fierif oon Kefon. 



volles Jahr verlebte ich nuu in Uesan imter, im 
Ganzen genommen, angenehmen Verhältnissen. Und 
die Zeit verbrachte ich hauptsächlicli damit, recht 
viel unter die Leute zu gehen, um mich mit ihren 
EigenthtUnlichkeiten vertraut zumachen. Dabei fehlte 
es keineswegs an Unterhaltung, Gatell Latte mir einen - 
Theil seiner Bücher geUehen, so dass, wenn ich allein 
war, ich durch Lectiire meinen Geist auffiischen 
konnte. 

Ueberdies wurde der Autenthalt in Uesan durch 
verschiedene kleinere Touren unterbrochen, die ich 
theils allein, theils in Gesellschaft des Grossscherifs 
machte. So unternahm ich von hier einen Abstecher 
nach L*xor, um einige Medicamente zu kaufen, die in 
Uesan ^ wo man nur mit Amuletten heilt, nicht zu 
haben waren. Merkwürdigerweise schien, was seine 
Person und seine Familie anbetraf, Sidi-el-Hadj Abd- 
es-Ssalam nicht sehr an die Wunderkraft seiner Un- 
fehlbarkeit zu glauben, da ich mehrere Male sowohl 
ihm selbst als auch seinen beiden Ideinen Söhnen Me- 




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336 



dicin verabfolgen musste. Der Grossscherif hatte so 
viel Zutrauen zu mir, dass er nicht das rorherige 
Kosten der Medicamente verlangte. 

Es fiel in später Herbstzeit ein Besuch, den der 
Grossscherif dem Sultan in Arbat machte, wohin er 
von Mikenes übergesiedelt war, imd auf welcher Reise 
ich ihn begleitete. Und gerade auf Kelsen wird das 
Ansehen und der Einfluss des Gr08sscheri& am an- 
schaulichsten. Man hat keine Idee davon, wie weit 
in Miirokko der Menschencultus getrieben wird. Sidi- 
el-Hady Abd-es-Ssalam reist entweder zu Pferde oder 
in einer Tragbahre, die fast wie eine yerschlossene 
vergitterte Kiste aussiebt, und die su niedrig ist, dass 
man nur darin liegen kann. Zwei Maulthiere, von 
denen eines vorne, das andere hinten gebt, tragen die 
Bahre. Es würde vergeblich sein, die Zahl der sich 
herandrängenden Leute schätzen zu wollen, das ganze 
Land scheint herbeizuströmen, aus weitester Feme 
kommen ganze Stämme an den Weg, den der Gross- 
scherif durchzieht. Man sucht ihn selbst zu berühren, 
oder die Tragbahre, das Pferd oder irgend einen 
anderen dem Grosssclierif gehörenden Gegenstand. 
Man glaubt aus einer solchen Bertlhrung den göttächen 
Segen ziehen zu können. Oft genügen die bewaffneten 
Diener nicht, mit der Hachen Klinge den andringenden 
Haufen fem zu halten, und es müssen dann form- 
liche Angriffe gemacht werden, die Leute auseinander 
zu trei]>en. 



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887 



Die Gouverneure der Provinzen, die durchzogen 
werden, nahen sich immer schon von weitem ehrerbietig, 
und natürlich .nie mit leeren Händen , sie betrachten 
es als eine besondere Gunst, wenn Sidi bei ihnen ab- 
steigt, um em Mahl einzunehmen ^ oder wenn er gar 
in der Kähe ihrer Besidenz seine Zelte aufschlägt. 

Der Grossscherif reist immer mir in kleinen 
Etappen, und mit einem zahlreichen Gefolge, welches 
nie aus geringerer Zahl als hundert Personen zusammen- 
gesetzt ist. Alle einfiussreichen Schürfa, die nächsten 
Verwandten, seine Tholba (Schriftgelehrten) müssen 
mit. Alle haben, ausser dass jeder beritten ist, Maul- 
thiere für ihr Gepäck und ihre Zelte, welche vom 
Grossscherif gestellt werden. Dieser Lagertrain mar* 
schirt inomer voraus, so dass man, wenn man ankommt, 
das Lagei- schon aufgeschlagen findet. Der Gross- 
scherif selbst hat für seine Person drei grosse Zelte, 
eins, in dem er die Nacht zubringt, eins zum Empfang 
bestimmt, und eins, w orin er nur seine nächsten Freunde 
empfangt. 

Sobald er installirt ist, d. h. auf den weichen 

Teppichen, welche die Beui-önassen *) verfertigen, 

und von denen ein einziger 4 Gentuer (eine Kameel- 

ladung) wiegt, Platz genommen hat, kommen aus Nah 

und l^^ern die Bittenden. Hier bringt einer ein Schaf, 

und verlangt, dass seiner Frau ein Sohn geboren 

werden soll; dort bringt einer Korn, und fleht um 

*} Berbenrolk an der Oranisclieii Grenze. 
Bohlfs. 23 



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Segen für seinen Acker, da fragt einer ob er sein 
Püerd Terkaufen soll| ob er Glück dabei habe^ das 
und das Hans zu kaufen; hier will an Blinder sehend 

gemacht werden. Der Grossscherif hilft Allen, und je 
mehr die Bittsteller Geld und Gaben bringen, desto 
wirksamer ist der Segen. 

Manchmal kommen die komischesten Scenen dabei 
Yor. So einstmals als ich mit dem Grossscherif im 
festrerschlossenen Zelte sass^ die Diener und Sklaven 
aber strengen Befehl hatten^ Niemand ans Zelt heran- 
kommen zu lassen, sie jedoch dem andrängenden Pu- 
blikum nicht gewachsen sein mochten^ rissen plötzlich 
die Gurten, das Zelt wurde gewaltsam geöffnet, und 
herein wälzte sich der Haufen: alte schmutzige Weiber, 
starkriechende Kinder, Männer und Greise, alle fielen 
über mich her und bedeckten mich mit ihren fana- 
tischen Küssen. Im Halbdunkel hatten sie mich als 
auf dem Teppich sitzend (der Ghrossscherif sass in dem 
Augenblick aul einem Stulil) für den Abkömmling Mo- 
hammed's genommen. Und während ich unter Geschrei 
und Streiten ihnen klar zu machen suchte, ich sei 
nicht der Grossscherii, sass dieser auf seinem Stuhle, 
lachte aus YoUem Herzen und rief: „Mustafa hennin'^, 
d. Ii. Wohlbekomm's. Ich musste nachher eine Extra- 
reinigung mit mir und meinem Anzüge vornehmen, um 
die greülichen und fühlbaren Andenken dieser heiligen 

Umanimngen loszuwerden. 

In Arbat blieben wir nur wenige Tage, nahmen 



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439 



indem wir auf dem Hinwege den Weg durch das Gebiet 
der Beni-Hassen geuommeu hatten, den Bückweg längs 
des Meeres bis zur Mündung des Ssebu. Von hier 
gingeu wir stromauiwärts bis fast zu dem Punkte, 
wo der Ordom-Fluss den Ssebu vergrössert, und von 
da aus direct nordwärts nach der Elana ben Auda. 
Die Karia ben Auda, eine Art befestigter Häuser- 
haufen, liegt an den westlichsten Vorbergen der südlich 
von Uesan streichenden Berge, die Karia selbst jedoch 
in Tüiikommener Ebene. Sie ist Residenz des Bascha's 
vom Rharb-el-fukaai oder dem oberen Westen, wie 
diese Statthalterschaft heisst, dicht um die Karia liegen 
noch die von holien Cactusbecken umgebenen Dörfer. 
Die Häuser sind wie im ganzen Eharb von Steinen und 
Lehm gebaut und mit Strohdächern gedeckt, so dass 
man von Weitem ein deutsches Dorf zu sehen glaubt. 
Der vorzügliche Beichthum des Landes besteht in Vieh« 
heerden^ hier wie in Beni-Hassen vorzugsweise in grossen 
Kinderheerden ; Schafe und Ziegen hingegen werden 
in diesen Provinzen verhältnissmässig in geringerer 
Zahl gezüchtet. Die marokkanischen Rinder halten 
aber keineswegs einen Vergleich auch nur mit den 
schlechtesten in Europa aus. Klein von Statur giebt 
eine marokkanische Kuh kaum mehr Milch als eine 
gute europäisciie Ziege. Der Grund davon ist die 
Sorglosigkeit, mit der überhaupt die Viehzucht in 
Marokko betrieben wird, und dann auch die mangel- 
hafte Nahrung im Winter. £s fällt keinem Mai*ok- 



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8i0 

kaner ein, daran za denken Vorrath Ton Heu zu machen, 
wie denn überhaupt Wiesen zum Heumachen nirgends 
existiien. Natürlich giebt es hier und da längs der 
Flüsse, dann auch in den feuchten Niederongen nament- 
lich der Bharbprovinzen und Beni-Hassen ausgezeich- 
nete Wiesen und W lesengründe, aber das Gras wird 
nur grün benutzt, und ist, ohne dass Jemand daran denkt 
es zu mähen oder zu schneiden, Mitte Juli yerbrannt 
von der Alles austrocknenden Öoiine. Im Winter sind 
daher Binder und auch Schafe und Ziegen auf die ver^ 
trockneten, kraftlosen Kräuter angewiesen, welche sie 
draussen linden. Für die Pferde dient im Winter 
Stroh von Gerste oder Weizen« 

Wir waren katmi Angesichts der Karia, als der 
Kaid Abd-el-Kerim, von seinen Brüdern begleitet, auf 
uns zugesprengt kam, und uns zu einem Frühstück ein- 
lud. Das konnte nicht ausgeschlagen werden, und so 
zog der ganze Tross nach seiner Wohnung, wo wir ein 
reichliches Mahl schon Torbereitet fanden. Und der 
Kaid, der den Titel Bascha hat, bat Sidi so inständig 
einen Tag zu bleiben, dass Befehl gegeben wurde, 
Zelte zu schlagen« 

Es waren dies förinliclie Kssschlachtta^o. (leiiii je 
höher man in Marokko einen Gast ehren will, desto 
mehr Speisen setzt man ihm vor. Abends kam der 
Kaid ins Zelt des Grosssclierifs, wo er nun gleiclifiills 
mit vielen Schüsseln bewirthet wurde, aber kaum war 
er fort, als er eine noch grössere Anzahl Gerichte 



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MI 



zurück schickte, und am anderen Morgen , als wir 
eben unser reichliches Frühstück genossen hatten, kam 
auch schon der Kaid, um uns zu einem zweiten Mahle 
. abzuholen, ausschlagen durfte man nicht, kurz während 
der Zeit unseres dortigen Aufenthaltes hatte der Magen 
kaum eine Stunde Ruhe. Als wir uns verabschiedeten, 
legte der Kaid dem Grossschenf noch einen Beutel 
mit 5000 Frcs. zu Füssen, woför er natürlich einen 
recht langen Segen erhielt. 

So langwellig y was Natur anbetrifft, die Gegend 
in den Bharh- und Beni- Hassen -Districten ist, wo 
Ebenen von Zwergpalmen, Lentis ken und Lotusbüschen 
bestanden mit Kornfeldern und Wiesen wechseln und 
allerdings das Büd des fruchtbarsten Bodens zeigen, 
aber auf die Dauer einlörmig erscheinen, so sehr 
ändert sich dies^ wenn man das Gebirge erreicht. Ge- 
wiss giebt es keine romantischere Umgegend, als die 
der heiligen Stadt Üesan. Die dicht bewachsenen Berge 
der nächsten Umgebung, im Hiiitergrunde die zackigen 
Felsen der Rif berge, die strotzende Fruchtbarkeit des 
Bodens, der dem Auge überall das saftigste Grün der 
verschiedenen Bäume und Standen bietet, wie sie 
überhaupt die Länder um das Mittelraeer in hO giosser 
Manniohfaltigkeit hervorbringen, alles dies verursacht, 
dass die Zeit und wenn auch der Weg beschwerlich 
und ermüdend ist, rasch verläuft. 

Gegen Mittag wurde im Westen der Stadt Kalt 
gemacht» da der Ein^ am anderen Tage stattfinden 



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343 



sollte. Aber Abends hatten wir schon viel Besuch 

von üesan, unter anderen kamen auch die kleinen 
Söhne des Grossscherüs, von denen der eine 9, der 
andere 7 Jahre haben mochte , mit ihrem Lehrer 
heransferitten , so dass der Abend reclit munter und 
vergnügt verbracht wurde. 

Vor Sonnenaufgang am folgenden Tage weckten 
liiick schon die J liiitenscliüsse und die schrecklichen 
Klänge der unvermeidlichen Musik, es war dies nur 
die Einleitung zur statthabenden Feierlichkeit. Nach- 
dem wir in aller llile den Kaffee (ich genoss immer 
die Auszeichnung zum Xaäee in des Grossscherife 
Zelt gerufen zu werden, sowie ich dort auch mit essen 
musste) getrunken und gefrühstückt, stiegen wir zu 
Pferde und unter knatterndem X^'euer, dem Lärm der 
Musikanten, dem Lululu der Weiber setzte sich der 
Zug in Bewegung. Aber obschon wir nur eine 
Stunde von der Stadt entfernt waren, erreichten wir 
dieselbe erst gegen Mittag, v Alle Augenblick kam 
eine neue Musikbande mit ihren abscheulichen Instru- 
menten und es wurde Halt gemacht, oder es kamen 
mit Flinten bewafinete Abtheilungen^ und gaben eine 
Salve dicht vor den Füssen des Grossscherifs, man 
bildete Kreise und dann, wie die Teufel herumspringend, 
schössen sie ihre Flinten in den Boden imd warfen 
sie darauf hoch in die Luit, um sie hernach geschickt 
wieder aufzufangen* Beiter organisirten sich, und im 
gestreckten Gtdopp auf uns losjagend, schössen sie 



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448 



dicht vor uns die Flinten ab und schwenkten dann 
mit ihren Pferden zu beiden Seiten auseinander. Ich 
war froh, als wir endlich die Stadt erreichten, aber 
hier war uns das Entsetzlichste iiuch vorbehalten, ge- 
wissermassen der Triumphbogen, durch den der Gross- 
scherif den Einzug in seine getreue und heilige Stadt 
Uesan halten sollte. 

Es nahten sich ungefiihr zwanzig der Secte der 
Aissanin. Unter zitternden convulsivischen Bewegungen, 
unter einförmigen Tonen: „Allah, Allah" tanzten sie 
heran; jeder hatte eine Lanze, einige waren ganz 
nackt, andere hatten nur die unentbehrlichsten Lumpen 
um. Die Lanze trugen sie in der einen Hand, in der 
anderen einen Bosenkranz. Die Verwundungen, welche 
sie sich selbst beigebracht hatten, verursachten, dass 
der ganze Körper mit Blut bedeckt war, einige 
schlugen sich auf die Nase, dass das Blut in Strömen 
herausschoss, andere schlitzten sich die Lippen zu 
Ehren Sidi's, andere zerkrazten sich die Brust und 
Gesicht, Gott zu [Ehren und um dem Grossscherif, dem 
Abkömmling des „Liebling Gottes", ihre Hingebung 
zu bezeugen. Dabei steigerte sich ihr Allah, Allah 
zu einem wahren Geheul, einigen traten die Augen 
aus dem Kopfe, sie schienen wahnsinnig zu werden, 
andere schäumten, die von Gott am meisten Laspirirten 
wollten sich vor die Füsse des Pferdes des Gross- 
scherifs werfen, um überritten zu werden, nur ein 
schneller Spomsticli drückte rasch das Tierd in die 



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344 



Menge^ welche dicht zu beiden 8eiteu war. Ich sah, 
wie 68 anch dem Grossschenf schattderte^ und er war 
Wühl eben so froh als ich, als die eigentliche Sauya, 
das AUerheiUgste voa Uesan, erreicht war. 

Auch der Winter wurde nicht nnangeiiehiii ver- 
braclit; obschoii die Spitzeu der Rif-ßerge alle mit 
dickem «Schnee überzogen, merkte man in Uesan nicht 
Tiel yon der Kälte. Eine Etnrichtmig zmn Heizen 
hat natürlich Niemand, bei grosser Kälte, d. h. wenn 
das Thermometer Morgens auf + 6 oder + 4^ £. 
herabsinkt, oder gar wohl einnud unter Null ist (es 
soll vorkommen, ich habe es indess nicht erlebt), lässt 
man sich ein Becken mit glühenden Kohlen ins Zim- 
mer bringen. Und diesmal war der Winter so milde, 
dass die Gesellschaft, welche der Grossscherif täglich 
bei sich empfing, in einer Art Ton Veranda seines 
Hauses emp&ngen wurde, keineswegs aber in einem 
geschlossenen Zimmer. 

Bald darauf, im Januar 1862, trat ein anderes 
Ereigniss ein, welches abermals eine Beise des Gross* 
scherifs nothwendig machte, und weil es charakte- 
ristisch für die politisch-socialen Zustände des Landes 
ist, verdient, hier erzählt zu werden. Es hatte sich 
eine Art tou Gegen-Sultan gebildet. 

Man erfuhr zuerst in Uesan gerüchtweise von 
einem Marabut oder Heiligen, der in der Nähe der 
Stadt sich aufhielt, und vorgab alle Kranke gesund 
machen zu können; er predigte zugleich den heiligen 



/ 

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845 



Krieg gegen die Ungläubigen (der Krieg gegen Spa- 
nien hatte den alten Fanatismus der Gläubigen gegen 
die Christen recht wieder ins Leben gerufen) und 
proclamirte die Stunde des Sultans habe geschlagen, 
es würde ein neuer kommen, der bestimmt sei die 
gesunkene Macht der Gläubigen wieder au&urichten, 
und der mit erneuerter Kraft und Herrlichkeit den 
Islam der ganzen Welt auferlegen werde. Es strömte 
ihm natürlich viel Volks zu, da der spanisch-marok- 
kanische Krieg Räuber und Strolche genug heran- 
gebildet hatte, und überdies, je unwahrscheinlicher 
eine Prophezeiung ist, sie um so leichter bei den 
Marokkanern gläubige Anhänger findet, namentlich 
wenn den Leidenschaften und religiösen Eitelkeiten 
des Volkes geschmeichelt wird. 

Der Grossscherif verhielt sich äusserst ruhig hei 
diesem Treiben, da seiner Macht und semem Einfluss 
kein Abbruch geschehen konnte, weil der Weltyer- 
besserer kein Scherif seiner Herkunlt war, nicht einmal 
ein Thaleb, d. h. ein der Schrift kundiger Maxm. 
Nach einigen Wochen, während der Zeit Sidi Djellul 
(er hatte sich den Scheriftitel angemasst) einen Haufen 
von einigen Tausenden von Taugenichtsen um sich 
▼ersanmielt hatte, beging er indess die Frechheit, dem 
Grossscherif' einen Brief zu schreiben, d. h*. schreiben 
zu lassen, ihm zu sagen, er (Sidi JDjellul) sei der Mann 
der Stunde (mul* el uogt, d. h. der erwartete Messias), 
der Grossscherif habe sich Angesichts dieses Bnetes 



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346 

zu ihm zu begeben , und in Gemeinschaft wollten sie 
sodann gegen den Sultan und die grossen Städte 
ziehen. 8icli-ci-liadj Abd-es-Ssalam würdigte ihn natiir- 
Hch keiner Antwort, sandte aber sofort an den Sultan 
einen Courier, um ihn auf die Ge£eihr dieses Aben- 
teurers aufmerksam zu machen. 

Mittlerweile wuchs der Anhang Sidi Djellul's in 
grossen Proportionen. Seine Genossen lebten von 
Eaub und Plündern, und grössere Raubzüge stellte 
er in Aussicht : ,,Die grossen Städte, wie Fes, Mikenes, 
müssten ganz verschwinden, die Bewohner hätten ihr 
Geld durch Handel mit den Christen gewonnen, daher 
sei es ein gutes Werk sich dieser in den Städten an- 
gehäuften Schätze zu bemächtigen.^' — Merkwürdiger* 
weise rührte sich nach mehreren Wochen die Eegie- 
rung noch immer nicht, denn es hält ungemein schwer, 
den Sultan zu irgend einem entscheidenden Schritt zu 
bringen. 

Im Anfange Februar desselben Jahres wagte er 
sich schon an befestigte Punkte; mit seinem ganzen 

Anhang, von denen einige mit Flinten, die meisten 
aber nur mit Knütteln und Lanzen bewa£^et waren, 
zog er gegen die Karia-ben-Auda, und nach einer 
dreitägigen stürmischen Belagerung bemächtigte er 
sich derselben mit Gewalt, und enthauptete denselben 
Bascha Abd-el-Kerim , der vor Kurzem dem Gross- 
scherif eine so grossartige Gastfreundschaft erwiesen 
hatte. Die 16 oder 20 Mann Maghaseni, eine ebenso 



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347 



grosse Anzahl Diener des Bascha's wurden ebenfalls 
ormordety die Bewohner der um die Kaxia gelegenen 
Dörfer entflohen zum Theil nach Uesan, aum Theü 
gingen sie zu 8idi Djellul über. 

Der Bascha wurde übrigens vom Volke kaum 
betrauert, seine Habsucht und Grausamkeit hatten ihn 
zum Feinde aller deren gemacht, denen er als Gou- 
Temeur vorstand. Was Sidi Djellul anbetrifft, so 
stieg nach der Einiuilime der Karia sein Einfluss von 
Tage zu Tage, und obschon er durch den Bascha, der 
sich in der Karia hinter hohen Mauern gut vertheidigt 
hatte*), einigen Verlust erlitten hatte, so behauptete 
das leichtgläubige Volk, alle die mit Sidi Djellul zögen 
seien kugelfest, und namentlich er selbst unverwundbar. 
Während 14 Tagen schwelgten die Räuber sodann auf 
der iiaria, ihr Chef erliess Prodamationen , worin er 
verkündete mit allen Baschas so verfahren zu wollen, 
und namentlich auch mit dem Sultan. 

Endlich rührte sich der Sultan i sein Bruder 
Mulei Arschid hatte Befehl bekommen mit 1000 Mann 
Soldaten, ebenso vielen lieitern und 4 Kanonen über 
Media, an der Mündung des Ssebu gelegen, nach der 
Karia zu marschiren, und Sidi-el-Hadj Abd-es-Ssalam 
war gebeten worden zum Heere zu stossen, um durch 

*) Er masBte sogar Bevolver und LeÜMicheux'sche Flinten 
gehabt haben, da der Grossscberif später von Leuten mehrere 
derartige Wafen geschenkt bekam, nnd die als in der Karia ge- 
ftnito beseidinet wurden« 



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348 

seine Anwesenheit der Sache des Sultans in den Augen 
des Volkes grösseres moralisches Gewicht zu gehen. 
Der Grossscherif leistete der Bitte des Sultans Folge 
und mit grossem und kriegerischem Trosse wurde auf 
die Karia-el-Abessi marschirt, die wir in zwei Tage- 
märschen erreichten^ am seihen Tage, an welchem von 
der anderen Seite der Bruder des Sultans, Mulei 
Arschid anlangte. Der Eindruck, den das Erscheinen 
des Grossscherifs hervorhrachte^ war ein ausserordent- 
licher. Die ganze Rharbprovinz war im ofienen Auf- 
ruhr gewesen, Mulei Arschid hatte sich Ton Media 
nur mit Gewalt einen Weg bis zur Karia-el-Abessi 
bahnen können. Wir selbst aber waren dort ohne auf 
irgend feindselige Leute zu stossen angekommen, und 
die Leute, welche zurückgeblieben waren, sagten aus: 
Sidi Djellul habe sich mit seinem Anhang durch die 
Berge nach Sidi Kassem, einem stidlich gelegenen 
Orte, geÜüclitet. Mit Ausnahme derer, die keine Hei- 
math hatten und fest zu Sidi Djellul standen, war 
damit der eigentliche Aufstand gedampft; d. h. die 
beiden Eliarbprovinzen waren duich die Anwesenheit 
des Grossscherif bei der Armee Mulei Archid's voll- 
kommen beruhigt und hatten sich ohne weitere 
Zwangsmassregeln unterworfen. 

Merkwürdigerweise wurde nun aber Sidi Djellul 
nicht durch einen raschen Marsch auf Sidi Kassem 
beunruhigt und er selbst mit seinen Aniiängem ver- 
nichtet oder gefinngen gebracht* Wir lagerten bis Mitte 



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349 



M&ra rahig bei der Karia-d-Abessi. Aber der Anhang 
6idi Djellul's verlor sich nun immer mehr, freilich hatte 
er auch den Ort Sidi Eassem noch überrumpebi und 
plündern können, die Behörde war mit den meisten 
Bewohnern schon vorher geüohen^ es war dies aber sein 
letztes Heldenstück. Von fast Allen verlassen, ver- 
suchte er es das Grabmai von Mulei Edris el Akbar 
in Serone zu erreichen, wo er eine sichere Zufluchts- 
stätte gefunden haben würde. Aber gleich beim Ein- 
tntt in die Stadt, wurde er erkannt und von deu Schürfa 
gefangen genommen. Diese, ohne weitere Umstände, 
enthaupteten ihn, schnitten dem Rumpfe Hände und 
Füsse ab. und diese Trophäen wurden dem Sultan ge- 
schickt. Sidi Mohammed, der Sultan, befahl den Eumpf 
aas Stadtthor von Serone zu nageln, der Kopf wurde 
zur Ausstellung nach Maraksch gescliickt, und die 
übrigen Extremitäten den anderen Städten zur Aus- 
stellung tiberlassen. Die Schürfa aber, die eigenmächtig 
getödtet hatten, bekamen vom Sultan ein Geschenk 
von 3000 Mitcai (c. 5000 frcs.), ein fiir Marokko sehr 
ansehnliches Geldgeschenk. Von seinen Parteigängern 
wurden viele gefangen genommen, einfach enthauptet^ 
einige aber auch, die etwas Vermögen hatten, «inge- 
kerkert, um erst ihrer Habe beraubt zu werden. So 
endete der Vei'such eines Marokkaners den Thron 
des Sultans umzustiLrzen und eine andere Begierung 
einzusetzen. Nicht inuner aber sind solche Revolten 
ohne Frucht geblieben, namentlich wenn der Empörer 



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ein Schmf war, und am Hofe selbst schon Ansehen 

hatte, endete oft geuug eine aus ebenso kleinen An- 
fangen entsprungene Bevolution damit, dass der re- 
gierende Sultan das Feld räumen musste, oft sogar 
das Leben verlor. 

Uebiigens war damit das Land keineswegs ganz 
beruhigt^ die Hiaina, die Beni-Hassen, die Ei^rovinzen 
wareik in Gährung, man wushte nicht ob die Rif- 
bewohner das Gebiet um Melilla abtreten wollten; 
der zu dem Ende vom Sultan an die Gebirgsstämme 
entsandte 8clierif von Uesan, äidi Mohammed ben 
Ak4jeb»r, kehrte unTerrichteter Sache zurück. 

Endlich verliessen wir mit der Armee die Karia- 
el-Abessi| uid in östlicher üichtung marschirend, 
zogen wir Über den Ued-Teine und den Ued-Ardat, 
uud campirtoii an einem Orte Had genannt. Hier 
blieben wir wiederum einige Tage liegen, und mar- 
schirten dann längs des Ardatstroms aufwärts, um bei 
einem Orte Arba zu campiren. Das Wort Arba be- 
deutet Mittwoch, und an dem Orte wird Mittwochs 
Markt abgehalten. In ganz Marokko stosst man 
überall auf Oertlichkeiten, die manchmal ohne alle 
Bewohner, die Bezeichnung Had Sonntag, Tnein 
Montag, Tleta Dienstag, Arba Mittwoch, Chamis 
Donnerstag, Djemma Freitag und Seht Samstag fuhren. 
Solche Oertlichkeiten dienen als Marktplätze, und es 
giebt ihrer Hunderte im ganzen marokkanisch«! Heich. 

Das Land war in dieser Gegend durchaus ge- 



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asi 



wellt, überall gut angebaut, und das Erdreicb, schwarzer 
Humus, sehr i^uchtbar. Wie man an den Ufern der 
Flüsse sehen konnte, hat die Humusschicht meistens 
eine Dicke von 5—6 Meter. Von hier aus zogen wir . 
nach einigen Tagen nach dem Ued-Uarga und lagerten 
südlich y Angesichts der Bergkette der Uled-Aissa. 
Das Lager war hier in reizender Gegend aufgeschlagen, 
die schönen Ufer des Flusses, von 20 Fuss hohen 
Oleanderstauden und Tamarisken dicht bestanden, 
die Gebii*ge mit zahlreichen Dörfern, die aus ilu'en 
Oliven- und Feigengärten herauslügten, im Südosten 
der eigenthümlich geformte Berg Mulei Busta, geben 
der ganzen Landschalt eine grosse Abwechselung, 
Aber der Eamadhan war angebrochen, und da inr 
im Lager waren, musste ich natfirlich aufs strengste 
die vorgeschriebenen Fasten mitmachen, was bei der 
grossen Hitze, wir waren jetzt Ende April, keines- 
wegs angenehm war. 

Endlich kam ein Danksagebrief vom Sultan an 
den Ghrossscherif, wir verabschiedeten uns von Mulei 
Arschid und erreichten, rascli heimwärts ziehend, in 
anderthalb Tagen Uesan. Muiei Arschid aber verei- 
nigte sich mit dem Sultan, der von Arbat aus mit 
der ganzen übrigen Armee gegen die Beni-Hassen 
ins Feld gerückt war. Da wir ganz unerwartet in 
Uesan eintrafen, so war natürlich auch kein Empfang. 

Nachdem der Ramadhan vorüber, das Aid-el-Sserir 
mit grossem Gepränge gefeiert worden war, und ich 



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352 



mich von den Anstrengungen des mehrere Monate 
dauernden Feldzages erholt hatte, hrach ich Ton Uesan 

auf, um Tetuan zu besuchen. Reichlich mit Medica- 
menten versehen und unter dem Titel ^^ssahab Sidi^*> 
d. h. Freund, Diener oder Anhänger des Grossscherifs, 
wollte ich es wagen, allein die Gegenden zu durch- 
streifen, es sollte dies gewissermassen als Versuch und 
Vorbereitung zu meiner Abreise dienen. Ein Spanier, 
schon seit 16 Jahren in Uesau ansässig und dort ver- 
heirathet, begleitete mich*). 

Von Uesan aufbrechend, ich hatte ein eigenes 
Maulthier und einen vom Grossscherif geliehenen staa*- 
ken Esel, ging es über Tscheraha nach L'xor, und 
nach einem mehrtägigen Aufenthalt auf dem West^ 
abhänge der Rif-Berge, welche man von L'xor aus in 
einigen Stunden erreicht, nordwärts. Vom Orte Arba 
el Aiascha gingen wir nach Had bei ArseOa, wo ich 
mein Maulthier verkaufen wollte, da es sich; als nicht 
besonders stark, schlecht bewährt hatte. Aber wegen 
zu schlechten Wetters^ welches uns zwang, einen ganzen 
Tag in emem Duar zuzubringen, war der Markttag des 
Had verpasst worden, und dicht bei dem Sanctuarium 
Mulei Abd-es-Ssalam ben Mschisch, einer berühmten 
Sauya und sehr besuchtem Wallfahrtsorte vorbei- 
kommend, zogen wir dann durchs Gebirge Tetuan 
entgegen. 

*) läDige Monate Bpftter wurde er, ak er allein Ton CeBtn 
ins Gebirge reiste, ermordet 



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853 



Bis jetet waren wir überall gut aufgenommen 
worden, aber je näher wir Tetuan kamen, desto miss- 
trauischer zeigten sich die Bergbewohner, und eines 
Abends woUten Thoiba eines Dorfes, wo wir zu über- 
nachten beschlossen hatten, uns nur gegen Erlegung 
von einigen Metkai (Quartier geben, „dann würden wir 
überdies ihres Segens theühaftig werden.« Auf meine 
Erwiederung, der Segen des Grossscheriis von üesau, 
dessen Freund ich sei, genüge mir, zogen sie sich 
drohend zurück, indessen schienen sie später ihre Ge- 
sinnungen geändert zu haben, denn sie bracliien ein 
reichliches Nachtessen. Auf dem Wege von Tanger 
nach Tetuan angekommen, brachten wir dann eine 
Nacht in dem Caravanserai zu, bekannt gewordeu 
durch den letzten Krieg der Spanier. Hier erbückte 
ich .in den Gebirgsschluchten zum ersten Male die 
deuteche Eiche wüd wachsend, welche mir sonst 
nirgends mehr in Marokko aufgestossen ist Sonst 
hat man in Marokko in den Ebenen vorzugsweise die 
Korkeiche und auf den Abhängen der Berge die 
immergrüne hdche und die Cerriseiche. 

Im Caravanserai oder Funduk hatten wir für 
nächtiiches Lnterkommen, d. h. für eine leere Zeüe 
und Hofraum fürs Vieh, einige Mosonat zu zahlen, 
für Geld bekamen wir auch etwas Brod, Milch und 
eimge i.ier. Am anderen Morgen erreichten wir gegen 
10 Ühr die Stadt Tetuan oder Tetaun, wie die Ma- 
rokkaner sie nennen. Die Spanier waren gerade beua 



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854 



Abmarsch, denn Tetaan liegt bekanniliGli nicht un- 
mittelbar am Meere, so dass die Truppen nicht direct 
eingeschifft werden können. Ich unterlasse es eine 
Beschreibung^ dieser von reizenden Orangengärten um- 
gebenen 6iadi zu geben, sie ist hinlauglicii aus dem 
letzten Kriege bekannt. 

Nach einigen Tagen Aufenthalt kehrte ich Tetuan 
den Kücken, und begab mich mit einer grossen Kara- 
yane nach Tanger. Der Weg wird gewöhnlich in 
zwei Tagen gemacht, wir brauchten indess nur Kinen. 
Sehr belebt war er durch heimkehrende Tetauni (Be- 
wohner Tetuans), welche während der spanischen Be- 
satzung die Stadt verlassen liatten. und die nun zurück- 
kehrten, um von ihren Immobilien wieder Besitz zu 
nehmen. Nachdem ich sodann in Tanger mein Maul- 
thier verkauft hatte, trat ich den Rückweg nach Uesan 
an, zuerst längs des Strandes. 

Man mnss indess nicht glauben, dass ein eigent- 
licher Weg längs des Meeres läuft, davon ist keine 
Spur vorhanden. Aber der Strand ist so breit, besteht 
aus so festem Sande, dass er, ausgenommen für Wagen, 
vollkommen eine macadamisirte Chaussee ersetzt. Man 
musB aber die £bbezeit wählen, weil bei Fluth das 
Meer bis dicht an die Dünen oder Felsen hinantrttt. 
Man kann hier sehen, wie der Atlantische Ocean, 
dessen breiteste Stelle hier ist, selbst nach tagelangen 
Windstillen, dennoch immer grosse Wellen schlägt, 
und alle Zeit ist die Brandung oder das Bauschen 



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355 



der den Sand hinaufrollenden Wellen weit im Innern 
des Landes zu hören. 

Man kann recht gut, längs des Strandes reisend, 
in einem Tag Arseila erreichen, aber wir hatten ein 
Hindemiss an der Mündung des Üed-Morharha, worüber 
ein ganzer Tag verging. Zu breit und tief an der 
Mündung; um durchwatet werden zu können, hat man 
für Fähr-Einrichtung gesorgt , das Boot aber lag auf 
der anderen Seite, und kein Fährmami war zu finden 
oder durch Rufen herbeizulocken. Wir zogen, nachdem 
wir vergeblich versucht hatten, hindurch zu schwimmen, 
flussaufwärts, ohne eine Furt zu finden, auf das Bereden 
der Leute eines Duars kehrten wir um, und diesmal 
war denn auch der Fähnnaiin au Ort und Stelle, und 
wir wurden hinttberbefördert. Ehe man Arseila erreicht, 
hat man dann noch die Mündung des Ued-Aiascha zu 
passiren. 

Arseila, von den Alten Züia, Zelis und Zilis ge- 
nannt, wird von einigen Schriftstellern, darunter Hemsöj 
Höst und Barth, Asila genannt. Wenn nun aber auch 
die Herleitong des Namens von Zilis unzweifelhaft ist, 
so ist heute doch nur die Schreibweise mit einem r die 
einzig richtige, luid ist es wohl seit Jahrhunderten 
gewesen, da Leo, Marmol, Lempriere, Jackson und die 
meisten Schriftsteller so schrieben. Ohne Zweifel von 
den Eingeborenen gegründet, später im Besitze der 
Carthager, der Börner, der Gothen, wurde nach Leo 

Arseila 712 n. Chr. von den Mohammedanern erobert 

2%* 



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356 



und 200 Jahre von ihnen behauptet. Dann sollen die 
Engländer (nach Leo) eine Zeitlang die Stadt besessen 
haben» und später wieder im Besitze der Mohammedaner 
wurde sie 1471*) von den Portugiesen erobert und bis 
zum Jahre 1545 behauptet. Seit der Zeit ist die Stadt 
im Besitze der Marokkaner geblieben. 

Ob das alte Zilis übrigens genau an der Stelle 
des heutigen Arseila gewesen ist, ob es nicht vielmehr 
an der Mündung des Üed-Aiascha einige hundert 
Schritte weiter im Norden gelegen hat,' möchte wohl 
wohl erst noch festzustellen sein. Jedenfalls ist die 
heutige Stadt so gelegen, dass sie nie besonders durch 
Handel und Wandel blühend gewesen sein kann. Am 
Strande ziehen sich allerdings rechtwinkehg ins Meer 
hinein Felsbldcke, aber angenommen, sie hätten ehemals 
einen Hafen gebildet, so würde dies Bassin kaum gross 
genug gewesen sein 12 — 16 Fischerböte aufzunehmen, 
üeberdies sind die Blöcke so Mein, dass sie bei halber 
Fluth schon vom Wasser bedeckt sind. Die Mündung 
des Ued-Aiascha, wo man ebenfalls Mauerüberreste 
bemerkt hat, muss in früherer Zeit ein guter Haien 
gewesen sein. Plinius sagt überdies: ,,Zilis juxta 
flumen Zilia" , welcher Fluss wohl kein anderer sein 
kann, als der ebenerwähnte Aiascha. 

Arseila, in der Gegend von Hasbat gelegen, liegt 
unmittelbar am Meere. Ein rechtwiiddiges Oblongum, 
von halbver&ilenen Mauern und Thtirmen umgeben,. 

*) Nach Leo 1477. 



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357 



mit zwei Thoren, von denen das eme nacli Norden, das 
andere nach Osten sieht, hat Arseila c. 500 Einwoliner 
mohammedaiuscher und israelitiBcher Confession. Man 
findet in Arseila wie in allen Seestädten Marokko's 
zahlreiche Spuren christlicher Herrschaft an den alten 
Bauwerken. Einige am Boden liegende Säulen, ebenso 
Säulen, die jetzt im Innern der Djemnia sind, dürften 
vielleicht römischen Ursprungs sein. Ein Djemma, cm 
elendes Funduk sind die öffentlichen Gebäude, ein 
marokkanischer Jude versieht das englische Consulat. 
Arseila besitzt nicht einmal Fischernachen, geschweige 
grössere Schiffe. Trotz der nächsten sandigen Um- 
gebung haben die Bewohner es verstanden, leidlich 
gute Gärten anzulegen und i^' eigen, Melonen, Pasteken 
und die Eebe gedeihen vortrefflich. Aber kein Ort 
ist so tfaeuer, was Lebensmittel anbetrifft, wie Arseila, 
und selbst 1« rüchte, die in anderen Theilen von Marokko 
fast umsonst zu haben sind, kosten hier verhältniss- 
mässig Tiel Gkid. 

Die ganze Stadtbevölkerung fanden wir unter 
Zelten auf einer grünen Wiese dicht am Meere ge- 
lagert, da der Sultan für sein ganzes Tleich eine drei- 
tägige Festlichkeit augeordnet hatte aus Freude über den 
glücklich bewältigten Aufstand Sidi DjeUul's. Wie der 
Juden Laubhüttenfest, werden alle derartigen Feierlich- 
keiten der Marokkaner im ITreien abgehalten, wie ja 
auch bei den grossen religiösen Festen, Aid el kebir, 
aid sserii und Molud die gottesdieuäiiiciie Ceremonie 



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358 



nicht in der Moschee, sondern draussen auf freiem 
Felde celebrirt wird. Zwischen Tanger und L'Araisch 
können auch Christen in christlicher Tracht längs des 
Meeres reisen, ohne befürchten zu müssen belästigt zu 
werden. So traf denn auch am selben Abend, wo wir 
in Arseila waren, ein si)anischer Kaufimann ein (Christen 
giebt es sonst keine im »Städtchen), der in eben dem 
Fnnduk die Nacht zabrachte, welches uns beherbergte. 

Von Arseila, das wir ani anderen Morgen verliessen, 
bis L'Araisch hat man längs des Meeres, dessen Ufer 
immer denselben Charakter beibehält, nur einen halben 
Tagemarsch, und man niuss, um in die Stadt zu ge- 
langen, die Mündung des Ued-£us übersetzen. Ohne 
uns anzuhalten, erreichten wir immer durch einen 
schönen Korkeichenwald reisend, am selben Tage L'xor. 
Und auch hier war kein Aufenthalt für uns, da uns 
die Kunde wurde Sidi-el-Hadj Abd-es-Ssalam beabsich- 
tige eine Heise nach Marokko. Zwei Tage darauf 
waren wir wohlbehalten in Uesan nach einer Ab- 
Wesenheit von drei Wochen. 

Der Grossscherif, der mich wie immer sehr freund- 
lich empfing, sagte mir, allerdings habe er eine Ein- 
. . ladung vom Sultan erhalten, ihn nach Maraksch zu 
begleiten, aber später habe der Sultan in einem anderen 
Briefe den Wunsch ausgedrückt, nicht zu kommen, 
da seine Anwesenheit in der Nähe des Rharb, dessen 
Bevölkerung eben erst eine Jievolution durchgemacht 
hätte, nothwendiger sei, als in Maraksch, 



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859 

So glaubte ich denn auch, dass die Zeit gekommen 
sei, mein Geschick von dem des Grossscherifs zu trennen, 
dessen liebenswürdige und uneigennützige Gaatfreund- 
schaft ich nun seit einem Jahre genoss; /Aidem fühlte 
ich, dasB ich der arabischen Sprache täglich mächtiger 
wurde, denn hat man die ersten Schwierigkeiten über- 
wunden, so ist diese Sprache als Umgangssprache 
nicht schwer. Und wenn man ausgerechnet hat, dass 
ein europäischer Landniann, ein engliaclier Bauer z. B. 
in seinen gewöhnlichen Lebensverhältnissen nur ca. 
400 Wörter braucht, mit deren Hülfe er aUe seine 
Ideen seinen Mitmenschen mittlieilen kann, so hat 
man sicher in Marokko auch nicht mehr nöthig. 

Die ganze Lebensart ist so einfach, der Gegen- 
stände, die der Mensch dort nöthig hat, sind so wenige, 
die Unterhaltung ist so stereotyp und dreht sich so 
ziemlich immer um dieselben Gegenstände, dass, wenn 
man einmal erst mit der Construction der marokkanischen 
Bedeweise vertraut ist, und den nöthigen Wörter- 
vorrath im Gedächtniss angesammelt hat, das Beden 
ganz von selbst geht. Hauptsache ist dabei, immer 
Gott und Prophet im Munde zu haben, von Paradies 
und Hölle zu sprechen, den Teufel nicht zu vergessen, 
und dabei andächtig mit dem Munde murmelnd den* 
Eosenkranz durch die Finger gleiten zu lassen. Fällt 
einem dann auch nicht gleich eine Bedewendung em, 
hat man ein Wort plötzlich vergessen, und sagt statt 
dessen: „Gott ist der Grösste^S oder „Mohammed ist 



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860 

der Liebling Gottes'S oder Gott verfluche die Oliristen^^, 
80 ündet das kein Maiokkaner, auch weua diese üe- 
densarteii gar nicht daliin passen, anffiedlend, ond er 

wird selbst den Satz ergänzeü, oder das gesuchte Wort 
finden. 

Ehe ich indess üesan verliess^ bot sich mir Ge* 

legenbeit dar , mit einem „Emkadem^^ Intendant, des 
GroBSBcherifs nach der^kleinen zwischen Fes und Udjda 
gelegenen Stadt Tesa zu reisen; derselbe war ahge- 
sclückt worden, rückständige Gelder für die Sauya 
Uesan einzukassiren. Den ersten Tag verfolgten wir 
den von üesan nach Fes führenden Weg und lagerten 
am Ued-Ssebu an einer Oertlichkeit, Maussuria genannt, 
welche aus einigen Hütten bestand und einem Duar, 
beides Eigenthum des Grossscherifs. Merkwürdig ist 
diese Gegend dadurch, dass in der Nähe von Manssiiria 
ein steinigtes Feld ist, aus dem beständig Schwefel- 
dämpfe und nach den Aussagen der Eingeborenen 
mitunter auch kleine Flammen emporsteigen*). Es 
ist dies die mir einzig in Marokko bekannte Oertlich- 
keit, wo vulkanische Erscheinungen heute noch in 
Thätigkeit sind. Am zweiten Tage, im Thale des 
Ssebu aufwärts gehend, das die zahlreichen Krüm- 
niungen abgerechnet von Osten herkommt, blieben 
wir noch eine Nacht in einem Tschar (Bergdorf) und 



*) Vielleicht das Pyrron Pedion, dessen FtolemMus in Man- 
litaoia TiogUana enrfthiit. 



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361 

erreichten am dritten Tage das malerisch am Berge 

gelegene Städtchen Tesa. 

Nach Ali Bej hegt Tesa auf dein 34» 9' 32" N. B. 
und 6» 15" W. L. v. P. auf dem linken Ufer des Ued- 
Asfor (gelber Fluss, 'wie hier der Ssebu heisst), jedoch 
fast eine halbe Stunde von ihm entfernt Ausserdem 
wird die Stadt yom kleinen Ued-Tesa durchströmt, 
der vom Süden kommt. In der Lage, d. h. am Ab- 
hänge eines Berges gelegen , hat Tesa eine ausser- 
ordentliche Aehnlichkeit mit Uesan. Leo giebt der 
Stadt 5000 Feuersteilen, was jedenfalls jetzt viel zu 
hoch ist, denn sie dürfte kaum mehr als 5000 Einw. « 
haben, von denen ca. 800 Seelen jüdischen Bekennt- 
nisses smd. Hemsü wagt die Yermuthung, dass Tesa 
das Babba der Alten ist 

Die Stadt, mit einer einfachen Mauer umgeben 
iinrl einer Kasbah, hat eine beständige Garmson von 
500 Maghaseniy eine Auszeichnung, die sie nur noch 
mit Udjda theilt, welches eine ebenso grosse Besatzung 
hat, während in allen anderen Ötädteu des iieiciies 
nur ca. 20 Soldaten dem Gouverneur zur Verfugung 
stehen. Die Lage der Stadt, die Nähe der unruhigen 
Hiaina, und der anderen vollkommen unabhängigen 
Bergvölker im Osten und Süden der Stadt machen 
eine so starke Besatzung sehr uotUwendig. Tesa ist 
Hauptmittelpunkt des Handels zwischen Algerien, resp. 
Tlem^en und Fes. Aber Östlich von Tesa ist die 
G^end so unsicher; dass jede Karavane von einer 



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362 



Abtheilttng Maghasem begleitet sein muss. Stark be- 
suchte Karavanenwege fübreii auBserdem von Tesa 

nacli dem Figig und Tafilet. Die Häuser im Iinieni der 
Stadt beknnden Wohlhabenheit der £iuwohner, die 
grosse Moschee, mit antikeii monolithischen Sänlen im 
luiieru. deutet darauf hin, dass einst die Stadt noch 
bedeutender gewesen ist, als jetzt, und was die Ge- 
sundheit der Luft, die Reichhaltigkeit der Fruchtbäume 
und die wunderbar schöne Gegend anbetrifft, so kann 
man nur mit Leo übereinstimmen, der sagt: „Billig 
sollte dieser Ort, wegen der gesunden Luft, die im 
Winter sowohl als im Sommer hier stattfindet, die 
königliche Besidenz sein/' 

Wir waren in Tesa in der Sauva der Tkra Mulei 
Thaib abgestiegen, und wurden selbstverständlich gut 
bewirthet Nach zwei Tagen Aufenthalt, als der Em- 
kadem seine Gelder einkassirt hatte, gingen wir auf 
demselben Wege nach üesan zurück, da der directere 
aber durch die Hiaina fuhrende Weg nicht genug Sicher- 
heit bot, selbst fiir den Enikadem des Grossscherifs. 

In Uesan wieder angekommen, waren meine Tage 
gezählt; es handelte sich nur darum, die Erlaubniss 
zur Abreise zu bekommen. Ich durfte nicht daran 
denken, dem Grossscherif zu sagen, dass ich ihn für 
immer verlassen wollte, da er sich einmal YoUkommen 
mit dem Gedanken vertraut gemacht liatte, ich mirde 
immer bei ihm bleiben. So bekam ich denn endlich die 



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863 

ErlaubmBs eine kleine Heise machen zu dürfen, und 

sagte der Stadt Uesau für immer (wie ich damals 
glaubte^ später kam ich aber doch noch wieder nach 
Uesan) LebewohL 



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13. Helfe fangs des atfantifdicii 9mns, 



Nach Tanger aufbrechend, depouirte ich ein Kästcheu 
mit Papieren bei Sir Drammond and zog längs der 
Küste ; denselben Weg bis L'Araisch weiter. Als 
Ausrüstung hatte ich weiter nichts als einen Esel mit 
zwei Schaan (Seitenkörben), welche einige Vorräthe 
enthielten; ein spanischer Renegat, der gewisser- 
massen mein Gefahrte, Diener, Eselwärter und Doct^r- 
gehülfe war, hatte sich angeschlossen. Ehe wir weiter 
zogen, blieben wir noch einige Zeit in der Stadt. 

L'Araisch liegt auf der äussersten Seite des linken 
Ufers des Ued^Kus derart, dass eine Seite nach dem 
Elussc, die andere nach dem Occai) Fi üut raacbt. ün- 
geiahr 4 £.*M. stromaufwärts des Ued-Kus am rechten 
Ufer lag das alte Lja der Punier oder wie es später 
von den Griechen und Römern genannt wurde Lina, 
ehedem die bedeutendste Niederlassung an dem atlan- 
tischen Ocean. Etwas weiter stromaufwärts fallt dort 
der Ued-Maghasen in den Kus. 

Die Buinenstätte ist von Sir Drummond Hay und 
Barth besucht worden, ohne dass jedochBeide besondere 



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365 

Entdeckungen gemacht hätten, die auch wohl kaum 
ohne Keinigung des Bodens und Ausgrabungen zu 
machen sind. Von Dnunmond Hay werden die Buinen 
Schemmies genannt. Barth will aus den Grundmauern 
bei der Kasbah erkannt haben, dass auch auf dem 
heutigen Boden der Stadt L'Araisch eine alte libysche 
iStadt gelegen habe, was durch Scylax's Aussage be- 
stätigt würde. 

Von der von den Alten als in der Mündung des 
Lixos Hegend erwähnten Hesperiden- Insel ist heut- 
zutage keine Spur vorhanden. Allerdings taucht bei 
tiefer Ebbe^e etwa 1 E.-M. haltende Sandbank, in 
der beutelartigen Mündung des Flusses auf, und mög- 
licherw^e, man braucht nur eine allgemeine Senkung 
der atlantischen Küste anzunehmen, war dies die einst 
so fruchtbare Hesperiden-Insel. Diese Mündung, im 
Norden durch hohe Sandberge geschützt, könnte, wollte 
man sich die Mühe geben die Barre wegzubaggem, zu 
einem trefflichen Hafen eingerichtet werden. Jetzt 
können bei Fluth höchstens Schiffe von 150 Tonnen 
G-ehalt einlaufen; als wir in L'Araisch waren, befanden 
sich sechs europäisciic Schiffe im Hafen, ausserdem 
verfaulten am Strande die beiden letzten Kriegsschiffe 
der Marokkaner, zwei elende Brigantinen. Und doch 
hatte Marokko vor noch nicht hundert Jahren die 
Frechheit, mit seiner elenden Seemacht die ganze 
Welt herauszufordern. 

Der Name L'Araisch ist nach Hemsö entstanden 



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366 



aus dem Worte el-araisch-beu-AraSy d. h. der Wein- 
Spalier der Beni Aros. Nachdem die Stadt wechsels- 
weise im Besitze der Marokkaner und Portugiesen 
gewesen war» bemächtigte sich 1689 nach einer fünt- 
monatlichen Belagerung Mulei Ismail derselben. Seit 
der Zeit ist L'Araisch von den Euiopäem noch oft 
angegriffen worden, so im Jahre 1785 von den Fran- 
zosen, 1829 Yon den Oesterreichem, die dabei der 
marokkanischen Flotte den Giiadenstoss versetzten. 

Man bemeikt in L'Araisch an den Gebäuden der 
Stadt noch deutHcli den christlichen Einfluss. So ist 
der hübsche Marktplatz ein regelmässiges Eechteck 
mit gewölbten Arcaden versehen, die Säulen sind Mo- 
nolithen aus Sandstein. Die Hauptmoschee, die eben- 
falls nach deui Marktplatze zu Front macht, muss eine 
christliche Kirche gewesen sein^ die Fagade ist in dem 
sogenannten Jesuitenstyl gehalten. Ausserdem befindet 
sich noch ein anderes stattliches und mehrstöckiges 
G-ebäude, mit hohen schönen Fenstern yersehen, am 
Marktplatze. Vielleicht war es ehemals Gouvemements- 
gebäude, vielleicht ein Kloster, denn erst im Jahre 1822 
musste eine hier bestehende spanische Mission aufge- 
geben werden. Heute steht das Haus leer und unbe- 
nutzt da, und der durch die Fenster streichende Wind, 
und die fressende Atmosphäre wird bald das ihrige 
thuu. um das Gebäude zu einer Ruine zu machen. 

Ausser recht gut erhaltenen aber widerstandslosen 
Mauern ist die Stadt durch eui mit vier Bastionen 



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S67 



versehenes Fort, christlicher Anlage und ursprünglich 
aus gutem Material erbaut, geschützt. Dieses Fort 
Hegt auf der westliclii^teii Spitze der Stadt nach dem 
Meere zu. Im Inneren dieses Forts ist eiu Schloss, 
dessen runde Kiq^peln man schon yon Weitem sehen 
kann. Das Schloss soll vom Sultan Mulei Yasid erbaut 
sein. Unterhalb des Forts nach dem Hafen zu sind 
zwei gemauerte Strandbatterien. Nach S.-O. zu die 
Stadt beherrschend, befindet sich die Easbah, ein Foii^ 
von viereckiger t'orm, an den vier Ecken mit sehr 
scharfwinkligen Bastionen yersehen. Die Mauern der 
Kasbah, welche auch wohl eine Baute der Poi tugiesen 
oder Spanier ist, sind gut erhalten, aber trotz aller 
Tertheidigungsanstalten wird L'Araisch einem Angriffe 
der Europäer niclii lange Widerstand entgegeiisetzou 
können, einerlei ob er vom Ocean aus oder vom Lande 
her unternommen wird. Sonst hat L'Araisch keine 
merkwürdigen Gebäude, wenn nicht eine kleine Grab- 
stätte in den Gärten südlich von der Stadt, der Lella- 
Minana gewidmet, einer Sherifift, die dort begraben 
liegt. Bei Lebzeiten soll sie Wimder gethan haben, 
und auch jetzt noch sollen die in der Qrabcapelle der 
Lella-lCinana betenden Frauen von Unfruchtbarkeit 
geheilt werden: zwei fromme in der Nähe wohnende 
Einsiedler öffiien den Frauen gegen -eine kleine Gabe 
die Thür zum Grabmal und unterstützen sie im Beten. 

Die Stadt hat ca. 6000 Einwohner, von deneu 
wohl 1200 Juden sein mögen, welche letztere, wie alle 



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368 



Juden in den Hafenstädten Marakko's, sich der spa^ 
niscben Sprache bedienen. Die wenigen Europäer, 
vielleicht 30 oder 40 Jiidiviiluen stehen unter dem 
Schutze ihrer Consuln, deren es hier mit Ausnahme 
eines deutschen von allen Nationen giebt. 

Der Handel der Stadt ist nicht inibedeuteiKl und 
umiasst dieselben Artikel, die in Tanger zur Aus- und 
Einfuhr kommen, d. h. ausgeführt werden besonders 
Wüllü, Thierhäute, Wachs, Oel, Butter, Früchte: als 
Mandeln, Orangen, Citronen und Feigen, getrocknete 
Oliven, Eier, Federvieh (anderes Vieh auszuführen 
ist verboten), Getreide und Hülsenfrüchte. In L* Araisch 
kommt noch hinzu die Rinde der Korkeiche, die 
in Europa verarbeitet wird. Gummi und Kupfer 
wird aus Marokko nach Europa nicht mehr ausgeführt, 
da man Kupfer in Europa und Gummi von Senegal 
billiger beziehen kann. Blutigel werden ebenfalls von 
L'Araisch ausgeführt, doch mehr nocii von Tanger 
und Mogador. Einfuhrartikel sind: Baumwollenstoffe, 
Tuche, rohe und gefertigte Seide, Papier, Wafien, 
Metalle, wie Eisen, Blei, Quecksilber, Schwefel, Alaun, 
Salpeter, Colonialwaaren, darunter besonders Thee und 
Zucker, und verschiedene Gegenstände, schlechte 
Schmucksachen, Porzellan und Glaswaaren, Spiegel 
u. dergL m. Die eben angeführten Gegenstände sind 
so ziemlich in allen Häfen des Landes im Handel 
dieselben. 

Der Weg zwischen L'Araisch und Media oder 



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369 



Melidia läuft ununterbrochen auf einer Sandzunge liin, 
zwischen dem Meere einerseits, den Sümpfen und Land- 
seen andererseits gelegen. Auf der ausgezeichneten 
Karte von A. Petermann, Mittheilung en Jahrgang 1865, 
Tai 4, dann auch auf der Karte von Eenou ist dies 
recht deutlich zur Anschauung gehracht. Nehrungen 
- • und Hafle küimen nur an Öachen, sandigen Küsten 
entstehen, und so ist es ganz natürlich, dass, wo die 
übrigen Bedingungen zur Haff- und Nehrungbildung 
vorhanden sind, diese entstehen. Wie der Sand Pro- 
duct des Meeres ist, so sind die Nehrungen, die aus 
Sand bestehen, immer nur an flachen Küsten mit 
vielem Sande zu beobachten. Es giebt nun Nehrungen, 
die an beiden Seiten noch mit dem Festlande zusammen- 
hängen; oder solche, die am Meere durchbrochen sind. 
Erstere können entsleheu dadurch, dass hohe Dünen 
bei ausserordentUchen Finthen nicht durchbrochen 
werden, vom Ocean aber Wasser durchlassen, welches 
Wasser dann hinter den parallel mit dem Meere lau- 
fenden Dünen einen See bildet, oder es sammelt sich 
landwärts der Dünen das Wasser von kleinen Flüssen 
an, bildet einen See, das Wasser ist aber nicht stark 
genug, die Nehrung zu durchbrechen, oder auch das 
Wasser aus dem Landsee ergiesst sich unter der Neh- 
rung in den Ocean. Nehrungen werden durchbrochen 
dadurch, dass sich die Flüsse einen Ausgang bahnen, 
oder durch den Ocean selbst, in beiden Fällen sind 
Haffe hergestellt. 

84 



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m 



All verschiedenen Stellen von Afrika, hat mUL 
Nehrungen und Hafie, so vor dem DelU des Nil in 
Aegypten^ die bedeutender sind, als unsere deutschen 
in der Ostsee, oder an der Küste von Guinea; die 
Nehrung an der Küste von Marokko zieht sich von 
L'Araisck bis Bbat hin, hat also eine L&nge Ton fast 
17 deutschen Meilen. 

Landeinwärts von der Nehrung ist im Winter ein 
2 — 3 Meilen breiter See. der im Sommer 2um> Sumpf 
wird, daher im Norden bei Mulei Bu 81emm der Name 
Morcya*) Bas el Daura^ und südlich von Mehdia, 
Mordja el Mebdia. Gleich unmittelbar östlich vom See 
oder Sumpf stösst jener ausgedehnte Korkeichenwald, 
der nördlich bei L'Araisch beginnend im Süden bei 
Rbat endet. 

Zalülüse Wasser Vögel, Enten, Pelicane, Ibisse und 
andere halten sich hier auf, und im Sommer kommen 
Hyänen, Schakale und Wildschweine aus dem Kork- 
eichenwald, um im feuchten Sumpfe zu jagen. Die 
ganze Nehrung selbst ist bewohnt ron Arabern. 
Meistens haben sie ihre Zelte auf der Landseite und 
zwar nie kreisi^rmig, sondern, als ob sie gewisser- 
massen der langen Form der Nehrung sich anpassen 
wollten, immer in einer langen Beihe aufgeschlagen. 
Die Dünen sind zum Theil gut bewachsen, meist mit 
Lentisken, aber auch Grasfutter für Bind- und Scha^ 
heerden ist reichlich vorhanden. 
*) Morula heisst Sampf. 



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871 

Gewöhnlich legt man den Weg bis Mehdia längs 
des Wassers in zwei Tagemärschen zurack, der grossen 
Hitze wegen, und weil wir uns häufig damit aufhielten, 
im Ocean zu baden, brauchten wir vier Tage. Ueberall 
£ftttden wir übrigens ausgezeichnete Gastfreundschaft, 
und die herrlichen Wassermelonen, welche die Neh- 
rung hervorbringt, haben mir nirgends besser gemundet 
als hier. Zwei hübsche Grabslätten sind unmittelbar 
am Meeresstrande erbaut: Mulei Bu Slemm*), eine 
Tagereise südlich von L'Araisch^ aus mehreren Domen 
bestehend, dann Mulei Hammed bei Cheir, gleich 
vis-il-vis von Mehdia auf einer kleinen Anhöhe. Gegen 
3 Uhr Nachmittags am vierten Tage erreichten wir 
Mehdia, am linken Ufer des Sebu gelegen. 

Um überzusetzen mussten wir aber erst eine 
ziemlich weite Strecke ca. ein K-M. stromaufwärts 
gehen, wo sich die Fähre befiEind, sodann kehrten wir 
auf das linke Ufer zurück und erklommen den Pfad, 
der auf den steilen 417 Fuss (nach Barth) hohen fel- 
sigen Hügel führt, auf dem Mehdfa liegt. In einem 
sehr schlechten Funduk landen wir Unterkommen. 
Mehdia ist ein kleines elendes Dorf, von vielleicht 
zweihundert Einwohnern, wegen seiner beherrsclienden 
Lage war es einst wichtig und könnte am schifibaren 
Sebii, dem Flusse, an dem Fes liegt, leicht wieder zu 

*) Die meisten Geographen halten Molei Bn Slemm für das 
alte Mamora, Uamora antica, und doch glaube ich kaum, dass 
ienals bei Bn Slemm dieser Ort geataaden hat 

84* 



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372 



einer blühenden Stadt gemacht werden. Die Mündung 
des Sebu ist jedoch nicht breiter als vielleicht 1000 
Schritt, aber sehr tief unmittelbar unterhalb der Stadt. 
Der Sebu ergiesst sich aber nicht in gerader Linie 
in den Ocean, sondern ^ schief nach Norden geneigt 
Kine starke Barre sperrt den FIuös ab. 

Als ich von Aussen den Ort besichtigtei ÜEUid ich 
unterhalb desselben ein Labyrinth von Mauern, 4 Fuss 
dick und 20 Fuss hoch aus massiven Steinen aufge- 
führt; ein Netz von TierecJdg gemauerten Bäumen 
darstellend. Die darüber befragten Bewohner wussten 
keine Auskunft zu geben, aber iu Leo £udeu wir voll- 
kommenen Auüschluss darüber: 

Von Jacob el Mansor, der von 1184 bis 1199 
regierte, erbaut, als Vertheidigungsfeste des Eingangs 
des Sebu^ wurde Mehdia später zerstört und im Jahre 
1515 schickte Don Manuel von Portugal eine Flotte 
dahin ab, um dort eine Festung anzulegen. Kaum im 
Bau begriffen, kam aber der zu der Zeit in Fes regie- 
rende Sultan Mohammed ben Oatas mit einem Heere 
und überüel Soldaten imd Arbeiter. Leo, der als 
Augenzeuge diesem Ueberfalle beiwohnte, giebt davon 
eine ergreifende SchOderung. Die Portugiesen wurden 
alle getödtet, die Schiffe verbrannt. Von 6 — 7000 Mann 
Besatzung, durch Verratii zur Streckung der Waiffien 
bewogen, wurden die Meisten niedergemacht. Aus der 
Mündung des Sebu soll der König von Fes hernach 
400 Kanonen herausgefischt haben. 



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später, am 6. Aagnst 1614 > nahmen die Spanier 

Düch einmal Maiuora (wie die Europäer und auch Leo 
Mehdia nannten), errichteten ein Fort, welches aber 
am 2 \ April 1681 von Molei Ismail überfallen und 
zerstört wurde. Seit der Zeit ist Mehdia, was es jetzt 
ist» ein elendes Bor£ 

Was nun die eben erwähnten Constructionen anbe- 
trifft, so sagt Leo*) davon: „Die Portugieseii lingen 
gleich nach ihrer Ankunft den Bau an; alle Funda- 
mente waren schon gelegt, mit den Mauern und Ba- 
stionen war ein Anfang gemacht etc.'* Einen solchen 
unfertigen» nicht aber zerstörten Eindruck machen 
denn auch die Bauten bei Mehdia. Was Mamora 
antica anbetriÖtj so dürfte dasselbe am ^ruloren Ufer 
des Sebu zu suchen sein, oder vielleicht der Hügel 
der Stadt, der ebenfalls befestigt war, „Alt-Mamora''^ 
die ana Strande von den Portugiesen errichteten Bau- 
ten dagegen „Neu-Marmora'' gewesen sein. Aber in 
dem entfernten Miilei Bu Slemm Alt-Mamora suchen 
zu wollen ist vollkommen unstatthaft, weil „Mamora" 
immer einen felsigen Hügel bedeutet in Tamasirht- 
Sprache . ein solcher aber bei Bu Slemm nicht vor- 
handen ist. 

Barth fügt noch hinzu, dass keineswegs, wie die 

meisten Geographen anzunehmen geneigt seien, hier 
Banasa gestanden habe (Hemsö meint, Banasa habe 



UeberseUang von Lorsbach, p. 185. 



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m 

gelegen» wo jetzt Mulei Ba Slemm ist, eine Otfäich« 

keit, die gar nichts Einladendes zur Gründung einer 
Stadt bat); welches eine Binnenstadt am oberen Laufe 
des Sebtt gewesen » sondern dass in Mamora die vom 
Ptolemaeus erwähnte Stadt Subur zu erblicken sei. 
Ich füge noch hinzu, dass im Lande bei den Einge^ 
bomen der Name Mamora Tollkonmien unbekannt ist 

Wir blieben in Mehdia nur Nachts, am anderen 
Morgen früh aufbrechend, waren wir Mittags in Sla, 
setzten gleich über und blieben in Rbat in einem 
Funduk. Der Weg bot nichts Neues, Nehrunglormation 
war auch hier, nur müssen die hiesigen Dünen älter 
sein, denn sie waren nach der Landseite dicht mit 
Eichen, welche eine ausserordentlich zart- und süss- 
schmeckende Frucht tragen, bestanden, ausserdem 
waren Korkeichen, Lentisken und wilde Oliven sichtbar. 

Die Stadt Sla auf dem rechten Ufer des Bu jUgak 
oder Bu^'Baba*) gelegen, ist ein Ort, welcher Ton 
Aussen gesehen das allerregelmässigste Ansehen hat. 
Fast viereckig ist die Stadt von hohen aber wider- 
standslosen Mauern, welche ausserdem Tiereckige Ter» 
theidigungsthürme haben, umgeben. Mit ca. 10,000 
Einwohnern, dürfen bis auf den heutigen Tag in Sla 
keine Christen und Juden wohnen, der Grund davon ist, 
dass die Bevölkerung sich hauptsächlich aus aus Spa- 
nien vertriebenen Mohammedanern bildete, somit den 



*) Bttragrag bei Leo uii4 M&1^4A, 



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5TS 



gtüheodsiea Haas gegen Juden und Ciiristen bewahrt 
liAi Am Ende des Torigen Jahrhunderts war Sla^ 
das sich den marokkanischen Herrschern gegenüber 
&8t als Republik gerirte, der berüclitigtste Seeräuber- 
sitz am atlantischen Ocean. Im Hafen Ton Sla und 
Arbat, oder in der Mündung des Sebu, fanden die 
Piraten vor den verfolgenden Kriegsschiffen der Chri- 
sten sichere Stätten. 

Sla ist offenbar, wenn auch nicht genau der Lage 
nach) doch was den Namen anbetrifft, das alte Sala. 
Ptolemaeus verlegt Sala südöstlich von der Hündung 
des Flusses, also da wo Arbat heute steht. P^benso 
Plinius, der Buch V, 1 sagt: „Die Stadt Sala am 
Flusse gl. N. gelegen, schon nahe der Wüste, und 
durch Elephantenheerden, noch mehr aber durch den 
Stamm der Autolalen unsicher gemacht, durch welche 
der Weg zum Atlasgebirge führt'' etc. Dass nun Arbat 
heute nicht den Namen Sla, sondern Arbat hat, erklärt 
sich wohl aus dem Umstaudei dass nach der Zerstörung 
des alten Sala, die neue Stadt auf dem rechten Ufer 
des Bu Raba angelegt wurde, während gegenüber die 
Stadt Bbat um 1190 von Jacub el Mansor neu ge- 
gründet wurde, und nach Delaporte den Namen Rbat 
el Ftah, d. h. Wahlstätte des Sieges erhielt. Es ist 
also nicht nöthig um das alte Sala im heutigen Ebat 
wiederzufinden, wie Barth es thut, auf die Grabmäler 
der Beni-Merin bei der Mssala von Arbat hinzuweisen, 
welchen Ort Barth: .^Schaleh'S Hemsö: ,^ceUa» Sci^ 



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376 



alla^^ und Marmol: „Hensala" ftosspreclien hörten. leh 
habe an anderen Orten gezeigt, dass jede grossere 

marokkaiiische Stadt ihr MssaJa hat, wo bei grossen 
religiösen Festen die Gebete abgehalten werden"**). 

Die Stadt Sla ist von ihrem einstigen durch TU 
raterie erworbeiieii Reichthum sehr }iei untergekommen, 
80 dass auch die Häuser der Einwohner, die sich l^aui 
nennen, sehr klein und unansehnlich sind. Als ich 
mit dem Grossscherif in der Stadt war, fand sich kein 
einziges Gebäude gross genug ihn aufzunehmen , wir 
campirten daher am Strande in unseren Zelten. Tuner- 
halb der Mauern ist die Hälfte der Stadt jetzt unbebaut 
Die beiden Moscheen sind gross und geräumig, aber 
sonst zeichnen sie sich diurch nichts weiter aus. Der 
Markt oder Bazar, Kessarieh^ ist überdacht wie in den 
meisten Städten, wie zur Zeit Leo's findet man hier 
auch heute noch eine grosse Kammfabrikation aus 
Lentiskenholz. 

Ebat, sowie es jetzt steht, eine Stadt von ca. 30,000 
Einwohnern; hat ein fast modernes südeuropäisches 
Aussehen, namentlich von der Westseite her. Hier 
haben sich hauptsacMich Christen und Juden Häuser 
gebaut, und besonders letztere sind in Ebat zahlreich 

♦) Maltzan sagt B. IV, p. 129: In der Nähe von Rabat Hegt 
auf demselben Ufer des Flusses ein kleiner Ort esch = Schaleh 
genannt. Dieser Ort hat eine aulfallend grosse Aehnlichkeit mit 
dem des antiken ,.Sala". Es «nd dies aber weiter nichts als 
Hütten und Häuser, und Grabmal er um die ^Mssala" gebaat| wlC 
das auch bei Fes, Uesan etc. mkommt 



377 



vertreten , da sie wie auch die Christen in Sla nicht 
wohnen dürfen. In der Mündung des JTlusses könnten 
Bbai und 81a einen guten Hafen haben , wenn nicht 
eine gefahrliche Barre auf der Rhede wäre, und wenn 
für eine gehörige Ausbaggerung gesorgt würdew Jetast 
kann der Hafen nur Schooner und kleine Briggs auf- 
nehmen. Der Handel ist indess ziemlich lebhaft, denn 
eigentlich ist Bbat jetzt der natürliche Hafen für Mi- 
kenes sowohl, als auch für Fes. Man exportirt hier vor* 
zugsweise Oel, Häute und Kork. Als eigne Fabrikation 
betreibt man in Ehat hauptsächlich die Verfertigung 
wo'lener Teppiche, an Güte und Dauerhaftigkeit kommen 
sie den syrischen gleich^ im Muster und in den ij'arben 
stehen sie allerdings zurück. Femer sind Schuhe, 
Buinusse und Matten gerühmt. 

Ebat auf dem bedeutend höher gelegenen linken 
Ufer des Flusses gelegen, hat ein Castel auf seiner 
äussersten nach dem Meere gerichteten Seite, mit 
sogen, bombenfesten Gewölben, und dicht dabei eine 
ziemlich grosse Djemma (Moschee) mit emem sehr 
hübschen Smah (Minaret). v. Maltzan taxirt den Thurm 
auf 180' und zieht ihn der Giralda von Spanien vor. 
Dieser Sma-Hassan ist wie die Moschee selbst von 
Sultan Mansor erbaut. Leo sagt von ihm: ,>Vor dem 
Sttderthor Hess ep auch einen Thurm, dem zu Marokko 
ähnlich, errichten, er hat aber viel breitere Treppen, 
worauf 3 Pferde nebeneinander hinaufkommen können, 
leb (Leo) lecbue diesen Thum in Bttcksicht auf seine 



3T8 



Höhe zu den bewundernswürdigen Gebäuden." — För 
Marokko, welches in keiner einzigen Stadt einen nur 
irgend bedeutend hohen lünaret hat, ist dieser Thnrai 
des Hassan aUerdinjo^ eine ausnahmsweise hohe Baute, 
aber im Orient trifit man bei den Mohammedanern 
bei Weitem höhere Minarets. 

Der Palast des Sultans ausserhalb der Stadt Ebat 
im Süden und fttst hart am Meere gelegen, ein toII* 
kommen neues Gebäude, und irre ich nicht, erst yom 
jetsdgen Sultan erbaut, zeichnet sich nur durch Ka- 
semenhaltigkeit aus* Es ist ein ziemlich unbedeutendes 
Gebäude, mit einer Beletage, hat viele Fenster, die 
aber nicht Glasscheiben besitzen, sondern durch höl- 
zerne Jalousien yerschlagen sind. Vor dem Schlosse 
nach dem Strande zu befinden sich Erdschanzen auf 
europäische Weise errichtet; einige Kanonen sind 
ebenfalls darin. 

Der von Maitzan erwähnte „römische Aquaduct" 
ausserhalb der Stadt, dessen Ruinen noch heute vor- 
handen sind, ist indess nicht römischen üraprungs, 
wenn man anders den Aufzeichnungen von Leo Glauben 
schenken kann. Derselbe sagt p. 177: „Weil in der 
Nähe der Stadt kein sonderlich gutes Wasser war, 
so liess Sultan Mansor eme Wasserleitung von einer 
Quelle, die ungefähr 12 Meilen von der Stadt entfernt 
ist, hier anlegen; sie besteht aus schönen Mauern, 
welche auf Bogen ruhen, gleich denen, die man hier 
Wdd da in Xtalieiij Tomehmlich im Bom sieht* Vim 



m 



Wasserleitii&g th^ei sich ia viele Theile: einige föhren 
Wasser in die Mosclieen, andere in die Schulen, andere 
in die Paläste des Königs , andere in die öffentlichen 
Bronnen, dergleichen für alle Districte der Stadt ge- 
macht wurden. Nach Mausor's Tode nahm die Stadt 
aUmälig so ab» dass nicht ein Zehntel mehr übrig 
ist. Die schöne Wasserleitung ist in den Kriegen der 
Meriniden gegen Mansor's Nachfolger zerbrochen 
worden.^' So Leo. Ich muss indess bekennen, dass 
nach Besichtigung der Ruinen dieser Wasserleitung 
ich ebenfalls geneigt hm mit Maitzan sie für römischen 
ürspnmgs zu halten, da nirgends anderswo, soviel ich 
das Land habe kennen lernen, die Marokkaner selbst 
irgend ähnüche Bauten aus massiven Quadersteinen 
errichtet haben. 

Heutzutage entbehrt Rbat sehr dieser Wasser- 
leitung , die Einwohner behelfen sich zum Theü mit 
dem Wasser ihrer Cistemen, zum Theil holen sie 
weither ihr Trinkwasser in Öchläuchen. Nirgends ist 
daher auch das Trinkwasser theurer als in Rbat In 

allen grösseren inarukkainsclieu Städten durchziehen 
Wasserverkäuier mit einem grossen Schlauch auf dem 
Rücken, in der einen Hand eme Glocke, in der anderen 
einen Becher haltend» die Strassen und verkauleu dem 
Durstigen für einen. Fls. den Labetrunk, der dann so 
bemessen ist, dass der Käufer so viel trinken kann, 
wie er Durst bat. In übat aber muss ganz genau das 



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880 



Im Uebrigen h&t die Stadt nichts MerkwürdigeSi 

nur will ich nicht uiiterlassen auf die unvergleichlich 
schönen Gärten aufmerksam zu machen, die sich längs 
des linken hohen Flussufers hinziehen. Was nur das 
glückliche Klima des Mittelmeeres hervorbringt, findet 
man hier blühen und grünen. 

Ich blieb nur kurze Zait in Rbat, und durch die 
lang ausgedehnte jetzt leere Stätte der Mhalla(die Armee 
des Sultans), welche südwärts der Stadt sich befand, 
dahin eilend, zog ich dem Süden weiter entgegen. Ich 
hatte nun vollkommen unbekanntes Land vor mir, bis 
Rbai, wo ich auch früher schon gewesen war, hatte 
ich fast alles Land kennen gelernt, was im Bereiche des 
„civilisirten Marokko'^ lag. Einsam ohne Karavanen 
zogen meine Begleiter und ich längs des Strandes 
dahin, den grauen Esel vor uns hertreibend. JJer Weg 
längs des Strandes bleibt auch hier einförmig und lang- 
weilig. Indess so wenig die Xatur bietet, so belebt 
ist andererseits dieser Weg durch Menschen, denn bis 
Asamor ist hier die Hauptroute von Rbat nach Maroldco, 
von Asamor verlässt die Strasse das Meer, um ins 
Innere sich hineinzuziehen. 

Längs der Küste ziehen sich eine Menge Easbahs 
hin, zum Theii in leidlichem Zustande, zum Theil ver- 
fallen; sie ennnem lebhaft an die Befestigungen in 
Spanien und Italien, deren Küsten ebenfalls überall 
mit Thiinnen und Festungen gamirt sind. In diesen 
Easbahs kann der Wanderer Schutz yor scUediter 



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3S1 

WitAenmg finden, oder übernachten, sonst bieten sie 

aber in der Regel nichts, und die meisten sind ohne 
Insassen. Wir gingen bis Mittemaclit und nächtigten 
sodann in der Easbah Scharret, am Flüsschen gl. K. 
gelegen. Diese Kasbah bildet zugleich eine Cavallerie- 
kaseme, es befanden sich etwa 200 Beiter mit ihren 
Pferden in derselben. Wir konnten von diesen Beitern 
unser Abendbrod kaufen, eigentliche Kaufleute waren 
aber nicht Yorhanden. 

Zwischen Bbat und Asamor finden sich eine Menge 
von kleinen Jblüssen, die von Osten kommend alle das 
Heer mit Wasser erreichen, und auch das ganze 
Jahr Wasser halten. So passirten wir am folgenden 
Tage den Ued-Bu-Steka und drei andere kleine Müsse, 
und befanden uns Mittags am Üed-Mansuria, der an 
seiner Mündung, zui- Fluthzeit, nicht zu paasiren ist. 
Nach langem Suchen fanden wir endhch stromaufwärts 
gehend eine Furth, die uns durchliess. Der auf den 
Karten angegebene Ort Mansuria existirt nicht. 
Auf dem linken Ufer des Flttsschens befinden sich die 
Trümmer der Kasbah Mansuria. Der Ort Mansuria 
soll nach Leo auch nicht am Ocean, sondern zwei 
Meilen stromaufwärts am Flüsschen, das er Guir nennt, 
gelegen sem. Aber schon zu Leo's Zeiten war das 
genannte Städtchen nur noch ein Trttmmerhaufe. 

Wir gingen selben Tags noch bis zur Mündung des 
Flusses Üed-el-Milha, an dessen linkem Ufer die Kasbah 
Fidala liegt Ob Fidala nach der Meinung Gosselin's 



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as2 

das alte Kerne gewesen sei, wage ich nicht zu ent- 
scheiden; eine Insel ist in der Mündung des Flusses 

nicht, wohl aber ist auch hier eine Nehrung. Im 
Innern der sehr geräumigen Xasbah lagerte, ein ganzer , 
Stamm unter Zelten , aber auch feste Wohnungen 
waren da. Namentlich zeichnete sich die in der Mitte 
der Burg liegende Djenuna durch Sauberkeit der 
Arbeit und gute Conservirung aus. Die Tholba 
(Schriftgelehrten) luden uns iieundlichst ein, in d^ 
selben die Nacht zuzubringen« Die meisten Häuser, 
die in F'idala sind , liegen in Iiuinen , der edle Styl 
derselbeu, die Abwesenheit des maurischen Schwib- 
bogens an Fenstern und Thttren sagen uns mit Sicher- 
heit, dass diese Gebäude Yon Europäern erbaut wurden. 
Benou behauptet indess, dass Fidala 177d Ton Sultan 
Mohammed gegründet sei. An vielen der Fenster 
wareu sogar noch Balcons« 

Am folgenden Morgen passirten wir eine lange 
über den schmalen Fluss Ued-Dir führende Brücke, 
derselbe soU jedo(^ manchmal weit austreten. Die 
Gegend bleibt immer dieselbe, rechts das Meer, und 
Hnks die nicht enden wollende Gegend der Provinz 
oder Landschaft Temsena, nur einmal unterbrochen 
durch den grossen längs der Küste sich hinzieheiiden 
Sumpf Um-Magnudj. Die gut bevölkerte Gegend 

*) Kerne möchte eher beim lieutigen Agadir zu suchen sein, 
obgleich auch doit in der Bucht keine kleine Insel sich befindet, 
aber keinetwegSi wie Kai>t«i meint, die Insel im Kio An Oore sein. 



383 

bringt hauptsächlich Mais herror, der den Leuten 
als Hauptnahrung dient, indem sie ganz wie die 
Italiener eine Poienta davon bereiten. Man kann 
sagen, dass an der ganzen Küste von L'Araisch bis 
Asamor nicht die zu Euskussn yerarbeitete Gerste, 
sondern der Mais oder türkische Weizen die Nationalkost 
ist. Auch wird dayon viel nach Spanien und Portugal 
exportirt. 

Am selben Abend noch waren wir in Dar-beida 
(Weissenstadt und von den Spaniern Oasa bianca Über- 
setzt), wo wir bald bei einem Kaffeehausbesitzer, den 
ich von h'es her kannte, ein gastliches Unterkommen 
&nden. Dar-beida bildet eine Art befestigten Vier- 
ecks, dessen Mauern jedocli ausser Stande sind, den 
geringsten Widerstand gegen Europäer zu leisten. 
Sowie von Masagan und Safi wird auch yon hier aus 
bedeutend exportirt, und liauptsächlich sind es Wolle, 
Oel, Mais, Weizen, Mandeln und Felle, welche die 
Eingeborenen den Europäern zu Markte bringen. Die 
Einwohnerschaft von Dar-el-beida beläuft sich auf 
ca. dOQ Seelen, unter denen sich eine zu den übrigen 
Hafenstädten Marokko's verhältnissmässig grosse Zahl 
von Europäern befindet. Ich fieuid es höchst auffallend, 
dass alle Lebensmittel hier so theuer waren, vielleicht 
ist die Cuncurrenz der Europäer daran Schuld. In 
der Meeresbucht befanden sich sieben grössere euro- 
päische Fahrzeuge, im Begriffe, ihre Ladungen einatt«* 
nehmen. Sie kommen meist ohne Waaren an, wenn 



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884 



man anders nicht die Silber tlialer (spanische und 
französische) als Importationsartikel rechnen will. 
Aber der Vortheil, den die Europäer auf die eben 
angeführten Jblxportationsartikel machen , ist ein sehr 
grosser. Deutschland betheiligt sich gar nicht daran. 
An Merkwürdigkeiten hat die Stadt nichts aufzuweisen. 

Maltzan nimmt an^ dass Dar-beida oder Dar-el- 
beida die Stadt Anfa Leo's sei. Es ist auch wohl 
nicht daran zu zweifehi, aber Leo's Angaben über die 
Entfernung Anüa's sind höchst ungenau; er sagt: ;,Anfa 
ist eine grosse Ton den Bomem erbaute Stadt am 
Ufer des Oceans, ungefähr 60 Meilen vom Atlas gegen 
Norden» ungefähr 60 Meilen Ton Azemur gegen Osten 
und ungefähr 40 Meilen von Rabat gegen Westen ge- 
legen.'' Leo scheint die Stadt gleich nach der Zer- 
störung derselben durch die Portugiesen besucht zu 
haben^ er fand bie ganz verödet und von Einwohnern 
verlassen. Nach Maltzan wurde sie erst 1750 von 
Mulei Isma¥l unter dem Namen Dar-el-beida wieder 
aufgebaut. Nach Renou wiedererbaute sie Sultan Mo- 
hammedy was wahrscheinlicher ist, da Ismail von 1672^ 
1727 regierte. Von Dar-beida nach Asamor brauchte 
ich zwei Tage. Der auf fast aiien Xarten Marokko s 
angegebene Ort Mediona, der an der Küste liegen 
soll, existirt dort nicht, wohl aber ca. 3 Meilen land- 
einwärts ; Mediona ist weiter nichts als eine von einigen 
Duar umgebene Kasbah. 

Endlich war die weite Mündung des Um-Ebea, 



385 



oder wie man gewöhnlich sagt Mrbea erreicht. Der 

Fluss ist so tief, dass er selbst zur Ebbezeit nie durch- 
watet werden kann, aber eine gute Fähre ist vorhanden, 
mit der man übergesetzt wird. Der Fluss Um-Rbea, 
vom Atlas entspringend , bat auf seinem linken Ufer 
die bedeutende Stadt Asamor; aber so bedeutend die- 
selbe ist, ich schätze die Einwohnerzahl auf 30,000 
Seelen, so wird ihrer selten in den geographischen 
Handbüchern gedacht. Der Name Asamor bedeutet 
aus der Tamasirht-Sprache übersetzt, die Oeibäume, 
und eigentlich hat die ganze Stadt den Namen Asamor- 
e8*Sidi-Bu-Schaib, d. h. die Oeibäume des gnädigen 
Herrn Bu-Schaib. ürsprÜDglich war hier nämlich 
weiter nichts als ein Sanctuarium dieses Schaib^s, 
dessen kleine „Kubba", in der er begraben liegt, sich 
noch heute in Asamor befindet und die in nah er Um- 
gegend als ein grosses Heiligthum gilt. Die Zahlen- 
aiigaben über den Angriff' von Asamor durch die 
Portugiesen sind bei Maltäian nicht genau. Erst 1508 
begannen die Portugiesen zu belagern , jedoch ohne 
Erfolg, aber im Jahre 1513 wuide die Stadt erobert, 
zerstört und nach einem zweiunddreisdgjährigen Be- 
sitze von den Christen freiwillig aufgegeben*). 

Asamor, auf einer ca. 150' hohen Anschwellung 
des Erdbodens gelegen ^ wird merkwürdigerweise von 
Arlett mit nur 700 Einwohnern angegeben. Andere 



*) Siehe darüber Leo, Dapper und Reoon. 
BoUft. ^ 



m 



aber, die dock auch gute Notizen über die Stadt hatten 
oder auch Asamor selbst gesehen haben, sind darüber 
auch anderer Meinung, so nennt Dapper sie „überaus 
volkreich*^, Lempriere „ein grosser Ort." Die Sache 
ist nämlich die, dass Ton allen Häfen, Asamor und 
Agadir die einzigen sind, wulunliiuropäer selten kommen. 
In allen marokkanischen Hafenstädten, so klein sie 
auch sein mögen, giebt es Consuln und Consularagenten. 
So in Arseila, in L^Araisch, in Masagan etc., aber in 
der Stadt Asamor und Agadir sind weder christliche 
Consuln noch Europäer. Allerdings sind in Sala auch 
keine Consuln, aber der Grund lie^ mehr in der Nähe 
von Neu-Sala oder Arbat, als in einer anderen Ur- 
sache. 

So ist denn auch Asamor eine vollkommen marok- 
kanische Stadt, der ganze Handel, die Industrie hat 
etwas urwüchsig Marokkanisches an sich. In dieser 
schönen Flussmündung, welche meilenweit nach oben hin 
noch salziges Meerwasser hinauftreibt', sieht man nie 
europäische Schiffe. Der ganze Handel von Asamor 
mit dem Binnenlande beruht auf eigner Production und 
Manufactur. Man verfertigt namentUch Haike. Bur- 
nusse, Matten, Schuhe und Töpfergeschirr. In der 
Nähe der Stadt ist bedeutender Gemüsebau, aber die 
Früchte werden mehr nach aussen hin, nach Dar-beida 
und Masagan exportirt, als in der Stadt selbst auf- 
gebraucht. 

Ich durfte nicht unterlassen „den berühmten Hei- 



387 



Ilgen Mulei Bu-Schaib zu besuchen'^, so sagt man in 
der Tbat in Marokko , einerlei ob der Heilige noch 

lebt oder todt ist. Man redet dann auch einen solchen 
Heiligen wenn er gestorben ist so an, als ob er noch 
lebte: ^^es ssalamn alikmn ia Mnlei Bu-Schaib'' etc. 
Als ich eintrat in den kleinen Grabdom, war denn 
auch das ganze Maosoleum voller Bittsteller^ alle um- 
hockten oder Umlagen den Sarkophag, d. h. ein höl- 
zernes mit rothem Tuch und reich mit Seide gesticktes 
mnhangenes Holzgestell. Den grössten und eigentlichen 
Segen hatten mdess nur die Schnftgclehrten des Mulei 
Bu-Schaib, die von jedem Betenden eine Grabe zu er- 
pressen wussten. Als höchst merkwürdig fiel mir auf, 
dass diese Tholba (Schriftgelehrte) durch besondere 
Tracht sich auszuz^chnen suchten von ihren Mitgläu- 
higen, wie die Pharisäer der Bibel. Bei den übrigen 
Marokkanern unterscheidet sich aber, wie schon ange- 
führt; der Schrifigelehrte von seinen Mitgläubigen nie 
durch Tracht, und wenn er auch der erste Faki der 
Djemma Mulei Abd Allah Schehf von Uesan wäre. 
Sowie durch eigne Tracht^ so zeichneten sich denn 
auch diese Tholba durch grosse Selbstgefälligkeit und 
religiöse Elitelkeit aus. 

£he ich von Asamor aus weiter zog, muss ich 
eines kurzen Abstechers erwähnen, den ich von hier 
aus mit einer Karavane nach der Stadt Marokko, von 
den Eingebomen Maräkesch genannt, machte. £iS war 

nur eine kleine Karavane aus lauter Eseltreibern be- 

26* 



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dss 



stehend, welche Töpferwaaren ins Innere des Landes 

führten, dabei bis Marokko wollten, um von dort an- 
dere Waaren zurückzubringen. In Gesellscliaft dieser 
Leute war es vollkommen unmöglich irgendwie nur 
Aufzeicliuungen zu machen. Die Gegend sah zu der 
Zeit sehr traurig ans , da es Herbst war und die er- 
sehnten Ecgen wollten sich nicht einstellen, so dass man 
hätte glauben können in der Vorwiiste zu sein. Und 
doch muss diese Landschaft im Winter und Frühling 
ein ganz verändertes Aussehen haben. Die kahlen 
Lotusbüsche bekleiden sich dann mit frischen hell- 
grünen Blättern, die einförmige Zwergpalme sendet 
neue Fächer aus der Erde und reift ihre kleinen 
äusserlich der Weintraube nicht unähnlichen Beeren, 
Zwiebeln und Gräser spriessen aus der Erde und die 
Heerden kehren von den immergrünen Weideplätzen 
der AÜasstufen zurück. 

Wir marschirten den ersten Tag sehr anstrengend, 
um zur rechten Zeit auf dem Markte el Had (Sonntag) 
zu sein, und noch denselben Tag wieder aufbrechend, 
überzogen wir sodann einen niederen Gebirgszug von 
Nordwest nach Südost streichend, der an der Gegend^ 
wo wir ihn überschritten, den Namen Dj. Ssara führte. 
Sobald man den Kamm dieser Hügel, welche zugleich 
die Wasserscheide zwischen dem Mrbea und Tensift 
bilden, überschritten hat, erblickt man die schneeigen 
Gipfel des g:rossen Atlas. Aber so nahe die Berge zu 
sein scheinen, so fern sind sie noch; ehe man nur die 



389 



Stadt Marokko erreicht, hat man noch drei Tage- 

märsche. 

Der Sultan war zu der Zeit mit der ganzen Armee 

dort; er hatte sich den EintriLL in die zweite Haupt- 
stadt seines Landes erkämpfen müssen. Die «Stämme 
der Ehammena, südwestlich von Marokko auf den Ab- 
hängen des Atlas beimisch, hatten sich kurz vor seiner 
Ankunft empört und hielten die Stadt umschlossen. 
Aber die Ehammena hatten nicht auf die Kanonen 
des Sultans gerechnet, trotzdem sie sich ziemlich hart- 
näckig bei der Sauya-ben-Sassy südlich von der Stadt 
vertheidigten. Sobald die Kanonen erdröhnten^ wurden 
sie leicht bewältigt, und nachdem so und so viel Köpfe 
waren abgeschnitten worden , welche als Warnung an 
sämmtliche Städte des Keiches vertheilt wurden, nach- 
dem sie aller Habe waren beraubt worden, war wieder 
Buhe im Lande. 

Ich blieb nur zwei Tage in Marokko und verliess 
das Funduk (Gasthaus) nur Abends, um nicht Be- 
kannten zu beg^nen. Denn trotzdem der Sultan 
durch Vermittelung des englischen Gesandten mir beim 
Weggange von Mikenes freigestellt hatte, im Lande 
zu bleiben und überall frei hingehen zu können, 
fürchtete ich, falls er erführe, ich sei in Marokko, 
festgehalten zu werden. 

Die Stadt Marokko ist nach Beaumier's Beobach- 
tungen mit einem holosterischen Barometer 408 Meter 
über dem Meere gelegen. Die £inwohnezahl der 



390 



Stadt ist sehr wechselnd ^ je nachdem der Sultan an- 
wesend ist oder nicht. Sir Drummond Hay, der zu- 
verlässigste Gewährsmann, und der von allen Europäern 
am besten die Städte des Innern kennen lernte, nimmt 

70,000 Einwohner an. Zur Zeit, als er dort den Sultan 
besuchte, ist das auch wohl richtig gewesen , in ge- 
wöhnlichen Zeiten sind aber wohl nicht mehr Bewohner 
in der Stadt, als wie Maltzan, Beaumier und Lambert 
annehmen: 50,000, 

Nach Leo und den meisten G-eographen soll Ma- 
rokko von Yussuf-ben-Taschfin erbaut sein. Renou, 
sich auf Cooley stützend, giebt das Jahr 1073 als 
Erbauungsjahr an. Es ist indess wohl genauer, wenn 
wir mitSedillot lestlialteih (Liss der Feldherr Abn-Bekr, 
ein Partisan von Ahd-Allah-ben-Taschfin, einige Jahre 
früher die Stadt anlegte. Ton der Bedeutung aber, 
wie Marokko unter Yussuf, unter seinem Sohne Ali 
gewesen ist, von welcher Epoche Leo aagt, die Stadt 
habe hunderttausend Häuser gehabt, davon bat dieselbe 
nur den grossen Umfang behalten. .Nach Lambert 
sollen die jetzigen Manem der Stadt , die aus Tabi 
(d. h. einer Mischung aus Thon, Kalk und kleinen 
Steinchen, welche Masse zwischen Brettern gestampft 
und gepresst wird) bestehen, und die wie die Um- 
fassungsmauern aller marokkanischen Städte von Ent- 
fernung zu Entfernung flankirende Thürme habeni 
vom Sultan Muhamnied ben Abd- Allah (1757 — 1790), 



391 



dem fähigsten und bedeutendsten marokkanisclien 
Kaiser der Neuzeit, gegründet sein. 

Ganz entgegengesetzt zu Fes hat die Stadt Ma^- 
rokko mit wenigen Ausnahmen nur einstöckige Woh- 
nungen, und an den Seiten der breiten Gassen findet 
man oft grosse Gärten. Nur im Handelscentrum der 
Stadt verengen die eugstehenden Häuser die Strassen. 
Im Uebrigen hat die Stadt ihre Kessaria (eine ganz 
neu erbaute für fremde Artikel ist nach Lambert kürz- 
lich hinzugekommen) y ihre Ataria, ihre grossen und 
kleinen Funduks, ihre Marktplätze, auf denen der be- 
deutendste Markt vor der Djemma el Fanali und der 
andere ausserhalb der Stadt vor dem Thore „Chamis^' 
abgehalten werden. Auch ein Narrenhaus, Morstan, 
befindet sich in Marokko mit ähnlicher Einrichtung 
wie in Fes. 

An Öffentlichen Gebäuden ist die Stadt arm, der 
Palast des Sultans, obschon äusserst umfangreich, 
zeichnet sich durch nichts aus. Die berühmteste Mo- 
schee ist die Kutiibia , so genannt von den Adulen 
(Schreibern) und Ketabat (Büchern), welche dort, 
erstere ihr Handwerk treiben, letztere ebenda zu kaufen 
sind. Der hohe Thurm der Kutubia soll nach Lambert 
ca. 250 Fuss, nach Maltzan ca. 210 Fuss hoch sein, 
und y. Maltzan schätzt die Architektur auch dieses 
Thurmes höher als die der Giralda von Sevilla, welche 
doch von Lübke in seiner Geschichte der Architektur 
als eines der schönsten Baudenkmäler spanisch-nLau- 



392 



rischer Architektur herrorgehoben mrd. Was die 

innere Anordnung der Djemma anbetrifft, so gleicht 
sie fast der grossen den ^^Erzengela^^ gewidmeten Mo- 
Schee in Fes. Auch hier die grosse Zalil von Säulen, 
die von Spanien hergeholt sein sollen ^ auch liier die 
reizenden Spnngbnum^, die aber oft genug kern 
Wasser spenden. Denn die einst so schönen Wasser- 
JeitiHii^eii der Stadt, welche von den Bergen Misfua 
und Hulei Brahim das Wasser der Stadt zuführen^ 
liegen in Terwahrlosetstem Znstande. Von den übrigen 
Moscheen ist wenig zu berichten. Das grösste Heilig- 
thum der Stadt ist die Säuya des Sidi*bel- Abbes, im 
Norden der Stadt geh gon. Sidi-bel- Abbes ist zugleich 
der Schutzpatron der Stadt, er liegt dort in einer 
kleinen Eubba begraben. Alle Fremde, namentlich 
Pilger, werden hier unentgeltlich drei Tage lang ver- 
pflegt; es versteht sich, dass diese Sauya auch Zu- 
fluchtsort für Verbrecher und unrechtmässig Ver- 
folgte ist. 

Das Ghetto der Juden, wie in allen marokkanischen 

Städten ..Milha^^ genannt, d. h. der gesalzene Ort, wird 
nach Lambert häutig Spasses halber von den Moham- 
medanern „Messus'S d. h. der „salzlose Ort'' genannt; 
mau schätzt die Zahl der Juden auf 6000 Seelen. 
Moses Monteflori, der im Jahre 1864 in Marokko 
war, um beim Sultan eine Terbesserte Lage fllr seine 
unglücklichen Glaubensgenossen herbeizuführen, hat 
dies trotss seiner reichen Geschenke keineswegs zu 



393 



Wege bringen können, sie leben dort heute noch in 

derselben uiiglückliclien und unterdrückten Art, wie 
bisher. Jb'ür die Ciiristen scheint aber dort ein Um- 
schwnng eingetreten zu sein. Beaumier konnte mit 
seiner Frau, freilich in seiner Eigenschaft als Consul, 
im Jahre 1868 unbehindert die Stadt nach allen Eich- 
tungen hin durchziehen, und der schon mehrere Male 
genannte Hr. Lambert bewohnt Marokko seit Jahren. 
Um dies zu können, muss man aber vor allem der 
Sprache vollkommen mächtig sein, und man muss es 
verstehen, Demüthigungen und Vexationen, ähnlich 
wie sie von den Mohammedanern den Juden 1S.glich 
auferlegt werden, zu ertragen. Aber keineswegs möclitc 
ich doch empfehlen, wie Hr. Lambert das am Ende 
seines der Pariser geographischen Gesellschaft über- * 
reichten Berichtes thut: „die Touristen einzuladen, 
statt nach oft besuchten Gegenden zu gehen, nach Mar 
rokko zu kommen, um Ausflüge in die Umgegend zu 
machen^^ Solche sichere Zustände herrschen heute 
im Innern dieses Landes noch nicht'*'). 

Ausser diesen vereinzelten Christen und den der 
Zahl nach genannten Juden besteht die Bevölkerung 

*) Di6 Folge eines solchen französischen Berichtes verur- 
saehte auch den Tod von Alexandrine Tinne. Sie berief sich stets 
auf die zwischen Colonel Mircher und den Tuareg vereinbarten 
YertriLge, als man Ihr rielh nicht ins Land der Tuareg xn gehen: 
Obsehon sie wissen mnsste, dass diese Vertr&ge nur aof dem fran- 
zösischen Papiere exiatirten, da von Seiten der m&chtigcn und 
besitzenden TuaregfUrslen Niemand erschienen war mit Oberst 
Mircher s& unterhandehi. 



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m 



von Marokko aus Berbern, Arabern und Schwarzen. 
Letztere, vorzugsweise wie in ganz ]|{arokko ans Hanssa- 

und Bambara-Negem zusammengesetzt, fasst man auch 
hier unter dem Namen Gnaui zusammen, sie sind alle 
Bekenner des Islam, haben aber viele von ihren ein- 
heimischen Sitten beibelialten. Dadurch, dass man fast 
mehr Schellah als Arabisch in Marokko reden hört, 
könnte man versucht sein zu glauben, die Berberbe- 
völkeruug sei überwiegend. Das ist aber nur anschei- 
nend und namentlich an den Markttagen, wo die ganze 
Landbevölkerung in die Stadt hereinkommt, der Fall. 
Der eigenthche Städter ist arabischer Herkunft, hat 
zwar oft viel fremdes Blut, pocht aber darauf, för 
einen Araber gehalten zu werden. Wie in den übrigen 
Städten Marokko's findet man auch hier viele Be- 
wohner aus den übrigen grossen Ortschaften Nord- 
afrika's, die manchmal einzelne Jahre lang, andere 
auch für immer sich fixiren, oder auch noch im Alter, 
nachdem sie ein kleines Vermögen erworben, in die 
Heimath zurückkehren. 

Für die Aussätzigen hat man im Norden der Stadt 
ein eignes Dorf, Harrah*) genannt; diese, die nur 
unter sich heirathen, dort eine eigene Djenuna (Gottes- 
haus) und eigne Medressen (Schulen) haben, deren 
Vorstände ebenfalls Aussätzige sind, dürfen nie die 
Stadt betreten. Dagegen sieht man dieselben den 

*) Mit diesPTTi Wortn hezoiclinet jnäu in den Östlichen Städten 
HoidafnJLa's das Juden^uarüer. 



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895 

ganzen Tag vor dem Thore ^^Dukala'^ henimlungerny 

um Almosen zu erflehen. Es giebt übrigens auch 
Begüterte unter ihnen, denn sie treiben Industrie, 
haben ihren eignen Grund, auf dem sie ackern und 
Gärten bebauen, und die übrigen Marokkaner scheuen 
sich nicht, mit ihnen zu handehi; wenn aber Lambert 
sagt; die urchtlosigkeit vor den Aussätzigen würde 
SO weit getrieben, dass die Stadtbewohner mit den 
Leprösen aus einer Schüssel ässen, oder in einem 
Zimmer schliefen, so ist das wolü übertrieben. In 
diesem Harrah giebt es eine Milha für die aussätzigen 
Juden. 

Der Handel von Marokko ist gegen den von Fes 
gehalten gering, es fehlt den Marokkanern die Ge- 
schicklichkeit und der Unteraehmungsgeist. Die einst 
so hoch berühmten Gerbereien von Leder (Corduan, 
Maroquin, Safian) Hegen im Verfall, allerdings existiren 
noch ganze Strassen, wo man nur gelbe und rothe 
Leder, oder davon fabricirte Schuhe kaufen kann, aber 
das schönste Leder wird heute in Fes bereitet Haupt- 
wichtigkeit hat Marokko im Handel für die sütlwärts 
gelegenen Atlastheile und die grosse Oase des Ued-Draa. 
So beziehen denn auch sämmtliche Arabertrlben, die 
den beschwerlichen Weg über den Atlas scheuen, ihre 
BattelTorräthe yon Marokko, und die Marokkaner 
holen ihren Vorrath vom Draa. 

Schon am dritten Tage Morgens verliessen wir die 
Stadt wieder. Ww mich anbetrifiti so hatte ich von 



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396 



derselben höchstens ein Bild gewonnen^ so wie es der 

jetzige Reisende mit nach Hause bringt, wenn er die 
Eisenbahn Terlässt^ um sich in irgend einer Stadt am 
Wege einen Tag lang aufzuhalten. Aus eigner An- 
schauung hatte ich nur die Märkte bei Abeud, die Üutu- 
bia und die Sanya Sidi-bel-Abbes kennen gelernt. 

Der Ixückwe?? Aviirde auf dieselbe Art gemacht, 
nur iür mich auf angenehmere Weise^ da einige reiche 
marokkanische Eauflente sich der Karavane ange- 
schlossen hatten, welche Zelte hatten, und die sich 
ausserdem täglich den Luxns einer Tasse Thee er- 
laubten, und wenn wir in der Nähe eines Duars lagerten, 
dafür sorgten, dass die ganze Karavane auf ihre 
Kosten Fleisch bekam. Es ist sehr häufig^ dass in 
diesem Lande, wo das Alleinreisen mit der grössten 
Gefahr verbunden ist, sehr reiche Kaufleute sich mit 
Maulthierkaravanen zosammenthun, und dass sie unter 
dem „Aman", Schutz einer solchen „Gofla", Karavane 
weite Eeisen zurücklegen. 

Wieder angekommen in Asamor, ^trennten wir vns, 
der reichere Theil der Karavane zog nach dem Norden, 
der grösste Theil blieb im Ort selbst, oder in der Um- 
gegend, und wir beide zogen längs des Oceans weiter, 
nachdem wir noch einige Tage Hast in der Stadt ge- 
macht hatten. Bis zum nächsten Orte el Bridja, d. h. 
kleine Burg, von den Europäern Masagan genannt^ ist 
gerade eine deutsche Meile Weges. 

M Bhcya, ein länglichtes ummauertes Yiertck, 



897 



yrird fast nur Yon Eturopäem und Juden bewohnt, und 

der Handel, der in Asamor sein sollte, wird hier be- 
trieben. Die Mohammedaner begnügen sich damit 
ausserhalb der Stadtmauer, die übrigens halb in Buinen 
ist. in Hütten und Zelten zu wohnen. In el Bridja, 
Masagan, oder wie sie drittens von den Gläubigen ge- 
nannt wird: Dar c^^dida, d. h. Neustadt*), ist denn 
auch ein bedeutender Export-Handtl , den Beauiiuer 
auf Vb Gesammtausfiibr yom Lande anschlägt. 
Ich traf dort über 20 europäische Schiffe auf der 
ßhede, und wie lebhaft der Handel dort florirt, geht 
am besten daraus hervor, dass in diesem kleinen Orte, 
wo 1864 sicher nicht mehr als 1000 Einwohner waren, 
alle europäische Nationen einen Vertreter hatten. 

Wir verliessen Masagan und wieder längs des 
Meeres ziehend, kehrtcu wir Nachts bei Arabern in 
einem Duar (Zeltdorf) gelagert, ein. Ein neues Un- 
glück sollte mich hier erreichen, der Spanier mein 
Begleiter war Nachts mit dem Esel aufgebroclien und 
hatte das Weite gesucht. £r hatte mir nichts zurück- 
gelassen, als was ich auf dem Leibe trug, und ein 
kleines Ledertäschchen, welches ich als Kissen unter 
dem Kopfe hatte, und worin glücklicherweise etwas 
Geld war. Die Hauptsumme aber*, alles was ich an 
Kleidung besass, hatte er aufgepackt und war damit 

*) Diese kleine Stadt scheint sich durch den Rcicbthum an 
Kamen ausznaeichiien, man hört sie anch £i-Maduma, d. h. die 
Zerstörte, nennen. 

9 



398 



Terschwunden. — Es wäre unnütz gewesen hinterdrein- 
laufen zu wollen^ zumal ich annehmen musste, dass 
die Leute des Zeltdories wohl mit ihm im Ein v er- 
stttndnisse gehandelt hatten, denn ohne ihr Wollen 

hatte er sich unmöghch Nachts allein aus dem Duar 
entferneu können. ^^Mktub er Lah^S es war Ton Gott 
geschrieben, sagte ich nach Sitte der Marol^ner, yer- 
Hess das Zeltdorf, und erreichte ziemlich früh üaUdia. 

Dies ist jetzt ein kleines Dorf ohne alle Bedeutung, 
scheint aber früh eine ziemlich bedeutende Stadt ge- 
wesen zu sein. Ein Theü der Stadtmauern und der 
Thore sind noch vorhanden. An der Küste befindet 
sich, südlich vom Dorfe, der beste Hafen des ganzen 
marokkanischen Ufers, wenn derselbe auch nicht gross 
ist. £s ist dieser Hafen lagunenartig, haffisurtig einge- 
schnitten, der Art, dass die davorliegende Nehrung 
von Felsen gebildet ist. In früheren Zeiten soll dieser 
Hafen auch benutzt worden sein , jetzt liegt derselbe 
unbeachtet und fast unbekannt da. Verschiedene Rei- 
sende, welche die Küsten Marokko's besucht haben, 
haben auch auf die Yortrefflichkeit des Hafens von 
üalidia aufmerksam gemacht, unter andern Frejus. ■— 
Nach Jackson wird üalidia so genannt, weil es vom 
Sultan Ualid erbaut worden ist. 

Ich blieb in diesem Orte nur um zu frühstücken, 
das Essen wurde mir auf zuvorkonmiende Weise von 
den Schriftgelehrten der Djemma angeboten, und alle 
erüehten auf mich den Segen Allah's herab, um^mich 



399 

für memeii TerluBt zu trösten, und zugleich TerfeMten 
sie nicht den Vater des Diebes und ihn selbst (in Ge- 
danken und mit Worten) zu verbrennen^ zu verüuchen 
und auf ewig zu yerdanunen. Leider bekam ich da- 
durch meinen Esei nicht wieder, und ihr Segen be- 
freite mich auch nicht Tom Meber. So musste ich 
Nachmittags schon wieder Zuflucht in einem Zelt- 
dorfe suchen, da ich von wahren Schüttelfrosten be- 
fedlen wurde. Am anderen Tage früh aufbrechend, 
erreichte ich nach einem für mich recht anstrengenden 
Tagesmarsch spät Abends Saffi. 

Saffi, wie die Europäer die Stadt, Asfi, wie sie 
die Eingeborenen nennen, liegt in einer weiten nach 
Westen offenen Bucht, deren äusserster Nordpunkt 
TOm Cap Cantin gebildet wird. Die Stadt liegt un- 
mittelbar am Ocean, ist von Mauern umgeben, besitzt 
an der Nordseite ausserdem eine ILasbah und hat ca. 
3000 Einwohner, darunter einige Hundert Juden und 
ca. 50 Christen. Asfi wurde 1508 von den Portugiesen 
erobert, imd sie blieben im Besitze der Stadt bis 1541, 
in welchem Jahre sie dieselbe freiwillig aufgaben. 
Chenier führt an mehreren Stellen an^ die Portugiesen 
hätten Asfi 1641 verlassen, was aber wohl irrthümlich 
ist^ wenn man anders nicht nachweisen kann, dass sie 
es zum zweiten Male genommen. Das beim Cap Cantin 
anfangende oder endigende Gebirge Dj. Megher tritt, Asfi 
umgehend, zurück, sendet abtr kleine Ausläufer bis 
dicht zur Stadt^ dadurch wird die Uier>Qegend weniger 



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iOO 

einfonrngy und das Grebirge selbst muss seines reichen 

Baumschmuckes halber je näher maii kommt desto 
romantischer sein. 

Ich fand in Asfi alle Fundnks besetzt, fand aber 
bei einem Juden Unterkommen. Mein erster Gang 
war zum englischen Consul Mr. Carstensen, denn so 
sehr ich sonst auch mied, mit Europäern in Berührung 
zu konmien, so zwang mich andererseits mein Zustand, 
mich auf alle Falle wieder in den Besitz von Chinin 
zu setzen. Ich fand selbstverständlich den freund- 
lichsten Empfang, nicht nur fand ich das ersehnte 
Medicament, auch mit einer kleinen Geldsumme half 
Hr. Carstensen (die ich ein Jahr später die Freude 
hatte, ihm persönUch in Tanger zurückerstatten zu 
können) auf edelmüthige Art aus. Ehemaliger dänischer 
Officier, hatte Mr. Carstensen später in dem Krimkriege 
unter den Engländern Dienste genommen, und war 
durch Verheirathung in die englische Consulatscarridre 
gekommen. Seine Einladung, auf dem Consulate zu 
logiren, schlug ich indess wohlweislich aus, ebenso 
verführten mich auch nicht die Anerbietungen des 
französischen Consuls, dessen beiden Söhne, obschon 
Christen, auffallenderweise immer in marokkanischer 
Tracht gingen. Aber das Essen, welches mn lir. 
Carstensen nach meinem Judenquartier während meines 
Aufenthaltes schickte, Teller, Messer und Gabeln, Ser- 
vietten und Wein fehlten auch nicht, Hess ich mir 
herrlich schmecken. Seit zwei Jahren das erste Mal, 



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401 

dass ich das Essen nicht direct mit den Fingern 
in den Mnnd zn bringen branchte. 

Ich blieb zwei Tage in dieser regen Handelsstadt, 
auf welche nach Beaomier V» des gesanunten See- 
handels kommt. Auf der Rhede lagen auch hier 
mehrere europäische Kauffahrer. 

Der Weg von Asfi bis zun Fluss Tensifl; ist 
äusserst beschwerlich; wenn Fluth ist, tritt das Wasser 
nämlich dicht an die Felsen, und über diese muss 
man dann bergauf bergab klettern, da das* Gebirge 
gegen das Meer hin sich durch zahllose Rinnsale zer- 
klüftet. Man braucht von der Hauptstadt der Land- 
schaft Abda, d. h. yon Asfi bis zum Üed-Tensift; der 
zugleich die Grenze der Landschaft Schiadma ist, 
6 Wegstanden. 

Obschon die Mündung des Tensift sehr breit ist 

und hohe abschüssige Ufer hat, kann man sie zur Zeit 

der Ebbe durchwaten. Aber die Eingebomen müssen 

zur Hand sein, um die Stelle zu zeigen. Das äusserste 

rechte Ufer wird gebildet durch den südlichen Yor- 

sprung des Megher-Gkbirges, welches eigentlich mit 

dem Hadid-Gebirge Eins ist, denn am linken Ufer 

des Tensift zeigen die Gesteinmassen des Dj. Hadid 

so vollkoiiiJiu'iie Uebereinstiininiiiig mit dem Megher- 

Gebirge, dass man zur Annahme berechtigt ist, der 

Ued-Tensift habe diesen Gebirgszug durchbrochen, 

um das Meer m gewinnen. Einen Uit Rabat el Kus, 

wie er im Maltzan und auf verschiedenen Karten an 
Roblfii. 26 



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408 



der Miuiduiig des Tensift angegeben ist, fand ich iiiciit. 
Hingegen stiess ich (das Uebersetzen hatte viel Zeit 
weggenommen) auf dem Unken Ufer auf die kleine 
Sauya iSidi el Hussein, in der ich freundliche Aufnaiime 
faad und nächtigte. Höchst romantisch nahmen sich 
von liier ca. 1 Stunde entfernt, im Osten die ßuinen 
einer alten Burg^ Namens Kasbah. Hammiduh, aus. 
Mitten im Walde auf schroffem Felsen gelegen, hatte 
es ehemals wohl die Aufgabe ^ die Einiahrt in den 
Tensift m yertheidigen. 

Die Gegend wird jetzt inmier abwechselnder, tiefe 
Buchten, welche das Meer macht, bewaldete Bergab* 
hänge, entschädigen für den langweiligen Marsch auf 
dem weissen Sande des Strandes. leb nächtigte noch 
einmal bei einer (irabkapelle iSidi Abd Allah Betüch 
und erreichte sodann am dritten Tage nach meiner 
Abreise von Asfi am Morgen früh die Stadt Ssuera 
oder Mogador. 

Mogad6r ist eine Schöpfung neuester Zeit. Ob 
der Ort Tamusiga des Ptolemaeus oder, wie Knötei 
will, 8uriga hier gelegen hat, lasse ich dahin gestellt 
sein. Letzterer meint, der Name Ssuera sei von Suriga 
abgeleitet So ähnlich nun auch beide Namen sind,' 
so dürfte die Etymologie de Läporte's die richtigere 
sein. Er leitet Ssuera von Ssura Büdniss her, Ssuera 
würde dann kleines Bild bedeuten, und da in Marokko 
manchmal mit dem arabischen Biminutiy etwas Hüb- 
sches, NiedhcheS| verbunden gedacht wird, so würde 



408 



Ssuera liebliches Bildchen" bedeuten. Diese Her- 
leitimg des Wortes Ssuera von Ssura hat um so mehr 
Wahrscheinlichkeit, als die Berber die Stadt Tassurt 
nennen und dies bedeutet in der Berbersprache eben- 
iai]s ein htlbsches Bildchen. 

Der Name Mogador kommt ohne Zweifel vom 
Grabmal des Heiligen Sidi Mogdal oder Mogdur her, 
dessen Kapelle sich südlich vom jetzigen Orte in nicht 
weiter Feme befindet. Wenn übrigens die Stadt Mo- 
gador erst 1760 vom iSultan Moiianuned - beu - Abd- 
Allah gegründet, und wie eine noch am Hafen befind- 
liche Insclintt bekundet 1184 (1773 nach J. C.) voll- 
endet wurde, so wissen wir aus den Berichten der 
Väter der Provinz Touraine, dass der Name Mogador, 
den sie auf die vor Mogador liegenden Inseln anwenden, 
schon bedeutend &üher vorkommt; ja, man findet 
Hafen und Insel Mogador schon auf der catalanischen 
Karte von 1375 eingetragen*). 

. Die Stadt liegt aui einer kurzen, flachen und nach 
Südwest ins Meer sich senkenden Landspitze. Vor 
der Bucht, welche so gebildet wird, zieht sich dann 
eine grossere Insel hin, und weiter nach Süden und 
dem Lande näher, noch vier kleine Eilande. Die 
grosse Insel ist durch ein i?'ort befestigt, das aber jetzt 
nur marokkanische Sträflinge enthält, und seit dem 
Bombardement des Prinzen Joinville am 14. August 
1844 nur äusserst nothdürftig wieder hergestellt ist. 

*) Benoa p. 48. 

«6* 



404 

Eine der kleineren flachen Inseln hat ebenfalls eine 

Fortification. Die Stadt selbst, fast viereckig von Form, 
ist eigentlich nach der Seeseite zu befestigt, denn die 
Mauern nach der Landseite zu, etwa 20' hoch sind 
kaum 6' dick und aus dem schlechtesten Material 
erbaut Nach der Wasserseite aber ist die Easbah 
mit ca. 30' hohen Mauern und Bastionen, und diese 
Kasbah, worin der Gouverneur, die Consub, Tomehme 
Christen und Juden wohnen, ist auch von der eigent- 
lichen Stadt durch eine gleich hohe Mauer getrennt 
Diese hat breitere und Tollkommen gerade Strassen 
und nur einstöckige Wohnungen, während in der Eas- 
bah die Strassen zwar auch gerade, aber eng sind, 
was noch um so mehr hervortritt, weil die Hänser 
der Kasbiih meist mehrere Stock haben. Der Markt- 
platz des Ortes hat Säulengänge, ähnlich wie in 
L'Araisch. 

Die Zahl der Bevölkerung dürfte 10—12000 Seelen 
ind. der Juden und Christen betragen. Dass Mogador, 
obschon am entferntesten von Europa gelegen, bislang 
von allen mai'okkanischen Häfen den bedeutendsten 
Handel hatte, verdankt es nicht allein den Anstren- 
gungen der marokkanischen Eegierung, sondern zum 
Theil seinem reichen Hinterlande; dann auch weil Agadir 
den Europäern yerschlossen worden ist, und somit 
alle Producte der Landschaften südlich vom Atlas, 
ja von einem Theile des Sudan her, hier zusammen- 
strömen. Indess dürfte Tanger, was Werth und 



405 



Menge der Aus- und Einfuhr anbetrifft, wohl bald Mo- 
gador überflügeln. Impartirt werden hier besonders 
Baumwollenstoffe und Thee aus England, Zucker aus 
Belgien und Frankreich, Tuche, Wachszüudhölzchen 
und Stearinlichte aus Frankreich (letztere, sowie auch 
Salonzündhölzchen, ebenfalls ans Wien), Bretter aus 
Oesterreich, Stahlwaaren und Waffen aus England 
und Deutschland, endlich eine Menge kleinerer Sachen 
aus Deutschland, welche aber nur durch Zwischen- 
handel dahin gelangen. £xportirt wird Getreide, 
hauptsächlich Weizen, Gerste und Mais, trockne Hülsen- 
früchte, besonders Saubohnen, Thierfellcj Schafwolle, 
und an Früchten Mandeln, Datteln, Oliven; aus dem 
Sudan werden Federn und Elfenbein gebracht, Gunrnd 
kommt heute in Mogador wohl kaum mehr zum Export. 
Ebenso hat die Sclavenausiuhr von hier, die in den 
dreissiger Jahren auch Ton deutschen Schiffen unter 
dem Namen von „Ebenhokhandei'' stark betrieben 
wurde, ganz aufgehört 

Mogador hat wirkliche Consuln aller Mächte, mit 
Ausnahme des Deutschen Reiches. 

Ich hatte mir in einem Funduk ein leidliches 
Zimmer zu verschaffen geAvusst und blieb einige Tage 
in der iStadt, um meine Gesundheit wieder etwas her- 
zustellen. Der englische Oonsul versorgte mich mit 
ChiiiJii. 

Und dann sagte ich mit Mogador dem letzten 
Hauche der Civilisation Lebewohl; ich wusste, weiter 



406 



nach dem Süden zu sei kein Christ mehr anzutreffen, 
• ich wusste sogar, dass weiter nach dem Süden za 
mir die arabische Sprache mit Ausnahme in den 
Städten, luciits mehr nützen würde. — Sobald man 
die Stadt verlässt, befindet man sich in grossen Sand- 
partien neueren Ursprunges, in Dünen, welche in 
jüngster Zeit aus dem Meere ausgeworfen sein müssen. 
Ich wanderte zum südlichen Thore hinaus, ganz ohne 
Begleitung. Kniige. l)csündcrs Juden und Christen, 
hatten mir den Weg bis Agadir sehr gefahrYoU vor- 
gestellt; andere, Mohammedaner, meinten, ich habe 
nichts zu fürchten. Nachdem man eine halbe Stunde 
von der Stadt entfernt die Kubba Sidi-Mogdal's passirt 
hat, des Heiligen, welcher der Stadt den Namen gegeben 
hat, und der besonders bei der weiblichen Bevölkerung 
in grosser Verehrung steht, erreicht man zwei halb 
vom Sande verschlungene Schlösser des Sultans. 

Der Weg, der sich Anfangs gen Süden längs des 
Meeres hinzieht, wendet sich bald darauf nach Osten 
und die Dünen erreichen ihr Ende. Statt dessen 
kommt man in einen dichten 10—12' hohen Bxnsen- 
wald. Die Bewohner flechten Matten und Eörbe aus 
diesen Binsen, die jedoch bei Weitem nicht so dauer- 
haft sind, vne jene aus den Blättern der Zwergpalme 
oder aus Haifa. Dieser Binsenwald ist 3 Stunden 
breit, dann erreichte ich Mittags eine gut ummauerte 
Quelle mit herrlichem Trinkwasser. 

Von hier an nahm nun die Gegend einen ganz 



anderen Charakter an; wilde Otiyen. immergrüne Eichen, 

Lentisken- und Lotusgebüsche wurden immer seltener^ 
dagegen trat aber ein Baum, der Argan, welcher in 
den Landschaften von Dukala^ Ahda, Schiadma nnr 
veremzelt auftritt, hier derart seine Herrschaft an, 
dass man wohl annehmen muss, diese Landschaft Haha, 
welche die westlichsten Ausläufer des Atlas in sich 
begreiit, sei die eigentliche Heimatb dieses nützlichen 
Baumes. Eigenthttmlich genug, findet sich dieser Argen- 
bäum nur in diesen Gegenden, sonst nirgendwo auf 
der Erde. Der Elaeodendron Argan hat in der Begel 
die Gi*össe unserer Obstbäume, mit dem Oelbaume hat 
er aber, obschon andere Reisende ihn damit verglichen 
haben, keine Aehnhchkeit. Das heUe saftgrüne Blatt 
gleicht viehnehr den Myrtenblätteni. Die Frucht selbst, 
von der Grösse einer Olive, sieht, wenn vollkommen 
reif, hochgelblich aus und hat einen widerlich süssen 
Geschmack, für Menschen ist sie vollkommen unge- 
niessbar. Aber desto mehr wird sie von den auf den 
Bergabhangen weidenden Ziegen und Schafen aufge- 
sucht. Und da der Baum das ganze Jahr hindurch 
nach und nach Früchte zeitigt, so hat man hier die 
fettesten und schönsten Heerden. Der hraune falten- 
reiche 8tein der il'rucht, länglich von Gestalt und so 
gross wie ein Aprikosenkem, schliesst einen weissen . 
Kern ein. der äusserst bitter schmeckt, aber ein sehr 
lautes Gel liefert, das in diesen Gegenden allgemein 
von den Eingeborenen zur Speisebereitong benutzt 



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408 



wird« Auch in Mogador wird das Oel tob den Ein- 
geborenen benutzt j von den Europäern aber nicht. 
Ich selbst habe es natürüch immer essen müssen, nnd 
fandy hat man sich erst etwas an den eigenthümlich 
angebrannten oder räucherigen Geschmack gewölmt, 
das Oel vollkommen geniessbar. Der Arganbaum 
erreicht bisweilen die Höhe imd den Umfiäng) dass 
seine Stämme als Nutzholz verwerthet werden können. 
Für die Zukunft» d. h« wenn Marokko in den Kreis 
der Civilisation wird gezogen worden sein, dem es sich 
auf die Dauer ebenso wenig wie ein anderes Land 
wird entziehen können — wird dieser Baum der Land- 
seliaft Haha eine grosse Rolle spielen. Leider denken 
jetzt die Eingeborenen so wenig daran, matenell ihre 
Lage zu verbessern » dass sie es verschmähen, die 
Früchte des Arganbaumes, von dem es ausgedehnte 
und dichte Waldungen giebt, zu sammeln' und zu 
Markte zu bringen, sondern es vorziehen, sie meist 
auf dem Boden verfaulen zu lassen. 

Ich übernachtete in einer Sauya, wo nur der 
Thaleb Arabisch verstand, alle übrigen, Berber ihrer 
Nationalität nach, sprechen und verstanden nur Schellah. 
Es war hier das letzte Dorf, wenn man einige Hätten 
lind Zelte, die sich um die Sauya herum gruppirt 
hatten, so nennen will. Denn wenn die Gegend schon 
dadurch einen cigenthümlichen Reiz bekömmt, dass 
der im herrlichsten Grün prangende Arganbaum so 
vorwiegend sein Boich hier inne hat^ so wird um 





409 



andererseits ; je weiter man in Haha nach dem Süden 

zu vordringt, durch die eigenthümliche Bauart, durch 
das merkwürdige Wohnen der Eiugehomen berührt. 
Im Norden vom Atlas, im eigentlichen Marokko 
(Rharb el Djoani) wohnen alle Eingeborenen, einerlei 
ob Berber oder Araber, entweder m Häusern aus 
Stein zu Städten und Dürfern vereint, oder in Zelten 
zu Zeltdörfem vereint. Einzelne Wolinuiigen, ein- 
zelne Zelte findet man fast nie. Hier ist nun Alles 
. anders. Man glaubt sich plötzlich ins Mittelalter 
zurückversetzt, die kleinen Berge und fast jeden Hügel 
sieht man von einer grossen kastellartigen Burg ge- 
krönt. Sei es nun, dass es von jeher diesen Berbern 
gefallen hat so zu wohnen, sei es, dass die grosse Un- 
sicherheit der Gegend, die steten Feindseligkeiten der 
einzelnen Stämme und Familien, ein solches be- 
festigtes Wehrsystem nothwendig machte, gewiss ist 
es einzig in seiner Art. Denn die Städte, Dorfer, 
Zeltdörfer oder unbefestigte einzelne Wohnungen 
fehlen ganz und gar. Vier, fünf oder noch mehr Fa- 
milien bewohnen solche kastellartige Schlösser, welche 
meist viereckig von Form eine Höhe von 20 bis 30 Fuss 
haben. Fast alle haben an zwei Ecken hohe flaoMrende 
Thürme, und fast alle haben oben auf der Umfassungs- 
mauer Zacken. Sie sind aus soliden Steinen mit 
Mörtel aufgeführt, haben einen schmalen Graben, be- 
sitzen nur Kiü Thor, welches in der ßegel durcii eine 



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410 



Zogbrttcke von dem umgebenden Terrain erreicht 
wird. 

Im Innern dient der ganze untere Eaum, sowie 
der grosse Hof fürs Vieh^ die Menschen haben in der 

zweiten Etage, die einen gewölbten Boden hat, ihre 
Stätte, zu der man mittelst einer Leiter, die man im 
Nothfalle nach sich ziehen kann, hinaufkömmt; jede 
Faniiiie hat nur ein Zimmer. 

Da die hier vom grossen Atlas entspringenden 
Flüsschen alle nur im Winter Wasser fortschwemmen, 
so haben die Eingeborenen fiir Cisternen gesorgt, die 
man manchmal am Wege, manchmal an irgend einer 
Oerthchkeit. die den Erbauern günstig schien, einge- 
richtet findet. Diese Cisternen sind ganz iu der Art 
und Weise gebaut, wie die der Römer. £& sind 
15 bis 20 Fuss lange, 5 bis 10 Fuss breite, 20 Fuss 
tiefe und aus behauenen Steinen ausgemauerte Gruben, 
die oben überwölbt sind. Durch ein kreisrundes 
Loch wird nutteist eines Eimers das Wasser herauf- 
geholt, welches selbst, aus Begengüssen oder aus 
einem Rinnsale gesammelt, mittelst eines anderen 
Loches hineinfliesst. Cisternen mit mehreren Ahthei- 
lungen sind mir nicht zu Gesichte gekommen, indess 
mögen sie auch vielleicht existiren. Einzelne dieser 
Wasserbehälter, und dieses sind die schlechteren, 
scheinen aus verhältnissmässig neuer Zeit herzustammen, 
die Meiirzabl aber trägt ein sehr altes Gepräge an sich. 

Am zweiten Tage hielt ich der grossen Strasse 



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411 



(d. h. man muss dabei an marokkanische Strassen 

denken) folgend durchaus sudliclie Eichtung, es giiig 
bergauf bergab , denn ich hatte alle die unzähligen, 
oft breiteren y oft schmäleren westlichen Abhänge des 
Atlas zu übersteigen. Dabei war man fortwährend ini 
herrlichsten Arganwald; und hin und wieder tauchten 
Schlosser und Burgen, oder auch nur die hohen Wart- 
thüi'me derselben vor meinen erstaunten Augen auf. Mit- 
tags desselben Tages hatte ich noch Gelegenheit, in einem 
solchen Schlosse einer Hochzeit beizuwohnen. Schon 
von Weitem liörte ich durch den Wald die Musik, 
vorzüglich das Trommeln und das Ui-Ui-Ui der alten 
Weiber. Ich ging dem Liirm nach, und kaum hatte 
mich die lustige Gesellschaft erblickt, als ich mit 
„Willkommen, Willkommen" begrüsst wurde. DieBerber 
halten es för ein gutes Zeichen, wenn wirkliche Fremde 
von weither zu einer Hochzeit sich einstellen. Man 
war am zweiten Tage ; die Braut, das Ejnd einer fremden 
Burg, war noch nicht geholt; es geschieht das erst 
am dritten Tage. Dagegen amusirten sich die beidersei- 
tigen Anverwandten auf Kosten des Vaters des Bräuti- 
gams ungeheure Quantitäten von Nahrung zu vertilgen, 
dabei wurde getanzt (von Sclavinnen, mit denen sich 
die Berber nicht nach Art der Araber vermischen), 
musicirt und allerlei Allotria getrieben. Der Bräu- 
tigam selbst, ein junger hübscher Mann von etwa 
25 Jahren vom Stamme der Ait-Ischar, sass in einem 
neuen Gewände, schweigend auf einer Erhöhung. 



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412 



Mit Ausnahme einiger Redensarten verstand Niemand 

Arabisch, selbst ihr Schriftgelehrter sprach die Re- 
ligioiis- und iSchiii'tsprache nur sehr mangelhaft. Es 
war daher sehr schwer für mich, mich mit ihnen näher 
einzulassen. Sie hatten übrigens bald genug heraus- 
gebracht, dass ich grossen Hunger hatte , und ein 
reichliches Mahl von Euskussu, von Brod, Butter und 
Honig lialf dem ab. Aber wahrscheinlich , hatte ich 
der Mahlzeit auf zu berberische oder arabische Weise 
gehuldigt, d. h. meinen Magen überladen (ich hatte 
seit dem Abend vorher nichts genossen); denn kaum 
hatte ich meine Wanderung südwärts wieder ange- 
treten ^ als ich vom heftigsten Fieber abermals über- 
fallen wurde. 

Nur mit Mühe ging es vorwärts, aber da ich 
mitten im Walde war, musstc ich Abends ein Unter- 
kommen zu erreicl^n suchen. Gerade als die Sonne 
untergehen wollte, entdeckte ich ein stattliches Schloss, 
wanderte den Hügel hinauf, und obschon die Leute 
kein Wort von dem verstanden, was ich wollte, merkten 
sie doch; ich wünsche nur ein Unterkommen, und das 
gaben sie mir. 

Am anderen Morgen befand ich mich bedeutend 
besser, ich hatte eine grosse Gabe Chinin genommen, 
und das Fieber war endlich gewichen. Der Weg 
hielt dieselbe Bichtung, die Berge wurden nun immer 
wilder und höher, aber die Gegend gleich gut be- 
völkert und reich imt heligrünen Arganbäumen be« 



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413 



waidet. Das leere Bett des Ued-Tamer wurde durch- 
stiegen, der stärkste und längste Gebirgsausläufer des 
Atlas, der Dj. Ait-Uakal (Cap Gher) erreicht , und 
sohaid ich den iiamm dieses Höhenzuges überschritten 
hatte, wandte sich der Weg nach Westen und bald 
darauf hatte ich das Meer erreicht. Es war Nach- 
mittags, als ich es endlich zu Wege gebracht hatte, 
die steile Küste hinabzuklimmen, mit grösstem Staunen 
aber bemerkte ich, wie gleich darauf ebenfalls eiiie Kara- 
gane, aus beladenen Eseln und Maulthieren bestehend, 
diesen Weg herabklomm. Hätte ich gewollt, so würde 
ich wohl noch am selben Tage Agadir erreicht haben, 
aber meine Schwäche nöthigte mich Zuflucht in einer 
dicht am Meere gelegenen Burg zu suchen. 

Am anderen Morgen längst des Meeres weiter 
gehend, erreichte ich gegen 10 Uhr Fonti, das Dorf, 
welches am Fusse des Berges gelegen ist, auf dem 
sich Agadir oder Santa-Cruz behndet. Das Dorf Jj'onti 
hat seinen Namen von einer Quelle, die sich auf dem 
Berge von Agadir etwas unterhalb der Stadt befindet, 
die Portugiesen naimten die Quelle Fönte, woraus die 
Eingeboraen Fonti machten und dies Wort auch auf 
das Dorf am Strande ausdehnten. Ich war anfangs der 
Meinung diese Oertlichkeit sei die «Stadt Agadir, da 
wegen des starken Nebels, welcher die ganze obere 
Partie des Berges einhüllte, nichts von Gebäuden zu 
erblicken war. 

Fonti selbst ist nur ein ärmliches Nest aus kleinen 



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414 



Hütten, int aber deuuocli auf gewisse Art befestigt. 
Nach der Laadseite zu wird es durch den Berg von 
Agadir und zwei Mauern, die sich längs des Berges hin- 
auMeheu, geschützt, nach der Seeseite war der Ort oti'eu, 
weil er der Aermlichkeit selbst wegen keinen Angriff 
zu lürchten hatte. Nach dem Kriege mit Spanien scheint 
aber 8ultan Sidi-Mohammed-ben-Abd-er-Ehaman an- 
derer Meinung geworden zu sein. 

Irren wir nicht, so existirte ein geheimer A ertrag 
in den FriedeDsartikeln, wonach die Marokkaner diesen 
Ort, d. h. Agudir, den Spaiiui u abtreten sollten, oder 
jedenfalls war die Eede davon^ dass die europäischen 
Mächte wieder das Becht haben sollten hier Gonsuln 
zu installiren. Aber nach Sitte der Marokkaner 
dachte man nicht daran sein Wort zu halten. Aufs 
Eifrigste war man deshalb beschäftigt den Ort Fonti 
durch massiv steinerne Batterien auf europäische 
Weise zu befestigen ; und leider waren es spanische 
Renegaten, die sich zu diesen Arbeiten hergaben. 
Auch bei der Quelle, Fonti wurden neue Batterien 
errichtet. 

Ob nun aber diese Befestigung dennoch hinlänglich 
sein wird, auch nur ein einziges Kanonenboot vom 
Bombardement und von der Zerstörung der Werke 
abzuhalten, moclite ich bezweifeln. Sonst hat der untere 
Ort> dessen Einwohner ausschliesslich Tom Fischfänge 
leben, noch Bedeutung als Zollstation, aJle Waaren, 
die aus dem Sus, dem Nun und südlich davon gelegenen 



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415 



Distiicte komiueu, müssen hier ihren liliiigaugszollzahlen) 
80 dass bei Agadir die eigentliche politische Grenze 
des Kaiserreiches ist. Sobald die Sonne die Nebel 
zertheüte^ zeigte sich hoch oben auf dem Berge Agadir, 
und ich machte mich auf, den steilen Berg zu er- 
klimmen. 



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14 Üeife fiidy oom Mos m& der lafe Scaa. 



Die eigentliche Stadt liegt auf einem nach allen Seiten 
fast gleich abschüssigen Berge^ der eine Höhe Ton 800 
Fuss*) über dem Meere haben mag. Sie bildet ein 
längliches Viereck, dessen schmale Seite dem Meere 
zugewandt ist Die hohen krenelirten Mauern sowie 
die Bastionen, die jene unregelraässig flankiren, sind, 
obgleich in gutem Zustande was das Aeussere anbetrifft, 
doch aus schlechtem Material aufgeführt, so dass sie die 
Stadt fast ohne Widerstand gegen einen Angi*iff der 
Europäer lassen würden. Ebenso sind die wenigen 
Kanonen, die sich in den Batterien befinden, ihres Alters 
wegen fast unbrauchbar. 

Die Stadt Agadir wurde um 1 500 von einem portugie- 
sischen Edelmann**) gegründet Man nannte die Stadt 
Santa-Cruz, während die Berber den Ort Tigimi-Rumi, 
die Araber ihn Dar-£umia nannten. Einige Zeit später 
erwarb der König von Portugal die Veste, und Hess 
den Namen Santa-Cruz bestehen. Zur Zeit Leo's war 

*) Nach Arlett 198 Meter. 
**) Siehe Reoou p. 36. 



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417 



der Ort uoch im Besitze von Portugal, Leo uaonte 
den Ort Gargessem. Im Jahre 1536 wurde die Festung 
vom Scheiii Mulei Ahmed erobert, und blieb seitdem 
immer im Besitze der Marokkaner. Schon 1572 liess 
Mulei Abdallah eine Batterie bei den Quellen ;,Fonti'' 
errichten. 

Der Name Agadir, der offenbar gleich nach Er- 
oberung der Stadt durch die Marokkaner gang und 
gäbe wurde, bedeutet in der Tamasiriit - Sprache 
„Umfassungsmauer,'^ auch „Festung'^ Benou p. 38 
fügt noch hinzu: ;^Da Agadir ein generischer Name 
ist, sollte man noch einen zweiten, um denselben zu 
YerYollständigen, erwarten. In der That nennt sich 
die Stadt, die uns aiigelit, Agadir-ii-Ir'ir. die Festung 
des Eilenbogen, d. h. des Vorgebirges^' etc. etc. 

Was das Innere der Stadt anbetrifft, so sind alle 
Häuser, ausgenommen das der Regierung, welches der 
Eaid bewohnty sowie die Djemma, die sich in gutem 
Zustande befindet, halb oder ganz verfallen. Ich glaube 
die Eii^woiinerzahl schon zu gross anzugeben, wenn 
ich sie auf 1000 Seelen schätze'''). Graberg di Hemsö 
glaubt kaum 600 Einwohner annehmen zu dürfen. In 
neuerer Zeit hat sicii der Ort aber etwas gehoben, so 
dass jetzt vielleicht gegen 1000 Menschen in Agadir 
und Fonti leben mögen. 

Der zweimaüge Markt, der in der Woche ausser- 

*) Dandson sagt, Agadir habe bloss 47 Muselmanen und 62 
Juden. 

Boiaa 27 



418 

halb vor dem einzigen Thore der Stadt abgehalten wird, 
führt derselben einigen Handel zu, und es sind haupt- 
sächlich die Juden, die für die kleinen Bedürfiiisse 
der Ötadt sowohl als auch den umliegenden Landes 
Sorge tragen. 

Die Stadt liegt auf der südwestlichsten Seite des 
Atlas, und während nach Osten und Norden hin das 
Auge Nichts wahnununt, als sich übereinander häufende 
Berge, verliert sich nach dem 8iiden zu die Aussicht 
in die unendliche Ebene, die den Ued-Sus vom Ued-Nuu 
trennt. Der Ued-Sus selbst ergiesst sich eine halbe 
Stunde südlich von der Stadt in die Meeresbucht. 
Diese ist die vortrefiUichste von ganz Marokko. Graberg 
di Hemsö sagt: „Der Hafen von Agadir ist der schönste 
der ganzen Küste, und der werthvollste für den üaiidel 
mit Innerafrikay namentlich wenn er in Händen einer 
europäischen Macht sich befände, die denselben sehr 
leicht erwerben und davon immer mehr Vortheiie würde 
ziehen können.'' So sehr wir mit Hemsö, was die Ge* 
räumigkeit der Bucht iinbetrifft, übereinstimmen, so sehr 
möchten wir bezweifehi, dass es heute leicht sein würde 
den Hafen käuflich von Marokko zu erwerben, obschon 
auch wir überzeugt sind, dass für den Handel kein 
Hafen erbiebiger sein würde als Agadir. 

Gleich beim Eintritt in die Stadt wurde ich über- 
rascht, indem ich über dem Thore neben einer ara- 
bischen Inschrift eine mit lateinischen Buchstaben ge- 



419 

dchriebene bemerkte; ich war so glücklich sie später 
unbemerkt oopiren zu können. Sie lautet: 

VEEEST . GOD . ENDE 
BEBT BEN KONING 

1746. 

Mau darf wohl annehmen; dass diese Inschrift von 
einem Renegaten, der wahrscheinlich Maurer oder Stein- 
hauer von Profession war, verfertigt wurde. 

In Agadir angekommen, begab ich mich zuerst nach 
einem Kaffeehause , um dort nach dem Funduk Erkun- 
digungen euizuziehen ; zu meinem Ei*staunen erfuhr ich, 
dass ein solches nicht vorhanden sei, und auch dies 
deutet genugsam die Unbedeutendheit des Ortes au. 
Der AbkönmiUng eines Spaniers hatte indess die Liebens- 
würdigkeit, mir seine Tischlerwerkstätte als Wohnung 
anzubieten, was ich dankbarlichst annahm. Ausserdem 
was Kleidung, Gebräuche und Sitten anbetrifit ganz 
Marokkaner geworden, war er der gastfreundlichste 
Mann, und sciuckte täglich aus seiner Wohnung einige 
Speisen. Aber ich hatte nicht nöthig in dieser Be- 
ziehung dem guten Manne zur Last zu fallen, denn 
der Kaid der Stadt sandte mir täglich zu essen oder 
ich speiste in seiner Wohnung. 

Derselbe hatte nämlich kaum meine Ankunft in 
Erfahrung gebracht, als er mich rufen liess. Ich glaubte 
schon, es gälte em Examen zu bestehen: wer ich sei, 

wes Landes, wohin ich wolle, was ich treibe u. d^L m. 

Aber davon war keine Bede. Der arme Mann war 

27* 



420 



stark erkrankt y und da sollte Bath geschaf^ werden. 
Glücklich für mich konnte ich Linderung bringen, 
und von dem Augenblicke an war ich in Agadir ein 
gern gesehener Gast. 

Meine eignen Fieberanfälle stellten sich aber wieder 
ein, wohl hervorgerufen durch die starken Nebel, die 
lim diese Jahreszeit täglich dort herrschten. £s ist 
auffallend, wie kalt die Luft in Agadir war, selten durch- 
drang die Sonne den Nebel vor Mittag und die Leute 
versicherten, dass selbst im hohen Sommer diese starken 
Nebel selten tot Mittag zerstreut würden. 

Ich blieb sieben Tage in Agadir und konnte mich 
hinlänglich erholen. Vom Verlassen des Ortes, um 
spazieren zu gulieii;, konnte nicht die Eede sein, da die 
ganze Gegend äusserst unsicher ist. Unsicherer wird 
sie noch dadurch, dass Schmuggler in den Gebirgsabhän- 
gen oberhalb von Agadir ihr Wesen treiben. Der Ort 
Fonti am Meere ist nämlich, wie gesagt, das eigentUche 
Eingangsthor für die directen Karavanen vom Sudan, 
wenigstens für die, welche den Weg über Nun ein- 
geschlagen haben. 

Ich schloss mich sodann einer durchpassirenden 
Karavane an, um mit ihr nach Tarudant zu gelangen. 
Denn wenn man auch von hier noch nicht Wassermangel 
zu befürchten hat, so herrscht das Faustrecht dennoch 
so sehr, dass es gerathen schien in Gesellschaft zu reisen. 
Gerade am selben Tage hatte ich in Fonti noch G^egen* 
heit mich zu uberzeugen, wie wenig fremdes Eigenthum 



421 



respectirt wird: zwei Fremde kamen vollkommen aus* 
geplündert, sogar ihrer sämmtlichen Kleider beraubt 
in die Stadt gcüüclitet. Gewiss ist hier nur die reine 
Baubsucht der Berber der Beweggrund zu solchen 
Handlungen, keineswegs aber Mangel. Man könnte den 
Elnenia am Ued-Ssaura entschuldigen^ wenn er ein 
Räuber ist, weil er in einer der ärmsten Gegenden der 
"Welt lebt, aber das Land am Sus ist eins der reichsten 
in ganz Marokko. 

Wir brachen Nachmittags yon Fonti auf, und 
machten Abends nach Sonnenuntergang Halt in einem 
Dorfe; Duar, d. h. Zeltdörfer, findet man in diesem 
Theile südlich vom Atlas nicht, die ganze BeTÖlkerung 
ist sesshait. Und gleich hier am ersten Tage unserer 
' Beise sollten wir einen recht greiflichen Beweis der 
Räubereien dieser Völker haben : es wurde uns Nachts 
ein Kameel gtyluhlen. Wenn man nun bedenkt, dass 
die Kameele Nachts mit fest zusammengebundenen 
Vorderbeinen im Kreise lagen, so kann man sich einen 
BegxiÜ^ von der iSchlauheit und Kühnheit der Diebe 
machen. Ich sah das Thier forttreiben im schnellsten 
Galopp, wir machten uns gleich auf, man schoss, aber 
Alles war bei der Dunkelheit der Nacht vergebens. 
Als am anderen Morgen die Eigenthümer der Karavane 
beim Schich der OertUchkeit klagten, der würdige Mann 
hiess el-Hadj-el-Arbi, versprach er Alles zu thun die 
Diebe ausfindig zu machen, aber weitere Erfolge wurden 
nicht erzielt. Zum Glück für die Besitzer des verlo- 



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422 



reuen Kamcels waren die andereu Thiere staxk genug, 
um die Ladung des verlorenen, die aus 4 Centner 
Zucker bestand, auiiielüiieii zu können. Mit dem Kaiueele 
waren aber 90 Metkai = 170 Frcs. verloren. 

leb wurde nun zum ersten Male recbt in das Eara- 
vanenleben eingeweiht, das einfache Frühstück aus Seso- 
meta (geröstete Gerste, die grob gemablen in Scbläu- 
chen mitgefübrt wird, man geniesst sie, indem man 
Salz, Argauöl oder Oüvenöl zusetzt, ganz arme Leute 
setzen bloss Wasser zu), das Treiben der Kameele, 
Abends das Brodbacken, oder erreicbt man ein gastli- 
ches Dorf, Bewiithung durch die Bewohnerschaft — das 
ist der gewöhnliche Gang der Sus-Karavanen. 

Der Weg, der sich fortwährend in östlicher Rich- 
tung hinzieht, und meist dem Flusse paraUei ist, gehört 
zu einem der schönsten, was die Kdchhaltigkeit der 
Natur anbetrifft, den man sich nur denken kann. Als 
Lempriere diese herrhche Natur durchzog, er giebt 
die Distanz von Santa^Cruz (Agadir) nach Tarudant 
auf 44 engl. Meilen an, muss er sehr übler Laune gewe- 
sen sein. Er sagt davon weiter nichts: ich hatte einen 
schönen, aber laiigAveiligcn Weg, da wir nichts als Hai- 
den und Waldungen zu durchwandern hatten, lind doch 
kann man diese herrlichen Ebenen nur mit der iombar- 
disch-venetianischen des Po vergleichen. Freilich fehlt 
der mächtige Strom, aber wie entzückend schhängelt 
sich der stets Wasser führende Sus durch die Oliven 
und Orangengärten hin. Und im Norden der stolze Atlas, 



423 



zeigt er auch nicht ßo hohe schneegipflige Spitzen, 
wie der Montblauc und andere Riesenberge der Schweiz 
und Tirols, so hatten die Alten doch keineswegs ganz 
Unrecht das kolossale Atlasgebirge als Träger des Him- 
mels zu bezeichnen. Dan Thal des Flusses ist ein 
wahrer Garten, ein Dorf, ein Hans nehen dem anderen, 
Gel-, Feigen-, IStachelfeigen-, (rranaten-, Pfirsich-, Man- 
del-, Aprikosen-, Orangenbäume und Weinreben bilden 
ein liebliches Durcheinander. 

Aber so entzückend die Gegend ist, so unheimlich 
fällt es auf, dass alle Welt nur bis an die Zähne be* 
wafinet ausgeht. Jeder Mann hat* seine lange Flinte 
aul dem Rücken, sehr häufig sieht man hier auch schon 
Doppelflinten, welche vom Senegal hierher dringen; aus- 
serdem hat Jeder seinen krunmien Dolch mit meist aus 
Silber gearbeiteter iScheide. 

Ich hatte eigentlich die Absicht nach dem Nun- 
Distriet vorzudringen, aber die fortwährenden Fieber- 
aüialle, dann das \'erlangen wieder unter civilisirte 
Menschen zu konmien, endlich die Schilderung, die 
man in Agadir von einem gewissen iSckerif Sidi-el- 
Hu9sein, der in der Sauya Sidi-Hammed-ben-Mussa 
residiren sollte und über dessen Gebiet ich kommen 
müsse, Hessen mich davon abstehen. IMan erzählte in 
Agadir die scheusslichsten Grausamkeiten Ton diesem 
Menschen, der sogar seinen eignen Bruder und Sohn 
hatte köpfen und vor Kui'zem noch zwei spanische 
Benegaten hinrichten lassen. Das hinderte natürlich 



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nicht y dass er im Bxde der grössten Heiligkeit steht, 

und gerade um die Zeit, als ich iit Agadir mich befand, 
war die Hauptperiode der Wallfahrt nach seiner Sauya, 
man nennt diese Wallfahrtszeit ,,Mogor''. Tausende von 
Leuten aus der ganzen Umge^^ind zogen nacli der 
Sauya-Sidi-Hammed-ben-Mussa, um dem Abkömmling 
Mohammed's ihre Ersparnisse zn überbringen, wofür 
sie sodann den Segen und Ablass fiir ihre Bünden be- 
kommen. 

Ich yermuthe, dass Sidi*Hammed-ben-Mus6a der 

auf der Petermaiin scheu Karte angegebene Ort Wesan 
ist oder, vie wif Deatschen ihn schreiben würden, 
Uesan. Denn häufig pflegten die Pilger zn sagen, sie 
zögen nach Uesan, und als ich dann nieiute^ da hätten 
sie doch einen weiten Weg, denn Uesan läge weiter 
entfernt und jenseits Fes', erwiederten sie, nicht nach 
Uesan Mulei Thaib's, sondern nach Uesan >Sidi-Mo- 
hammed*ben«Mns8a's wollten sie pflgem. Gatell, der 
nach mir bis zum Nun vordrang, erwähnt dieses Ortes 
nicht. 

Wir hätten sicher am zweiten Tage die Stadt Taru- 
dant erreichen können, da wir aber mit Nachfor- 
schnngen nach dem gestohlenen Kameel viel Zeit ver- 
brachten und erst Mittags aufbrachen, übernachteten 
wir noch ein Mal. Und an dem Tage wäre ich selbst 
&8t ausgeplündert oder gar ermordet worden. Ich 
hatte mich etwas von der Karavane entfernt, als auf 
einmal zwei bewaflhete Männer mich anhielten, und 



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425 



während der eine frapcte, was es Neues in Agadir gähe, 
spannte der andere den Hahn seines Gewehres; sie 
hatten unstreitig die Absicht mich auszuplündern , als 
glückUcherweise zwei Leute der Karavane, auch be- 
waffnet und die ebenfalls zurückgeblieben waren, zu 
mir stiessen und mich so der Gefahr meiner Kleidungs- 
stücke beraubt zu ^Yerden, überhoben. Zugleich bekam 
ich öinen derben Verweis von ihnen, und sie verboten 
mir, mich wieder von der Karavane zu entfernen, da der 
Kaid von Agadir die Karavane verantwortlicli gemacht 
für meine glückliche Ueberkunft nach Tarudant. 

Das Gebilde wird immer höher* je weiter man 
nach Osten vordringt, obgleich mau fortwährend in der 
Ebene bleibt. Unendlich viele leere Flussbetten; die nur 
im Frühjahr Wasser schwemmen, ziehen sich vom Athis 
in den bus iiinem, aber nur ein einziger (auf der Peter- 
mann'schen Karte richtig eingetragen) einige Stunden 
westlich von Tarudant hat das ganze Jahr liindurch 
Wasser. Dieser Fluss ist wahrscheinlich der von Gatell 
erwähnte Ued-EIuar. Zu der Zeit, als ich ihn durch- 
watete, konnte ich seinen Namen nicht erfragen. 

Abends machten wir Halt bei einem Hause, das 
zufälligerweise von Arabern bewohnt (die ganze Sus- 
Gegend hat durchaus P rberbevölkerung) war. die 
wenig oder gar nicht Schellah verstanden. Welch ein 
Unterschied im Empfange! Während uns am Abend 
vorher, als wir in einem grossen Dorfe übernachteten, 
Niemand etwas zu essen brachte, sondern wir ge- 



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436 



zwungen waren ^ uns selbst zu beköstigen ^ versorgte 

hier der Hausherr die ganze Karavane mit Speise auf 
die freigebigste Art. Und hier hatten wir wieder 

einen Beweis, dass Araber gastfreundlicher als Berber 
sind. 

Am folgenden Morgen waren wir schon vor Sonnen- 

auf^rang wieder unterwegs, wir hatten heute nur einen 
halben Marsch zu machen, da wir Mittags in Tarudant 
eintreffen mussten. Rechts auf der linken Flussseite 
tauchte jetzt auch eiue Bergkette auf , die, von Nord- 
osten kommend, sich nach Südwesten hinzieht» Je 
näher wir der Stadt kamen, desto angebauter fanden 
wir die Gegend, obgleich vom ganzen Lande, wie überall, 
kaum der zwölfte Theü des Bodens nutzbar gemacht 
wird. Kurz vor Mittag fragten mich meine Gelahrten, 
ob ich die Stadt nicht sähe; auf meine Verneinung zeigte 
man mir einen naJien Palmwald, hinzufügend: das sei 
die Stadt, aber die Gebäude könne man wegen der 
hohen Palmen und buschigen Oliveubaume nicht sehen. 
So war es auch in der That, fortwährend in einem 
Oelbaumwald fortmarschirend, befanden wir uns plötz- 
lich vor den Thoren, ohne vorher das Geringste von 
den Gebäuden der Stadt wahrgenommen zu haben. 
JEs war gerade Mittag, als wir das Stadtthor durch- 
zogen ; ich trennte mich hier von den freundlichen 
Leuten der Karavane. um ein Unterkommen zu suclicn. 
und war auch so glücklich in einem Jb'unduk ein 
Zimmerchen zu finden. Die Thür dieser Zelle war 



427 

aber so niedrig, dass ein grosser Jagdhund kaum ohne 
zu schlüpfen, würde Eingang gefunden haben, und 
wenn ich auch der Länge nach mich ausstrecken 
konnte, so betrug die Breite doch kauni mehr als 
halbe Körperlänge. Statt der Möbeln bestand der 
Fussboden aus gut gestampftem Lehm. 

Tarudant, zwei kloine Tageniiirsclie vom Ocean, 
fast am Fusse des südlichen Atlasabhanges '^), dessen 
südliche Vorberge bis fast zur Stadt stossen, liegt auf 
dem rechten Ufer des Sus, ca. eine Stunde vom Müsse 
selbst entfernt. Was die Einwohnerzahl anbetrifft, so 
vergleicht Renou dieselbe mit der von Tanger oder 
Lxor, Hemsö giebt dieselbe auf ca. 22,000 Seelen an, 
Lempriere, der selbst längere Zeit in Tarudant' lebte, 
spricht sich nicht darüber aus. Die Stadt könnte 
indess wohl 30—40,000 Einwohner haben. Nach Benou 
erlangte die Stadt erst Wichtigkeit im Jahre 1516, 
zu v^clcher Zeit Schürfa sie neu autbauten und be- 
trächtlich vergrösserten. Aber auch hier machte ich 
wieder die Erfahrung, wie wenig man sich auf die 
Aussagen der Eingeborueu verlassen kaim. Man hatte 
mir Taiiidant geschildert als eine Stadt, die man nur 
iiiit Fes oder Marokko vergleichen könne, sowohl was 
Grösse, als auch was die Einwohnerzahl anbeträfe. 

*) Leo, Marmol und Lcmpriore drücki u tlie Eutferiuiug der 
Stadt vom Atlas in Zahlen aus, ohne bedacht zu haben, dass der 
Fuss des Gebirges bei Tarudant niclit steil, sondern allm&iig 
sich absenkt, man also auch sagen kannte, Tarudant liege un* 
mittelbar am Farn des Gebirges, 



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428 

» 

Ich fand den Umfang der Stadt nun allerdings gross, 
grösser als den von Fes, reichlich so gross wie den von 
Marokko ) jedoch ist fast Alles ^ was innerhalb der 
Stadtmauer sich befindet, Garten. Diese Stadtmauer, 
in sehr verfaUenem Zustande, hat durchschnittlich eine 
Höhe von 20 Fuss und an der Basis 4 oder 6 Fuss, 
ihre Breite ist oben da, wo sie noch die ursprüngliche 
Höhe bewahrt hat, 2 Fuss. Sie bildet eine anregel- 
mässige Linie, ohne Plan und Kunst angelegt. Alle 
50 Schritte werden die Zickzacke von Thürmen üankirt, 
die jedoch nicht höher als die Mauer selbst sind. 
Was das Material anbetrifft, aus dem sie sowie alle 
Häuser erbaut sind, .so besteht dasselbe aus mit 
Häckerling gemischtem und zwischen zwei Brettern 
gegossenem Lehm, kann also euro})äischen Geschützen 
keinen Widerstand leisten; auch Gräben sind nicht 
einmal vorhanden. 

Die Stadt ist ein einziger grosser Garten, nur 
nach dem Gentrum drängen sich die Häuser, welche 
meist nur aus einem Erdgesclioss bestehen, mehr zib 
sammen, und hier befinden sich auch die Buden und 
Gewölbe, wo man arbeitet und verkauft, hier sind auch 
die Funduks. Moscheen giebt es eine grosse Anzahl, 
grössere jedoch, die ein Minaret haben, nur iUuf. Die 
Hauptmoschee, Djemma-eUEebira schlechtweg genannt, 
zeichnet sich durch nichts Besonderes aus. Den inneren 
grossen Hof derselben, in den man Orangen gepflanzt 
hat, umgeben ungemein plumpe Säulen, <He eben so 



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429 



unfönxdiche Bogen tragen. Die zweite Hauptmoschee, 
fast eben so gross, ist dacblos, von den übrigen ist 
keine bedeutend. Ebenso haben ich in der ganzen 
Stadt kein einziges nur etwas geschmackvolles Gebäude 
gefunden. 

Einen eigentUchen besonderen Handelszweig hat 
die Stadt nicht, man lobt die Lederarbeiten und Färbe- 
reien. Hauptgewerk ist Kupferschlägerci^ indess be* 
schränkt sich das bloss auf Kessel, auf kleine (ie- 
schirre und Sachen, wie sie von den Eingebomen 
hergestellt werden können. Aber wie ausgedehnt diese 
Manufactur ist, geht am besten daraus hervor, wenn 
ich anführe, dass diese kupfernen Geschirre bis Kuka, 
Kano und Timbuktu ausgefiiiirt werden. I^nd wie er- 
giebig müssen erst die Kupferminen in der Nälie von 
Tarudant sein, wenn man bedenkt, auf wie primitiTe 
Art die Eingeboruen dort eine solche Mine ausbeuten. 
Nach der Aussage der Eingebomen soll nicht nur dies 
Metall, sondern auch Gold, Silber, Eisen und Magnet- 
eisenstein in grosser Menge vorkonuuen. Alle übrigen 
Landesproducte sind wie in Agadir und im ganzen 
Sus-Lande sehr billig. Das Pfund Fleisch wird mit 
2 Müsonen bezahlt, für eine Mosoua erhält man 6—10 
Eier und im Frühjahr noch mehrere. 

Bei der Beschreibung von Tarudant kann ich nicht 
unerwähnt lassen, dass die einst so berühmten Zucker- 
plaatagen heute nicht mehr existiren. Indess findet 
man in Marmul und Diego de Torres so glaubwürdige 



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4S0 



Angaben, dass an der einBtigen Existenz der Zucker- 
cultur nicht gezweifelt werden kann. 

Als im 16. Jahi'iiundert die Dynastie der 8chürfa 
Marokko neu umgestaltete, sachten sie vor allen Dingen 
sich in Tarudaiit testziisetzen. Es wurde Zucker um 
Tarudant gepÜauzt uud um einen Ausgangshafen für 
das Product zu gewinnen, unternahm der Scherif Mo- 
liaiiuiied *iie Belagerung von Santa Ci oce, daiüals den 
Portugiesen gehörend. 1536 war dieser Hafen in den 
Händen der Grläubigen. Ein Slami oder übergetretener 
J ude hatte unter der Zeit Mühlen in Tarudant errichtet 
und von dem Augenblick an war der Handel mit Zu; 
cker^ wie Marmol als Augenzeuge berichtet, der er- 
giebigste von allen marokkanisclien Handelszweigen. 

Auch christliche Sklaven wurden nim zur Fabri- 
kation von Zucker verwandt, und nicht nur aus Ma- 
rokko oder aus den fc>udanländern kamen Leute nach 
Tarudant, um Zucker zu kaufen, auch Europäer stellten 
sich ein, sobald sie erfuhren, dass ma,n sie gut behandle. 
Der Ertrag ergab für den öultan jährlich 7500 Metkai, 
eine für damahge Zeit grosse Summe* 

In welcher Zeit der Verfall des Zuckerbaues vor 
sich ging, habe ich nicht ergründen können, vielleicht 
wurden bei einer der so häufig in Marokko stattfindenden 
Revolten die Zuckergärten zerstört und nachdem nicht 
wieder angebaut Aber die Erinnerung vom einstigen 
Zuckerreichihum in der Provinz existirt in Marokko 
heute noch. 



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431 



Ich musste mehrere Wochen in Tarudant bleiben 

und überstand wälirend dieser Zeit eine förmliche 
Krankheit, da ich fortwährend von Wechselfiebem 
geschüttelt war. — Den zweiten Tag nach meiner An- 
kunft Hess mich der Kadi der Stadt rufen. Er unter- 
warf mich einem langen Examen, woher ich komme, 
warum ich in Tarudant sei, wohin ich gehen wolle, 
warum ich Mohammedaner geworden sei, u. s. w. Ich 
glaubte schon, da er immer sehr ernsthaft blieb, dass 
er mich trotz meiner genügenden Antworten, als Sohn 
eines Cliristen ins Gefangniss senden würde, als er 
plötzhch die Unterhaltung auf die Medizin brachte 
und ein ilittcl gegen Giclitschm erzen von mir ver- 
laugte. Zugleich wurde Thee servirt und ein gut zu- 
bereitetes Frühstück hereingetragen. Das Gespräch 
ging dann luiuptsächlicli auf die christliche CiviHsation 
über, tmd ich sah mit Erstaunen im Kadi einen dem 
Fortschritte huldigenden Mann vor mir. Nach been- 
digtem Frühstücke verabschiedete er mich, und sagte, 
er würde mich rufen lassen, damit ich in seiner Gegen- 
wart die Medizin bereite. 

Am iolgendeu Tage gegen Abend musste ich zu 
ihm gehen, und da ich nichts Anderes zu thun wusste, 
so bereitete ich eine Kamphersalbe und Hess ihn Ein- 
reibungen lanüt machen. Ich musste wieder Thee 
mit ihm trinken und zu Abend essen; beim Abschiede 
gab er mir ausberdciii einen grossen Korb mit Datteln 
und einen kleineren mit Mandeln, dann eine iSchüssel 




432 



mit süssem Backwerke, das sehr , gut zubereitet war 

und sich fast jahrelang liält. Obgleich die Datteln 
und Mandeln von der letzten Ernte und von ausge- 
zeichneter Gttte waren, so verkaufte ich doch den 
grussten Theil derselben. Ich hukaia iiir das i^iuaJ 
Mandeln den iür dortige Gegend hohen Preis von 6 
Mosonat; es war Missernte ffir die Mandeln gewesen, 
denn in guten Jahren erhält man fiii* Eine Mosona 
mehrere Pfunde. 

Am vierten Tage stellte sich mein Fieber heftiger 
als je ein, ich glaubte schon vom Typhus befallen zu 
sein; acht Tage musste ich meine Höhle hüten. Ich 
nahm die letzte mir übrig gebliebene Dosis Chinin, 
genoss die ganze Zeit lundurch bloss Wasser und Brod 
und alle Tage einige Granatäpfel, die mir der Funduk- 
besitzer aus seinem Garten brachte. 

Mit einer ziemlich grossen Karavaue brach ich 
sodann auf. Sie setzte sich aus etwa 20 Mann und 
30 »Stück beladenen Maultliieren und Ksehi zubaiuiueu. 
Die Leute selbst waren aus der Oase Draa. Vom 
Thaleb des Kadi war ich ihnen empfohlen und deshalb 
gut bei ihnen aufgenommen worden. Diese Art Kara- 
vanen rechnen von Tarudant acht Tagemärsche, welche 
aber sehr stark sind; das Vieh wird dabei von Sonnen- 
aufgaug bis Sonnenuntergang mit der grösstmöglichsten 
Eile vorwärts getrieben. £s war also eine harte Tour 
für mich, da ich von den Fiebern mitgenommen, sehr 
erschöpft war, und manchmal dafür, dass ich mitge- 



488 



nonunen wurde, und was Nahrung anbetriffl; yon den 

Eigenthümern des Viehs freigehalten wurde, das Vieh 
mit treiben helfen musste. 

Den ganzen ersten Tag folgten wir dem Ued-Sus, 
der an beiden Seiten lachende Gäi*ten bildet. Rechts 
und links hatten wir hohe Berge» doch ist die Kette im 
Norden wenigstens noch einmal so hoch, als die nach 
Südwesten streichende, welche überdies nur ein Zweig 
vom grossen Atlas ist. Gegen Mittag, wir marschirten 
immer in östlicher Riclituiig. machten wir bei einem 
Dorfe der Beni-Lahia Halt; es wurde dort Markt ab- 
gehalten, und die Leute unserer Karavane wollten 
nun noch Getreide einkaufen, um es mit in ihre Hei- 
math zu nehmen« Nach beendetem £inkauf ging es 
weiter. Ich weiss nicht durch welchen Zufall es kam, 
dass der Theil der Kaiavane, bei dem ich mich be- 
fiuidy von dem anderen sich trennte, kurz, wir yerloren 
den Weg und es war. glaube ich, Mittemacht, als wir 
das Dorf erreichteu, wo die Anderen seit Abends 
campirten. Dazu hatten wir elende Wege gehabt, 
da das ganze Land von breiteren und schmäleren 
Rinnsalen^ welche zur Bewässerung des Bodens dienen, 
durchschnitten ist, in der Dunkelheit geriethen wir 
nun alle Augenblick in ein solches Wasser, oder auch 
ein £sel versank in den Schlamm und sein Heraus- 
ziehen konnte nur mit Mühe und Zeitverlust bewerk- 
stelligt werden. 

Desto kürzer war der folgende Tagemarsch, wir 
Born 2$ 



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m 

mussten sehr bald in einem Dorfe Halt machen^ weil 
Tor uns zwei Volksstämme sich bekriegten und dadurcb 

die Gegend unsicher gemacht war. Sieben Tage 
mussten wir in diesem Orte liegen bleiben^ fanden 
jedoch die gastlichste Aufnahme daselbst. Ich war 
mit vier Anderen in einem grossen Baueruhoie ein- 
quartiert und so war die ganze Karavane vertbeilt 
Endlich schienen die feindlichen Parteien Frieden ge- 
macht zu haben und wir konnten aufbrechen, der 
Weg war o&n. Wir folgten dem Ued-Sus, bis fast 
an seine Quelle, welcher Landestheil, wie überall, den 
Namen Eas-el-Ued hat, und schlugen von da an eine 
südöstliche Richtung ein. 

So scharf markirt der südwestlich vom Atlas sich 
abzweigende Gebirgszug, vom Sus-Thale gesehen, sich 
ausnimmt, so wenig ist er es in der That, man kömmt 
südöstlich fortgehend in keinen Gebirgszweig, sondern 
in ein zerrissenes Gebirge. Obschon man nun auch 
aus dem eigentlichen überall culturföhigen Lande heraus 
ist, hat man doch noch die eigentliche Sahara nicht 
erreicht. Allerdings sind die Berge nackt und kahl, 
aber die Gegend ist äussei'st abwechselnd, Wasser 
nicht selten und kleine Oasen auf Schritt und Tritt 
Gegen Sonnenuntergang erreichten wir eine Oase, die 
erste echte Pahii2>flanzung, die ich zu sehen bekam 
(den Pahoien in Marokko und Tarudant merkt man 
gleich an, dass sie eigentlich für den dortigen Boden 
und das Klima noch fremd sind), einige Dörfer lagen 



435 



darin Ter&teckt. Wir lagerten von jetzt an nie mehr 

im Dorfe, sondern immer im Freien, und suchten dann 
m dem £ade ein zwischen Felsen liegendes sicheres 
Versteck auf. Auf diese Art marschirten wir 4 Tage 
immer in südöstlicher Richtung fort. Die Gegend be- 
wahrte ihren eigenthümlichen Charakter, nackte, kahle 
Felsen, von Bergen eingeschlossene Ebenen, ohne 
V egetation, nur von Steinen bedeckt; iiie und da eine 
Oase, welche sich schon yon Weitem durch die hohen 
Palmen auküiidigte, mancliiaal auch noch grosse Stre- 
cken mit Schih (Artemisia) bedeckt, Zeichen, dass wir 
die eigentliche Sahara noch nicht erreicht hatten, 
solche Bilder waren stets vor unsej:en Augen. 

Am fünften Marschtage kamen wir, nachdem wir 
verschiedene Ebenen durchschritten hatten, an einen 
Bergpass, wie ich noch nie einen gesehen habe, und 
auch wohl kein ähnUcher auf der Erde existirt. Mit 
di^em Bergpass , oder vielmehr mit dieser Schlucht, 
die ebenfalls durchschnittlich in unserer Marsch- 
richtung war, hatten wir zugleich das eigentliche Ge- 
birge hinter uns. Diese Schlucht war etwa 5 Schritt 
breit, an beiden Seiten von senkrechten Marmorwänden 
gebildet, und in derselben rieselte ein kleiner Bach 
mit reizenden grünen Ufern. Am Austritte der Schlucht 
gab der Bach Veranlassung zu einer Oase. Der Mar- 
mor, der sich in der Sonne spiegelte und stellenweise 
so glatt war, als ob er künstlich polirt wäre, glänzte 
in allen möglichen Farben. 

28» 



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436 



Was das Interesse dieser einzigen Schlucht noch 
erhöhte, war^ dass sich am Austritte oder am südöst- 
lichen Ende derselben eine kohlensaure Quelle befand. 
Ich glaube, es giebt wohl kaum ein zweites aa Kohlen- 
säure so reiches Wasser, wie dieses; dicke Blasen 
steigen fortwährend auf , und beim Trinken prickelte 
es Einem im Munde, ab ob man Champagner tränke« 
Das Land, worin sich diese Schlucht und QueUe he- 
tindet, iieisst Tassanacht, und die vom Flüssciieu ge- 
bildete Oase, Tesna'*'). Die Gegend war hier, wie 
auch sonst fast überall, äusserst metallreich, ich fand 
auf dem Wege bei Tesna offen zu Tage liegend, An- 
timon-Stücke von 1 Va Zoll Dicke, reines, iinTermischtes 
Metall. 

Die nächsten Tage gingen vorüber , ohne dass 
sich etwas Besonderes ereignete, ich hatte jedoch 
grosse Mühe, diese anstrengenden Märsche mitzumachen, 
zumal mich eine erschöpfende Diarrhöe, durch die un- 
gewohnte Nahrung hervorgerufen, befallen hatte. Die 
Leute nri 8 eilten nämlich Mehl mit gestampften Datteln 
zu einem Teige, gössen etwas Oel hinzu, und roh wurde 
dies genossen , oder man ass auch, bloss mit Wasser 
vermischt, gestampfte Datteln. Dazu kam, dass wir 
manchmal sehr an Durst zu leiden hatten, denn die 
Thiere waren alle übermässig beladen, so dass man 
für Wasser keinen Platz hatte. Die schlimmste Strecke 
war die letzte. Wir waren noch einen guten Tag vom 
*) Siehe Petermann's Mittheilangen 1865, Tafel 



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437 



Draa entfernt und lagerten Abends in einem öden 
Thale. üm den Ued-Draa am folgenden Tage früh 
zu erreichen; brachen wir um Mitternacht auf. Un- 
glücklicher Weise waren meme Schuhe ^nzlich un- 

briiuchbar geworden, die Sohlen waren ubgeiallcii. 
Ich behalf mich damit, dass mir die Leute aus den 
Lederresten Sandalen zusammenflickten, welche mit 
Kiemen an den Füssen befestigt wurden. Ueberhaupt 
tragen südlich vom Atlas fast alle Leute Sandalen. 
Fitr Einen, der nicht daran gewöhnt ist, ist es aber 
ein (lualvoUes Schuhzeug, da die Kiemen gleich tief 
einschneiden. In der dunklen Nacht stiess ich nun 
jeden Augenblick gegun tineii Stein, imd es schien 
mir eine Ewigkeit bis die Morgenröthe anbrach. Als 
endlich der Tag anfing und wir frühstückten, hatten 
wir kaum das nöthige Wasser, aber die Aussicht, noch 
wenigstens einen halben Tagemarsch gehen zu müssen, 
ohne Hoffnung einen Brunnen oder Quelle anzutreffen. 
Gegen Mittag war mein Gaumen ganz trocken, und als 
wir endhch von Weitem die Fahnen sahen, mit dem 
lachenden Grün der Orangen, Feigen. Granaten, Pfir- 
sichen und Aprikosen darunter, glaubte ich, sie nicht 
erreichen zu können; erst um 4 Uhr Nachmittags 
wai'en wir im Dorfe Tanzetta, wo mehrere Leute 
unserer Karavane zu üause waren. Mein Erstes war, 
meinen brennenden Durst zu löschen, ich trank wenig* 
stens 3 Liter Wasser aul ein Mal. 



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\k Die Sraa'®a[e. üordoerfu^ auf den ÜeifendeiL 

Inlunft in Jlfgecien. 



Vom ewigen Schnee des Atlas gespeist, hat der TJed- 

Draa, der längste der marokkanischen Ströme, Veran- 
lassimg zu einer der schönsten Oasenbildimgen gegeben, 
wie man sie überhaupt nur in der Sahara findet. 
Denn nur da, wo überirdisch immer rieselndes Wasser 
ist, bildet sich so tippige Vegetation und gedeihen 
die Fruchtbäume, die das glückliche Klima des Mittel- 
meerbeckens hervorbringt. Und wenn man nach ta^e- 
langen Märschen durch die steinigte und vegetationslose 
brennende Wüste, jenes lachende Grün erblickt, wie 
es sich frisch unter dem schirmenden Dache hoch- 
stämmiger Palmen entwickelt, dann vergisst man &st 
die Mühen und Beschwerlichkeiten einer Fussreise 
durch die W^üste, denn man glaubt eine der Inseln 
der Glückseligen erreicht zu haben. 

Der bewohnteste und fruchtbai'e Theil des Ued- 
Draa ist das yom Gebirge nach dem Süden zu laufende 
Flussthal, sobald der Draa nach dem Westen umbiegt, 
d. h. etwa imter dem 29^ N. B. fängt er an unbewohnt 



489 



und unfruchtbar zu werden. Es hat das seinen Gruud 
darin, weil die vom Atlas kommenden Gewässer 
ständig nur bis zu dem Punkte fliessen, den atian- 
tischen Ocean aber nur ein Mal im Jahr, nach der 
grossen Schneeschmelze des Gebirges^ erreichen. Ist 
der Draa-FliiBs aus dem sonderbar geformten Gebirgs- 
lande; welches südwärts vom Atlasgebirge» unabhängig 
von diesem y liegt, heraus, dann durchströmt er sein 
mehr oder weniger breites Thal; welches er sich selbst 
gescliaffen hat. Aber auch hier sind die Ufer und 
Bänke des ursprünglichen Flussthaies manchmal so 
hoch, so sonderbar gefoniit, dass man. vom Flussbette 
aus gesehen, sie für zwei nach Süden streichende paralell 
laufende Gebirge halten könnte. Einmal und zwar 
ziemlich in der Mitte des von Norden nach Süden lau- 
fenden Flusses erhebt sich aber ein wirklicher Berg, der 
Sagora, auf dem linken Ufer des Ued-Draa. Dass der 
grosse Debaya weiter nichts ist als ein Sebcha und 
nur zeitweise ein See genannt werden darf, wage ich 
fienou und Delaporte gegenüber aufrecht zu erhalten. 
Renou sagt p. 180: „ce grand lac d'eau douce est rem- 
phe de poissons et les indigdnes naviguent dessus et 
y font la peche d'aprös Mr. Delaporte." — Ich will 
nicht in Abrede stellen, dass der Debaya sich ein Mal 
im Jahre mit Wasser füllt, ich will ebenfalls nicht 
bezweiliin. dass er zu der Zeit ohne Fische sei, dass 
er mit iSchüfchen befahren werde, aber das dauert nur 
eine kurze Zeit^ vielleicht nur einige. Wochen; so 



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440 



rasch, so gewaltig die Gewässer vom Atlas herabbrausen, 
Bo rasch und schnell eilen sie dem Ocean zu. Und 
wenn diese ausserordentlichen Schwemmungen den Be- 
baya nicht mehr erreichen, su trocknet er rasch aus, 
wird Sebcha und zuletzt vielleicht weiter nichts als 
eine grosse Einsenkung. 

Es liegen ausser ordentlicli wenig sichere Nach- 
richten über die Draa-Gegend vor. Freilich als solche 
wird dieselbe schon im Mittelalter genannt. Aber 
darauf, dass man die Draa Landschaft neun t, höchstens 
noch eine Ortschaft derselben notirt, beschränkt sich 
auch Alles. Leo lieht nur den Ort 13cni-Sabih hervor, 
ofienbar die grosse von mir besuchte Ortschaft Beni- 
Sbih in der südlichen Provinz Ktaua. Marmol führt 
die Stadt Quiteoa (oft'enbar Xtaua) an, er nennt auch 
Tinzeda, welches wohl mein Tanzetta ist. Femer nennt 
er die Oerter Taragale, TinzuHn (die Provinz Tunsnlin 
von mir), Tainegrut, Tabeniust, Alra. und Timesquit 
(wohl Mesgeta). Delaporte kennt ebenÜBdls Quiteoa. 
Mouette nennt einen Berg, den Lafera oder den höhlen- 
reicheu Berg, Marmol nennt diesen Berg Taragale 
oder Taragalty und es ist dies jedenfalls der Berg, der 
mir von den Eingeboruen als der Dj. Sagora bezeichnet 
wurde'''). Es ist das das Hauptsächlichste^ was vom 
Draalande bekannt war^ denn Caillid streifte auch nur 
die südöstlichste Umbugsecke des Thaies, beim Orte 

*) Siebe Benou, Empire de Msroc, p. 175 n. 1 



441 

Das Draa-Land zerfallt vom Norden Dach dem 

Süden (ich spreche imiiier nur von dem bewohuten 
Theüe, der sich uach Süden bis zu dem Punkte er- 
streckt, wo der Draa nach dem Westen umbiegend 
seinen Lauf ändert) in fünf Provinzen : die nördlichste 
Mesgeta, dann Tinsulin oder Tunsulin (Tinjulen), 
drittens Temetta, viertens Fesuoata und endlich die 
südlichste und grösste Provinz Ktaua. Obschun in 
der Provinz Temetta ein Kaid des Sultans residirt, 
also eine Regierung von Marokko aus eingesetzt ist, 
80 existii't dieselbe bloss als nominal. Das Ansehen 
des Kaid und seiner Maghaseui geht wohl nicht über 
seinen Wohnort hinaus. Die ganze Gegend im Dra^i- 
Gebiete ist derart, dass jede einzelne Ortschaft unab- 
hängig von der anderen ist» und jede Gemeinde durch 
ihren Schieb, dem die Djemma (Versammlung der 
ältesten und angesehensten Männer) zur Seite steht, 
regiert wird. Selbst nicht einmal die einzelnen Pro- 
vinzen haben eine eigene gemeinsame Kegierung. Als 
Hauptort oder Hauptstadt des DraarLandes kann man 
Tamagrut bezeichnen, aber auch nur insofern, als hier 
eine berühmte religiöse üenossenschaft, eine »Sauya sich 
befindet. Aber keineswegs ist Tamagrut eine offidelle 
Hauptstadt, auch nicht einmal was Einwobner/alil 
anbetrifft die erste. Die grösste Ortschaft im Draa- 
Thale ist die in Etaua gelegene Stadt Beni-Sbih. 

Sämmtliche Ortschaften snid nut einer liohen Tiion- 
mauer umgeben, einzelne^haben auch noch mehr oder 



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442 



weidger breite und tiefe Gräben. Alle baben wenig- 
stens eine Moschee, die grösseren auch mehrere. Die 
Häuser, von gestampftem Tbon erbaut, haben im Innern 
einen meist geräumigen Hofraum, haben alle ein flaches 

Dach und meistens ein Erdgeschoss und ein Stock- 
werk. Im firdgeschoss verwahrt man das Vieh, und 
oben halten sich die Menschen auf. Die Strassen in 
den Ortschaften sind schmal, staubig und vuller Unrath, 
obwohl auch hier wie in Tafilet und Tuat überall 
offentliclie Latrinen zahlreich vorhanden sind. Die 
Palmgärten, welche alle wohl eingefriedigt sind durch 
hohe Thonmauem, erhalten ihre Berieselung durch 
den ewig strömenden Üed-Draa, und da das W^asser 
sehr reichlich vorhanden ist, so hat man keine Zeit^ 
bestimmung über die Vertheüung des Wassers zu 
treffen nöthig gehabt. Die Dfittein, v/elche in der 
Draa-Oase producirt werden, gehören zu den vorzüg- 
lichsten der ganzen Sahara, und da sie kein anderes 
Absatzgebiet dafür haben als nach Marokko, das 
überdies noch von Tafilet und Tuat und anderen kleinen 
Oasen seinen Dattelbedarf bezieht, so sind sie äusserst 
billig, in guten Jahren verkauft man eine Kameei- 
ladung (ca. 3 Oentuer) für einen halben Thaler. Der 
Getreidebedart' inuss indess von aussen bezogen werden, 
das was die Eingebornen bauen, reicht nicht hin sie 
zu ernähren, obschon das ganze Jahr hindurch ge- 
pflanzt und geerntet wird. Es konamt das deshalb, 
weil ein groser Theil der Gärten nur zum Gemüsebau, 



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448 

Kobl, Eüben, Carotten, Zwiebeln, Pfeffer, Knoblauch, 

Tomaten, Melonen etc. verwandt wird, und weil die 
grösste and schönste Provinz, Ktaua, derart von Süss- 
hok (Glycirrhiza) überwuchert ist^ dass dies fast den 
ganzen fruchtbaren Bodeu unter den Palmen einnimmt. 

Das Thierreich bietet nichts Besonderes da, das 
Schaf ist in den südlichen Provinzen von Temetta 
an ohne Wolle, Pferde, Esel, Maulthiere und Ziegen 
sind gut und von derselben Art wie in Marokko, 
Rinder sind sehr selten. A^on Vögeln hat man wild 
die Taube, Sperlinge, Schwalben, dann einen reizenden 
kleinen Vogel, ebenfalls zu den Sperlingen gehörend^ 
aber mit buntem Gefieder und liübscher Stimme. Die 
Eingebomen nennen ihn Marabut (der Heilige) und 
man findet ihn frei, aber zahm in jedem Hause, jeder 
Oase südlich vom grossen Atlas. 

Was die Bevölkerung anbetrifft, deren Zahl auf 
2$0,000''') Seelen sich belaufen kann, so nennt man sie 
Draui. Der Mehrzahl nach sind sie Berber: die 
Araber, vornehmlich Schürfa, leben nur vereinzelt in 
Ksors. Zu erwähnen sind noch die in Palmhütten 
lebenden Beni-Mhammed, reine Araber ihrer Abkunft 
nach, sie sind durchs ganze Draa-Thal zerstreut in 
kleinen Gemeinschaften von wenigen Familien anzutreffen. 
Auch einige Berberstämme haben diese Art des 

*) In Petermann's Mittheilungen ist die Zahl der 1> v olkerung 
in meinem Berichte za 25,000 angegeben: ein Schreibfehler meinem 



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444 



Wohnens in Palmhütten. Während die Araber, welche 
diese Oase bewohnen, vorzugsweise Schürfa. Marabutin 
und vom Stamme der Beni-Mhamiiied sind, gehören 
die Berber fast alle der grossen Fraction der Ait- 

Atta an. 

Der Neger; der natürlich auch zahlreich vertreten 
ist» hat auf die grosse Menge der Bevölkerung wenig 

Einfluss gehabt, a})er der Draaberber, wenn er es auch 
nicht hebt, sich mit dem Schwarzen zu vermischenf hat 
doch unmerklich Negerblut aufgenommen, dann haben 
Sonne und Staub das Ihrige dazu beigetragen der Haut- 
£Eurbe eine dunkle Färbung zu geben. Die Schwarzeui 
welche man im Dnm antriftt, sind meistens von Haussa 
und Bambara, auch bomhai-Neger sind nicht selten. 

Die in einigen Ksors ansässigen Juden leben hier 
nicht in ckiNclben unterdrückten und ausgestossenen 
Weise wie im übrigen Marokko, obschon sie auch hier 
sich manche Vexationen gefallen lassen müssen. Sie 
sind hier weniger dem Handel zugethan, vertreten 
hingegen mehr den eigentlichen Handwerkerstand. 
Bnchsenschmiederei , Blechschlägerei , Tischlerar'beit, 
Schneiderei und Schusterei sind ihre hauptsächlichsten 
Beschäftigungen. Und eben weil sie durch diese 
Handwerke den Draa-Bewohuern unentbehrlicli .creworden 
sind, werden sie weniger gequält. Nach dem heiligen 
Ort Tamagrut dürfen sie indess nicht hinkommen, 
nicht einmal den dort ausserhalb der Stadt abge- 
haltenen Wochenmarkt besuchen« Aber damit sie die 



445 



Strenge dieser Maassregel weniger fühlen ^ hat man 

doch die Rücksicht isfehabt, den Markttag? für Tamagrut 
auf einen Samstag zu verlegen, Tag, wo es den Juden 
ohne das untersagt ist m handeln und zu verkaufen. 

Ausser der Sprache bemerkt man. was das Aeussere 
(abgesehen natürlich von den Schwarzen) anbetnfit, 
zwischen den Draui keinen Unterschied, wäre dieser 
nicht, würde man glauben, das Land sei von einem 
Volke bewohnt. Die Lebensweise der Bewohner ist 
äusserst einfach. Morgens wird eine dünne heisse und 
stark gepfefferte Mehlsuppc mit Datteln gegessen, 
Mittags und Nachmittags Datteln, wozu die Kelchen 
ungesalzene Butter nehmen, auch Buttermilch dazu 
trinken, während der Arme bloss Wasser zum Trunk 
hat, und Abends ist Kuskussu die allgemein übliche 
Kost. So lebt der I h aui täi^lu h und Jahr aus Jahr ein. 

Tanzetta, Ort wo ich zuerst ankam, ist wie alle 
Ortschaften durch eine hohe Mauer umgeben und be- 
festigt. Nördlich dicht dabei liegt der nur von Schürfa 
(Abkömmlinge Mohammed's) bewohnte Ort Alt-Tanzetta, 
und ausserhalb von Alt -Tanzetta ist eine Milha (Juden« . 
viertel). Eine halbe Stunde südlich von Tanzetta liegt 
der grosse Ort Sauya-Sidi-Barca, und dicht dabei er- 
hebt sich der sonderbar geformte und unter den Draa- 
Be wohnern sehr berühmte Herg Sagora, berühmt, weil 
er eine Höhle enthält, in welcher in der Vorzeit die 
Christen einen grossen Schatz verborgen hätten, den 
bis jetzt noch Niemand gehoben. Der Sagora bildet 



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446 

gerade die Mitte des Draa-L^des oder Draa- Thaies 
(d. h. des Ton Nord nach Süd laufenden Stromtheües). 

und er ist ein wirklicher Berg, nicht nur eine Er- 
höhung des UÜBTS. 

Nach einem Aufenthalte , von acht Tagen hrach 
ich von Tau Zetta nacli dem Süden auf, um nach dem 
hertthmten Hauptorte , dem heiligen Tamagrut, Oert- 
lichkeit, die nur eine kleine Tagereise südlich von 
Tanzetta liegt; zu kommen. Ich hatte Begleitung, 
was mir schon deshalb lieb war, da ich mich mit der 
berberischen Bevölkcniu;^^ gar nicht verständlicli machen 
konnte. Da eine ausserordentliche Hitze herrschte^ 
machten wir den Weg in zwei Tagen, und blieben am 
ersten Tage in einem grossen Ksor, von Berbein be- 
wohnt, Namens Alaudra. Der Weg folgte nicht den 
Krümmungen des Flusses, sondern lief gerade süd- 
wärts, und so befanden wir uns bald in steiniger Wüste, 
bald in einem lachenden Thale. Mittags erreichten 
wir am anderen Tage Tamagrut. das sich nur durch 
seine Grösse, und dadurch, dass ein beständiger Markt 
darin gehalten wird, von den übrigen Ortschaften 
unterscheidet. Die Sauya, nach Sidi-Hammed-ben- 
Nasser genannt, ist eine der grössten, die ich gesehen 
habe. 

Sidi-Hammed-ben-Nasser war ein berühmter Hei- 
liger, aber kein Nachkomme Mohammed's. Dafür 
hatte Allah ihm die Gabe verliehen, in der eignen 
ä|u»che der Thiere mit den Thieren sich unterhalten 



447 



zu könneu (nach dem Glauben der « Marokkaner 
konnte das vor ihm nur Sultan Salomon, dann Harun 

al Easclüd und i>j affer sein Minister); aber leider hat 
diese grosse Gabe auf seine Nachkommen sich nicht 
▼ererbt. Wenigstens kann ich constatiren^ dass die 
Urenkel weder mit dem Kameele, noch mit dem Pferde 
oder anderen Thieren sich unterhalten konnten. 

Ich habe an anderer Stelle entwickelt ^ dass die 
Mohammedaner einen grossen Vorzug vor uns Christen 
haben : dass ihre Heiligen schon häufig bei Lebzeiten 
heilig gesproclien werden, dass ihre Heiligen heirathen 
dürfen; dass die Kinder und Nachkommen solcher 
Heiligen auch für heilig erachtet werden, ja, dass das 
Heiligsein bei den Mohammedanern wachsend ist, 
d. h. dass die Nachkommen solcher Heiligen für hei- 
liger erachtet werden, als die Vorfiethren selbst 

Aber hat man im Christenthum nicht ganz das- 
selbe. Sind auch die Päpste nicht fleischliche Nach* 
kommen Christi, so folgt doch einer dem anderen als 
geistiger Erbe, und verfolgt mau vom ersten Üischof 
in £om, die zunehmende Macht und Heiligkeit bis 
zum letzten jetzt regierenden, der sich Gott gleich ge- 
stellt hat durch seme Unfehlbarkeit, so ündet man, 
dass wir doch nicht so sehr hinter der anderen semi- 
tischen Schwesteri'eligioii zuiiickstelien. Und ist es 
in den anderen christlichen Bekenntnissen nicht ebenso? 

Der derzeitige Besitzer der Sauja, Si-Bu-Bekr, ein 
Ur-Ur-Enkel des erwähnten Heiligen, wurde denn auch 



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448 



für viel heiliger gehalten, als der Vorfahr selbst. Seine 
Familie war Übrigens eine, die sich von jeher durch 
Frömmigkeit, durch Gelehrsamkeit in den Schriften, 
aber auch durch ü-laubenseifer ausgezeichnet hatte. 

Ich begab mich sogleich in die Sau ja, wo man 
mich zu 8idi Bu-Bekr führte. Es war gerade die 
Zeit des öffentlichen Empfanges, der ehrwürdige Greis 
nahm daher bei der Menge der Lente, die von aUen 
Seiten herbeigeströmt waren, wenig Notiz von mir, 
sondern gab bloss Befehl mir ein Zimmer anzuweisen. 
Desto zuvorkommender empfingen mich seine beiden 
Söhne, ich musste mehrere Wochen bei ilmeii bleiben 
und täglich überhäuften sie mich mit Aufmerksamkeiten 
iillcr Art. Als ich 8idi*) Bii-Bekr einige Tage später 
meine Aufwartung machte, entschuldigte er sieb, dass 
er mich nicht zuvorkommender empfangen, indem er 
nicht verstanden luibe. dass ich von Europa (Blad-el- 
Eumi) käme; er fragte, ob ich mit Allem zufiieden 
sei, und gab seinen Söhnen den Auftrag für mich zu 
sorgen. 

Diese Sauya kam mir gerade wie ein Kloster vor; 
die grossen von Bogengängen umgebenen Höfe^ in 

welche die Zimmerchen oder vielmehr die Zellen 
münden, die von länger verweilenden Beisenden, oder 
von Studenten und Schriftgelehrten, die hier ihren 
Studien obliegen, bewohnt werden; das ewige üeten 

*) Im eigeutlichen Marokko würde man nur Si, nicht Sidi 

ihm üageu. 



449 

^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^ ♦ 

und Ablesen des Koran, die wall&threnden Leute, die 
täglich kommen y um das Grab Sidi Hammed-ben- 

Nasser's zu besuchen, und ilue Gaben, die in Geld 
oder Sachen aller Art bestehen, zu den Füssen des 
Marabuts legen, aUes dies erinnert an unsere Klöster, 
nur ist hier die Prälatur in einer Familie erblich, und 
zwar geht bei den Marabutin die Würde nur auf den 
ältesten Sohn über, wiiiireud die übrigen Söhne, einmal 
aus dem elterlichen üause ausgeschieden, in den ge-. 
wöhnlichen Biirgerstand zurücktreten. Bei den Schürfa 
geht die Würde auf Söhne und Töchter über, ist dann 
nur erblich durch die Söhne. 

Ehe ich weiter reiste, begab ich mich nach Ktaua, 
um einige Notizen über den Handel nüt dem Sudan 
zu erhalten. Ktaua, diese grosse selbstständige Oase, 

hat allein für sich gegen lüOKsorS; die von Beiberiiy 
oder auch von Araber -Schüria oder vom Stamme 
der Beni-lfhammed bewohnt sind. Ich ging zuerst 
nach dem grossen Orte Aduafil, ausschhesshch von 
Schür£ft bewohnt. Von hier aus wird der hauptsäch- 
lichste Handel mit dem Sudan betrieben. Gtolä (in 
geringer Quahtät), Elfenbein, Leder und Sklaven sind 
die hauptsächlichsten Gegenstände, welche man von 
dorther holt. An eignen Producten liefern indess die 
Draui den Schwarzen Nichts, sie können ihnen nur 
europäische Producte zuführen, denn das Kupfer, 
welches sich von Tarudant aus nach dem Sudan ver- 
breitet, geht wohl zumeist über Tekna und Nun. Die 
Bohlfiu 29 



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450 



Sklayen kauft man im Sudan zu den biüigen Preisen 

Yoii 15 — 20 Thaler. jimge hübsche und hellfarbige 
Mädchen sind jedoch theurer. In Fes und Marokko 
werden sie tlaun iiiit bedeutendem Gewinne abgesetzt, 
zu 100 bis 150 Thaler. Von Adu&hl bis Timbuktu 
brauchen die Karavanen ca. 8 Wochen, die längste 
wasserlose Strec ke soll 10 Tage (nach Aussage der 
Eingebomen , jedoch halte ich das für übertrieben) 
betragen. 

Ich blieb in Aduafil 14 Tage, und besuchte von 
hier aus auch die wichtigen Handelsplätze und Märkte 

Beni-Haiuii und Beni-Sbih südlich j^elegeu. Dann 
begab ich mich nach Beni-ämigin, Ort^ der am nörd- 
lichsten in Ktaua liegt^ und nahm die Gelegenheit 

wahr, mit einer Karavane von hier nach Tafiiet zu 
gehen. 

Während man auf dem Wege von der Provinz 

Ternetta nach Taiilet die grosse i)ase Tessariu an- 
triStf hat man von Ktaua aus nur wüstes Land. Man 
braucht ftlnf Tage und halt immer Nordost-Richtung. 
Die Wüste ist indess auch hier nicht alier Vegetation 
bar, man trifft hin und wieder auf Akazien. Ich war 
froh, als ich am fünften Tage Nachmittags von einer 
Felsanhöhe die Palmen Tahlets erbUckte. Vom Orte 
Beni-Bu-Aliy dem östlichsten Ksor, auf den wir trafen, 
begab ich mich direct nach dem Hauptorte der Oase 
Abuam, und da ich ohne Bekannte war, ging ich direct 
in die grosse Moschee. Ich hatte mich, müde wie ich 



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451 



Tom Wege war^ schlafen gelegt, fand mich aber uii' 
angenelim erweckt durch einen Fusstritt. Vor mir 
Staad ein Scherif, er fragte, wer ich sei, wie ich Messe, 
was ich wolle. Wie gewöhnlich antwortete ich, ich 
sei ein zum Islam übergetretener Deutscher, Namens Mu- 
stafia (ich machte nie Hehl daraus, dass ich Übergetreten 
sei, und konnte das auch niclil, da ich zu der Zeit 
das Arabische noch sehr mangelhai't sprach). Für uns 
Deutsche haben die Marokkaner das durch die Tür- 
ken den Arabern zugebrachte und aus dem Slavischen 
entlehnte Wort Nemsi. Aber mit dieser Erklänmg 
war der Scherif nicht zufrieden. Wie überhaupt durch 
die droliende Nähe der Franzosen in Algerien, die 
Filali (Bewohner Tafilets) bedeutend misstrauischer 
gegen Fremde sind, so schien Misstrauen, Glaubens- 
eifer, Eeligionsdünkel und jesuitischer Fanatismus in 
diesem Scherif personiücirt zu sein. Die übrigen Tholba 
wurden lierbeigelioltj man wollte einen sichtbaren Be- 
weis meines Islams haben, und als sie nach einigem 
Kopfschüttefai erklärten, dass man in dieser Beziehung 
mir nichts vorwerfen könne, fingen sie trotzdem an, 
meine Kleider zu durchsuchen. Und um mein Unglück 
Toll zu machen, fanden sie einen alten Pass, den ich 
aufbewahrt hatte. 

Mit fanatischem Geheul wurde ich nun von diesen 
Zeloten nach Eissani, der officiellen Hauptstadt, wo 
der Kaid des Sultans residirt, gescldeppt, und ich 
glaubte schon mein letztes Stündchen sei gekommen, 



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452 



denn was ist gegen fanatische Glaubenseiferer zu 

machen. Fortwährend brüllten sie : ,,er ist ein 8piou, 
er ist ein Sendling des christUchen Sultans^S wandt 
sie den Kaiser Napoleon der Franzosen meinten^ .^er 
ist gekommen ; um unser Land auszukundschaften^ zu 
verrathen und zu Terkaufen/' — So dumm sind näm- 
lieh diese fanatisclien Leute, wie ja überhaupt Dumm- 
heit und Fanatismus immer Hand in Hand mit einander 
gehen, dass sie überzeugt sind, ein einzeber Christ 
könne nur so ohne Weiteres ihr Laiid verkaufen. 

GlückUcherweise aber traf ich im Kaid des Sultans 
einen Mann, der schon irgendwo einen Pass gesehen 
haben musste, oder doch wusste, welche Bewandniss 
es damit hatte, aber auch er würde wohl kaum den 
wuthschnaubenden Volkshaufen haben besänfticren kön- 
nen, wenn nicht zur rechten Zeit ein marokkanischer 
Prinz, nach der Meinung Vieler der rechtmässige 
Sultan von Marokko , herbeigekuumicn wäre: Mulei 
Abd-er-lüiamau-ben-Slimau. 

Als nämlich Sultan Sliman gestorben war, folgte 
nicht sein Sohn, sondern sein Neffe Mulei Abd-er- 
Khaman^ben-Hischam, und als dieser im Jahre 1859 
starb, hätte nach dem Herkommen der Aelteste der 
Familie und zwar Mulei Abd-er-Khaman-ben-iSüman 
folgen müssen. Sultan Abd*er-Bhaman hatte aber 
bei Zeiten dafür gesorgt, dass sein Sohn Sidi Mohammed 
nachfolgen würde, und in der That fand im Herbste 
1859 Abd-er-Hhaman-ben-Shmaa den Thron besetzt. 



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Da er sich bis dahin 16 Jahre in der Sauya Sidi Ham- 

sa's, nörcUicli von Tjux;il)i gelefijen, verborgen aufgehalten 
hatte, um dem Dolche und Grifte seines Vetters zu 
entgehen. Wach er Ende 1859, von einigen wenigen Ge- 
treuen begleitet, auf nach Fes, um sich dos Thrones zu be- 
mächtigen. Aber schon hatte sich Bascha ben Thaieb 
nnd Eaid Faradji von Fes für den jetzigen Sultan 
erklärt, der lange Zeit vorher dort Chalifa gewesen 
war und sie durch reiche Geschenke an sich gezogen 
hatte. Wenig fehlte, so wäre der Sohn Sliman*» mit 
seinen einigen Imndert Reitern gefangen genoimnen. 

Dieser Mulei Abd*er-Bhaman-ben-S]iman lebte jetzt 
in Tafilet, und ihm, in seiner Eigenschaft als Prinz 
und seinem unfehlbaren Charakter als Scherif — ihm 
war es ein Leichtes das tobende Volk zu besänftigen. 
Es könnte befremdend erscheinen, dass dieser ge- 
ächtete und vom Throne ausgestossene Prinz so 
friedlich an der Seite des Haids des Soltans stand, 
aber mau muss bedenken, dass die Regierung von 
Marokko südUch vom Atlas nur eine Scheinregierung 
ist, nnd namentlich dieselbe in Tafilet gar keine Au- 
torität besitzt. 

Der Prinz fasste für mich Freundschaft^ und diese 
wuchs noch, als sich herausstellte, dass ich in der 
Campagne der Franzosen gegen die Beni-Snassen 1859 
schon seinen ältesten Sohn, der ebenfalls Abd-er-Rhaman 
hiess, kennen gelernt hatte. Derselbe war daiiiu ge- 
kommen^ um die HUÜe des französischen Generals 



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454 



Martini prey f?ef;en seinen ^Verwandten, der den Thron 
von Feb usurpirt hatte, anzuriilen; Martimprey leiiute 
Belbstverständlicb jede Eüunischiing in die inneren 
Angelegenheiten Marokko's ab. Ich blieb längere 
Zeit bei dieser gastireuudlichen i^aiuiüe^ die für ge- 
wöhnlich in Marka, Provinz Ertib der Oase Tafilet*), 
w olint, und sodann bereitete ich mich vor, meine Reise 
zu vollenden. 

Ich hatte im Laufe der Zeit durch PraJctidren 
wieder einiges Geld zusammengebracht, allerdings durch 
mühsames Sparen, denn die ärztliche Praxis muss in 
Marokko und namentlich in den regierungslosen Theilen 
ganz anders ausgeübt werden, als bei uns. Namentlich 
muss sich der Arzt, der keine starke Sippe oder Ver- 
wandtschaft hinter sich hat, wohl hüten, einem Patienten 
eine Medicin zum inneren Gebrauche zu verabfolgen, 
denn hat er das Unglück sodann einen Kranken durch 
den Tod zu verlieren ^ so ist entweder die Medicin, 
oder der Arzt die Ursache davon gewesen; andererseits 
hat der Arzt aber von wirklich guter Medicin gar 
nicht einmal den erhofften Erfolg, denn gesundet ein 
Kranker, dann haben weder die Medicin noch der 
Arzt geholfen, sondern irgend ein Heiliger, auch wohl 
Mohammed, in seltneren Fallen Gott**), dies Wunder 

*) Die Beschreibong von Tafilet ist in „Uebersteigiuig des 
Atlas ete.'*, Bremen Kflhtmaim, 2te Auflage,, und in Peteniuuin*8 
MittheilangMi, Jahrgang 1865. 

**) In dieser Beziehung haben die Hobammedaner Tiel Aebn- 
Ucbkelt mit den Katholiken: bei einem Wunder denken sie za- 



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455 

bewirkt. Es ist daher am besten die Praxis so auszuüben, 
wie es landesilblich ist: durch Feuer und Amulette. 

Mit einer Earayane maciite icb mich sodann auf 
den Weg und zwei Tage nach unserem Aufbruche 
von £rtib erreichten wir die nordöstlich davon ge- 
legene Oase Budeneb. Wir blieben hier nur einen Tag, 
und am folgenden Tage Abends erreichten wir die 
Oase Boanan, den ganzen Weg hatten wir ebenfalls 
in uordostlicher Kichtung zurückgelegt. Mit einem 
Empfehlungsbriefe vom obengenannten marokkanischen 
Prinzen für den Schich der Oase versehen, kehrte ich 
bei ihm ein, und wurde auch gastfreundlich empfangen. 
Der Schich hiess Thaleb Mohammed-ben-Abd-Allah. 

Zehn Tage lang war ich sein Gust, und täglich 
assen wir aus Einer Schüssel. Ich hatte dort einen 
so langen Aufenthalt weil Thaleb Mohammed der 
Meinung war, ich solle nur mit einer grösseren Karavane 
weiter reisen, da je näher der algerinischen Grenze, 
desto unsicherer der Weg sei. Zu der Zeit nun lebte 
ich nocli in den Illusionen, wie man dieselben so 
häuhg durch Bücher solcher Beisenden genährt be- 
kommt, die nur einen oberflächlichen Blick in das Leben 
der Mohammedaner geworfen haben und uns erzählen, 
wer mit einem Muselman aus Einer Schüssel gegessen 
habe, für heilig und unverletzlich gehalten werde. Zu 
der Zeit glaubte ich noch an die Heiligkeit des Gast- 
rechtes* Und hierdurch unvorsichtig gemacht, liess ich 

meist an eiiicu Heiligeu, ^eiieiiei an ihren Propheten, in den sel- 
tensten Fällen an Gott. 



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456 

eines Tages mein Geld sehen. Im Ganzen mochte ich 
ca. 60 französische Thaler haben. Aber auch für 
einige Thaler marokkanisches Kleingeld war darunter, 
welches ich den Schieb bat, gegen französisches um- 
zutanschen, da ich wnsste, dass ersteres in Algerien 
keinen Oonrs hatte. 

Tbaleb Mohammed wechselte, aber von dem Augen- 
blick an musste er auch schon den Entschlass gefasst 
haben, mich zu ermorden. Jetzt war nicht mehr die 
Bede davon eme Karavane abzuwarten, er meinte nun, 
*mit Hülfe seines Dieners, der ganz gut als Ffihrer 
würde dienen können, kuiine ich auch ohne Karavane 
die nur zwei Tagemärsche entfernte Oase Knetsa er- 
reichen. Er fügte noch hinzu, ich könne mich toU- 
kommen auf seineu Diener verlassen, und der Preis 
für das Führen, 8 Frcs., wurde Ton nur im Voraus 
bezahlt 

Mit j?'reudeu war ich auf den \ oschlag einge- 
gangen, denn nach mehr als zweijähriger Anwesenheit 
unter diesen durch ihre Religion yerthierten Menschen 
hatte ich die grösste Sehnsucht wieder unter CiviU- 
sation zu kommen. Ich fand es auch gar nicht anfi&llig, 
als Thaleb Mohammed vorschlug, Abends abzureisen, 
da maji in der bahara ja so häuhg die Nacht zu 
Hülfe nimmt, um der Sonne zu entgehen, und um 
vom Durste liunder gequält zu erden. 

So machten wir uns Abends auf den Weg, der 
Führer, ein Diener und ich. Es hatte sich"" nämlich 



467 

• 

Yom Draa her ein Pilger an mich angeschlossen, der 

gegen Kost, aber sonst ohüe Lohn, in ein Dienstver- 
hältniss zu mir getreten war. Nach einem Marsche 
▼on etwa 4 Stunden lagerten wir in der Nähe eines 
klenien Flusses und machten von trocknen Tainarisken- 
Aesten ein hoch und hell loderndes Feuer an, welches 
der Führer besonders gut im Brennen unterhielt, um 
damit seinem Herrn den Ort zu zeigen, wo wir ge- 
lagert wären. Mein Diener und ich beim Feuer aus- 
gestreckt, waren bald eingeschlafen, ebenso schien der 
Führer sich der Euhe hinzugeben. Ausser dass ich, 
eine Pistole trug, hatte der Diener und ich keine 
Waffen, der Führer hatte einen Karabiner. Wie lange 
ich geschlafen, erinnere ich nicht Als ich erwachte, 
stand der Schich der Oase dicht über mich gebeugt 
vor mir, die rauchende Mündung seiner langen Flinte 
war noch auf meine Brust gerichtet. £r hatte aber 
nicht, wie er wohl beabsichtigt hatte, mein Herz ge- 
trofien, sondern nur meinen linken Oberarm zer- 
schmettert; im Begriff mit der Eecbten meine Pistole 
zu ergreifen, hieb nun der Schich mit seinem Säbel 
meine rechte Hand auseinander. Von dem Augenblick 
sank ich auch schon durch das aus dem linken Arm 
in Strömen entquellende Blut, wie todt zusammen. 
Mein Diener rettete sich durch Flucht. 

Als ich am folgenden Morgen zu mir kam, fand 
ich mich allein, mit 9 \\ unden, denn auch noch, als 
ich schon bewusstlos dalag, mussten diese Unmenschen^ 



Digitizea by Gc)i3^lc 



m 

um mich ihrer Meinung nach vullkommen zu tödten, 
auf mich geschossen und eingehaueu haben. Meine 
sämmtlichen Sachen ^ mit Ausnahme der blutdurch- 
tränkten Kleider, hatten sie weggenomuien. Obgleich 
das Wasser nicht weit von mir entfernt war^ konnte 
ich es nicht erreichen, ich war zu entkräftet, um mich 
zu erheben, ich versuchte mich hinzurollen, Alles ver- 
gebens, ich litt entsetzlich vom brennenden Durste. 

In dieser hiilflosen Lage blieb ich zwei Tage und 
zwei Nächte. Halb war mein Zustand wachend, halb 
ohnmächtig. Ich hatte dann die schrecklichsten Vi« 
sionen. Manchmal glaubte ich Leute zu sehen, und 
btreiigte uuu alle Kräfte an, um sie herbeizurufen, 
aber immer war es Täuschung. Mit dem Leben hatte 
ich vollkommen abgeschlossen, ilauptsiiclilich quiilte 
mich die fürchterlichste Angst von Hyänen oder Schar 
kalen angeMien und lebendig verzehrt zu werden. Denn 
diese Uebergangsgegend der Sahara ist besonders das 
Gebiet dieser feigen Baubthiere. Ich wäre ihnen eine 
voUkommen hülflose Beute geworden. 

Endlich am dritten Tage kamen zwei Menschen, 
War es diesmal Wirklichkeit, oder wieder Täuschung? 
Nein, es waren Menschen, sie antworteten auf mein 
schwaches Kufen durch Winken, mit der Stimme. 
Es waren Marabutin der unfemen kleinen SauyaHadjui. 
Ihre Freude micli lebend anzutreffen, war fast grösser 
als die meine. Ich stammelte nur „el ma, el ma!** 
(Wasser). Aber, dachte ich dann, ist ihre Freude 



m 

auch aufrichtig? Sie hatten eiserne Hacken auf der 

Schulter, offenbar in der Absicht mich zu beerdigen, 
aber hauptsächlich waren sie wohl durch den Umstand 
hergezogen y der jedenfalls ruchbar gewonlen war: 
nänilicli da^s mau mir meine Kleiduugsstücke gelassen 
hatte, für die dortige so sehr arme Gegend immer 
noch ein sehr kostbarer Gegenstand. 

Und mm erklärten sie zwar freundlichst mich 
retten zu woUen, aber sie müssten nach dem zwei 
Stunden entfernten Hadjui zurückkehren, um behuf 
meines Transportes ein Maulthier zu holen. So ent- 
fernten sie sich wieder, und jetzt durchlebte ich erst 
die entsetzlichste Zeit. 

Diese vier Stunden, die ich jetzt allein zubrachte, . 
kamen mir vor, wie eine nie enden wollende Ewigkeit. 
„Sie haben dich nur verlassen, um dich sterben i\i 
lassen, und um, wenn du gestorben bist, sich deiner 
Kleidungsstücke zu bemächtigen", das war der Gedanke, 
der fortwährend durchgedacht wiirde, nachdem ich 
soeben durch einen Trunk Wasser zu etwas erneuertem 
Leben gekommen war. W ie konnte ich überhaupt nach 
einem solchen Mordversuche noch Glauben zu den 
dortigen Menschen haben. 

Da endlich hörte ich Geräusch, ich versuchte den 
Kopf zu erheben*, ich sah ein starkes Maulthier, ge- 
trieben TOn mehreren Menschen, sich 'nahem, meine 
Ketter waren wieder da. Mit Vorsicht luden sie mich 
auf das Thier, was keine Kleinigkeit war, da mein 



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460 



linker Arm nur noch an Haut und Muskeln hing, 

meine rechte Hand auseinanderklaffte, mein rechter 
Oberschenkel ebenfiaiis durchschossen war. Das Bluten 
hatte schon längst von selbst aufgehört, es mussten 
sich i'iiople gebildet oder die Ohnmächten das be- 
wirkt haben. 

Wie lachte mein Herz, als ich die Palmen von 
Hadjui auftauchen sah, und doch wusste ich nicht, wie 
ich vor Schmerzen auf dem Maulthiere es würde aus- 
halten können. Und die wenigen Palmen^ die wenigen 
armseligen Häuser *) schienen mir ein Paradies zu sein. 

Ich wurde nach der Wohnung des Schichs der 
Oase gebracht. Das Haus Sidi - Laschmy's war aber 
keineswegs gross, es bestand aus einem Vorzimmer, 
Aufenthaltsort für das Maulthier, fiir einen Esel und 
zwei Ziegen, dann kam ein grösseres (jemach, das 
als Wohnzimmer für die ganze Familie und zugleich 
als Küche diente. Daran stiess ein kleines Zinüner, 
Vorrathskamnier, endlich waren oben zwei Mensa, d. h. 
Käumlichkeiten, die auf dem flachen Dache gebaut 
waren, und worin die beiden Brüder, denn Sidi-Laschmy 
bewohnte das Haus mit seinem jüngeren Bruder Abd- 
er-Bhaman, mit ihrer resp« Frau schliefen. Man 
machte mir dicht neben der Feuerstelle mein Lager. 
Mein erster Wunsch war, nachdem ich etwas Mehl- 
suppe genossen hatte, nach einem Messer, und als 

*) Die Oase Hadjui ist nar eino rrimz kleine von drca 100 
Palmen bestandene Insel, mit etwa 50 Wohnungen« 



461 



man ein solches brachte ^ bat ich Sidi-Laschmy, mit 
einem herzhaften Schnitt meinen herabhängenden Arm 

abzuschneiden. 

Aber da kam ich schlecht an. ^^Das kann bei euch 
Christen Sitte sein," sagte der Mai-abut, ^^aber wir 
sclineideu uie ein Glied ab, und da du, der Höchste sei 
gelobt^ jetzt rechtgläubig bist, wirst du deinen Arm 
behalten.'' Mittlerweile hatten sie auch schon ans Zie- 
genfell eine Binde genäht, in welche Stäbe aus Kohr, 
um dem Ganzen Halt zu geben, eingezogen waren. 
Diese Binde wurde umgelegt, mit Thon umschmiert, 
und so eine Art festen Verbandes hergestellt. Der 
Arm wurde auf weissen Wüstensand gebettet. Hätte 
man nicht vergeäseu gehabt, den Verband zu fen- 
stem, so wäre er vollkommen gewesen* Die übrigen 
Wunden wurden einfach mit Baumwolle verbunden, 
welche von Butter, in welche man vorher Artemisia 
getaucht hatte, um sie aromatisch zu machen, durch- 
tränkt war. 

Welch' wonniges Gefühl hatte ich Abends, als 
ich mich unter Dach und Fach wusste, zwar hart ge- 
bettet, denn ich lag auf Stroh uiul war nur mit Teppichen 
bedeckt, aber doch in Sicherheit mit der Aussicht 
wieder hergestellt zu werden und noch leben zu können. 
Man hatte mir meine Kleidung vom Leibe geschnitten, 
um das Blut heraus zu waschen, aber während der 
Zeit be^emd ich mich in Adam's Kleidern, denn die 
Leute waren so arm, dass sie mir keine anderen ver- 



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schaffen konnten. Ueberhaupt schien Hadjui einer der 
dürftigsten Oerter zu sein^ die Leute der Oase waren aber 

auch die gastfreundlichsten der Welt. Sie waren so 
arm, dass sie in der ganzen Ortschaft nicht einmal 
Weizen hatten, aber im Glauben^ ich dürfe ihre schwere 
Kost aus Geistemneiil nicht gemessen, wurde für mich 
auf Gemeindekosten Weizen von einer anderen Oase 
gekauft. Auch Butt(^r wurde für mich auf Genieinde- 
kosten geholt, und die jungen Leute mussten dann 
und wann hinaus, um Strausseneier zu suchen, oder 
wo möglich einen Strauss zu erlegen, damit ich ani- 
malische Kost bekäme. Es war rührend, wie die 
jungen Mädchen täglich an mein Lager kamen, um mir 
frisch aufgesprossene Grerste zu bringen. In dieser an 
Grün so armen Gegend, wo Gemüse, wie Eüben, Zwie- 
beln und Kohl zu den feinsten und kostbarsten Garten- 
trüchten rechnet werden, verschmäht man es nicht, 
das zarte Gras der Gerste zu gemessen. — Ja, fast 
erstickten mich im Anfange die Frauen durch ihre 
Güte : von dem Grundsatze ausgehend, dass der grosse 
Blutverlust nur durch grosse Quantitäten von Nahrung 
zu ersetzen sei, waren in den ersten Tagen beständig 
zwei Frauen an meiner Seite damit beschäftigt, mir 
grosse Klumpen Kuskussu in den Mund zu schieben, 
und ich, des Gehrauches meiner beiden Hände zu der 
Zeit beraubt, musste es ruhig geschehen lassen. 

Endlich nach langem Scbmerzenslager, um so un- 
angenehmer deshalb, weil ich keine Kleidungsstücke 



463 



zum "Wechseln hatte, konnte ich das Ende meiner Reise 
antreten. Die Wunden am Körper, an der reckten 
Hand, der Schnss durchs rechte Bein waren geheilt, 
der zerschossen gewesene linke Arm hatte zwar durch 
Callusbildung um den zerschmetterten Oberarmkuochen 
Festigkeit gewonnen, aber die Wunden waren ofen 
und von Zeit zu Zeit eiterten Splitter*) heraus. 

Wir nahmen Abschied von einander und Sidi- 
Laschmy Hess es sich nicht nehmen, mich bis zur grossen 
Ortschaft Knetsa zu begleiten. Aul dem Wege dahin 
haben die Beni-Sithe Minen mit Blei und Antimon, die 
sie bearbeiten. Knetsa mit einer Einwolmerscliaft von 
ca. 5000 Seeleu ist eine für dortige Gegend berühmte 
Sauya, indess ebenfalls nicht Ton Schürft, sondern nur 
von Marabutin gegründet. Die Schichs Sidi Mohammed- 
ben- Abd-Allah und Sidi Ibrahim sind die ansehensten. 
Da ersterer sich in Fes befand, stieg ich bei letzterem 
ab, für beide hatte ich Empfehlungsschreiben von Mulei 
Abd-er-Khaman-ben-81iman von Tafilet. Merkwür- 
digerweise hatte mir nämlicli der Schieb Thaleb Mo- 
hammed- beu-Abd-Allah von Boanan auf Bitten der 
Marabutin von Hadjui nicht nur meine Empfehlungs- 
briefe, sondern auch einen Tbeil meines Tagebuches 
zurückerstattet. Aber hartnäckig den Mordanfall läug- 
nend, behauptete er, diese Gegenstände dort gefunden 

*) Va'-a im Jahre 18G8 war der Arm vollständig geheilt, nach- 
dem ich, stets mit offenen Wunden, die Reise nach dem Tschad- 
See und die Expedition nach Abessinicn damit zurückgelegt hatte. 



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464 



zu haben, leider waren Croquis, sowie Notizen über 
Einwohner, Einwohnerzahl der Ortschafken und eine 
ganze Reihe Ton Berge-, Flüsse- und Orte-Namen un- 
wiederbringlich verloren. 

Ich wurde gut in Knetsa aui'genonunen, aber auf 
meine Klage, mich zu unterstützen gegen ThaJeb Mo- 
hammed-ben-Abd- Allah, erwiederteSidi Ibrahim, Nichts 
thun zu können, da sie keine obrigkeitliche Regierung 
hätten. In der That ist in diesen Gegenden von Re- 
gierung und Obrigkeit keine Spur yorhanden, das 
Faustrecht in der ganzen primitiTen Bedeutung des 
Wortes herrscht überall. Knetsa selbst liegt in einem 
breiten Ued gleichen Namens, der meist oberirdisch 
ohne Wasser ist, indess stöst man in geringer Tiefe 
auf eine Schicht desselben. 

Nach einigen Tagen Aufenthalt remabm ich, dass 
eine Kararane von Tafilet nach Tlem^en den westlich 
einen Tagemarsch entfernt sich erstreckenden Ued- 
Grehr passiren würde; mit mehreren Geföhrten brachen 
wir also von Knetsa auf. Unsere Riclitun<^^ vvar den 
ganzen Tag über westlich, und nach einem für mich 
entsetzlich mühevollen Marsche erreichten wir spät 
AljLuds den Gebr. Hätten an dem Tage die Gefährten 
mich nicht unterstützt , so wäre ich auf halbem Wege 
liegen geblieben, mein Schuhzeug war ganz zerrissen, 
meine Xrätte aber so wenig hergestellt, dass ich alle 
paar bundert Schritt ausruhen musste. Und am Gehr 
angekommen, erfuhr ich, die Karavane würde gar nicht 



465 



nach Tlemcjeii gehen, sondern nach dem Ued*Ssaura. 
Ich musste also nach Knetsa zurück, aber bald darauf 
traf ich denn auch Leute, die nach der Oase Figlg 
reisen wollten. 

Sobald mau Talilet hinter sich hat, hört die eigent- 
liche Sahara auf. Man hat alle Tage Wasser, Flüsse, 
Brunnen und Ortschaften. Aber nirgends hat die 
Gegend einen eigenthümlicheren, wüd durch einander 
gemischten Charakter wie hier. Selbst in Abessinien, 
obschon dort die Berge mächtiger und bedeutend höher 
sind, man aber nur Berge h&t, giebt es kaum wunder- 
lichere Formen. So sieht man auf dem Wege zwischen 
Hadjui und Knetsa einen Berg, der vollkommen die 
Gestalt einer Earche mit daneben stehendem Thurm 
hat, senkrecht aus der Ebene hervorragen. Als ich 
von Weitem diese eigenthümhche Formation erbUckte, 
glaubte ich zuerst, es sei eine alte kolossale Baute 
elieniahger Christen. Hier ist denn auch die Heimath 
der Antilopen, Gazellen und Strausse, grössere reissende 
Thiere sind sehr selten, Hyänen, Füchse und Schakale 
häufig. 

Man braucht von Knetsa nach Figig drei Ta^e- 
märsche, die aber tüchtig gemessen sind. Meine Ge- 
fährten gingen iudess nur bis zum Orte Bu-Schar*), 
einer kleinen Oase am Flusse gl. N., von den Uled Djerir 
bewohnt. Die Bu-Schar-Oase hat ausserdem noch 



*) Ort, von Monla-Ah'med anf sehier PUgendBe erwSlmt 
8* Benon. 

BohUsL 80 



466 



zwei kleinere Ksors. Ich glaubte schon zu einem län- 
geren Aufenthalte verdammt zu sein, als sich ein Mann 
erboty mich nach Figig bringen zu wollen, gegen den 
geringen Lohn von einem (französischen) Thaler. Er 
hatte den Empfehlungsbrief des Scherif-Prinzen von 
Tafilet an Schieb Humo-ben-Taher von Figig gelesen 
und lueiute, der würde den Thaler zahlen. Mit diesem 
guten Manne, der noch dazu einen Schlauch Wasser 
und einige Lebensmittel trug, brach ich auf. Nach 
zwei harten Tagemärschen sahen wir die dichten 
Palmwälder der Oase Figig vor uns. Es ist dies die 
letzte Oase nach dem Norden zu, deren Datteln noch ge- 
sucht werden; alle von hier an nördlich gelegenen Oasen 
produciren wohl noch Datteln, jedoch von geringerer 
Güte. Renou t. IX, p. 120 führt nach Carette noch 
Figig als eine von ,,Bef hem bewohnte Stadt mit 400 bis 
500 Hausern oder 2000 bis 2.')00 Einwolmern'' an. Figig 
ist kein Ort oder keine iStadt, sondern eine ziemlich 
grosse, 3 bis 4 Stunden im Umfange haltende sehr 
fruchtbare Oase, mit acht Ksors, die alle befestigt sind, 
und fast fortwährend in Feindseligkeiten mit den 
auswärtigen Ortschaften oder unter sich selbst sind. 
Der Hauptort heisst Snaga, im SO der Oase gelegen, 
hier residirte auch Schieb Humo-ben-Taher. Von den 
anderen Orten kann ich Maise, dann Hammam-Tachtani 
und Hammam-Fukkani (oberes und unteres Bad) nennen. 
Der Name deutet schon an, dass hier Thermalen sind^ 
denn unter Hammam versteht der Araber iinnier ^yheisses 



467 



Bad.^' £s dürfte wohl nicht übertrieben sein* wenn 
wenn man die Gesaromtbevölkerung der Oase Figig 
auf 10,000 Seelen annimmt. Auch Juden wohnen in 
Snaga und Maise* Die Oase producirt ausser der 
Dattel stlmmtliche Früchte der Mittelmeerzone. Der 
Handel ist selir lebhaft, Araber-Nomaden, besonders 
aus Algerien bringen Butter, Oel, Felle, Wolle, Schafe, 
Ziegen und Getreide, und holen dafür Pulver, Klei- 
dungsstücke, Datteln, Waffen und Sklaven. 

Leider konnte ich mein Versprechen, dem Führer 
einen Thaler zu geben, nicht halten. Schieb Humo- 
ben^Taher nahm mich zwar sehr freundlich aui, aber 
einen harten Thaler für mich auszugeben, dazu war er 
nicht zu bewegen. Statt dessen lief er den armen 
Kerl, und ertheüte ihm semen Segen, er meinte der 
Segen würde besser sein, als Geld. Betrübt schlich 
der arme Mann von dannen, er nahm selbst Absclned 
Ton mir ohne Fluch und Verwünschung, meinte nur, 
^venn ich das Geld gehabt hätte, würde icli ihn wohl 
belohnt haben. Und darin hatte er nicht Unrecht, denn 
als ich später auf meiner zweiten Reise in der heiHgen 
Stadt Üesan mit ihm zusammentraf, konnte ich ihm 
reichUch sein mir erwiesenes Gute zurückerstatten. 

Von Figig bis zur französischen Grenze hat man 
noch einen starken Tageniarsch, nach einem mehr- 
tägigen Aufenthalt in Snaga brach ich mit einer 
grossen Earavaae von Algerin^m aul und mit Isch hat 

man die Grenze des Gebietes, das dem Namen nach 

30» 



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468 



zu Mai'okko gehört, hinter sich, und bald darauf ist 
man auf firanzöaischem Grund und Boden. 

Ehe ich aber über Ain-Sfran, Scbellala etc. und 
durch zahlreiche Duars nomadisirender Araber «kom- 
mend, G6ryville, die südwestlichste von den Franzosen 
besetzte Stadt, erreichte, vergingen noch saure, mit 
starken Anstrengungen verknüpfte Tage. 

Mit Geryrille aber hatten meine Leiden ein Ende. 
Herr Burin, Cummandant des Ortes, dann der dortige 
Militairarzt, nahmen mich mit der offensten Gast- 
freundlichkeit auf, wochenlang wurde ich dort aufs 
liebevollste im Hospitale der Ganiison verpflegt, und 
bald darauf bekam ich Briefe aus der Heimath, mein 
ältester Bruder Dr. Hermann schickte die Mittel zur 
Weiterreise, und als ich dann, kurze Zeit später, in 
Algier selbst anlangte, brachte nach einigen Tagen der 
Dampfer eben diesen Bruder, der die weite Reise von 
Bremen nicht gescheut hatte, „den Wiedergefundenen'^ 
an sein treues Herz zu drücken. 



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